Caldaia

In Caldaia greift Christian Lange das Schicksal der kleinen Baronie Fremmelsfelde auf, die während der Magierkriege durch ein fehlgeschlagenes Ritual zwischen die Sphären gerissen wurde und erst in der aventurischen Gegenwart wieder aus dem Limbus auftaucht. Der Leser begleitet die Tochter des damals amtierenden Barons, Escalia von Hahnentritt, durch die ihr fremd gewordene Heimat, die titelgebende ehemalige Landgrafschaft Caldaia. Nichts wünscht sich die junge Baroness sehnlicher, als ihren Herrschaftsanspruch auf Fremmelsfelde durchzusetzen, um ihren entwurzelten Untertanen ein gutes Leben zu bieten. Doch die Mächtigen der Region haben vor, Escalia für ihre ganz eigenen Zwecke einzuspannen, während sich ein beunruhigender Ausbruch auf der nahegelegenen Kerkerfeste ereignet . . .

Christian Lange hat einen sicher recht ungewöhnlichen Aufhänger für seinen Roman gewählt, basiert das Ganze doch auf offen gelassenen Handlungsfäden des Abenteuers Vergessenes Wissen von Uli Lindner aus der inzwischen leider vergriffenen Abenteuer-Anthologie Sphärenkräfte. Der Autor erzählt uns seine Geschichte in leisen Tönen, mit farbenfrohen Details, jedoch ohne sich in ihnen zu verlieren. Einige werden wahrscheinlich entsetzt aufschreien und mehr Spannung fordern. Die Motivation seiner gebeutelten Heldin ist jedoch unverrückbar und absolut glaubhaft. Lässt man sich auf Escalias Sehnen und ihre verzweifelten Bemühungen ein, wird man von Szene zu Szene getragen und fiebert mit, ob es der sympathischen jungen Adligen gelingen mag „ihr“ Fremmelsfelde zurückzugewinnen. Ein wenig sauer aufstoßen mag an der ein oder anderen Stelle die Tatsache, dass es so gut wie immer einen Anstoß von außen braucht, damit Escalia ihren Plan in die nächste Phase zu bringen vermag. Ein wenig mehr Handlungsindividualität hätte hier der Glaubhaftigkeit der Figur keinen Abbruch getan. Zwar ist ihr durch die Zeitreise alles fremd geworden, Götterkult, Sprache, selbst ihre Heimat, aber ein wenig mehr Eigeninitiative oder Kreativität hätte der Autor seiner Heldin schon zugestehen dürfen. So kommt es, dass man sich oft unwillentlich an Scarlett O’Hara aus Vom Winde verweht erinnert fühlt, die sich nichts sehnlicher wünscht, als ihre Plantage Tara zurückzugewinnen. Statt den Rollentyp der damsel in distress konsequent zu Ende zu führen, stattet Christian Lange Escalia hingegen mit einem Schwert und Kampfeswillen aus, was an einigen Stellen durchaus unfreiwillig komisch anmuten kann. Für manche Leser vielleicht nur wenig glaubhaft, weiß dem anderen diese oft unerwartete Wehrhaftigkeit jedoch durchaus zu gefallen.

Zugunsten der Haupthandlung müssen die einfachen Bewohner der Baronie selbst leider ein wenig zurückstecken. Zu wenig erfährt man über ihr Schicksal in dieser Zeit der Ungewissheit, vielmehr werden sie in umliegende Dörfer abgeschoben. Eine wahrscheinliche und inneraventurisch konsequente Lösung, jedoch ließ sie zumindest mich ein wenig unbefriedigt zurück. Der Blickwinkel der Baroness, die nur allzu oft zum Spielball der Herrschenden dieses Landstrichs gemacht wird, ist zwar gut ausformuliert. Hin und wieder hätte ich mir aber durchaus etwas mehr Einsicht in die Verlorenheit der Fremmelshofer gewünscht, die so leider große Teile des Romans weitgehend farblose Statisten bleiben.

Im zweiten Handlungsstrang um einen entflohenen Gefangenen aus den Kerkern der Helburg begleitet man den Kopfgeldjäger Amarelo auf seiner einsamen Jagd nach einem mysteriösen Flüchtling. Und hier eröffnet sich eine der großen Stärken des Romans, indem Christian Lange neben den ganz offensichtlich Eigeninteressen verfolgenden Adligen, einen äußerst gelungen Intrigenplot im Hintergrund etabliert, bei dem weitaus üblere Mächte versuchen Einfluss auf das Schicksal der Caldaia zu nehmen. So gelingt es ihm gegen Ende an Spannung wieder wettzumachen, was die Handlung des Romans bisher streckenweise vermissen ließen. Das dramatische Finale lässt nur wenig Wünsche offen. Lediglich Escalia hätte sich in meinen Augen etwas heldenhafter schlagen dürfen.

Stilistisch bewegt sich Cristian Lange sicher und stimmungsvoll vor dem aventurischen Hintergrund, ohne seine Sprache unnötig mit zu vielen DSA-Fachbegriffen zu verkomplizieren. Im Anhang finden sich eine nach Personen der Gegenwart und der Vergangenheit aufgeteilte Dramatis Personae und ein, mit zwei Seiten Umfang sehr übersichtlich gehaltenes, aber vollkommen ausreichendes, Glossar. Einzig der inflationäre Gebrauch des Wortes „Brayosrund“ ist mir beim Lesen von Caldaia unangenehm aufgefallen. Da sich aber aventurische Uhrzeiten seither schwierig darstellen lassen, will man nicht auf die komplizierte Benennung der Stunden nach den Zwölfgöttern zurückgreifen, sei ihm diese kleine Unzulänglichkeit verziehen.

Die Lektüre des Romans fällt auch ohne tiefere Kenntnis Aventuriens oder des vorausgegangenen Abenteuers leicht. Weiß man hingegen um die Vorgänge in Vergessenes Wissen entdeckt man immer wieder Hinweise auf eine schlüssige Weiterführung der Geschichte. Eine sehr schöne Lösung, nicht zuletzt da sich nicht wenige Leser des Abenteuers gefragt hatten, wie sich das plötzliche Auftauchen einer verschollen geglaubten Stadt aus dem Limbus auf Aventurien auswirken würde. Christian Lange hat mit seinem Roman die Wellen dieses Ereignisses ein wenig geglättet und gleichzeitig eine atmosphärisch dichte Geschichte zu Papier gebracht, die der Caldaia ein wahrlich würdiges Denkmal setzt. Wer jedoch auf caldabreserschwenkende Caballeros gehofft hat, wird leider enttäuscht. Almadanisches Flair mag bei der Lektüre so gar nicht aufkommen, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Handlung zwar in der Caldaia spielt, allerdings in der garetischen Grafschaft Eslamsgrund. Eingefleischte Garetien-Fans sollten hier unbedingt zugreifen, ebenso wie jene Leser, die Wert auf eine einfühlsame Ausgestaltung des geschichtlichen Hintergrunds und der Figuren legen. 6 von 9 Einhörnern nicken zustimmend mit dem Kopf und grasen friedlich auf den weiten Wiesen der Caldaia, bevor sie von einem laut blökenden Phraischaf vertrieben werden.

Über Rhena Tauglanz

Rhena Tauglanz hat spitze Ohren, eine ebenso spitze Zunge. Sie liest für ihr Leben gern und hat ein stark erhöhtes Mitteilungsbedürfnis, wenn es um ihre Meinung geht.
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Ein Kommentar zu Caldaia

  1. Sturmfelz sagt:

    Ersteinmal schöne Rezension mit viel Mehrwert, ist schon ein Weilchen her, dass ich es gelesen habe, aber, ja, die Protagonistin wirkte auch auf mich zu Weilen stellenweise unfreiwillig komisch, vor allem weil ich teilweise die Stirn geruzelt habe über was die Gute alles staunt. Ansonsten in Erinerung geblieben ist mir, dass da an einer Stelle Meter steht, was einem eingefleischten DSAler schon ein wenig aufstoßen kann, aber keinenfalls den Lesegenuss hemmt. Das Finale fand ich allerdings ein wenig abrupt, auch wenn mir gut gefallen hat wer da hinter den ganzen Ereignissen steckt;

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