Der Schrecken von Arlingen

Bild: Arndt Drechsler

Das Grauen ist im kleinen Fischerdorf Arlingen eingekehrt. Die Reihe unheimlicher Todesfälle ruft den jungen Geron di Montacci auf den Plan. Erklärtes Ziel des horasischen Gelehrten ist nicht nur, die grausamen Taten aufzuklären, sondern auch, die abergläubische Dorfbevölkerung davon zu überzeugen, dass mitnichten Efferds Zorn über sie gekommen ist, sondern vielmehr ein gemeiner, aber sehr derischer, Mörder unter ihnen sein Unwesen treibt. Gemeinsam mit seinem treuen Gefolgsmann Grimaldo, einem alten Kampfgefährten seines lange verstorbenen Vaters, macht sich Geron daran, die Vorgänge in Arlingen mit dem unverstellten Blick eines Wissenschaftlers aufzuklären, und er muss sich dabei unvermittelt zudem den Dämonen seiner eigenen Vergangenheit stellen…

Eine gar schaurige Geschichte ist es, die Thomas Walach-Brinek in seinem Debütroman vor der Kulisse eines von der Außenwelt abgeschnittenen Fischerdorfes erzählt. Eindringlich beschreibt er die beklemmende Atmosphäre und das Misstrauen der Dorfbewohner gegenüber den Fremden in ihrer Mitte.

Sogar ein Hauch von cthuloidem Mythos weht durch Aventurien! Doch leider sind bei aller Atmosphäre die Figuren völlig ins Hintertreffen geraten. Die Dorfbewohner bleiben vor der regenverschleierten Kulisse Arlingens bedauerlicherweise farblos und austauschbar.

Lediglich Geron kann hier mit etwas mehr Tiefe glänzen. Entschieden versucht er in Arlingen gegen Aberglaube und Unwissenheit vorzugehen und will die Dorfbewohner mit geradezu missionarischem Eifer davon überzeugen, dass die wahren Hintergründe der unheimlichen Vorgänge mitnichten im Übernatürlichen zu suchen sind.

Die Motivation und Geradlinigkeit des jungen Gelehrten sind äußerst glaubhaft vermittelt und erschließen sich dem Leser insbesondere durch seine Vorgeschichte, die in kurzen Episoden neben der Haupthandlung beleuchtet wird. Der Werdegang vom Adelssohn zum beinahe mittellosen Gelehrten, dem nur wenig wichtiger scheint als die Wissenschaft, wird ebenso minutiös dargestellt, wie die (wenigen) Höhen und (zahlreichen) Tiefen seines noch jungen Lebens. Dabei lässt diese Schilderung seines Studentenlebens in Methumis mich trotz unglücklicher Liebschaften, dramatischen Duellen und zweifelhaften Freundschaftsdiensten zumeist unbeteiligt zurück. Das größte Gefühl, zu dem ich mich bei der Lektüre habe hinreißen lassen, war Mitleid. Zu sehr drängt sich der Eindruck auf, der Autor habe nicht nur in dieser tragischen Hintergrund-, sondern auch  in der Haupthandlung exzessives Character-Bashing betrieben.

Auf Tiefschlag folgt Tiefschlag, ein Motiv das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht und beide Handlungsebenen untrennbar miteinander verbindet.  „Der Untergang Gero di Montaccis“ drängt sich als alternativer Titel auf. Konsequent will der eine meinen und Walach-Brinek für seinen Mut loben, der andere legt den Roman unter Umständen enttäuscht nach der Hälfte zur Seite.
Denn ungefähr hier erfährt man als Leser bereits, was wirklich hinter den Vorgängen in Arlingen steckt. Geron hingegen tappt weiter im Dunkeln. Anstelle jedoch diesen Wissensvorsprung des Lesers zu nutzen, um zusätzliche Spannung zu erzeugen, erzählt der Autor seine Geschichte im selben Tempo zu Ende. Konsequent, wie schon angemerkt, aber leider auch ohne wirklich zu fesseln. Lediglich ganz zum Schluss vermag er einmal mehr eine Gänsehaut hervorzurufen, die jedoch nach all den vorherigen Tiefschlägen für den Hauptprotagonisten sehr sanft ausfällt.

Stilistisch ist der Roman solide und atmosphärisch dicht geschrieben. Insbesondere die beklemmende Stimmung und Gerons Selbstzweifel sind gut eingefangen und glaubhaft erzählt. Auch der Hintergrund der Geschichte ist durchweg stimmig, doch wahrhaft aventurisches Flair sucht man auf den 280 Seiten vergebens. Die Geschichte könnte vor beinahe beliebig austauschbarem Hintergrund spielen. Dies macht es auch für Einsteiger leicht, sich in die Welt des Schwarzen Auges einzufinden. Der Glossar ist dementsprechend mit 2 Seiten sehr übersichtlich gehalten und geht nicht über Angaben zu Zeitrechnung, Götter, Maße und Gewichte und militärische Ränge hinaus.
Die Idee hinter der Handlung ist nicht neu, aber wirklich stimmungsvoll umgesetzt. Allerdings zeigt sich immer wieder, dass der Autor die Gelegenheit verschenkt, neben einer gelungenen Atmosphäre auch die Spannung zu halten – den Figuren fehlt es leider an Tiefe. Lediglich bei Geron hätte man sich an der ein oder anderen Stelle tatsächlich etwas weniger Einsicht gewünscht. Eine Identifikation mit dem vom Schicksal derart gebeutelten Adeligen fällt zumindest mir recht schwer und kostet die Hauptfigur wertvolle Sympathiepunkte.

Dem schadenfrohen oder masochistisch veranlagten Leser, der Lust hat, mit Geron durch die Niederhöllen zu gehen, sei dieser Roman sehr ans Herz gelegt. Auch Liebhaber subtilen Horrors können hier durchaus auf ihre Kosten kommen. Wer hier jedoch intensiven Nervenkitzel erwartet, wird die Lektüre nach meiner Erfahrung ein wenig enttäuscht zurücklassen.

Der Schrecken von Arlingen sitzt auch mir zugegebenermaßen noch ein bisschen in den Knochen, und hat ganz offenbar auch einige unserer Einhörner verschreckt. Dennoch lassen es sich vier dieser außerordentlich scheuen Tiere sich nicht nehmen, an dieser Stelle tapfer für unser Wertungsporträt zu posieren.

Über Rhena Tauglanz

Rhena Tauglanz hat spitze Ohren, eine ebenso spitze Zunge. Sie liest für ihr Leben gern und hat ein stark erhöhtes Mitteilungsbedürfnis, wenn es um ihre Meinung geht.
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