Khunchomer Pfeffer II – Tod auf dem Mhanadi

Von fliegenden Teppichen, dicken Gardisten und aranischen Hexen. Eine Gastrezension zu „Khunchomer Pfeffer II – Tod auf dem Mhanadi“ von Eevie Demirtel und Marco Findeisen

— von Vibarts Voice

Disclaimer: Was soll die Besprechung eines DSA-Romans leisten? Es ist klar: Orientierung und Entscheidungshilfe für das interessierte Publikum ist das Ziel. Aber an welcher Messlatte orientiert sich der Rezensent? Lässt er den Roman bei einer Weltmeisterschaft an die Startlinie treten, oder beim Dienstagstraining der C-Jugend auf dem Provinzbolzplatz? Welches Niveau wird anvisiert?

Folgendes ist denkbar: Der Rezensent bespricht, inwieweit das Buch

  • einen guten (literarischen) Roman darstellt
  • einen guten Fantasyroman darstellt
  • einen guten DSA-Roman darstellt

Der hier vorliegende Rezensent gibt in aller Bescheidenheit zu, in seinem Leben viel gelesen zu haben, durchaus auch vor längerer Zeit einen guten Festholzmeter Fantasyliteratur, aber nur wenige DSA-Romane (und dann meist widerwillig). Deshalb bewertet die vorliegende Besprechung, in wie weit Khunchomer Pfeffer II ein guter Fantasyroman ist. Meine Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Objektivität, sondern stellt die Aspekte, die mir beim Lesen interessant erschienen, in den öffentlichen Raum. Darüber hinaus werde ich vom üblichen Rezensionsmuster auf Nandurion abweichen, um den Roman anhand einiger, für mich sinnvoller Kategorien zu beurteilen.

Bewertet die Spielhilfe im Forum von dsa4.deWeiterhin muss vorweggeschickt werden, dass ich den Vorgängerroman nicht kenne. Experiment gelungen: Man kann KP2 (Keipitu – oder Caipitu?) hervorragend ohne Vorkenntnis lesen und verstehen, auch wenn die Ereignisse aus Teil 1 in die Handlung hier und da eingebaut werden. Den Autoren sei hierfür gedankt, auf dem von fünfbändigen Trilogien geplagten Fantasyliteraturmarkt ist das schon mal das erste Qualitätsmerkmal.

I. Einleitung

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Khunchom, die Strahlende! Khunchom, die Prächtige! Khunchom, die… Verfaulte, Stinkende, übel Zugerichtete. Das zumindest ist der Ersteindruck des Lesers, als zu Beginn der Handlung der aus Prinzip versoffene Stadtgardist Deniz eine schwer beschädigte Leiche neben seinem chronisch unaufgeräumten Hausboot findet. Auch von seinem übergewichtigen novadischen Freund und Kollegen Kasim lässt sich der hartnäckige Ermittler nicht davon abbringen, die mysteriösen Fall zu untersuchen. Und das so kurz vor den Feierlichkeiten zur Geburt des Khunchomer Thronfolgers! Ab da entspinnt sich ein durchaus vielseitiges Rezept für ein nahrhaftes tulamidisches Bankett– Man nehme:

  • 3 Palastintrigen
  • 1 aranische Gesandte mit Vergangenheit
  • 1 Hexenkater (Nicht den, den die Hexe nach der Hexenacht auskurieren muss, sondern das namensgleiche Vertrautentier)
  • 1 rachsüchtigen Murawid
  • 2 fliegende Teppiche
  • 1 angeheirateten Alchemisten
  • 1 gutes Dutzend Kriegselefanten
  • Bakshish in handelsüblichen Mengen
  • 1 novadischen Totenturm
  • 4 Raummeter Flatulenzen aus einem dicklichen Stadtgardisten
  • und, und, und…

Habe ich noch Zutaten vergessen? Aber jede Menge… Aber für ein vollständiges Rezept mit all den vielen kleinen Zutaten der Autoren fehlt hier der Platz und dem Leser die Zeit, daher komme ich mal zu meinem ersten Bewertungspunkt:

II. Setting und Genre

Der aufmerksame Leser merkt: „Khunchomer Pfeffer II“ spielt in den Tulamidenlanden, und wer ganz aufmerksam war, ahnt es schon: in Khunchom. Dabei lehnt sich der Roman stark an einige Literaturgenres an, die im klassischen Fantasyroman eher selten integriert werden. Hier wäre zuvorderst die Kriminalliteratur in allen Schattierungen zu nennen, denn die Ermittlungen der Gardisten führen den Lesern durch ein spannendes Netz von Hinweisen, bis sich ihm zum Ende hin der Hintergrund der Ereignisse entschlüsselt. Dabei finden sich sowohl Anteile des Hard-Boiled-Detective aus dem Film-Noir, des Agententhrillers und klassischer „Fang den Mörder“-Krimis. Dies könnte zunächst den rein auf Fantasy ausgerichteten Leser in seinen Erwartungen täuschen – „Ich wollte Sword & Sorcery, und nun geben sie mir Räuber & Gendarm!“ Aber keine Sorge: Die fantastischen Elemente kommen nicht zu kurz, werden bedient, und am Ende kommen Djinne, Artefakte und Zauberei zu dem Recht, das ihnen in Khunchom gebührt. Insgesamt gelingt die Verquickung der Sparten sehr gut.

Dazuhin versteht es das Buch geschickt, Zitate und Verweise auf bekannte Szenen aus Literatur und Film einzubauen, so in etwa, wenn ein Gastwirt augenzwinkernd das obligatorische Hantieren seiner Zunft mit einem Lappen kommentiert. Oder wenn Sam Spade (Entschuldigen: Deniz) in seinem völlig unaufgeräumten Büro (Entschuldigung: Hausboot) mit einem Glas Whiskey (Ent.. äh: Arraq) in der Hand Besuch von der tragischen Femme Fatal erhält. Auch so manche Kapitelüberschrift verrät dem Eingeweihten intertextuelle (oder intermediale) Anleihen. Und das Ende ist Casablanca. Bogart grüßt schon wieder. Enough said.

III. Figuren und Personenkonstellation

Die Autoren konzentrieren ihre Aufmerksamkeit auf einen Kernbestand an Personal, das den Leser durch die Handlung führt. Dabei stehen im Zentrum die beiden ungleichen Ermittler Kasim und Deniz, die man mit Fug und Recht als Hauptfiguren bezeichnen kann. Beide sind als „Dreamteam“ konzipiert, doch während Deniz wie gesagt eher an einen Film-Noir-Detektiv angelehnt wird (Trinkerallüren, hart im Nehmen, unerbittliche Schnüffelnase, raubeinig, Womanizer) stellt Kasim eher den komischen Sidekick dar (dick, Unglücksrabe, übervorsichtig, leicht überdreht). Der Roman legt Wert auf scharfe, fast karikaturistische Züge seiner Protagonisten, so dass der Leser schnell ein Bild gewinnt und sich mit dem Ermittlerduo schon nach wenigen Seiten identifiziert.

Dass aber Kasim im Finale der Geschichte richtig über sich selbst hinauswachsen darf, tut der Handlung mehr als gut, denn stellenweise wird die Aufgabenteilung „unerschrockener Ermittler – dickes Dummerle“ beinahe schon penetrant.

Unter einer zweiten Hauptperspektive konzentriert sich die Handlung auf die Erlebnisse des Palastwesirs Khorim, der alle Hände voll mit der Organisation der Feierlichkeiten zu tun hat. Aus seinen Augen erleben wir die Erlebnisse im Palast. Khorim ist ernster gezeichnet, hat aber auch in seinem horasischen Famulus Bosper einen Sidekick zur Seite gestellt bekommen.

Daneben stellt der Roman eine Vielzahl von Nebenfiguren vor, die meistens unterhaltsam, immer deutlich, aber manchmal auch etwas klischeehaft gestaltet sind. Somit ist dem Leser schnell klar, dass in der aranischen Botschaft Hexen ganz vorne mitmischen und der verfressene Kronprinz ein kleines Kompetenzproblem hat. Manchmal wäre ein Bruch mit dem zu Erwartenden zu empfehlen gewesen, insgesamt bieten die Figuren jedoch eine sichere Orientierung durch die Handlung und sind klar dargestellt.

IV. Erzähltechnik und -perspektive

Alles andere wäre für einen Fantasyroman äußerst überraschend: der Roman bedient sich der personalen Erzählweise und führt den Leser durch die Augen immer wechselnder Protagonisten durch die Ereignisse. Dies gelingt spannend und unterhaltsam. Immer wieder kehren wir in die Köpfe von Kasim und/oder Deniz zurück, und man giert förmlich danach zu erfahren, wie es mit den beiden braven Stadtgardisten weitergeht. Regelmäßig wird das alte Verfahren angewandt, an einer spannenden oder besonders interessanten Stelle die Perspektive und den Schauplatz zu wechseln, um die Antizipation des Lesers zu steigern. Insgesamt erzählen Eevie Demirtel und Marco Findeisen klassisch-altbewährt, spannend und äußerst leichtgängig. Seiten können nahezu gefressen werden.

Allerdings befindet man sich auch schnell einmal in zu vielen Köpfen, vor allem wenn diverse Nebenfiguren durch die Handlung leiten, und man sich erst nach einigen Sätzen klar werden muss, wer denn jetzt da gerade schon wieder denkt und wo man ihn hinpacken muss. Natürlich ist dies der Notwendigkeit geschuldet, jederzeit an jeden Handlungsort springen zu können, trotzdem wäre eine Reduktion auf eine handvoll vertrauter Erzählinstanzen eleganter gewesen.

Über weite Strecken ist „Kunchomer Pfeffer II“ ein dialogisch orientiertes Buch, das die Handlung und seine Figuren über Dialogsequenzen schildert. Dies gibt der Geschichte oft eine dynamische Note, die im besten Falle mitreißend wirkt. Als Ausgleich bieten die Autoren aber auch immer wieder farbenfrohe Beschreibungen der Stadt und der Szenerien, so dass das „Auge“ nicht zu kurz kommt.

V. Sprache und Stil

Die Sprache von „Khunchomer Pfeffer II“ ist nichts Neues, nichts Großartiges, aber etwas, das hervorragend funktioniert. Die Autoren bedienen sich nicht ungewöhnlicher Sprachbilder, komplizierter Satzkonstruktionen oder rhetorischer Kunstgriffe, stattdessen schreiben sie recht einfach, klar aber dennoch spannend. Dies macht das Buch äußerst eingängig, auch durchaus unterhaltsam, dennoch hätte hier und da ein wenig mehr sprachliches Profil gut getan. Ihre Stärken entfalten die beiden Autoren in den turbulenten Höhepunkten der Handlung, bei Verfolgungsjagden und Kämpfen. Hier wird die Sprache stark bildlich, so dass man als Leser automatisch das „Kopfkino“ aktiviert und sich die Szene wie in einem gut gemachten Actionfilm vor seinem inneren Auge entwickelt. Schön! An einigen Stellen hat man aber auch den Endruck, dass die Prügelei Nr. 15 weniger inspiriert „heruntergespult“ wird.

Beim Thema Stil muss nun endlich erwähnt werden, dass „Khunchomer Pfeffer II“ sich grundsätzlich auch als komisches Buch versteht. Das klappt: Beim Lesen ist man oft zum Schmunzeln animiert, vor allem über den ungeschickten Kasim und seine verqueren Ansichten. Gags und vor allem schrullige Figuren findet man konsequent, und man wird von ihnen über weite Strecken glänzend unterhalten. Nicht alle Figuren sind komisch belegt: so findet sich z.B. mit dem Palastwesir Khorim auch ein nahezu tragischer Protagonist. Doch viele Begegnungen auf den Khunchomer Straßen stellen die amüsanten Seiten des Settings dar. Man lacht eher über die Tulamiden, als mit ihnen. Und gerade dann beschleicht einen irgendwann das Gefühl, dass das Land der ersten Sonne vorwiegend ein komischer Haufen kauziger Schrullenköpfe sind – dazu noch einmal mehr in der Kategorie „Aventurische Stimmigkeit.“ Man muss den Autoren aber zugestehen, dass ein humoriges Schreibkonzept auch ein derartig interpretiertes Setting verlangt. Um meinen Eindruck noch einmal herauszustreichen: Es ist völlig in Ordnung, aus dem Grundkonzept des Romans heraus Khunchom als grundsätzlich komischen Ort zu interpretieren – der potentielle Leser sollte sich dieses stilistischen Konzepts aber bewusst sein, und kein bierernstes Buch erwarten.

Manchmal wird es aber etwas zu viel und zu dick aufgetragen. Wenn z.B. die beiden Gardisten in einer spannenden Bedrohungssituation und einer sich abzeichnenden Familientragödie sich zunächst mit Kasims niederhöllischen Darmwinden auseinandersetzen müssen, und dann auch noch die folgende Katastrophe durch den Gestank derselben ausgelöst wird, dann ist das einfach zu viel des Guten. Solche Szenen vertragen keinen Brachialhumor, schon gar nicht aus dieser Richtung.

VI. Aventurische Stimmigkeit

„Khunchomer Pfeffer II“ zeichnet ein buntes und turbulentes Bild der “Perle am Mhanadi.“ Zentrale Orte der Metropole finden sich als Bühne für die Handlung im Roman: Die Fürst-Istav-Allee, die Palastinsel, der alte Sultanspalast, die Dracheneiakademie… Auch wichtige NSCs der Stadt werden in die Handlung integriert. Dabei halten sich die Autoren durchaus eng an die Vorlage, klare Fehler oder starke Abweichungen von offiziellen Quellen sind zumindest mir beim Vergleich mit der Khunchombeschreibung aus Land der ersten Sonne nicht aufgefallen. Gute, saubere Arbeit soweit.

Trotzdem führt die komische Brille des Romans unter dem Strich zu einer gewissen Überzeichnung des Settings, die nicht jedem „ernsthaften“ Tulamidenlande-Fan gefallen dürfte. Dass die Khunchomer ein eher belustigender Haufen sind, wurde schon erwähnt. Dies mag der Funktion der Stadt als „bunteste“ Metropole des Landes der ersten Sonne geschuldet zu sein. Aber auch die Darstellung der Fürstenfamilie ist manchmal ein bisschen sehr zugespitzt. Vor allem Prinz Stippen als verfressenen, klebfingrigen Minderwertigkeitskomplex finde ich im Vergleich zur Personenbeschreibung in „Land der ersten Sonne“ zu karikaturartig.  Auch Shenny als bissgurkige Schwiegermutter mit Kontrolltrieb, im Kontrast zur fürsorglichen klugen und mütterlichen Schwiegertochter, hat etwas parodistische Züge. Dennoch: Alles in allem vermittelt der Roman unverwechselbares aventurisches Flair – allerdings mit einer comicartigen Note.

VII. Fazit

„Khunchomer Pfeffer II – Tod auf dem Mhanadi“ ist ein unterhaltsamer und spaßiger Ritt durch Mhanadistan. Ich habe es nicht bereut, nach Jahren zum Fantasyroman zurückzukehren, und festzustellen, dass nicht alle DSA-Romane pornöse Discounterliteratur sein müssen. Als Lesefutter für Fantasy- und/oder DSA-Freunde ist das mit ca. 500 Seiten prall gefüllte Paket durchaus zu empfehlen. Ein Einhorn ist durch Flatulenzen an unpassenden Stellen leider in die Flucht geschlagen worden; Einem zweiten waren Stil und Erzähltechnik doch zu durchschnittlich, und es hat sich lieber Kafkas „Proceß“ als Lektüre zugewandt. Das dritte Einhorn hat sich nach dem 12. Erzählperspektivenwechsel in einem schizophrenen Anfall gespalten und bleibt damit ein sehr zwiespältiges, halbes Einhorn (ein so genanntes Halbhorn). Es springt unentschlossen hin und her, will bereits zur Hälfte das Gatter verlassen, da erreicht es der Ruf aus dem Limbus: „Halte ein Vibart! Bei Nandurion sind halbe Einhörner unzulässig, auch, aber nicht nur, weil sie nach ein paar Tagen schlecht riechen! Entscheide dich gefälligst, o du Sohn eines entschlussarmen Hobbyrezensenten!“

Na gut. Das Einhorn wittert, legt die Ohren an, und sammelt sich schnaubend, um auf die Weide zurückzutraben. Und damit stehen sie nun: sieben von neun Einhörnern für „Khunchomer Pfeffer II.“

 

Über Vibarts Voice

1986 entwickelte Michael Gorbachow den Begriff "Glasnost" und die Raumfähre Challenger explodierte beim Start. Im selben Jahr wurde DSA Teil meines Lebens, und obwohl die UdSSR und das Space-Shuttle-Programm längst Geschichte sind, ist DSA noch immer zentraler Aspekt meiner Existenz. Ich spiele und meistere regelmäßig. Seit Mai 2012 bin ich darüber hinaus hier bei Nandurion tätig.
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3 Kommentare zu Khunchomer Pfeffer II – Tod auf dem Mhanadi

  1. FJ sagt:

    Nice! Bitte liebe Nanduriaten bemüht euch VV als festen Rezensenten zu gewinnen!

  2. Horst der Ork sagt:

    Etwas viel Selbstdarstellung, aber grundsätzlich okay.

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