Interview mit André Wiesler

Zur Person

André Wiesler ist nicht nur Autor von DSA-Abenteuern und Romanen, sondern auch Marketingleiter bei Ulisses, Poetry-Slammer und Comedian. Auf ein gereimtes Wortgefecht wollte sich unsere Einhorndelegation zwar nicht einlassen, zu einem ausführlichen Gespräch über Das Schwarze Auge, das Schreibhandwerk und vieles mehr ist es aber dennoch gekommen. Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

Nandurion: Wer ist André Wiesler, und was treibt er so alles in seinem Leben?

André Wiesler: Puh, gleich zum Auftakt eine philosophische Frage. 🙂 Ich würde sagen, er ist Vater, Ehemann, Autor und Rollenspieler,  der auf vielen Hochzeiten tanzt (Marketing, Comedytour, Poetry-Slam, Romane, Schreibwerkstattleiter,  usw.) und das nach dem Motto: Hauptsache man tanzt, sonst ist das Leben langweilig.

Nandurion: Du bist ja inzwischen nicht nur freischaffender Autor, sondern auch bei Ulisses als Marketingleiter angestellt. Wie müssen wir uns Deine Arbeit da vorstellen? Ist Interviews mit DSA-Fanseiten geben z.B. Teil der Job-Beschreibung?

André Wiesler: Unter anderem. Wenn möglich überlasse ich das allerdings den jeweiligen Autoren, denn die sind ja die ausgewiesenen Fachleute ihres Romans oder Quellenbuchs und haben dem Leser damit mehr zu sagen. Im aktuellen Fall darf ich als Marketingbeauftragter für meinen eigenen Roman sprechen, was besonders viel Spaß macht. Ansonsten sehe ich meine Aufgabe vorrangig darin, die Informationen über die vielen schönen Produkte, die Ulisses Spiele herausbringt, in die Welt zu tragen und mit Clemens Schnitzler zusammen als Ansprechpartner für alle Fragen da zu sein. Entsprechend vielfältig ist unser Alltag und die Arbeit reicht vom Mailkontakt über die Produktvorstellung und Pressebetreuung bis hin zur Programmgestaltung auf Cons und Messen.

Nandurion: Als vermutlich einziger DSA-Autor bist Du ja mit einem Comedy-Programm unterwegs, das zurzeit den Namen „Abnehmen, Kinderkriegen und andere Katastrophen“ trägt. Wie bist Du dazu gekommen, und was erwartet den interessierten Zuschauer?

André Wiesler: AKuaK, wie ich es aus Schreibfaulheit gerne nenne, ist das Ergebnis von gut zwei Jahren auf Lese- und Poetry-Slam-Bühnen. Da hat sich eine große Menge kurzer, humoristischer Texte angesammelt, mit denen ich irgendwann locker fünf Stunden hätte füllen können. Die Texte, die mir selbst am besten gefallen haben und beim Publikum gut ankamen, habe ich zusammengestellt und in einen kleinen Erzählbogen mit Stand-Up-Comedy-Elementen eingefügt. Damit bin ich nassforsch losgezogen und zum Glück nicht auf die Nase gefallen. Bis zur ersten Arenatour wird es wohl noch eine Weile dauern, aber die Kleinbühne habe ich jetzt schon ein paarmal gemeistert 😉

André Wiesler und DSA / Rollenspiel

Nandurion: Erzähl uns doch bitte kurz, wie Du zum Rollenspieler geworden bist und was Deine Begeisterung für DSA geweckt hat?

André Wiesler: Ich würde behaupten, den für meine Generation klassischen Weg genommen zu haben: Mitte der Achtziger bekam ein Freund die Das Schwarze Auge-Grundbox geschenkt, wir fingen an zu spielen und ich habe mein Herz schon am ersten Spielnachmittag verloren. Die Begeisterung lag zum einen darin, endlich mal den Bösen eins mit dem Rondrakamm verpassen zu können und zum anderen hatte ich ein Ventil für meine überbordende Phantasie gefunden. Liebe auf den ersten Würfelwurf, sozusagen …

Nandurion: Spielst Du zurzeit noch aktiv DSA oder andere Rollenspiele?

André Wiesler: Ich bin aktuell Teil von zwei treuen Runden, die es jeweils etwa einmal im Monat schaffen, sich zu treffen und ein paar Stunden zu spielen. In der einen Runde wechseln wir zwischen TORG und Das Schwarze Auge hin und her, in der anderen spielen wir einen Eigenbau von mir, der ziemlich spontan entsteht.

Nandurion: Hast Du ein Lieblings-DSA-Abenteuer oder eine Lieblingsregion auf Aventurien?

André Wiesler: Ich fand schon immer die Thorwaler und die Almadaner toll, die einen wegen ihrer Lebensfreude, die anderen wegen ihres Stils. Seit ich mich für die Uthuria-Romane verstärkt mit Al’Anfa befasse, lerne ich auch den durchtriebenen Charme Meridianas lieben.

Nandurion: Gibt es einen (oder mehrere) DSA Romane, die man als DSA-Fan auf jeden Fall gelesen haben sollte (außer Deinen natürlich)?

André Wiesler: Bei Khunchomer Pfeffer I+II (Eevie Demirtel und Marco Findeisen) habe ich mich köstlich amüsiert, die kann ich auf jeden Fall empfehlen. Auch die Isenborn-Reihe von Bernard Craw gehört für mich zu den Highlights. Warme nostalgische Gefühle verbinde ich mit einigen Klassikern wie Das zerbrochene Rad oder Das Greifenopfer. Und das sind nur die, die mir spontan beispringen, ohne dass ich mich zu meinem Regal begebe.

Der Autor André Wiesler

Nandurion: Du tobst Dich schriftstellerisch in einer Vielzahl von Settings aus („Shadowrun“, „Die Chroniken des Hagen von Stein“, „Raumhafen Adamant“, „LodlanD“). Wie genau kam es eigentlich zu „Raumhafen Adamant“, und wie sieht die Zukunft dieser Reihe aus?

André Wiesler: RAD ist aus der Idee entstanden, dass ich mich mal an einer Fortsetzungsgeschichte versuchen wollte,  natürlich auch in der Hoffnung, dass der eine oder andere Leser darum auf meine Homepage kommt oder zurückkehrt. Science Fiction hatte ich schon eine Weile nicht mehr geschrieben, darum fiel die Wahl auf dieses Genre. Und als die Geschichte zu einem Großteil geschrieben war, kam die Idee auf, dass man daraus auch ein Rollenspiel machen könnte. Dieser Gedanke kommt mir als altem Rollenspieler zugegebenermaßen bei fast allen meinen Geschichten, die nicht ohnehin auf einem Rollenspiel basieren, aber diesmal habe ich es mit David Grashoff zusammen durchgezogen und habe mit Ulisses Spiele dann einen tollen Partner dafür gefunden. Aus dieser Zusammenarbeit hat sich dann praktisch alles weitere entwickelt, bis zum heutigen Stand.

Die Zukunft der Reihe steht ein wenig in den Sternen. Die Verkäufe des Rollenspiels sind solide, aber nicht so gut, dass man eine zweite Publikation rechtfertigen könnte. Auf jeden Fall wird es in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder Abenteuer für RAD geben, in letzter Zeit haben sich darum vor allem Tobias Junge und Fabian Mauruschat verdient gemacht. Und natürlich rechne ich stündlich mit einer Anfrage wegen der Filmrechte 😉

Nandurion: Wie ist es eigentlich, ein Rollenspiel „von der Pike auf“ zu entwickeln? Worauf muss man achten, was macht besonders Spaß daran?

André Wiesler: Zuerst einmal ist ein solches Vorhaben eine Menge Arbeit, selbst bei einem kleinen System wie RAD. Der Hintergrund ergab sich zumeist aus den bestehenden Geschichten und beim Regelsystem haben David und ich uns ziemlich ausgetobt. Als Fun-System sollte es vor allem schnell und einfach zu spielen sein. Am meisten Spaß hat mir gemacht, meine Ideen von Volker Konrad in Bilder gegossen zu sehen. Und worauf man meiner Meinung nach stets achten muss, ist die Zugänglichkeit. Der Leser hat ja nicht den ganzen Kosmos im Kopf, darum muss ich ihm liefern, was er zum Spielen braucht und das in der Form, wie er es braucht.

Nandurion: Was macht für Dich den Reiz  daran aus, Geschichten in und über Aventurien zu erzählen?

André Wiesler: Aventurien ist eine lebende, atmende Welt, sozusagen ein bunter Setzkasten, aus dem ich mich beim Schreiben bedienen kann. Zum Teil ist das Schreiben bei Das Schwarze Auge für mich immer auch ein Ausflug in die unbeschwerte Jugend. Und natürlich ist da der Stolz, eigene Geschichten in das Gepräge der Welt einzubringen.

Nandurion: Schon mal Schreibblockaden gehabt? Wenn ja, wie gehst Du damit um?

André Wiesler: Schreibblockaden im klassischen Sinne habe ich selten, da ich meist auf andere Texte ausweichen kann, wenn ich mich beim Roman in eine kreative Sackgasse geschrieben habe (die übrigens meist auftritt, wenn ich im Vorfeld etwas nicht weit genug ins Detail gedacht habe). Aber es kommt häufiger mal vor, dass plötzlich die Hausarbeit, der Hundespaziergang oder der Müll total wichtig werden 😉

Nandurion: Angenommen, ich würde Dir erzählen, dass ich plane, meinen ersten DSA-Roman zu schreiben. Welche guten Tipps und Ratschläge hättest Du für mich bereit?

André Wiesler: Mein Rat wäre, erst einmal mit Kurzgeschichten anzufangen, um das Handwerk zu erlernen. Ein Roman, gleich welcher Art, ist ein langwieriges Projekt, das viel Durchhaltevermögen, Kritikfähigkeit und den Willen verlangt, auf Freizeit zu verzichten (vor allem, wenn man ihn neben dem Brotberuf schreibt). Soll er zudem am Ende lesenswert sein (und damit eine Chance auf Veröffentlichung haben) ist es unerlässlich, sich im Vorfeld kritische, aber wohlmeinende Testleser zu besorgen, was eine ganz eigene Herausforderung sein kann. Inhaltlich scheint es mir wichtig, Aventurien treu zu bleiben, ohne eine zu naheliegende Geschichte zu schreiben. Ein Roman, der mir den Schwarzmagier im Turm samt entführter Jungfrau als Haupthandlung schmackhaft machen möchte, muss sehr, sehr gut und originell geschrieben sein.

Nandurion: Ist Aventurien Deiner Ansicht nach zu dicht beschrieben, um sich als Schriftsteller noch nach Lust und Laune auszuleben? Wie gehst Du vor, um Deine Ideen in die Spielwelt einzubetten?

André Wiesler: Ich denke, man sollte sich schon ein wenig in der Region des eigenen Romans auskennen, um glaubhafte aventurische Geschichten zu erzählen. Auf der anderen Seite versuche ich auch meine Das Schwarze Auge-Romane so zu schreiben, dass sie ein Fantasy-Leser ohne Das Schwarze Auge-Hintergrund lesen kann.  Ich nehme zur Hand, was der Hintergrund mir an passenden Bausteinen bietet, habe aber auch den Mut, das eine oder andere sorgsam zurechtzuklopfen, wenn es die Geschichte verlangt. Ich finde, unterm Strich muss ein Das Schwarze Auge-Roman sich vor allem nach Aventurien anfühlen.

Nandurion: Was steht am Anfang der Romankonzeption: eine Figur, eine Szene, ein Ereignis, ein grober Plan des Plots? Oder noch etwas anderes?

André Wiesler: Mal dies, mal jenes. Mal ist eine besonders spannende Figur Kondensationskern für eine Geschichte, mal gibt eine spannende Szene den Anstoß. Manchmal kommt die Initialzündung aber auch durch konkrete Vorgaben des Verlags – so ist bei Die Schwarze Perle, dem ersten Uthuria-Roman, der Hintergrund der Geschichte schon durch das Umfeld vordefiniert. Am Ende steht bei mir aber immer eine rechte detaillierte Planung des Plots.

Nandurion: Gibt es Themen, über die Du besonders gerne schreibst oder Motive, die Du in Deinen Erzählungen besonders gern verwendest?

André Wiesler: Ich schreibe sehr gerne Action in aller Coleur und mit zunehmendem Alter traue ich mich auch vermehrt an die Erotik. Als wiederkehrendes Motiv kann man bei mir wohl den Zyniker oder Spötter finden und auch skurrile Alte beiderlei Geschlechts schreibe ich so gern, dass man sie bei mir häufiger findet.

Nandurion: Bislang gibt es ja mit Herz aus Eis“ und „Imuhar“ aus der Anthologie „Karawanenspuren“ nur zwei DSA-Abenteuer von Dir. Können wir da in Zukunft noch Nachschub erwarten, oder hast Du eher ganz auf das Schreiben von Romanen umgesattelt?

André Wiesler: Das kommt stark darauf an, wie weiträumig ihr „Zukunft“ definieren mögt 😉 Ideen für Abenteuer sind viele vorhanden, aber ein gutes Abenteuer schreibt sich nicht nebenher, vom Spieltesten und Überarbeiten ganz zu schweigen. Vorerst wird es darum aus meiner Feder erst einmal weitere Romane geben.

Nandurion: Kannst Du uns schon etwas darüber berichten, wie es nach Taladur weitergehen wird?

André Wiesler: Aktuell arbeite ich an den begleitenden Romanen zu Uthuria, die mich voraussichtlich den Großteil dieses Jahres schriftstellerisch auslasten werden. Weiter blicke ich im Moment ehrlich gesagt noch nicht, auch wenn natürlich diverse Ideen für Das Schwarze Auge und andere Romane in der Schublade liegen und nach Umsetzung gieren. Vielleicht kann ja mal jemand bei Satinav eine Spende für mich beantragen 😉

Die Türme von Taladur

Nandurion: Gibt es eine Familia oder eine Person im Taladur-Setting, die Dir besonders am Herzen liegt?

André Wiesler: Ist es zu vermessen, hier „meine“ Familie, also die Xetarros zu nennen? Wenn man eine Familia soviel durchmachen lässt, wie ich in meinem Roman, muss man sie hassen oder lieben … Ansonsten finde ich Doloresa ganz toll, die durch ihren magischen Parasiten und ihre tragische Geschichte eine sehr interessante Figur ist.

Nandurion: „Die Türme von Taladur“ ist bekanntlich eine Reihe von sechs aufeinanderfolgenden Romanen. Auf welche Weise musstest Du bei der Gestaltung der Handlung Deines Romans auf die folgenden Bände Rücksicht nehmen?

André Wiesler: Man kann sich das ein wenig wie einen Staffellauf darstellen. Die Staffette besteht dabei aus einem Grundsatz an Handlung und Figurenzuständen, die man vom Vorläufer übergeben bekommt, durch seinen Roman trägt und am Ende verändert wieder abliefern muss. Ich hatte also bestimmte Entwicklungen, die mit Marco abgesprochen waren und die ich einbetten musste. Da wir aber den großen Spannungsbogen komplett stehen hatten, bevor ich mit der Entwicklung meiner Geschichte anfing, war es eher das Schmücken einer bestehenden Strebe. An vielen  Stellen brachten mich die Vorgaben sogar auf neue Ideen, die ich ohne diesen Überbau vermutlich nicht gehabt hätte.

Nandurion: Dein Band trägt den Titel „Die Last der Türme“: Wie würdest Du mich in drei Sätzen davon überzeugen, den Band zu lesen?

André Wiesler: Die Last der Türme ist schnell wie Zorro, sexy wie Catherine Zeta-Jones und dramatisch wie ein Sommergewitter.

Drei Sätze zum Vervollständigen

Nandurion: Wenn ich einmal groß bin, möchte ich …

André Wiesler: Einen Trank finden, der mich wieder zum Kind macht – zumindest innerlich. Hat ja schon mal geklappt 😉

Nandurion: Was ich den DSA-Fans da draußen immer schon mal sagen wollte, ist …

André Wiesler: Kopf hoch, eine 20 macht noch keinen Patzer …

Nandurion: Was mir einen Rollenspielabend so richtig vermiesen kann, ist …

André Wiesler: Eine zu große Diskrepanz der Spielstile und eine damit einhergehende Unflexibilität auf beiden Seiten.

Entweder… Oder?

Nandurion: Haffax oder Rohaja?

André Wiesler: Haffax, der hat aktuell den besseren Marketingberater 😉

Nandurion: Kettenbikini oder Vollplatte?

André Wiesler: Kettenbikini, aber leider ist mein eigener verrostet.

Nandurion: Erotische Szenen am Spieltisch: ausspielen oder vermeiden?

André Wiesler: Anteasern und dann auf den Kamin schwenken.

Nandurion: Herbo Ranfel oder Chuck Norris?

André Wiesler: Nichts geht über Chuck Norris!

Nandurion: Abnehmen oder Kinder kriegen?

André Wiesler: Kinderkriegen, da sind die Erfolgschancen größer.

André, vielen Dank für das Interview!

— Das Interview führte Josch

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2 Kommentare zu Interview mit André Wiesler

  1. Torrak sagt:

    AKuaK ist übrigens großartig. Habe gut gelacht 😉

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