Die Rose der Unsterblichkeit I – Schwarze Perle

Die Rose der Unsterblichkeit I Schwarze Perle Cover Melanie MaierEine Gastrezension von Penny

Penny and the Nerds

Ich lese gerne und viel, allerdings, wie ich zugeben muss, in den letzten Jahren immer weniger Fantasy oder Science Fiction, sondern überwiegend Krimis. Ich brauche Spannung und Aktion – vielleicht, weil mein Leben etwas langweilig ist. Aus sentimentalen Gründen kann ich dennoch hin und wieder meine Finger nicht von DSA-Romanen lassen – aus dem gleichen Grund höre ich beispielsweise auch sehr gerne die John Sinclair Edition-2000-Hörspiele und schaue hin und wieder eine Folge A-Team.

Alrik und seine Perlen

Der Roman Schwarze Perle von André Wiesler ist der erste Teil der Die Rose der Unsterblichkeit-Trilogie, die den Auftakt für weitere Uthuria-Bände bietet. Erschienen ist Schwarze Perle bei Ulisses Spiele, das eindrucksvolle Cover wurde von Melanie Maier gezeichnet und zeigt den Gladiator Alrik Blutsäufer, einen der Hauptcharaktere des Buches. Zwar kann ich bereits die Krakonierrufe hören, die nach mehr Kleidung für das Cover verlangen, doch dem kann ich mich nicht anschließen – für mich sieht Alrik genauso aus, wie ich mir einen ehemaligen Gladiator vorstelle. Durch die Tentakel der gigantischen Oktopoden im Hintergrund wird dem Leser bereits ein kleiner Einblick in eine der Szenen des Buches gewährt.

Der Roman beginnt mit dem Prolog, welcher in Al’Anfa, der schwarzen Perle, wie die Stadt auch genannt wird, spielt. Bereits in diesem Abschnitt führt André Wiesler den Leser in aventurische Sitten und Gebräuche ein, und zwar auf eine Weise, die ich persönlich sehr schätze, da es nicht zuviel Input für DSA-Neulinge ist, aber man auch als alter Hase nicht durch seitenlange Erklärungen gelangweilt wird. Al’Anfa ist eine Stadt mit zwei Gesichtern, und sie ist geprägt vom Kontrast zwischen arm und reich – ein Zustand, dem der Autor wunderbar durch seine treffenden Beschreibungen Beachtung zollt. Seine Darstellung der verschwendungs- und prunksüchtigen Granden, für die Sklaverei, ausschweifende Sexorgien und Gladiatorenspiele zur alltäglichen Unterhaltung gehören, und dazu im krassen Gegensatz stehend die Armut der Fanas, der übrigen Freien, die unter einfachsten Bedingungen leben, ist präzise und gelungen. In diesem ersten Abschnitt des Buches wird nicht nur das Flair Al’Anfas skizziert, sondern der Leser wird Zeuge einer inoffiziellen Ratssitzung, in welcher der Herrscher der Stadt, Amir Honak, dem Rat seinen Entschluss verkündet, eine Expedition nach Uthuria zu schicken. Es ist sein Plan, das schwarze Land einzunehmen, um Al’Anfa zu neuem Ruhm und Glanz zu führen. Der Rat beschließt, die Expedition als Reise nach Myranor zu tarnen, denn man ahnt bereits, dass auch andere Parteien ein Interesse an dem unerforschten Kontinent haben könnten.

Im Laufe der nächsten Kapitel macht der Autor den Leser mit einer ganzen Reihe Charaktere bekannt, die sich letztendlich auf dem Schiff mit dem Namen „Stolz des Raben“ einfinden. Der bereits erwähnte ehemalige Gladiator Alrik Blutsäufer ist froh, aus Al’Anfa verschwinden zu können. Der kampferprobte Hüne wird als Beschützer des Granden Karas Kugres und Mann für das Grobe angeheuert. Der Grande, ein von Rahja gesegneter Schönling und verschwenderischer Stelzbock, hat ein Händchen dafür, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Der verschrobene Gelehrte Marfan Steyck steht ihm in dieser Hinsicht in nichts nach, auch er ist eine wandelnde Gefahr für sich und andere. Für seine Sicherheit sorgt die versklavte Waldmenschenkriegerin Wahelahe, eine flinke und erfahrene Kämpferin. Für das Seelenheil an Bord ist die unschuldige Efferia, eine Efferdgeweihte, zuständig, die – trotz ihrer Naivität – standhaft den Avancen des Grande Kugres widersteht. Komplettiert wird die Abenteurergruppe durch das Mädchen Nele, auf der ein dunkler Familienfluch lastet, weshalb man sie auf die lange Reise fernab der Heimat geschickt hat.

Die Hauptfiguren sind ein bunt gemischter Haufen Abenteurer, und es gilt große Unterschiede zu überbrücken – Konflikte sind quasi vorprogrammiert und werden durch das Handeln eines Saboteurs noch verschärft. Andere Probleme sind hingegen hausgemacht, z.B. weil der gedankenlose Grande Kugres für brodelnde Eifersucht unter den Mannschaftsmitgliedern sorgt oder der wirre Gelehrte Marfan durch seine Unachtsamkeit beinahe zur Mahlzeit von wilden Inselbewohnern wird. Und dann wären da noch die anderen Gefahren, die eine Reise in unbekannte Gefilde mit sich bringt, wie beispielsweise menschenfressende Bestien und tosende Stürme. Eines kann man dem Roman „Schwarze Perle“ nicht vorwerfen, nämlich das er langweilig sei. Selten war für mich ein DSA-Roman so spannend – und das nahezu vom Anfang bis zum Ende. Sicherlich liegt dies dran, dass der Autor genau weiß, welche Szenen man besser überspringt, z.B. verzichtet er darauf, seitenlang den Heilungsprozess verletzter Abenteurer zu beschreiben.

Hingegen sind auch die Nebencharaktere sehr ansehnlich und liebevoll gestaltet. Mein Herz gehört schon jetzt dem alten Treusorg Wasserträger, der – da macht der Autor auch keinen Hehl daraus – weit mehr ist als nur ein alter Mann. Doch welches Geheimnis er mit sich herumträgt, wird bis zuletzt nicht geklärt. Charmant wird auch der begnadete Koch, der rastullahgläubige Novadi Shabir, der selbst aus einem vergammelten Laib Brot ein wahres Festmahl zaubern kann, beschrieben.

Positiv ist mir außerdem aufgefallen, dass sich die Abenteurer im Laufe der Wochen auf See und durch die entstandenen Widrig- und Notwendigkeiten weiterentwickeln. Zwar wird der Grande vermutlich auf ewig ein Lüstling bleiben, doch letztendlich wird aus ihm ein halbwegs annehmbarer Kapitän. Dank der Magierin Alisande du Metuant wächst der verkopfte Marfan ebenfalls über sich hinaus. Besorgnis erregend ist hingegen die Wandlung von Nele. Das Schiffmädchen hegt zunehmend dunkle, größenwahnsinnige und blutrünstige Gedanken – was auch immer da kommen wird, mir schwant nichts Gutes.

Was könnte man kritisieren? Ich gebe zu, ich habe mich prächtig unterhalten gefühlt, vielleicht bin ich deshalb etwas nachsichtig. Man könnte sicherlich bemängeln, dass der Roman nicht sonderlich realistisch ist. Sicherlich sind die Zustände an Bord eines Schiffes nach einer derart langen Reise ekelerregend, doch ich für meinen Teil brauche keine genaue Beschreibung der verlausten und verfilzten Mannschaft oder des vergammelten Essens. Wenn ich eine Anmerkung habe, dann lieber Herr Wiesler, dass Segel nicht gehisst werden – auch wenn dieser Ausdruck häufig fälschlich verwendet wird. Ein wahrer Seemann würde jedoch nicht vom Hissen sprechen, denn so habe ich es gelernt: „Man hisst Flaggen, aber man setzt Segel.“ Es ist ein wenig wie beim Reiten, man steigt nicht auf (denn nur Berge werden bestiegen, oder – und das dürfte Ihnen gefallen – Sexualpartner), sondern man sitzt.

Fazit

Bei dieser Trilogie macht man also selbst eine lange, lange Reise mit, denn entgegen der allgemeinen Erwartung erreicht man Uthuria nicht – um genau zu sein: Der unentdeckte Kontinent ist noch nicht einmal in Sicht. 280 Seiten, auf denen quasi nichts geschieht, fragt man sich vielleicht, doch so ist es nicht. Denn eigentlich passiert eine ganze Menge, und die Mannschaft schliddert von einer schlimmen Situation in die Nächste. André Wiesler schreibt kurzweilig, flüssig, spannend und stellenweise witzig – kein Wunder, steht doch in der Autoren Beschreibung, dass der Wuppertaler auch als Lese-Komiker auftritt. Alles andere als spaßig ist der grandios widerwärtige Cliffhanger, mit dem der Autor einen am Schluss abspeist. Ich gebe zu, ich ärgere mich noch immer, möchte ich doch wissen, wie es nun – wo das Worst-Case-Szenario eingetreten ist – weitergeht, und wann werde ich den – bereits bestellten – zweiten Teil erhalten? Wenn alles gut geht, morgen im Laufe des Tages. Bis dahin hänge ich zappelnd in der Luft – und dafür muss man den Autor wohl loben, denn ja, ich will wissen, wie es weitergeht. Ich brenne darauf, zu erfahren, was die Helden noch alles erleben werden, welches Geheimnis den alten Treusorg Wasserträger umgibt und was das für eine Stimme ist, die mittlerweile die Oberhand über die kleine Nele gewonnen hat.

Gesamtwertung: 7 Einhörner

Bewertung Einhorn 7

 

Dieser Beitrag wurde unter 7 Einhörner, Das Schwarze Auge, Rezension, Roman, Uthuria abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.