Kors Kodex

Kors-Kodex-Cover

Gastrezension von Praifried

„Mit seinem Namen auf den Lippen stürzen sich die Jünger des blutigen Kriegsgottes Kor in die Schlacht, doch er gilt auch als Verfasser des Khunchomer Kodex, der von Alters her als Grundlage für Soldverhandlungen herangezogen wird. Die Großtat aber, die Ghorio in der Überlieferung seiner Kirche unsterblich machte, ist nichts im Vergleich zu dem, was im Exil auf ihn wartete. Vom besten Freund als Mörder angeklagt, verbannt die Kirche der Rondra den jungen Ghorio in den hohen Norden, wo er im Dienste der Theaterritter für seine Tat Buße tun muss. Immer weiter entfernt er sich von den Idealen seiner Göttin, und es dauert nicht lange, bis eine Stimme in seinem Kopf zu ihm spricht, die nach Blut und Kampf verlangt.“

So lautet der Klappentext des Romans Kors Kodex von Christian Lange. Ich habe das Buch innerhalb einer guten Woche auf dem Weg zur und von der Arbeit zurück gelesen, was nicht gegen den Roman sprechen soll, sondern eher für ihn. Ich habe ihn gern gelesen, aber dazu später mehr.

Die Handlung in Kürze

Die Geschichte spielt sich in den Jahren 291 BF bis 300 BF ab und behandelt die Strafe des Rondrageweihten Ghorio, die ihn nach Festum führt, wo er schmerzhaft erfahren muss, dass die dortige Rondrakirche einige sehr seltsame Ansichten pflegt. Außerdem quälen den jungen Geweihten Zweifel und eine seltsame Stimme, die immer wieder zu ihm spricht. Während seiner Zeit in Festum „freundet“ er sich mit dem Zwergen Dugall, Sohn von Niemandem, an, da dieser zur Söldnereinheit gehört, der Ghorio zugeteilt wird. Es dauert eine Weile, bis Ghorio merkt, dass der Marschall von Festum mit ihm ein böses Spiel treibt, so dass der junge Geweihte aus dem Süden schließlich versucht, sich aus den Fängen des Oberhaupts der Theaterritter zu befreien. Hinzu kommt noch, dass er Beweise für Kors göttliche Abstammung finden muss, um den weit verbreiteten Irrglauben, der Herr der Neun Streiche sei ein blutrünstiger Dämon, zu widerlegen.

Nach Jahren des Exils und der Wanderschaft, die leider nur in ein paar Sätzen abgehandelt werden, kehrt Ghorio schließlich vor Ablauf seiner ihm auferlegten Strafe nach Khunchom zurück. Dort erwartet ihn allerdings eine äußerst böse Überraschung, viel hat sich verändert und wenig zum Guten. Schließlich steht Ghorio vor seiner letzten Aufgabe und Prüfung: einem Zweikampf mit seinem ehemaligen Freund Surkan von Khunchom. Die während der Wanderschaft gefundenen kirchlichen Texte, die sich mit Kors Abstammung befassen, hat er zu einem Buch zusammen gefasst: Kors Kodex.

Dramatis Personae

Die Anzahl der wichtigen Personen hält sich in überschaubaren Grenzen. Da gibt es zum einen die Hauptfigur Ghorio von Khunchom, einen jungen Geweihten aus dem Tempel der Herrin Rondra in Khunchom, und seinen ehemaligen Freund und mittlerweile ärgsten Rivalen, Surkan von Khunchom. Weitere vorkommende Figuren sind mehr oder weniger wichtig, tauchen kurz oder auch länger auf. Allen voran sei da Gunbald von Neersand zu nennen, Marschall des Bornlandes und des Theaterordens, ein sehr seltsamer Rondrageweihter.

Lob und Kritik

Die Kapitel des Buches sind erfrischend kurz gehalten, so dass man viele Möglichkeiten hat, das Lesen mal zu unterbrechen, wenn man was anderes zu tun hat. Auf der anderen Seite führt es allerdings zu dem Gefühl, dass die Geschichte ein wenig unzusammenhängend wirkt, die großen Zeitsprünge zwischen einigen Kapiteln helfen da leider auch nicht weiter. Oft wollte ich gerne wissen, was in der Zeit zwischen zwei Kapiteln nun geschehen ist, das wurde aber dann leider oft mit ein paar kurzen Sätzen zusammengefasst.

Außerdem kommt meiner Meinung nach der Aspekt Kors als Gott der Söldner deutlich zu kurz, eher erscheint der Roman als Selbstfindung Ghorios zum Korglauben, gespickt mit Versuchungen durch Xarfai (und sogar Tyakraman). Der von ihm gesammelte Kodex erschien mir eher wie eine Sammlung kirchlicher Schriften, die Kors Abstammung zu Rondra beweisen sollen, und nicht wie ein Standardwerk für Soldverhandlungen und dergleichen. Der Fasarer Koraspekt wird meiner Meinung nach im Buch sehr gut beleuchtet, der Innere Kampf mit dem Drang, Blut zu vergießen ist Ghorio anzumerken. Aber der Khunchomer Aspekt, der des guten Goldes, kommt für ein Buch, das sich Kors Kodex nennt, viel zu kurz.

Ab dieser Stelle muss leider gespoilert werden!

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Ebenfalls eher negativ aufgefallen ist die Darstellung der in Festum herrschenden Theaterritter. Zwar beschreiben auch offizielle DSA-Quellen die Verrohung und das Abwenden der bornländischen Rondrakirche von den Werten und Traditionen ihrer Kirche, aber die im Buch geschilderten Zustände sind meiner Meinung nach schon ziemlich hart. Die Ermordung von Vasallen und das Anordnen von Vergewaltigung oder Tötung sind alles Dinge, die meiner Meinung nach doch irgendjemandem mal auffallen sollten, und wenn es eine andere Kirche ist. Die Tyrannenherrschaft von Gunbald von Neersand fußt auf dessen Desillusion und der Erwartung, Rondras Zorn auf sich herab zu beschwören, wenn er zu große Frevel begeht. Dass die Donnernde ihn nicht persönlich mit einem Blitz erschlägt, ist klar, da solche sterblichen Belange eine Göttin wenig interessieren, aber dass sich bisher niemand außer einer Handvoll ehrbarer Theaterritter gegen ein solches Vorgehen ausgesprochen hat, erscheint mir persönlich doch arg seltsam.

Erfrischend hingegen im Vergleich zu anderen DSA-Romanen ist das Fehlen von Liebesszenen. Ghorios romantische Anbandelungen, ganze zwei an der Zahl, enden wenig erfreulich (seine große Liebe in Khunchom hasst ihn, die in Festum gefundene stirbt durch die Hand von Surkan). Auch eine Vergewaltigung (durch Gunbald von Neersand angeordnet!) wird gnädigerweise eher ‚am Rande‘ beschrieben.

Die im Buch geschilderten Kampfszenen (und Ähnliches) bleiben jedoch in Romanmanier: Ein Schwertstreich allein ist tödlich, ebenso wie ein geworfener Dolch (dabei scheint fast jeder mit Wurfdolchen gut genug umgehen zu können, um mit einem normalen Dolch zielgenau zu treffen.) Aber das ist eben die Diskrepanz zwischen den Regeln der DSA-Welt und dem, was ein Roman liefern soll, wobei ich mir beim großen Finale ein wenig mehr gewünscht hätte. Da passiert Folgendes: Ghorio und der mittlerweile zum Tempelvorsteher ernannte Surkan kämpfen in der Arena zu Khunchom. Ghorio will Surkan mit diesem Kampf dazu bringen, Kor offiziell zum Sohn Rondras zu erklären, und er weiß auch, dass er bei diesem Zweikampf sterben wird. Mit Kors Hilfe wirkt er die Liturgie der Neun Streiche in Einem, was aber lediglich darin gipfelt, dass er Surkan die Hand abtrennt, während dieser ihm den Säbel durch den Oberkörper rammt. Von Kors Macht erfüllt verkündet Ghorio, tödlich getroffen, aber immer noch stehend, wer Rondras Scharfrichter ist und dass dieser kein Dämon sei, wie viele glaubten. Als Belohnung für seine Tat zieht Ghorio auf das Ewige Schlachtfeld ein, wo er seiner Kampfeslust nachgehen und sich mit anderen Erwählten messen kann. Ehrlich gesagt empfand ich es in diesem Moment als ein wenig armseelig, in was die zuvor groß beschriebene Liturgie gipfelte.

Trotz allem hat mir das Lesen durchaus Spaß gemacht, vor allem der zuvor bereits erwähnte Gewissenskonflikt Ghorios ist gut dargestellt. Lange Zeit war mir zumindest nicht ganz klar, ob es wirklich Kor war, der zu ihm sprach. Als Surkan ihn auf dem Weg nach Festum von Bord werfen lässt, hätte es auch gut ein Erzdämon sein können, der ihm Rettung verspricht. Auch zu einem späteren Zeitpunkt taucht ein gewisser Racheaspekt auf, der eher dämonische Einmischung vermuten lässt. Bis zum Zeitpunkt der Klärung, dass wirklich Kor zu Ghorio sprach, kann man durchaus vermuten, der dämonische Herr des blutigen Gemetzels oder gar der Herr der Rache würden in Ghorios Geist flüstern.

Aber, wie auch zuvor bereits angemerkt, kommt ein zweiter, sehr wichtiger Aspekt viel zu kurz: das Söldnertum und Kor als Gott der Söldner! Zwar wird hin und wieder mal erwähnt, dass auch Söldner den Herrn der Neun Streiche anbeten und Ghorio führt einmal eine schlecht ausgerüstete Söldner- bzw. Freischärlergruppe zum Sieg gegen ein paar gut organisierte Reiter, aber das der Khunchomer Kodex hauptsächlich ein Werk darstellt, auf dem Soldverhandlungen fußen, wird im Buch kaum klar. Meiner Meinung nach kommt das dadurch, dass hauptsächlich beschrieben wird, wie Ghorio Texte anderer Kirchen zusammenträgt, um die Verwandtschaft von Rondra und Kor zu belegen. Ob er die Richtlinien für das Söldnertum selbst aufstellt oder diese schon bekannt sind und von ihm nur schriftlich niedergelegt werden, ist, soweit ich gelesen habe, nirgendwo erwähnt. Eventuell könnte dies während seiner Wanderschaft oder zwischen seiner Abreise in Festum und seiner Ankunft in Khunchom geschehen sein, aber diese Episode wird in ein paar kurzen Sätzen abgefasst und lässt keine Rückschlüsse zu.

Ebenfalls fast schmerzlich vermisst habe ich die Erwähnung des Korspießes, DER Waffe der Korgeweihten schlechthin. Falls man die Geschichte um die Dschadra-al-Zul kennt, wundert man sich doch ein wenig, warum der in einer Vision Ghorios auftauchende Kor ein Schwert benutzt und nicht eben besagten Korspieß.

Was mich persönlich kaum gestört hat, aber andere Leser vielleicht stören könnte, ist, dass ich kaum mit anderen Figuren als mit Ghorio irgendwie Mitleid hatte oder mich ihnen verbunden fühlte. Entweder kam dies dadurch, dass sie zu wenig vorkamen oder aber, weil ich keine echte emotionale Bindung aufbauen konnte. Selbst als die arme, geschundene Antione Laikis stirbt, hat mich das kaum irgendwie berührt (und auch Ghorio …. naja …. kommt irgendwie schnell über ihren Tod hinweg).

Und wenn ich schon beim Meckern bin: von eher gemischter Qualität sind die jedes Kapitel überschreibenden Zitate aus unterschiedlichen Zeitperioden nach Ghorios Tod (meist aus der DSA-Neuzeit), die sich hauptsächlich um Ghorio oder aber um Kor drehen. Ein paar sind ganz nett, ein paar ganz witzig, aber einige auch meiner Meinung nach ziemlich daneben. Einen Korgeweihten aufzufordern, „erst einmal was Vernünftiges anzuziehen“, bevor man ihm Zutritt in die Stadt gewährt – die freche und lebensmüde Stadtwache würde ich gerne mal treffen.

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Spoiler Ende

Unpassende Formulierungen oder unpassende Wortwahl sind mir nicht unter die Augen gekommen, ganz im Gegenteil fand ich es ganz nett gemacht, dass Ghorio als Tulamide beispielsweise am Anfang mit den in Festum lebenden Goblins kaum was anfangen konnte und die Bezeichnung zunächst aus seinem Munde falsch geschrieben war.

Auf die Diskrepanz von Romanwelt und DSA-Regelsystem habe ich zuvor ja bereits hingewiesen: Wurfdolche sind eher selten tödlich, einen normalen Dolch zielgenau in einen Hals zu werfen ist im Regelsystem nicht ganz so einfach wie im Buch dargestellt und auch ein Schwerttreffer ist selten tödlich. Und die Liturgie der Neun Streiche…. Arm abtrennen…. lächerlich… . Rage Ende!

Obwohl … doch noch nicht ganz: das Cover des Romans ist meiner Meinung nach mehr als ungeeignet, es wirkte auf den ersten Blick auf mich wie ein Maraskaner, der auf einem Schlachtfeld versucht, einen Panther mit einem Langschwert zu töten. Ich hätte einen blutroten Einband mit schwarzem Korsymbol hübscher und passender gefunden. So, nun wirklich Rage ENDE!

Fazit

Nach all dem Negativen fällt meine Bewertung eventuell überraschend positiv aus. Woran mag das liegen? Ganz einfach, mir hat das Lesen Spaß gemacht, ich war gefesselt und wollte wissen, wie es weiter geht. Trotz der zuvor aufgezählten Schwächen, die mir ehrlich gesagt auch erst nach längerem Überlegen aufgefallen sind, hat mir die Lektüre von Kors Kodex sehr viel Freude gemacht.

Für Spieler eines Korgeweihten des Fasarer Weges bietet vor allem der Konflikt Ghorios sehr viel Inspiration, neunfingrige Glatzköpfe, die dem guten Gold zugetan sind, werden wohl eher enttäuscht sein.

Bewertung

Aus diesem Grund gebe ich dem Buch 6 von 9 Einhörnern. Eines fand es schade, dass der Kodex scheinbar nur ein zusammen gestellter Religionstext ist, eines schnaubt und findet die Umsetzung des DSA-Hintergrundes und der (Kampf-)Regeln nicht ganz so optimal umgesetzt, und eines ist vor dem Cover schreiend davon gelaufen.

Bewertung Einhorn 6

Mit freundlicher Unterstützung in Form eines Rezensionsexemplars von der Ulisses-Spiele GmbH und dem F-Shop.

Nandurion dankt Praifried herzlich für die Gastrezension!

Über Curima

Moin, ich heiße Lena, bin 32, komme aus Hamburg und spiele seit 2003 DSA. Ich spiele lieber als ich leite und schicke meine diversen Charaktere fast jeden Samstag durch Aventurien. Seit Mitte Mai 2012 arbeite ich bei Nandurion mit.
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2 Kommentare zu Kors Kodex

  1. Pingback: Tsatagswoche: Rezension zu “Kors Kodex” | Nandurion

  2. Pack_master sagt:

    Ich kann der Rezension voll zustimmen. Es fehlte der Bezug zum Kodex, einige Sachen waren zu beiläufig abgehandelt, was ist mit dem Spieß…
    Im Gegensatz dazu war Ghorios innerer Konflikt sehr schön dargestellt, und es war spannend zu lesen weshalb es doch eine recht gute Unterhaltung abgegeben hat.

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