Augmented Roleplay

Vergangenheit

Chainmail-1st-thumbEs ist rund 40 Jahre her, dass ein gewisser Herr Gygax zusammen mit einem Herren Arneson Dungeons and Dragons als Erweiterung des Tabletopspiels Chainmail entwickelte. Das Spiel baute auf Regel- und Abenteuerbüchern, Stiften und Charakterbögen, Bodenplänen und Miniaturen sowie natürlich Würfeln auf.

Mein eigener Einstieg ins Hobby kam etwas später – es müsste so 1997 gewesen sein, als mir meine Eltern das DSA AbenteuerBasisspiel schenkten. Inhalt: Regel- und Abenteuerhefte, Charakterbögen, Würfel. Zu ergänzen durch: Stifte, BodenPläne des Schicksals und, wenn man möchte, Miniaturen. Nachdem der erste Rekrutierungsversuch (meine Eltern) ähnlich bescheiden ablief wie wohl bei den meisten, dauerte es bis zu meinem Wechsel aufs Gymnasium 1999, Mitspieler zu finden. Dann hatte ich meine eigene Gruppe, die ich meistern konnte. Die Abenteuer aus der Zeit… naja, reden wir nicht drüber.

Ende 2002 stieß ich auf einen Spieleverein in der Nähe, der vom Altersdurchschnitt doch etwas über meinen damaligen Mitspielern und Mitschülern lag und bei dem ich auch gleich auf DSA4 umstieg. Die Hefte waren damit andere, ebenso die Charakterbögen, aber am grundlegenden Prinzip hatte sich nichts verändert, mit einer Ausnahme: Meine Sauklaue war mittlerweile selbst für mich schwer zu lesen und ich tippte lieber am Computer. Dementsprechend bastelte ich mir dort auch Charakterbögen zusammen, anfänglich ziemlich simple Worddokumente mit ein paar Tabellen und ohne großartige sonstige Formatierung. Einige Zeit später stieß ich auf die diversen Generierungsprogramme: Heldenwiege, heldenblatt.ch und weit später auch die Heldensoftware. Ich war (und bin noch immer) ein absoluter Fan der Komplexität von DSA4 und tüftelte gerne längere Zeit an einzelnen Konzepten herum, aber ich hatte ganz sicher nichts dagegen, die tumbe Rechenarbeit dem Computer zu überlassen, der sich mit Zahlenkolonnen besser amüsieren konnte als ich. Einziges Manko: Viele Programme sind etwas zu sehr von sich überzeugt und lassen keine Änderungen des Benutzers zu, was einerseits die schnelle Korrektur von Fehlern (Profession A fehlt die verbilligte SF B – warten wir auf den Patch…) und andererseits die Einbindung von Hausregeln (bei uns werden alle Steigerungen um X AP verbilligt, wenn man Lehren Y hat) verhindert.

Dann kam die Universität und damit der Laptop. Und nach einer Weile überlegte ich, weswegen ich die Bögen eigentlich noch regelmäßig ausdruckte, wenn ich auch gleich den Laptop zum Spielort mitbringen könnte. Platztechnisch hatten wir es glücklicherweise recht gut mit dem Jugendzentrum, in dem wir spielten – mit drei zusammengeschobenen Tischen hat man doch etwas mehr Raum als im heimischen Wohnzimmer. Über die abenteuerliche Verkabelung zur nächsten Steckdose (Akkuleistung? Was für Akkuleistung?) und einige Beinahestürze soll hier der Mantel des Schweigens gebreitet sein.

Nach dem Laptop kam das Netbook, nach dem Netbook das Androidtablet mit der tollen App DsaTab. Die kann Charaktere aus der Heldensoftware einlesen und abbilden, PDFs und Notizen verwalten und auch Proben würfeln. Und damit gehörten nach und nach alle traditionellen Materialen des Rollenspiels – Bücher, Charakterbögen, Würfel – der Vergangenheit an, einzig Karten zeichnete ich noch gegebenenfalls von Hand mit.

Gegenwart

Drachenzwinge-BannerGing es noch einen Schritt weiter? Aber sicher doch! Neben einigen meist wenig frequentierten Spielerbörsen entdeckte ich vor mittlerweile drei Jahren die Drachenzwinge, eine deutschsprachige Community von Spielern verschiedener Systeme, die über Teamspeak Runden veranstaltete. Nachdem bei Forenspielen immer recht schnell ein paar Spieler das Interesse verloren und das Geschehen im Monatstakt voranschritt, war Voicechat eine neue Art des Spiels für mich, die mich faszinierte.

Sicherlich hat das TS-Rollenspiel Nachteile: Es fehlt die Gestik und Mimik der anderen Spieler und durch die Soundübertragung kann man keine leisen Nebengespräche mit den Mitspielern führen, wenn der SL sich gerade einem einzelnen Charakter widmet. Da geduldig auszuharren erfordert eine gewisse Disziplin – und bei Netzproblemen der Mitspieler kann man meist auch nur abwarten. Auf der anderen Seite hat man plötzlich die Möglichkeit, mit Spielern aus der ganzen Welt zu spielen. Seine gesamte Büchersammlung griffbereit zu haben, ohne auch nur mit den anderen Spielern über Platzaufteilung am Tisch feilschen zu müssen. Nach dem Spiel ohne lange Autofahrt einfach ins Bett fallen zu können. Und man kann das Spiel auf vielfältige Art und Weise unterstützen: Manche Runden spielen nur mit einem einfachen Würfelbot oder würfeln gar daheim auf dem Tisch. Andere nutzen Programme (zumeist Maptool, Roll20 oder das kostenpflichtige Fantasy Grounds), die mit passenden, von den Entwicklern oder Spielern programmierten Plugins komplette Regelwerke abbilden können. In meiner Online-DSA-Runde habe ich seit Jahren keine Probe mehr von Hand ausgerechnet – ich klicke einfach das passende Talent an, gebe den Modifikator ein und lasse mir das Ergebnis mit TaP* ausgeben. „Klobige“ 3W20-Probe? Nicht für mich.

Zukunft

Auf der Nordcon entdeckte ich dieses Jahr die Kehrseite des Onlinespiels. Bei einer Partie Splittermond wollte ich im Kampf fix eine Probe würfeln, nur um plötzlich zu stocken: Was kamen da jetzt gleich alles an Boni drauf? Ringkampf, Am Boden, Überzahl…? Und wie viele Erfolgsgrade (also die Differenz [Wurf – Schwierigkeit] durch 3) hatte ich bei einer gewürfelten 17 plus Fertigkeitswert und Modifikatoren gegen Verteidigungswert 19? Da fiel mir erst auf, wie lange es her war, dass ich speziell Splittermond abseits des Computers gespielt habe.

Aber weshalb muss ich das überhaupt? Geschätzt 90% aller Rollenspieler tragen mittlerweile Computer mit sich herum, die trotz ihres Hosentaschenformats die Rechner, auf denen ich vor 15 Jahren meine Charakterbögen zusammengebastelt habe, locker in die Tasche stecken. Warum nutzen das so wenige? Und speziell: Warum nutzt das fast kein Verlag? Mit einer entsprechend ausgereiften App könnte man zum Beispiel Kämpfe deutlich verkürzen und gegen die ausufernde Buchhaltung vorgehen. Ein Kampf 5 gegen 5, in dem zwei Gegner am Boden liegen, zwei weitere zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Brand gesetzt wurden und regelmäßig Schaden erleiden, der letzte an einem Lähmungsgift leidet und idealerweise jeder Beteiligte seine eigene Initiative hat, statt im Paket abgehandelt zu werden? Mit der richtigen Software sollte die Verwaltung kein Problem sein. Und natürlich endet die Zahl der möglichen Features nicht dort. In Vampire oder Paranoia dem SL unauffällig fiese Zettelchen schreiben geht per Bildschirmtastatur auch weit leichter als auf Papier, genau wie das schrittweise Aufdecken einer vorbereiteten Dungeonkarte.

XcomBrettspielverlage sind da stellenweise schon weiter: Fantasy Flight Games brachte vor einem Jahr ein Brettspiel zu X-Com heraus, in dem bestimmte Zufallsfunktionen von einer App gesteuert werden. Andererseits stellt sich natürlich auch die Frage: Möchte man eigentlich, dass die Rollenspielverlage passende Apps rausbringen? Denn Programme entwickeln zu lassen ist teuer und nicht immer kommt dabei etwas gutes heraus. Mit sich bringen würde dies aber wahrscheinlich ein Verbot für äquivalente Fanprojekte, die als kostenlose (und potenziell bessere) Alternativen in die ohnehin schmalen Gewinnmargen schneiden würden. Aus Sicht des Fandoms könnten hier von den Verlagen unterstützte bzw. akzeptierte unabhängige Entwicklungen besser sein, auch wenn das bedeutet, dass die Verlage die Mechaniken ihrer Spiele nicht auf die Appnutzung ausrichten können.

Wer jetzt „Dann spiel doch gleich Computerspiele!“ sagen will, dem entgegne ich, dass mir beim reinen Computerspiel der Faktor Mensch fehlt. Computerspiele können nicht improvisieren, nicht jenseits der Maßgaben der Designer auf Ideen von Spielern eingehen und binnen ein paar Minuten einen kompletten Plot umstricken oder Hausregeln vereinbaren. Für eine längere Betrachtung unter anderem zu dem Thema empfehle ich die Wetten DSA…?Folgen 5a und 5b.

Dann gibt es natürlich noch das Traditionalistenargument: Es heißt Pen&Paper, nicht Smartphone&Tablet und die Nutzung solcher Gerätschaften zerstört die Stimmung. Einmal von Science-Fiction-Rollenspielen abgesehen, mag da was dran sein – aber hier muss man auch auf die tatsächliche Alternative achten: Nicht, ob die Stimmung gestört wird, sondern ob sie mehr gestört wird, als wenn der dramatische Kampf auf den Burgzinnen zur dreistündigen Würfelschlacht mit Tabellenwälzen, SF-Nachlesen und „Ups, für den kampfentscheidenden Spruch von vor drei Runden hatte ich ja gar nicht mehr die AsP!“ wird.

Eine ähnliche Vision hat übrigens auch Taranion vom RPGFramework geäußert. Im Gegensatz zu mir bastelt er auch schon an deren Verwirklichung. Man darf gespannt sein, was die Zukunft bringt.

Dieser Beitrag ist Teil der von der Zeitzeugin ins Leben gerufenen Essaysammlung „Wir spielen“. Weitere Beiträge findet ihr gesammelt hier.

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10 Kommentare zu Augmented Roleplay

  1. Pingback: „Wir spielen“ – eine Essaysammlung | Zeitzeugin

  2. Da ich meine Technik immer bei mir habe, ist mir der Ansatz durchaus sympathisch – auch wenn er mir nicht bei meiner eigenen Rollenspielrunde weiterhilft.
    Wir sind zu viert, spielen unregelmäßig und haben quasi selbstständig und ohne großartige Regelbücher uns irgendwie ein in Tamriel spielendes P&P zusammengeschustert.
    Wird allen traditionellen Spielern die Haare zu Berge stehen lassen, aber wir haben Spaß 😀

  3. Pack_master sagt:

    Der einzige Grund, warum wir irgendwas in der Art am Tisch erlauben würden wäre, dass eine Mitspielerin mit nichtexistenter Ordnung und Zettelsammlung schneller ihre Werte parat hat (Chaos wird von ihr neu definiert). Andere elektronische Helfer wollen wir nicht am Tisch, denn wie gesagt – es heißt P&P, und mit Tablet oder Smartphone in der Hand sinkt die Aufmerksamkeit lawinenartig, wie wir regelmäßig feststellen und diese deshalb regelmäßig neu vom Tisch verbannen.

    • Curima sagt:

      Geht mir auch so. Ich hab keine andere Uhr als die auf dem Smartphone und wenn ich das dann mal auspacke um zu schauen, wie spät es ist, endet das in 70 % der Fälle damit, dass ich 10 min später von Sedef böse angeschaut werde (zu recht), weil ich doch noch erstmal Twitter, Quizduell und meine Mails checken musste … die Dinger sind einfach sehr ablenkend.

      Wobei ichs für Nicht-am-Tisch-Spielen doch sehr cool finde, welche technischen Möglichkeiten es inzwischen gibt.

    • Bluthandel sagt:

      Als Meister ist mir das Netbook unverzichtbar, denn ich brauche zum möglichst-nahe-am-aventurischen-Hintergrund-improvisieren einfach eine permanente Nabelschnur zu Wiki Aventurica. Und ohne Musik kann ich auch nicht mehr (ich brauche die vor Allem, um mich selbst zu inspirieren). Allerdings macht mich der Bildschirm auch schnell Blind und Einfallslos, weswegen ich ihn auch ständig schwarz schalte. Die Besten Ideen kommen mir fernab des Rechners.

      Und Heldenbögen nur am PC? OK, die Heldensoftware regelt, aber zum Spielen will ich Chars dann doch bitteschön auf Papier haben. Hat einfach das gewisse Etwas, ganz abgesehen davon, dass meines Erachtens auch die Fokussierung verloren geht, wenn JEDER immer wieder auf einen Screen schaut; schon allein das Leuchten kann in stimmig-schummriger Umgebung nerven.
      Noch frevlerischer erscheint mir das digitale Würfeln: Wenn man der 3W20 Probe etwas Positives nachsagen kann, dann, dass sie durch den vergleichsweise aufwändigen Prozess und die Streuung immer wieder kleine Spannungsmomente erzeugt („würfel-würfel-schwitz-passt es?“)… Das ist schön und ginge mir völlig ab am PC. Für mich ist das einfach eine der zahlreichen Komponenten, die eine schöne DSA Runde ausmachen.
      Schließlich besteht auch noch die Gefahr, sich am Bildschirm ganz anderweitig abzulenken. Mit einem Freund gab´s neulich Ärger, weil er „mal kurz bei Hearthstone“ reinschauen wollte; sein Charakter war von der restlichen Gruppe getrennt und gerade nicht aktiv. Für mich passt das nicht zum DSA-Spielen und ist den anderen Chars gegenüber auch respektlos. Entweder ich mache das Eine und lasse mich wirklich darauf ein, oder ich mache halt was Anderes (z. B. Spiele zocken).
      Deshalb hat bei uns meistens nur der Meister eine Maschine vor sich. Ich mag als Spieler auch meinen stetig wachsenden Aktenordner mit den Chars und damit verbundenen Erinnerungen…

      • Xeledon sagt:

        Der Punkt, den du und Curima da mit der Ablenkung durch den Rechner ansprechen, ist halt im Grunde auch und vor allem eine Frage der Selbstdisziplin. Konsequent ist es hier, wenn ich selbst genau weiß, dass ich mich da zu leicht ablenken lasse, die entsprechenden Geräte gar nicht erst auszupacken.

        Gleichzeitig widerstrebt mir aber der pseudo-pädagogische Ansatz, aus der eigenen negativen Erfahrung eine Verhaltensmaxime für die Mitspieler ableiten zu wollen. Möglicherweise kommt der Mitspieler ganz gut damit zurecht, seinen Heldenbogen ausschließlich digital vor sich zu haben und führt sich dadurch nicht dazu verleitet, nebenher im Internet zu surfen oder irgendwelche Spiele zu spielen. Vielleicht ist er ja tatsächlich hinreichend Multitasking-fähig, dass er das hinbekommt, ohne dass darunter seine Teilnahme am gemeinsamen Spiel leidet. Das dürfte zugegebenermaßen die absolute Ausnahme sein, aber auch das habe ich ebenso schon selbst erlebt wie dass ein Spieler sich ohne jedwede Form der „instrumentellen Ablenkung“ zwischendurch mal geistig ausklinkt. Insofern sehe ich hier das Problem nicht in der Gerätenutzung an sich, sondern im jeweiligen Umgang damit. Grade die Frage, ob jemand einen Charakterbogen ausgedruckt oder nur am Bildschirm nutzt, halte ich (zumindest wenn man eventuelle Probleme, die sich durch die tatsächlichen Auswirkungen auf die Beleuchtungsverhältnisse am Spielort oder ähnliches ergeben, mal außen vor lässt) für eine reine Frage des persönlichen Geschmacks, wo ich mich auch bei meinen Mitspielern niemals einmischen wollen würde. Ich verstehe durchaus den Punkt, dass für einen selbst der gedruckte Heldenbogen und das rumkritzeln mit Stift und Papier ein wichtiger und atmosphärerelevanter Bestandteil des Rollenspielerlebnisses ist. Nur sollte man das meiner Meinung nach auch immer als persönlichen Standpunkt anerkennen und sich nicht einreden, dass alle Mitspieler das genauso sehen.

        Selbst wenn aber einer oder mehrere Mitspieler nebenbei an irgendeinem Gerät spielfremde Dinge tun (meine persönliche Hasskappe war da während irgendwelcher WMs die Forderung, nebenher den Fernseher laufen zu lassen…), sollte ich mich auch fragen: Warum stört mich das eigentlich? Mir fallen da spontan die folgenden Varianten ein, wobei es im realen Fall sicherlich hauptsächlich Mischformen geben dürfte.
        1) Ist es die eigene Versuchung, dasselbe in dem Moment dann auch tun zu wollen, quasi eine merkwürdige Form von „Neid“? Beziehungsweise die beständige Erinnerung an das unterschwellige Dauergefühl unserer digital vernetzten Welt, dass man in jedem Moment so viele andere Dinge verpasst? Wenn dem so ist und ich die eigenen Empfindungen in dieser Richtung nicht in den Griff bekomme, muss ich idealerweise dafür sorgen, dass die Ablenkung verschwindet – entweder indem ich den Mitspieler darum Bitte sein Tun aus Rücksichtnahme zu unterlassen oder indem er das eben so tut, dass ich es selbst nicht mehr mitbekomme.
        2) Ist es das Gefühl, der Mitspieler würde das gemeinsame Rollenspiel nicht ausreichend würdigen? Quasi eine Art von „Kränkung“, weil der andere dem Spiel nicht dieselbe Bedeutung beimisst, wie man selbst? In dem Fall finde ich, dass man sich besser schleunigst klarmachen sollte, dass das gemeinsame Spiel eh jeder für sich selbst ganz individuell erlebt und das deswegen auch in unterschiedlicher Weise wertschätzt. Im Grunde ist das auch völlig okay, für den einen ist das Rollenspiel eben bestimmendes Element des gesamten Privatlebens, für den anderen nur ein eher nebensächliches Hobby unter vielen – ohne dass der eine deswegen automatisch auch mehr Spaß daran hat als der andere. Grade als Spielleiter kann man natürlich ganz leicht eingeschnappt sein, wenn die Spielrunde das, was man für sie vorbereitet hat, nicht in ausreichendem Maße zu würdigen weiß – und auch wenn dieses Gefühl wahrscheinlich jeder Spielleiter zur Genüge kennen dürfte, sehe ich solche Situationen immer in erster Linie als Anlass zur Selbstkritik. Wenn der Spieler sich offensichtlich lieber mit seinem Handy beschäftigt als mit dem Abenteuer, habe ich als Spielleiter offensichtlich darin versagt, ihn wirklich anzusprechen und mit der gemeinsam erzählten Geschichte zu fesseln. Denn wenn es im Rollenspiel wirklich fesselnd wird, dann denkt der Mitspieler doch überhaupt nicht daran, nebenher irgendwelche anderen Dinge mit seinem Handy zu tun – dann bricht erfahrungsgemäß selbst der Chips- und Cola-Konsum schlagartig ein.
        3) Ist es die tatsächliche Ablenkung des Mitspielers, die den Spielfluss behindert, weil er nicht mehr auf Spielsituationen reagiert, an denen er selbst direkt beteiligt ist? In dem Fall dürfte man wohl relativ simpel zu dem Ergebnis kommen, dass der Mitspieler sich schon entscheiden sollte, ob er jetzt mit den anderen zusammen spielen oder lieber doch seinen anderen Kram machen möchte. Grade in „Notfall-Situationen“ halte ich es auch für durchaus akzeptabel, wenn sich ein Mitspieler mal für eine Weile komplett aus der Gruppe ausklinkt, um irgendwelche dringenden realweltlichen Belange zu erledigen, nur sollte das auch ganz offen so kommuniziert werden und nicht „heimlich“ nebenher erledigt werden, während die Mitspieler eigentlich davon ausgehen, dass man seine Aufmerksamkeit dem gemeinsamen Spiel widmen kann, soll und will.

        Insgesamt würde ich auch in dieser Frage zu einem hohen Maß an Gelassenheit und Toleranz raten. Letztlich muss zunächst jeder Spieler seinen eigenen Umgang mit technischen Hilfsmitteln am Spieltisch und die Gruppe als ganzes dann eine für alle akzeptable gemeinsame Spielweise finden. Auch sollte man nicht außer Acht lassen, dass sich irgendeine Form der Ablenkung immer finden wird und technische Gerät hier nicht zwingend das eigentliche Problem darstellen. Wenn ich mich mit meinen Freunden zehn Stunden am Stück im dunklen Keller einschließe, ist es auch völlig okay (und letztlich wohl auch ziemlich unvermeidlich), dass sich der eine oder andere zwischendurch mal eine Weile geistig ausklinkt. Ob der dann einfach mit offenen Augen schläft, ziellos in irgendeinem Regelwerk stöbert, irgendwelche Knabbereien in sich reinstopft oder auf seinem Handy rumdrückt, macht für mich da ehrlich gesagt keinen großen Unterschied.

        • Bluthandel sagt:

          Am Ende kommt es ganz einfach und schlichtweg darauf an, womit alle Beteiligten am Spieltisch leben können. Mag sein, dass ein Spieler sich „nicht ablenken lässt“ oder „besonders multitasking-fähig“ ist. Aber wenn ich mich z. B. dadurch gestört fühle bzw. für mich Immersion und Flair nachhaltig leiden, dann muss das im Gruppenkonsens geklärt werden (oder ich suche mir eben eine andere Gruppe). Weswegen ich tatsächlich auch nur mit Leuten zusammenspiele, die da ganz ähnlich ticken wie ich. Bekanntermaßen gibt es unendlich viele verschiedene Arten, DSA zu spielen, und die Eine ist so legitim wie die Andere – solange die jeweils Beteiligten Spass daran haben.

          Dass es mir nicht um einen „pseudo-pädagogischen Ansatz“ geht, sondern um meinen individuellen Begriff von Atmosphäe und um Rituale, die das Spiel für mich positiv besetzen, sollte aus den von mir genannten Gründen für meinen persönlichen Standpunkt zu dem Thema auch klar geworden…

          • Xeledon sagt:

            Prinzipiell bin ich da ganz bei dir: Letztlch muss jede Gruppe ihren eigenen Konsens finden. Ich tu mich nur schwer damit, nachzuvollziehen, dass die Frage, ob ein Charakterbogen nun auf einem Blatt Papier oder einem Tablet dargestellt wird, tatsächlich einen merklichen Einfluss auf die Immersion oder das empfundene Flair haben kann. Aber gut, dann ist dem halt bei dir so. *Achselnzuck*

  4. Pingback: „Wir spielen“ mit der Zeitzeugin | Nandurion

  5. Xeledon sagt:

    Wer mit App und Tablet als Komfortfunktion klarkommt und daraus seinen Nutzen zieht, soll das gerne tun, dann kann das durchaus eine sinnvolle „Augmentierung“ sein. Ich persönlich bin da wohl einfach eine Ecke zu altmodisch und spiele lieber auf einem „Low Tech“-Level. Insbesondere verkehrt sich für mich der „nützliches Gimmick“-Effekt technologischer Hilfssysteme dann in sein Gegenteil, wenn es ohne nicht mehr geht, ich also zwingend darauf angewiesen bin. Denn selbst wenn ich das ein oder andere Hochtechnologie-Gadget nutze, möchte ich keine Situationen erleben, in denen das Spiel aufgrund von Netzwerk-, Handy-Empfang- oder Stromversorgungs-Problemen plötzlich nicht mehr möglich ist. Und erst recht möchte ich nicht erleben, dass ich womöglich einzelne Spieler ausgrenzen muss, die das diesbezügliche Hochrüsten am Spieltisch nicht mitmachen können oder wollen. Insofern werde ich die entsprechende Nutzung von computerbasierten Systemen jedweder Art sicherlich nicht verteufeln oder gar meinen Mitspielern verbieten wollen, eine Abhängigkeit von solchen möchte ich aber unbedingt vermeiden.

    Das Grundproblem ist für mich ohnehin folgendes: Wenn ich ohne Computerunterstützung so große Probleme im Umgang mit dem Regelwerk bekomme, dass darunter die Atmosphäre am Spieltisch leidet, dann taugt das Regelwerk nicht viel und sollte dringend vereinfacht werden. Und selbst DSA4.1 haben wir am Spieltisch immer ganz gut im Griff gehabt, auch wenn wir dabei dann die ein oder andere Optional- und Expertenregel entweder generell oder teilweise auch nur situationsabhängig großzügig ignoriert und uns garantiert recht häufig bei der korrekten Berechnung von Modifikatoren vertan oder diese durch eine grobe Spielleiterabschätzung ersetzt haben. Die Ulisses-Rollenspiel-Polizei ist deswegen immerhin bislang auch noch nicht auf uns aufmerksam geworden. 😉

    In der Praxis habe ich – je nach vorhandener Infrastruktur am Spielort – ganz gerne meinen Laptop beim Spielen dabei, der für mich im Wesentlichen zwei Funktionen erfüllt: Zum einen spart mir die Verwendung der PDF-Versionen von Regel- und anderen Nachschlagewerken das Mitschleppen des ein oder anderen Buches (wobei ich die häufiger benötigten Bände – Zoo-Botanica für spontane Wildnisbegegnungen – dann doch gerne physisch dabei habe), was insbesondere bei DSA ja ein nicht zu verachtender Faktor ist. Zum anderen kann ich als Spielleiter über den Laptop für Musikuntermalung sorgen. Interessanterweise hat die eigentlich beabsichtigte Nutzung als Notizbuch-Ersatz bei mir bisher nie so recht funktioniert. Dafür verwende ich dann ganz gerne die „MeisterGeister“, allerdings in erster Linie um spontan benötigte NSCs auswürfeln zu lassen und um die Ingame-Zeit festzuhalten. Prinzipiell toll fände ich als Spielleiter auch die Möglichkeit, Karten und/oder Illustrationen digital mitnehmen und für die Spieler jeweils passend einblenden zu können, das scheitert bisher aber einfach an der Infrastruktur (Beamer und teilweise auch Internet – der WLAN-Empfang im Gewölbekeller reicht einfach nicht für DereGlobus und Co.).

    Zu guter Letzt ist aber das – für mich zu einer guten Rollenspielrunde doch dazugehörende – Würfeln eine Sache, die ich persönlich aber nur dann dem Computer überlassen würde, wenn weit und breit keine von diesen merkwürdig geformten Plastikklötzen aufzutreiben wären. Es gibt einfach keine Bildschirm-Variante, die ich auch nur im Ansatz als so befriedigend empfinden würde wie den tatsächlichen physischen Würfelvorgang. Insofern werde ich in diesem Punkt wohl auf ewig „Old School“ bleiben.

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