Passierschlag über den Dere-Rand: Skat

Einleitung

Skatblatt_Turnierbild

Französisch oder Deutsch? Auf jeden Fall uneinheitlich! — Quelle: Wikipedia

Schätzungsweise 3 Millionen Menschen in Deutschland spielen regelmäßig Skat – aber das alleine sagt noch nichts über die Qualität von des Deutschen liebstem Kneipenspiel aus. Von daher ist es an der Zeit, die aktuellen Regeln der Mutter aller massenkompatiblen Kartenspiele einmal einer neutralen Begutachtung zu unterziehen.

Dieser schwierigen Aufgabe gestellt haben sich die drei Nandurion-Gesichtsältesten Vibart, Salaza und Josch – alles in allem über 100 Jahre an geballter Kompetenz in den Bereichen Gamedesign, Zockerei und Wirtschafts Kneipen-Mathematik. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und Mitdiskutieren.

Das Design

Josch: Das Spielmaterial ist relativ schlicht, dafür aber handlich. Es besteht aus 32 beidseitig bedruckten Pappkarten, deren Rückseiten stets identisch bedruckt sind und deren Vorderseiten jeweils einen bestimmten Wert symbolisieren. Was hier sofort ins Auge fällt, ist der offene Nationalismus der gängigen Hersteller. Hier werden Produkte schamlos mit „Französisches Blatt“ oder „Deutsches Blatt“ beworben, obwohl keinerlei nennenswerte Sprachelemente auftauchen, von der Verwendung von vier Symbolbuchstaben einmal abgesehen. Inzwischen gibt es als vermittelnden Versuch das „Französische Blatt mit deutschen Farben“, wobei auch dieser fadenscheinige Kompromissversuch allein die Unfähigkeit der Macher zu politisch neutralen Lösungen und die fatale Bereitschaft, es allen Recht machen zu wollen, dokumentiert.

Salaza: Die vier im Spiel verwendeten Spezies – Kreuz, Pik, Herz und Karo – sind wahllos ausgesuchte Symbole, die einfach eine Vier-Gruppen-Trennung in Speziesfamilien ermöglichen sollen. Jede dieser Familien hat den gleichen Aufbau. Dies macht das System für Einsteiger leichter zu lernen, andererseits bei längerem Spiel auch etwas langweilig. Hervorzuheben ist die bildliche Gestaltung von jeweils drei Karten jeder Familie, dem König, der Dame und dem Bauern. Diese sind mit jeweils eigenen Portraits versehen, wobei es sich die Künstler doch etwas leicht gemacht haben: Jede Karte ist im Endeffekt nur halb gestaltet. Diese Hälfte wird durch 180° Drehung auf die zweite Hälfte kopiert (mit minimalen Anpassungen im Schnittbereich) und ergibt so die fertige Karte. Enttäuschend ist hingegen, dass die höchste Karte einer Familie, das As, die schlichteste Darstellung ohne Bild erhalten hat. Da fragt man sich: Warum? Ging hier das Geld aus? Auch die niederen Karten 7, 8, 9 und 10 zeigen eher ein spartanisches Design. Es fällt auch auf, dass das Blatt willkürlich mit der Zahl 7 startet, während das As gleichzeitig die höchste Karte und die 1 darstellt. 2 bis 6 fehlen hingegen. Auch hier nur die Frage: Warum? Vollkommen unintuitiv.

Vibart: Schauen wir uns die bildlich gestalteten Karten an. Das Design ist eher bieder-barock zu nennen. Beim häufig benutzten „Französischen Blatt“ ist außerdem eine unnötige Vermischung von realweltlichen Vorbildern zu erkennen, die zudem mit willkürlicher Familienzusammenstellung einhergeht und so skurril-konstruiert wirkt. So besteht die Kreuzfamilie aus Alexander dem Großen, der Jungfrau Maria und dem Ritter Lancelot, Pik portraitiert König David, die Göttin Athene und Holger Danske, einen Vetter Karls des Großen. Letzterer gehört aber als König der Herzfamilie an, mit der Dame Judit und dem Buben Étienne de Vignolles, einem Streiter an der Seite Jeanne d’Arcs. Karo wird schließlich von Julius Cäsar, Rachel und Hektor gebildet. Die waghalsige Vermischung historischer und symbolischer Figuren einerseits und etlicher geschichtlicher Epochen andererseits scheint ohne System erfolgt zu sein. Ein professioneller Spieledesigner mit einschlägigem akademischen Hintergrund scheint hier nicht eingebunden gewesen zu sein – was allerdings im Einklang mit der bisherigen Spielentwicklungspraxis steht, in der man die Unkenntnis der Entwickler als „genialen Dilettantismus“ stets umzuetikettieren bemüht war – wenn auch erfolglos.

Das Spiel

Vibart: Skat ist ein Rollenspiel, bei dem man keine vollständigen Personen darstellt, sondern sog. „Hände“ spielt. Diese Hände sind in Klassen eingeteilt, die teilweise Speziesnamen tragen (Kreuz, Pik, Herz, Karo), teils in Richtung einzelner Berufsfelder zielen (Grand für Adelsspieler, Null für den eher zwielichtigen Streuner). Wie in anderen Rollenspielen auch, sind die Eigenschaften über Werte festgelegt. Dabei hat der Zufall jedoch massiven Einfluss. Die gesamte Hand wird randomisiert aus einem Kartendeck ausgeteilt, ein Wunschkonzept ist so leider nicht spielbar. Ein modernes Generierungssystem sieht anders aus. Skat selbst lebt derlei traditionelle Altertümlichkeiten aber provokant aus und kommt damit dem deutschen Bedürfnis nach Glorifizierung des Status Quo entgegen. Handspiele sind übrigens vollkommen imba. Genau wie das sog. „Null“-Spiel (dessen Name natürlich etwas ganz anderes suggeriert – mal wieder schlecht geklaut, statt gleich richtig gemacht). Aber auch dieser Fehler ist natürlich schon in der ersten Edition angelegt.

Salaza: Ein weiterer schwerwiegender Fehler ist, dass selbst Spieler mit einer perfekten Hand nicht ihr Konzept spielen können, da das Spiel per se immer nur 1/3 aller Wunschkonzepte in der Umsetzung erlaubt. Hierbei wird zudem eine unnötig konfrontative Situation zwischen den Spielern erzeugt, passenderweise Reizen genannt, bei der die Konzepte mit willkürlich vom System bestimmten Werten gegeneinander antreten. Um auch nur einen gewissen Überblick über die Möglichkeiten des Reizens zu erlangen, sind aufwändige Abbildungen vonnöten, die zugleich verdeutlichen, warum Skat als Einsteigerkartenspiel denkbar ungeeignet ist:

Skat Reizen Tabelle

Ist es das Periodensystem? Ist es die DSA-SKT? Nein, es sind die Regeln zum Reizen. — Quelle: Wikipedia

Josch: Du sagst es! Man stelle sich doch bitte einmal vor, wie man als Skatneuling mit zwei weiteren Noobs zusammen am Tisch sitzt, um einmal dieses Cardgame auszuprobieren, von dem die älteren Semester schwärmen, und dann holt jemand dieses Regelungetüm raus! Selbst die SKT eines Rollenspieldinosauriers wie DSA ist da ein Klacks gegen, zumal vom Skatspieler auch noch verlangt wird, die Reihenfolge der Reizwerte auswendig (!) aufsagen zu können. Ein Vorteil ist zwar, dass das Spiel so keines Spielleiters bedarf – Meisterwillkür und Raildroading sind somit ausgeschlossen. Andererseits werden kontinuierlich künstliche „2 gegen 1“-Situationen erzeugt (bei drei Spielern setzt nur einer sein Konzept durch und spielt daraufhin gegen die anderen), was nicht nur aus Balancing-Gründen schlecht durchdacht ist, sondern auch allein Spielertypen anspricht, die hoch auf der Competition-Skala des Robert/Smith-Modells scoren. Dass die Aufmachung der Karten eher Aestheticists bedient, suggeriert eine Konsensfähigkeit des Game-Offers, die im Shuffle-Contract so nicht eingelöst werden kann. Somit klarer Fall von dysfunktionalem Ruledesign.

Auch enthält das Regelsystem in Serienproduktion Stilblüten und Anfängerfehler, die einem die Schamesröte ins Gesicht treiben und zeigen, wes Geistes Kind die Macher waren. Hier eine – wirklich selektive und äußerst kleine – Auswahl, die das Grauen in seiner ganzen Dimension aber kaum fassen kann.

 „1.1.1 Das Skatspiel ist ein Kartenspiel für drei oder mehr Personen. Das Einzelspiel wird von einem Alleinspieler und zwei Gegenspielern bestritten.

1.1.2 Das Skatspiel kam im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Altenburg auf. Es ist aus grundlegenden Elementen verschiedener älterer Kartenspiele hervorgegangen.“

Frage: Wen interessiert das? Was soll diese Selbstbeweihräucherung? Wozu wird hier wertvoller Contentspace verschwendet?

„Bei einem überreizten Spiel mit Skataufnahme muss das Vielfache des Grundwertes des angesagten Spiels berechnet werden, damit der Reizwert mindestens erreicht wird. In die Spielliste ist neben dem Grundwert und den Spitzen „überreizt“ einzutragen, wenn ein Spielwert nicht möglich ist.“ „Ist der Alleinspieler gezwungen, eine höhere Gewinnstufe zu erreichen, muss ihm bei unberechtigtem Ausspielen oder einem anderen Regelverstoß der Gegenpartei die fällige Gewinnstufe ausnahmsweise zuerkannt werden, sofern diese noch nicht von den Gegenspielern erreicht wurde (siehe aber > 5.4.3).“

Seufz. Das alte Lied. Ausnahme wird auf Ausnahme gestapelt, bis man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

„Jedem Teilnehmer ist es gestattet, Regelverstöße sofort zu beanstanden.“

Hält uns das Regelsystem für unmündig und vollkommen bescheuert? Welcher Theaterpädagoge hat das denn entworfen?

„Wird falsches Bedienen erst im weiteren Spielverlauf oder nach Beendigung des Spiels festgestellt, so muss es rückwirkend vom Regelverstoß an als beendet angesehen werden. Die Entscheidung regelt sich gemäß der zutreffenden Bestimmung > 4.1.3 bis 4.1.“

Na super. Ich filibuster das System … In der erratierten Fassung von 1919 oder nach der Weimarer Edition 2? Wie kann jemand eigentlich seinen Job behalten, der so was verzapft?

Ein Blick auf die Zukunft

Skat Spieler

Skat hat eindeutig ein Nachwuchsproblem. — Quelle: Wikipedia

Vibart: Die Ankündigung von Achilles-Spiele, Skat 2.0 in Rücksprache mit den Fans zu entwickeln, löste zunächst große Begeisterung aus. Schon bald aber machte sich große Enttäuschung breit, denn es war klar, dass an den zentralen Bugs (jetzt als „Eckpfeiler“ umetikettiert) nicht würde gerüttelt werden. Skat wird auch weiterhin auf das K32-System anstatt auf eines der modernen, ausgewogenen Verteilungssysteme setzen, die beispielsweise auf Grundlage des Gini-Index oder integrierter e-Funktionen berechnet wurden. Auch Balancing-Probleme wie Grand oder das sog. „Null“-Spiel stehen nicht zur Diskussion, stattdessen reiben sich in den einschlägigen Foren die Diskutanten bei Nebensächlichkeiten wie etwa der Frage auf, ob die stille Spitze einen, keinen oder zwei zusätzliche Punkte beim Reizen bringen und die Schneidergrenze besser bei 30 oder bei 29 angesetzt werden sollte. Vollkommen zurecht monieren daher versierte Blogger, dass hier mit heißer Nadel eine mäßig motivierte Erratasammlung gestrickt wird, die man am besten gleich als PDF und gratis zur Verfügung stellen sollte. Auch das neue Cover und der flashig gewählte Name kommen beim Publikum bislang – vollkommen zurecht – nicht an.

Josch: Ich hatte mir von der nächsten Edition von Skat einen mutigen großen Wurf erhofft, die bisherigen Ankündigungen geben mir aber keinen Grund, meine Entscheidung zu bereuen, nur noch Kartenfetz zu zocken – ein Spiel, das durch ein realistisches Gamedesign (der Punktwert der Charakterbilder wird auf Grundlage des Bourdieuschen Systems errechnet) besticht und es zudem ermöglicht, verschiedene Versionen des Bauernskats im Nu zu konvertieren.

Fazit

Josch: Skat ist genau so, wie sich Deutsche ein Kartenspiel wünschen: Vier Jungs zusammen räumen alles ab, und drumherum werden die Frauen mit der Sieben gepiekt! Offenkundig ist zudem, dass Skat bis zum Plagiat bei Schafskopf abgeschrieben hat, aber keinerlei Mehrwert aufweist. Statt die Skatregeln zu mixen, bietet es sich stattdessen an, Schafskopf in einer der aktuell frei verfüglichen Lizenzvarianten wie SHeEp-Hat 3.5, Schummel/X oder M.Ä.H.S.C.H zu spielen, die gratis im Netz verfügbar sind – oder, wie schon tausendmal erwähnt, gleich zu Kartenfetz zu wechseln.

Vibart: Die Skat-Regeln wirken wie eine unglückliche Mischung aus Mau Mau und Doppelkopf, das seinerseits schon kein Fortschritt gegenüber 17&4 oder 32-heb-auf war angesichts der Unmengen an Sonderregeln zu Super-Sau, Fuchs, Hochzeit und Wasnichtalles. Dass dieses Spiel jemals so populär werden konnte, ist allein durch die Ignoranz und selbstverschuldete Unmündigkeit des Durchschnittskartenspielers zu erklären. Am besten gar nicht erst damit anfangen und gleich richtig zocken lernen.

Salaza: Ich empfehle dem geplagten Spieler eher, alles mit den UNO-Universal-Regeln zu spielen, am besten in der Herrengedeck-Edition (revised). Da sieht man wenigstens, wie ein modernes, schlankes Kartenspielregelsystem aussieht. Skat hingegen ist reinster Bockhirschmist, bei dem nur noch ein vollständiger Reboot mit dreifach vergrößerten Kartendecks retten könnte, was zu retten ist  – derlei notwendige Maßnahmen werden aber auch wohl in Zukunft vom ultraorthodoxen Flügel der traditionell konservativen Skat-Fanboyschaft blockiert werden. Schade.

P.S. Seid auch nächste Woche wieder dabei, wenn wir uns im Passierschlag über den Dere-Rand fragen: „Quo Vadis, Abseits? Der überarbeitete DFB-Regelkanon im großen Praktikabilitätscheck.“ 

Über Nick-Nack

Nick-Nack heißt eigentlich Daniel und spielt seit Ende der 90er Jahre Das Schwarze Auge. Nach einer fast 10-jährigen Rollenspielpause stieg er Anfang 2015 wieder in das Hobby ein und betreibt seitdem unter anderem einen YouTube-Kanal, auf dem er seine Rollenspielrunden zeigt und Tipps und Tricks zum Hobby austauscht.
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