Das Geheimnis des Drachenritters – Passierschlag

Liebe Leserin, lieber Leser,

über die neue Einsteigerbox wurde schon viel geschrieben. Zahlreiche Rezensenten haben den Inhalt der Box beschrieben, analysiert, beurteilt. Daher versuche ich gar nicht erst, die Sache objektiv und systematisch anzugehen, sondern will an dieser Stelle völlig subjektiv meine Meinung zur Box kundtun.

Es liegt in der Natur der Sache, dass daher keine umfassende Analyse, sondern stattdessen ein kurzer Check folgt. Und bei Nandurion hat es Tradition, dies auch Passierschlag zu nennen, da man dem Werk quasi im Vorbeigehen einen Schlag verpasst – oder vielmehr ein persönliches Urteil.

Soll ich weiter schwafeln? Nein? – Dann kommen jetzt sechs Punkte, die mir gut gefallen, sowie drei Punkte, die mich gestört haben. Es wird also spannend.

1Umfang des Paketinhaltes

Das Paket, das man als Käufer erhält, ist umfangreich, und ich meine damit verdammt umfangreich! Ohne näher auf den gesamten Inhalt zu blicken, war ich sofort positiv überrascht, dass jeder der vier Archetypen nicht nur eigene Spielmarken, fertige Heldenbögen, sondern auch eigenständige Solo-Abenteuer erhält. Das ist neu, denn üblicherweise enthalten Einsteigerboxen für Rollenspiele meist nur ein Solo-Abenteuer. Toll ist weiterhin, dass zu dem breiten Fundus auch eine 40-seitige Regionalspielhilfe gehört. Genau das Fehlen einer solchen Spielwelt-Beschreibung hat mich nämlich bei der Pathfinder-Einsteigerbox geärgert. Denn: Falls jemand wirklich von der Pike auf mit DSA anfängt, braucht er unbedingt eine konkrete Vorstellung von der Spielwelt. Sonst wäre er (oder sie) aufgeschmissen!

2 Heldendokumente

Die Bögen eignen sich gut, um erste Abenteuerpunkte zu verzeichnen und erste Steigerungen durchzuführen. Das Dokument macht auch in ausgedruckter Form Eindruck. Ins Original etwas zu kritzeln, wäre ohnehin ein No-Go!

Die spielfertigen Charakterbögen überzeugen mich auch durch ihre didaktische Reduktion. Die DSA-Talentliste, die in den letzten Jahren scheinbar immer länger wurde, wird so gut eingekürzt, dass genau die Talente übrigbleiben, mit denen man in 99% aller Abenteuerszenen auskommt. Die eingekürzte Liste finde ich noch aus einem weiteren Grund hilfreich: Falls ich in Zukunft bei einem bestehenden Helden nicht weiß, was genau ich steigern soll, dann konzentriere ich mich erst einmal auf die in der Einsteigerbox genannten Talente. Aber zurück zur Sache, denn erwähnen wollte ich noch Folgendes: Wichtige Erläuterungen finden sich immer direkt auf den Bögen, was ein mühsames Herumsuchen vermeidet. Hut ab! Das ist einsteigerfreundlich!

3 Romoxosch, Hesindian & Co

Gelungen sind in jeden Fall die vier Solo-Abenteuer, welche der Box beiliegen. Besonders stimmungsvoll ist die Geschichte zu Romoxosch, denn sie macht Einsteigern deutlich, welch engen Bezug die Zwerge Aventuriens zur „dunklen Welt“ unter dem Erdboden haben. Die Solo-Abenteuer gefallen mir, da sie ein erstes Eintauchen in die Welt des Rollenspiels gut möglich machen: Der Spieler lernt an konkreten Beispielen, wie er innerhalb einer Erzählung mitbestimmen kann. Es wird beim Lesen begreifbar, was Fantasy-Figuren fühlen, wenn sie neue Orte erkunden. Ein schönes Beispiel ist Hesindian Schlangentreu, der Magier, der beim Betreten des „Schattenturms“ zunächst großes Unbehagen, dann aber auch Stolz auf seine magischen Fähigkeiten und seine Stabzauber verspürt.

3 Tipps und Tricks für angehende Meister

„Die Räuber vom Dunkeltann“ heißt das Abenteuer, das Neulingen Lust auf mehr machen soll. Der Auftrag ist hier die Befreiung einer jungen Frau, namens Eldora von Wolfspfort, die in einer Räuberhöhle gefangengehalten wird. Die Autoren schaffen es, angehende Spielleiter an die Hand zu nehmen, um sie Schritt für Schritt an die vor ihnen liegende Aufgabe heranzuführen. Es gibt zahlreiche Tipps für neue Spielleiter, etwa die Idee, unentschlossene Spieler zum Erproben verschiedener Handlungsoptionen zu ermuntern. Die Methodik gefällt mir sehr gut, über die Story an sich äußere ich mich erst später, da ich zunächst bei meinen positiven Eindrücken bleibe.

Das Foto schoss Raul Ehrwald bei einer Laden-Preview in Dortmund. Vielen Dank, dass wir es nutzen dürfen.

5 Die Karten auf den Tisch legen

Ich liebe Kartenmaterial. Seit etwa 20 Jahren spiele ich DSA und für mich persönlich ist gutes Kartenmaterial das A und O, um Szenen greifbar zu machen. Und das Material der Einsteigerbox ist hier vorbildlich. Besonders schick ist hier die „Karte des Soldaten“, welche zudem gut ins Einstiegsabenteuer eingebaut wird: Schon vor dem Betreten des Dungeons können die Helden die Karte in die Finger bekommen, so dass sich der Spielleiter nach dem Betreten des Dungeons nicht noch darauf konzentrieren muss, parallel eine Skizze entstehen zu lassen. Das fand ich vor allem bei alten DSA-Abenteuern immer ganz furchtbar, wenn ihr wisst, was ich meine.

6 Jack in the Box

Wenn man „Das Geheimnis des Drachenritters“ nur digital hat, kann man ggf. die Materialien des Kartenspiels „Aventuria“ nutzen. So spart man es sich auch, die „Blibs“ zu basteln. Das setzt natürlich voraus, dass man das Spiel „Aventuria“ besitzt. 😉

Es klingt trivial, aber: Es macht mich verdammt froh, dass es zum ersten Mal seit 1992 endlich mal wieder eine richtige Einsteiger-BOX gibt. Ihr werdet jetzt sagen: „Naja, es gab ja zwischendurch noch dies und jenes… Es gab da doch mal Abenteuer Aventurien in so einer komischen Hülle und…“ Doch ich sage: Stopp! Denn das, was eine waschechte BOX für Einsteiger ausmacht, gab es eben lange Zeit nicht! Und ich glaube, dass gerade solche Boxen nötig sind, um Spielsysteme langfristig am Leben zu erhalten.

Kein Produkt ist perfekt, doch ich möchte hier kurz betonen, dass mich die genannten positiven Aspekte freuen und zudem auch mehr bewegen als das, was jetzt folgt. Aber macht euch bitte selbst ein Bild.

1 Zu konservativ?

Hier kommt der erste Punkt, der mich stört. Es ist die Story des Einstiegsabenteuers „Die Räuber vom Dunkeltann“. Hier wird angehenden DSA-Spielern eine Geschichte präsentiert, die meiner Meinung nach bieder und altbacken daherkommt. Vielleicht liegt es daran, dass ich bereits sehr lange DSA spiele, aber ich muss schon bei der Inhaltsangabe des Abenteuers gähnen: Tief in einem dunklen Wald haust in einer Höhle eine Räuberbande, die eine junge adelige Frau gefangen hält. Auch die Gegner, die sich den Helden entgegenstellen, sind geradezu holzschnitthaft lahm: Ratten, Spinnen und Räuber. Mir ist klar, dass die Karriere eines Helden selten mit dem epischen Kampf gegen einen Kaiserdrachen beginnt, aber hier hätte es doch Möglichkeiten gegeben, etwas Moderneres oder Frischeres ins Feld zu führen als die obligatorischen Ratten/Spinnen.

2 Zu viel des Guten?

Die Box beinhaltet sehr viel, was an sich toll ist. Das Set enthält dabei auch das „Gruppenabenteuer 2“ mit dem schönen Titel „Der Turm im Nebelmoor“. Hierbei handelt es sich um eine Art Sammelband mit mehreren Abenteuern und Szenarien. Anders formuliert kann man sagen, dass hier eine Sandbox-Kampagne vorliegt. Neben dem zentralen Leitfaden findet man also kleinere Abenteuer wie „Die Wolfsplage“ oder „Die Ogerbande“ oder „Das Tatzelwurmei“… Nun stellen wir uns Folgendes vor: Ich wäre wirklich ein Neuling, ein totaler Noob, ein Grünschnabel in Sachen PnP. Ich kaufe mir diese Box und ich wäre dann plötzlich auch noch Spielleiter. Wisst ihr, wie ich mich fühlen würde?

Völlig überfordert! Und der Grund ist, dass das Heft mit dem Titel „Der Turm im Nebelmoor“ in der vorliegenden Form leider nicht in eine Einsteigerbox passt. Hier hätte man lieber die vom Verlag zur Verfügung gestellten Seiten nutzen sollen, um ein zweites Abenteuer beizulegen, das dem Spielleiter so viel Arbeit wie möglich abnimmt. Die Autoren, die Macher dieser Box, haben Talent für das Schreiben von Abenteuern, aber sie haben ihr Talent an dieser Stelle leider nicht richtig eingesetzt.

3 Zu wenig Ikonographie?

Wisst ihr, was ikonische Helden sind? Es sind starke Charaktere, die einem Rollenspielsystem ein Gesicht geben. Besonders gut gelingt das bei „Pathfinder“. Hier sind es zum Beispiel der Kämpfer Valeros und die Elfe Merisiel, denen man immer wieder begegnet. Sie sind wahrscheinlich die ersten Helden, die man als Einsteiger spielt, sie sind in Pathfinder-Comics zu sehen, begegnen uns im Pathfinder-Kartenspiel und man kann sie als fertig bemalte Miniaturen kaufen. Bei DSA gibt es ebenfalls ikonische Helden und daher verstehe ich nicht, wieso diese hier nicht verwendet werden. Wieso ist der Zwerg, der in der Box vorkommt, nicht Arbosch, Sohn des Angrax, der allgemein bekannt ist und sich beim Kartenspiel „Aventuria“ großer Beliebtheit erfreut? Wieso heißt die Elfe nicht Layariel Wipfelglanz, sondern Valariel Sternenpfeil? Man könnte meinen, dass ich mich hier in etwas hineinsteigere, aber mir ist einfach nicht klar, warum man hier versäumt, gute Chancen zu nutzen. Die Stichworte wären hier Wiedererkennungswert und Merchandising. Ich denke zugleich auch an die Möglichkeit, Tabletop, PnP und Kartenspiele besser zu verknüpfen. Weshalb tat man das hier nicht?

 

FAZIT:

Wir Nanduriaten sind manchmal recht streng, daher möchte ich klar festhalten, dass Ulisses mit der Einsteigerbox ein tolles Produkt gelungen ist. Das Layout ist hervorragend. Das Preis-Leistungs-Verhältnis kann man als sehr gut bezeichnen, egal ob man von der digitalen oder der gedruckten Version spricht. Das System, das hinter dem Ganzen steckt, gefällt mir ebenfalls, da sich die verschiedenen Bausteine schön ergänzen. Daher stürzen sich 7 von 9 Einhörnern ins Abenteuer und bekommen Lust, DSA zu entdecken.

Drei Kritikpunkte habe ich genannt, will sie hier aber nicht erneut breittreten, da man das als Jammern auf hohen Niveau verteufeln würde. Deshalb werbe ich nur für etwas mehr Mut für ein etwas modernes Setting, rufe aber grundsätzlich: „Weiter so, ihr seid auf dem rechten Weg!“

Schließlich wurde meine These vom richtigen Weg ganz aktuell bestätigt, da Ulisses bereits nachlegt. Mit „Das Mädchen und der Menschenfresser“ erscheint in Kürze ein Heldenwerk-Abenteuer, das sich vollständig mit den Regeln aus der Box spielen lässt. Zudem will man mit dem Titel auf die aus der Box bekannten Motive aufbauen. Das klingt nach einem guten Plan… Oder wie seht ihr das?

Funde in anderen Limbuswelten

Nandurion dankt der Ulisses Spiele GmbH für das Rezensionsexemplar!

 

Über sirius

Sirius heißt im wahren Leben Moritz und wuchs mitten im Ruhrgebiet auf. Seit Anfang der 90er bereist er nicht nur Aventurien, sondern auch andere fantastische Welten. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Pen&Paper, PC-Games, Hörbücher oder Kartenspiele handelt. Unterwegs erkennt man ihn daran, dass er fast immer ein gutes Buch dabei hat, das nicht dem Mainstream entspricht.
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16 Kommentare zu Das Geheimnis des Drachenritters – Passierschlag

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  2. Pingback: Passierschlag zur Einsteigerbox bei Nandurion – Nuntiovolo.de

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