Der Blick zurück

Hinter dem Schirm“Where did you go to, if I may ask?‘ said Thorin to Gandalf as they rode along.
To look ahead,‘ said he.
And what brought you back in the nick of time?‘
Looking behind,‘ said he.”

― J.R.R. Tolkien, The Hobbit or There and Back Again

Das Schwarze Auge begleitet mich nun schon den weitaus größeren Teil meines Lebens. Und obwohl es andere überzeugende Rollenspiele gibt und mein Leben sich in den letzten 25 Jahren deutlich gewandelt hat, verbringe ich noch immer einen erheblichen Teil meiner knappen Freizeit damit, mich mit diesem Spiel zu beschäftigen. Die Ankündigungen zur fünften Edition des Schwarzen Auges wurden von mir zunächst sehr positiv aufgenommen. Fühlte ich mich doch in den Ausführungen von Markus Plötz zu den Ideen für die fünfte Edition gut abgeholt. War ich anfangs noch recht angetan von verschiedenen Setzungen, so kühlte dieser Enthusiasmus doch gefühlt mit jedem Produkt mehr und mehr ab.

Nachdem ich mir immer wieder mal die Haare gerauft und mir mehr als einmal am liebsten den Frust von der Seele geschrieben hätte, fiel mir kürzlich mit dem Aventurischen Boten 193 der Jahresrückblick 2018 von Ulisses in die Hände. Eine kleine Beilage, welche gewissermaßen den offiziellen Blick auf die Aktionen und Neuerscheinungen eines Jahres darstellt. Vielleicht ist dies ein neues Format. Vielleicht habe ich es auch nur noch nie bewusst wahrgenommen. In jedem Fall bot mir dieses Faltblatt die Möglichkeit mich selbst auf die Probe zu stellen. Ist der Produktausstoß von Ulisses wirklich so betrüblich, wie ich es mir selbst eingeredet habe? Oder beruht diese subjektive Einschätzung nur auf einer verzerrten und selektiven Sicht auf die tatsächlich erschienenen Produkte? Das unten beschriebene Gedankenexperiment dient der Selbsterforschung in dieser Frage und kann leicht anhand der Gesamtliste aus dem nächsten Abschnitt nachgestellt werden.

Da es sich bei dem Beileger um eine offizielle Darstellung des Verlages handelt, vermindert dies die mögliche Verzerrung durch eine einseitige und unvollständige Auswahl meinerseits deutlich. Auch muss ich nicht befürchten, dass der Verlag wichtige Erfolge seinerseits schamhaft versteckt. Im letzten Hesindedisput blickten einige Einhörner ja bereits zurück auf das Jahr 2019 und möglicherweise gibt es ja bald einen vergleichbaren Jahresrückblick 2019, mit dem ich meine gefühlte Wahrheit ein weiteres Mal auf die Probe stellen und mögliche Entwicklungen beobachten kann. Zeit also, den gefühlten Produktausstoß in einen gemessenen zu verwandeln.

Nennung von Produkten

Bei der Erfassung der Produkte bin ich so vorgegangen, dass ich alle, in der Regel fett markierten Nennungen von Produkten erfasst habe. Ein Produkt in diesem Sinne ist nicht nur ein Buch, sondern auch ein Kartenset, ein Konvent oder ein Video. Wichtig ist nur, dass es für Ulisses wichtig genug war, es in diesem Jahresrückblick zu nennen. Diese 45 Produkte sind in der Reihenfolge der Nennung:

Wege der Vereinigungen, Eisnächte, Kaiser Raul Konvent, Kaiser Retro Box, Rückkehr in den Wald ohne Wiederkehr, Der rote Schlächter, DSA-LARP-Regelwerk, Bündnis der Wacht, Gefangen in der Gruft der Königin, Havena, Grauen aus dem Nebel, Schrecken aus der Tiefe, Silvanas Befreiung, Havena Fanfare, Stadtkartenset Havena, Spielkartenset Die Siebenwindküste, Sphärenklang-CD Die Siebenwindküste, Kaiser Retro Edition Havena Stadtspielhilfe, Wege der Vereinigungen, Spielkartenset Aventurisches Götterwirken, Spielkartenset Magie, Spielkartenset Regeln aus dem Grundbuch, Sphärenklang-CD Wege der Vereinigungen, Acrylmarker Wege der Vereinigungen, Sinnestaumel und Begierde, Namenlose Nacht – Orgien in den Thermen, Kurtisanen und Bordelle, Meisterschirmeinleger, Schwertwölfe, RatCon, Die Kunst des Schwarzen Auges, Das Schwarze Auge Einsteigerbox (Achtung: Dieser Artikel erschien erst 2019. Hier ging es lediglich um die Ankündigung), Schatten der Macht (nur Ankündigung), Die Schwarze Katze Let´s Play, Aventurische Magie III, Die kleine Zauberin Nahema, Alrik der Basiliskenschreck, Live Let´s Play zu Wege der Vereinigungen, Schwertwölfe, Die Flusslande, Ladenpreviews, Rüstkammer der Flusslande, Sphärenklang-CD Flusslande, Landkartenset Flusslande, Ketten für die Ewigkeit.

Bei der Aufzählung lässt sich natürlich trefflich darüber streiten, ab wann etwas eigentlich ein Produkt ist und wann mehrere. Gerade die Crowdfundings bieten sich dafür an. Auch erscheinen Produkte zweimal in dieser Liste. An dieser Stelle richte ich mich jedoch ganz nach dem Vorgehen der Schreiberlinge von Ulisses und zähle einfach die Nennungen. Mit der schlichten Auflistung kann zumindest ich jedoch nichts anfangen. Also habe ich an jede Nennung bis zu drei Schlagworte gepackt und so versucht, das Ganze für mich etwas greifbarer zu machen. Natürlich sind diese Begriffe und ihre Abgrenzung bis zu einem gewissen Grad meiner Willkür entsprungen, aber ich denke sie sind doch größtenteils leicht nachvollziehbar.

Der Blick aufs Ganze

Die von mir gewählten Schlagworte sortiert nach Häufigkeit in den Nennungen sind:
Crowdfunding (19): ein Produkt wurde über Crowdfunding realisiert.
Non-RPG (13): Das Produkt ist kein P&P Rollenspielprodukt, z. B. Romane oder Konvente.
Abenteuer (9): Die Mehrheit gehören zu Crowdfundings oder Regionalspielhilfen.
Crunch (6): Spielkarten mit Regelreferenzen oder Ausrüstungskataloge
Spielhilfe (5): Regionalspielhilfen, Rüstkammer etc.
Roman (5): Doppelnennung von Schwertwölfe
Spielkarten (4), als Referenzen für verschiedene Regeln oder Crunch
Retro (3), alles was die DSA1-Nostalgiker unter uns ansprechen soll.
Musik (3), üblicherweise als CD
Karte (2): Stadt-/Landkarten zu Havena und den Flusslanden
Konvent (2): RatCon und Kaiser Raul
Regelwerk (1): Aventurische Magie III; Das LARP-Regelwerk wurde unter Non-RPG gelistet.

Die Kategorien sind natürlich nicht überschneidungsfrei. Spielkarten sind auch Crunch, Konvente sind Non-RPG und alles kann ein Crowdfunding sein. Das einzige Produkt, welches nicht über die obigen Merkmale abgedeckt ist, war die Einsteigerbox. Da diese jedoch erst im Jahr 2019 erschien, wird sie dort sicher noch ihren Platz finden. Interessant ist ferner, dass einige Produkte hier keine Erwähnung fanden: Das Aventurische Kompendium II wurde offenbar neben der RatCon und der Kunst des Schwarzen Auges vergessen. Ebenso erschienen einige Heldenwerke, die nicht explizit gelistet wurden. Die sparsame Erwähnung von Spielkartensets „zum Götterwirken, der Magie und den allgemeinen Regeln aus dem Grundbuch“ täuscht zudem etwas darüber hinweg, dass die Wiki-Aventurica in ihrer Zählung immerhin auf 23 verschiedene Spielkartensets kommt. Wären diese alle einzeln genannt worden, hätten sie jede Auswertung klar angeführt.

In diesem Jahresrückblick bietet Ulisses eine persönliche Sicht auf das vergangene Jahr, die sich nicht allein am Produktausstoß orientiert.

Stellt sich nun die Frage, ob ich damit weiterkomme als bisher. Noch mehr Struktur bringt hier meines Erachtens allerdings nicht mehr Erkenntnis. Mit diesem Ergebnis muss ich nun also mein Bild formen und mit dem unklaren, gefühlten Bild abgleichen:
Auffällig ist zunächst die hohe Zahl von Crowdfundings und Non-RPG Produkten. Über das Thema Crowdfunding wurde nicht nur auf Nandurion, sondern auch anderswo bereits genug geschrieben.
Die hohe Zahl der Non-RPG-Nennungen ist für mich tatsächlich ein wenig überraschend. Hier zeigt sich, dass der kleine Verlag über Videos, Konvente, Romane und anderes viel Energie in ergänzende Produkte steckt. Da diese zumindest von mir wenig konsumiert werden, bewegen sich diese Produkte üblicherweise unter meinem Radar.
Die reine Zahl der Abenteuer liegt höher als ich es zunächst erwartet hätte. Allerdings wird auch dies etwas relativiert, wenn man sich die Publikationen etwas genauer anschaut. Eine Neuinterpretation von „Silvanas Befreiung“ haut mich ebenso wenig vom Hocker, wie eine neue Auflage von „Namenlose Nacht“. Die Beilagen zu den Crowdfundings Havena und WdV erregen kaum meine Aufmerksamkeit und das Abenteuer zu den Flusslanden ist zunächst mal eine Pflichtübung. Positiv hervorzuheben ist dagegen aus meiner persönlichen Sicht „Gefangen in der Gruft der Königin“, das ich sehr innovativ und spielenswert fand.
„Die Flusslande“, als einzige Regionalspielhilfe, deckt sich wiederum vollkommen mit meinem gefühlten Bild.
Im Gegensatz dazu erschien im Jahr 2018 nur ein Produkt, welches ich explizit als Regelwerk klassifiziert habe. Vielleicht ist der beschwerliche Weg der Verregelung der Welt doch langsam an einem ersten Ziel angekommen. Mit den Spielkartensets und der „Rüstkammer“ sowie entsprechenden Komponenten aus Wegen der Vereinigung wird aber allemal genügend Crunch geliefert um diesen Bedarf auch im Jahr 2018 mehr als zu decken.

Ein Gedankenexperiment

Das Bild ist nun deutlich klarer. Auch wenn manche Anpassung dabei war, ist mein grundlegendes Weltbild zumindest auf Basis meiner persönlichen Präferenzen nicht gerade erschüttert. Um das Ganze aber noch einmal pointierter zu zeigen und nicht nur im eigenen Saft zu schmoren, möchte ich zu einem kleinen Gedankenexperiment einladen:

Stellt euch vor, all diese Produkte stünden in eurem Regal und ihr müsstet eines davon herausgreifen, um es in eurer Rollenspielleserunde, eurer neuen Spielrunde oder eurem Stammtisch für spinnerte Phantasten vorzustellen. Das bringt euch nicht in Wallung? Dann verschärfen wir die Bedingungen noch. Ihr wollt in einem Laden eine Kundin für das Thema Rollenspiele begeistern, die bislang bestenfalls ein paar Folgen „Critical Role“ gesehen hat. Ihr habt nur diese eine Chance. Welches Produkt wäre eure bevorzugte Wahl und welches Produkt darf sich auf keinen Fall in die Hände der potentiellen künftigen DSA-Spielerin verirren? Wer mag, darf sich natürlich auch gerne einen männlichen Kunden vorstellen. Für dieses spezielle Szenario habe ich in meinem Fall die Einsteigerbox und Schatten der Macht ausgeklammert, da diese ja erst im Jahr 2019 erschienen.

Die Suche nach meinem Lieblingsprodukt ist recht einfach. Tatsächlich habe ich ein Produkt explizit mit der Ausrede aus dem Grund gekauft, um es neuen Spielern als kleines Schmankerl während unvermeidlicher Wartezeiten in die Hand drücken zu können. Es handelt sich um „Die Kunst des Schwarzen Auges“. Der Band bietet zum einen natürlich viele Schauwerte, schließlich ist das gewissermaßen seine primäre Daseinsberechtigung. Zum anderen kommt er auch mit dem Anspruch daher, Menschen einen unverkrampften Zugang zu typischen Elementen des Schwarzen Auges und insbesondere der Spielwelt Aventurien zu gewähren. Besser geht Werbung eigentlich nicht. Nunja, das Cover könnte natürlich etwas spannender sein, aber dazu werde ich mich an anderer Stelle noch äußern.

Mit dem Schrecken des Regals tue ich mich persönlich etwas schwerer. Ich weigere mich nach wie vor Produkte, welche ihr Leben als Aprilscherz begonnen haben, irgendwie ernstzunehmen. Daher scheidet die Produktflöte zu WdV (immerhin acht Nennungen aus meiner Gesamtliste) aus. Meine Gedanken verweilen kurz bei den Kaiser-Retro-Produkten, da mir die Vorstellung solcher Nostalgie-Elemente gerade für Neueinsteiger oder ernsthafte Spieler (nicht Nostalgiesammler) irgendwie befremdlich vorkommt. Doch dann verstecke ich die CD zu den Flusslanden. Mag sein, dass ich den Produkten unrecht tue, weil ich persönlich noch mehr Geräusch am Spieltisch meist nicht wirklich gebrauchen kann. Ein so nachrangiges und überaus spezialisiertes Produkt hat für mich jedoch überhaupt keinen präsentablen Begeisterungswert und so muss die CD einer Region, die sich durch die Existenz eines Flusses definiert, weichen.

Vom Gemessenen zum Gefühlten

Zur Reflexion des Gedankenexperiments möchte ich noch ein paar Fragen stellen. Vielleicht macht ihr solche Dinge nur mit euch allein aus, vielleicht möchtet ihr eure Gedanken auch mit anderen teilen oder sogar hier aufschreiben.
Ist es euch leicht gefallen euch zu entscheiden? Warum habt ihr euch für bestimmte Werke entschieden? Könnten andere Produkte (also nicht die gleichen anders geschrieben/illustriert/designt) dazu führen, dass euer Gedankenexperiment angenehmer verlaufen wäre?

Referenzen

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3 Antworten zu Der Blick zurück

  1. Pingback: Nandurion: Blick auf Erwartungen und den Produktausstoß am Beispiel von 2018 – Nuntiovolo.de

  2. Pingback: DSA 2018 im Rückspiegel | Nandurion

  3. FRAZ sagt:

    Lieber Krassling,
    Wiedereinmal schreibst Du so pointiert, dass ich mir dumm vorkommen, wenn ich spät abends vom Sofa einen Kommentar dazu zimmere.

    Du eröffnest deinen Beitrag mit dem Geständnis, dass dein Enthusiasmus nachlässt. Geht mir auch so. Allerdings bin ich mir nicht abschließend sicher, ob es an den Produkten liegt oder an mir.

    Fragwürdige Produkte, wie WdV, gab es in allen Editionen. Erinnere dich an „Lanze, Helm und Federkiel“ oder „Handelsherr und Kiepenkerl“ oder „Historia Aventurica“. Ob es dem Verlag das wert war, entscheidet aber letztendlich nicht die Zufriedenheit des Kunden, sondern die Kaufkraft des Konsumenten.

    Als DSA Urgestein fühle ich mich nicht mehr als Zielgruppe für neue Produkte. Etwas in mir weigert sich das Konzept von Spielkarten zu akzeptieren, auf unseren Kinderbüchern brauche ich kein schwarzes Auge und an den alten Regionalhilfen habe ich geschätzt, dass das gesamte Material in einem Buch gesammelt war.

    Allerdings muss ich mir auch eingestehen, dass zu meinen Anfangszeiten der DSA Kosmos auf eine Spielkarte gepasst hätte und mit mir gereift ist. Außerdem wäre ich in dem Alter vermutlich froh gewesen, die relevanten Spieldetails in Häppchen serviert zu bekommen. Und mal ehrlich, in dem Alter habe ich auch über Würfeltabellen zu Penislänge gekichert.

    Mein Fazit
    Ich bleibe Aventurien verbunden, aber über die neuen Produkte des Verlages sollen sich jüngere Spielerinnen freuen, ärgern oder lustig machen.

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