Interview mit Autor Christian Nehling

mit Fragen von Nottel und Engor

Christian Nehling - Portrait

Christian Nehling

Anfang der 90er lernte Christian Nehling erstmals DSA kennen. Seitdem hat ihn die detaillierte aventurische Welt nicht mehr losgelassen. Im Laufe der Zeit kam es über befreundete AutorInnen auch zu Anregungen und offiziellen Beiträgen, z. B. in der überarbeiteten Phileasson-Saga. Aktuell ist er als Autor und freiberuflicher Redakteur für Ulisses Spiele tätig. Sein Auftakt als Autor für DSA5 war 2018 das Heldenwerk Ein Fest für die Augen, gefolgt von Schwanengesang in der märchenhaften Anthologie Dryadenhain & Dschinnenzauber“ und Ende März erschien das Ifirn-Vademecum aus seiner Feder. Zum Herbarium und Dornenreich hat er bereits in früheren Gruppeninterviews bei Nandurion Auskunft gegeben. Ab und an trifft man ihn auch mit aventurischem Gewand in der DSA-LARP-Welt und in Inszenierungen bei Ulisses Spiele, unter anderem als Ifirngeweihter.

Nandurion: Sei gegrüßt, Christian. Vielleicht möchtest du noch ein paar Einzelheiten zu dir selbst ergänzen.

Christian: Die Zwölfe zum Gruße! Abseits von unserem liebsten Rollenspiel widme ich mich der Profession als Apothekarius und meinem anderen großen Hobby: der klassischen Musik im Orchester.

Nandurion: Bis heute spielst und leitest du DSA, sowohl privat am Spieltisch und derzeit online als auch bei Veranstaltungen wie z. B. dem Kaiser Raul Konvent als Panthergardist. Was waren rückblickend die prägendsten Erinnerungen aus deinen Runden, evtl. auch beim LARP?

Cover - Hinter dem Thron

Erster Teil der Königsmacher-Kampagne. Cover-Illustration von Tom Thiel.

Christian: Es gibt inzwischen so viele tolle Szenen, die ich in Aventurien erleben durfte. Aber für euch hole ich ein paar Erlebnisse aus meinem persönlichen Denkarium hervor. In der Rolle des Spielleiters habe ich beispielsweise mit unserer Gruppe einige Zeit im Horasreich und der Königsmacher-Kampagne verbracht. Ein Schwertgeselle wendete sich im Verlauf dem Herrn Phex zu, was wir nicht kommunizierten und für einen Großteil der SpielerInnen lange geheim blieb. Erst in einem wichtigen Kampf des finalen Abenteuers wirkte er eine offene Liturgie. Die Gesichter der überraschten MitspielerInnen bereiten mir heute noch ein Grinsen. Als Spieler erinnere ich mich an ein besonderes Würfelglück auf einer früheren RatCon. Wir untersuchten die Ruinen der untergegangenen Akademie in Thalusa und eine Dreifach-1 eines Bannbaladins meines aranischen Hexers hat mir, im letzten Moment, den Kopf vor den Klauen eines wachenden Gargyls bewahrt.

Nandurion: Fing das bei dir allmählich mit dem Abenteuer-Schreiben an oder gab es da einen zündenden Moment?

Christian: Alle SpielleiterInnen kennen vermutlich den Zeitpunkt, bei dem man den Charakteren in seiner Runde ein wichtiges Erlebnis auf den Leib schneidern möchte. So fing ich an, verbindende Elemente zwischen den offiziellen Abenteuern zu schreiben, um harmonische Übergänge zu gestalten und den Spot auf einzelne Gruppenmitglieder zu lenken. Manchmal spielte es mir in die Hände, dass die Planung der HeldInnen nicht optimal aufging, beziehungsweise den Würfeln die notwendigen Streicheleinheiten fehlten. Auf diese Weise entkamen zuweilen feindliche Meisterfiguren, was die bisherige Aversion der Charaktere verstärkte. Hier erinnere ich mich exemplarisch an die tulamidische Schwarzmagierin aus Asseln im Gemäuer. Unsere Gruppe bekam dann die Gelegenheit, sie in einem Sequel zur Strecke bringen.

Nandurion: Woher stammen deine Ideen, orientierst du dich beispielsweise auch an irdischen Mythen und welche sind deine literarischen Vorbilder?

Christian: Alte Geschichten haben mich schon damals im Lateinunterricht gepackt, wobei es aber weitaus mehr als jene aus dem griechisch-römischen Pantheon gibt. Nordische Sagen oder Märchen aus Südamerika bieten eine ebenso spannende Lektüre. Zum Schwanenritter, der sich auch im Vademecum der Milden findet, existieren beispielsweise mit Lohengrin irdische Erzählungen, wobei ich Wagners Oper nicht vergessen möchte. Das niederrheinische Kleve, nahe meiner Heimat, kann sogar mit einer waschechten Schwanenburg aufwarten.

Cover- Ein Fest für die Augen

Heldenwerk Ein Fest für die Augen. Cover-Illustration von Verena Biskup.

Fantasy-Bücher oder Serien schenken mir regelmäßig inspirierende Gedanken, sodass ich inzwischen ständig ein Notizbuch greifbar habe, um diese festzuhalten. Die zündende Idee zum ersten Heldenwerk Ein Fest für die Augen kam mir amüsanterweise, als die Werbung zwischen der Oscarverleihung ein Beauty-Produkt zeigte. Optische Eindrücke und Musik sprudelten dazu einige Bilder in mir hervor: Die Aufnahmen unseres Winterurlaubs auf Island waren tägliche Impulse, um die Gedanken in einem Sommer bei mehr als 30° C auf den Winter zu fokussieren. Ihr dürft an dieser Stelle schon raten, zu welchen Publikationen mir die Erinnerungen an Malta weiterhelfen werden. Die Werke von Marion Zimmer Bradley  lese ich immer gern.

Nandurion: Zuletzt hast du — wie einleitend erwähnt — verschiedenartige Textsorten verfasst. Wie sind da für einen Autor die Unterschiede beim Schreibprozess? Welche Richtung liegt dir dabei am ehesten?

Christian: Bei einem Abenteuer stehen das Informationsmanagement und die Übersicht im Vordergrund. Es hat die Aufgabe, SpielleiterInnen die Zutaten und Schritte zu servieren — wie bei einem Kochrezept. Stilistisch kann man das teilweise mit einer Präsentation im Job vergleichen. Daher benutze ich hier gerne Aufzählungszeichen, um dem Auge bereits etwas Struktur für die verschiedenen Inhalte zu bieten. Bei Heldenwerken kämpft man meistens um jedes Kürzungszeichen, weshalb mir dort der Nominalstil hilft und wertvollen Platz spart. Vorlese- und Ingametexte haben häufig andere Aufgaben und vermitteln die derzeitige Atmosphäre. Dabei laden wir die LeserInnen auf eine Reise ein: Mischen sich in brabbelnden Flachdachgassen der würzige Hauch von Benbukkel mit der Prise vom erdigen Safran unter einem Baldachin, ist das »Salâm« eines tulamidischen Gewürzhändlers sehr nah.
Da ich die sachliche Schreibweise regelmäßig in der Arbeitswelt anwende, fiel mir dies zu Beginn leichter. Durch Lesen und Üben kann man seinen Stil aber auch schnell etwas blumiger, ein guter Freund nennt es schwurbeliger, gestalten.

Nandurion: Inzwischen hast du einige Publikationen auch redaktionell betreut und begleitet. Kannst du bitte nochmal zusammenfassen, wie vor allem ein Abenteuer schrittweise zur Endversion gelangt?

Christian: Die einzelnen Stationen hat die DSA-Redaktion sehr griffig in „Schreiben für das Schwarze Auge“ in vier Teilen beschrieben, siehe auch hier. Von der Idee und dem Pitch reist man über das Exposé, Treatment, Outline bis zum Manuskript. Insbesondere die Stufen 2 und 4 (Exposé und Outline) sind aus meiner Sicht wichtige Schritte, da sie den Handlungsablauf expliziter festlegen. Daraus lässt sich schnell ableiten, wohin das spätere Abenteuer gehen soll und welche Schauplätze zu beleuchten sind. Als begleitender Redakteur lotst man die (Neu-)Autoren durch die jeweiligen Phasen und schaut sich den Plot sozusagen mit Daradors prüfendem Blick an. Heldenwerke erfordern eine übersichtliche Handlung, da der Umfang immens begrenzt ist. Insofern sind die Vorschläge auf Platzbedarf, Plausibilität und Dramatik zu sichten. Darüber hinaus gibt man Hilfestellungen zu möglichen Alternativen, Schreibvorgaben und Illustrationsauswahl.

Cover - Ifirn-Vademecum

Ifirn-Vademecum. Cover-Illustration von Steffen Brand.

Nandurion: Wie bist du dazu gekommen, gerade das Vademecum zu Ifirn zu schreiben? Zufall, oder ergab sich das daraus, dass du mit Schwanengesang und einem Botenartikel zum neuen Ifirn-Tempel zuvor bereits Beiträge zu diesem Thema beigesteuert hattest? Woran orientiert man sich, wenn man ein Buch aus der Sicht einer Geweihten schreibt?

Christian: Die entsprechenden Aufträge vergibt immer die Redaktion. Möglicherweise war es hilfreich, dass ich im LARP mehrfach einen bornländischen Ifirn-Anhänger gespielt und mich daher schon intensiv mit der Halbgöttin auseinandergesetzt habe. Im Zuge der Planungen zum Werk macht man sich natürlich einige Gedanken um den Status quo und die Zukunft der Kirche. Daraus entstand auch die Idee zum Anthologie-Abenteuer Schwanengesang, das mit dem Ifirnsfunken den Sternenfall thematisiert und eine finstere Kreatur als noch unbekannten Widersacher einführt. Die Vorsteherin des neuen Tempels in Tobrien ist zugleich die Ingame-Autorin des Vademecums. Insofern ergaben sich hier Verknüpfungen, was ich als Zeichen der lebendigen Spielwelt schon immer sehr schätze.
Der Schreibstil aus Sicht der Geweihten ist etwas Besonderes. Daher habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich dem Charakter einen eigenen Stil und Ausdruck geben kann. Als Christian benutze ich so gut wie nie ein Semikolon in Texten. Im Vademecum findet man es beispielsweise an einigen Stellen, quasi eine kleine Atempause.

Meisterschirmset - Schicksalsschwur & Skaldensang

Meisterschirmset — Schicksalsschwur & Skaldensang. Cover-Illustration von Julianna Michek.

Nandurion: Welche Inhalte stammen von dir im Begleitband Schicksalsschwur und Skaldensang zur Regionalspielhilfe Die Gestade des Gottwals — Thorwal und das Gjalskerland? Wie kamst du auf die Betrachtung des Walblas als Methode der Zukunftsvorhersage?

Christian: Ich durfte den Part zu den Godis, den thorwalschen Sehern beisteuern. Erheiternd war hier vor allem die Recherche, da mir hethitische Texte und antike Kultbeschreibungen als Recherchequelle zu Orakeltechniken wie Innereienschau oder Vogelflug dienten. Niko Hoch hatte bereits eine mögliche Vorauswahl zu manchen Techniken gemacht, darunter war auch der Walblas. Der Swafnir-Tempel in Prem mit seiner mechanischen Vorrichtung für eine Fontäne hat bei mir zum entsprechenden Bild im Kopf geführt. Das weckte Erinnerungen an die riesigen Geysire auf Island, die ich dann ebenfalls ergänzte. Unter meinen älteren Charakteren gibt es einen thorwalschen Skalden, der das Schicksal befragt und seinen Gefährten die Runen legt. Dafür hatte ich mir damals sogar eigene Holzscheiben bemalt. Die Erfahrung mit den Zeichen war hier vorteilhaft, da ich keine große Einarbeitung brauchte.

Nandurion: Die Grundlage der Boxen von Werkzeuge des Meisters bilden die Acrylmarker als Hilfestellung sowie neuartige Regelkonzepte. Für Tage des Feuers in der zugehörigen Anthologie Hinterhalt und Sturmangriff hast du mit Christoph Trauth zusammengeschrieben. Wie habt ihr euch die Arbeiten an dem Abenteuer aufgeteilt und inwiefern mussten die spezifischen Elemente der Boxen berücksichtigt werden?

Christian: Die Voraussetzungen bei der Konzeption waren anders als üblich. Das Fundament sind die Figuren sowie Kreaturen aus dem Regelwerk und dem Aventurischen Almanach. Inzwischen wissen wir recht genau, was dort enthalten ist. Einige unserer Ideen, vor allem zum Antagonisten, mussten wir verwerfen, weil gewissermaßen der entsprechende Blip fehlte. Die Herausforderung bestand darin, mit der begrenzten Riege an Wesen ein spannendes Abenteuer zu gestalten. Außerdem gab es eine Vorgabe an Bodenplänen, die es als Kampfplätze mit Aufstellungen einzubinden galt.

Cover - Blutiger Pelz

Heldenwerk Blutiger Pelz. Cover-Illustration von Nadine Schäkel.

Mit meinem Schreibpartner Christoph Trauth habe ich bereits an seinem Heldenwerk Blutiger Pelz detailliert gearbeitet. Seitdem kennen wir die gegenseitige Arbeitsweise. Bei einem neuen Projekt brainstormen wir fleißig und senden uns mobil diverse Sprachnachrichten hin und her. Die Ergebnisse fließen dann in ein Clouddokument, sodass beide jederzeit Zugriff auf die aktuelle Version haben. Gerade durch den regelmäßigen Austausch und das Kommunizieren macht es enorm viel Spaß. Daher sende ich an dieser Stelle an dickes Merci an Christoph ;).

Nandurion: Inwieweit hilft dir deine eigene Zeichnenerfahrung bei der Kommunikation zur Erstellung von Illustrationen?

Christian: Zum Beschreiben von Illustrationen hat die Redaktion glücklicherweise einen entsprechenden Leitfaden verfasst. Daher muss man keinen hohen Fertigkeitswert in Malen & Zeichnen besitzen, um Bilder für Abenteuer oder Spielhilfen zu verfassen. Meine eigenen Künste sind weit von Profis entfernt. Trotzdem erleichtert es ab und an die Vorstellung von Personen sowie Fokuspunkten, vor allem in der Anfangsphase des Schreibens. Den Kontakt zu den Künstlern hat man als Autor kaum. Dies übernimmt die DSA-Redaktion in Zusammenarbeit mit der Art-Direktorin Nadine Schäkel. Ich kann euch aber verraten, dass es ein phänomenales Gefühl ist, wenn sich die eigenen Wörter in ein stimmungsvolles Bild verwandeln.

Nandurion: Welchen Einfluss haben die Reaktionen und Bewertungen aus der Community bzw. von Gesprächen bei Veranstaltungen auf deine Werke?

Christian Nehling als Ifirngeweihter

Im Auftrag der sanften Wintergöttin Ifirn.

Christian: Sachliche Kritik und Feedback nimmt man immer gerne auf. Damit lassen sich der eigene Stil und das jeweilige Produkt stetig verbessern. Zudem sind andere Blickwinkel hilfreich, um seinen Horizont zu erweitern und neue Anregungen zu erhalten. Ich verfolge auch regelmäßig die Rezensionen von Engor zu den DSA-Werken.

Nandurion: Gib uns doch bitte einen Ausblick, welche nächsten Veröffentlichungen wir von dir erwarten dürfen und welche Themen du noch bearbeiten möchtest.

Christian: Das Crowdfunding zur Sonnenküste ist in Fahrt. Johannes Kaub hat es im Stream schon geteasert: Wir, also Christoph Trauth und ich, sind hier an Bord und schreiben gerade am entsprechenden Regionalabenteuer mit dem Titel Labyrinth der Intrigen. Derzeit laufen unsere jeweiligen Testrunden, aus denen wir die Erkenntnisse einbinden. Aktuell kann ich noch sagen, dass mein Name in einer zukünftigen Kreaturen-Spielhilfe, ähnlich dem Aventurischen Transmutarium, enthalten sein wird. Ansonsten muss ich auf borongefälliges Schweigen verweisen…

Vielen Dank für das Interview und den Einblick  in dein Schaffen! Und vielen Dank an Engor für detailreiche Fragen.

Über Nottel

Nottel heißt Michael und wohnt am Bodensee. Seit 93 stromert er als Spieler und Spielleiter mit Gleichgesinnten durch fantastische Gedankenwelten. Zunächst in Aventurien und dem Riesland, später in der Dark Future, der Welt der Dunkelheit, im Trinity Universum und dringt in Galaxien vor, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
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4 Antworten zu Interview mit Autor Christian Nehling

  1. Pingback: Christian Nehling: Vom Spieler zum Autor | Nandurion

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  3. queery sagt:

    Tolles Interview. Danke.

  4. sirius sagt:

    Hi Nottel !
    Hi Christian !

    Vielen Dank für dieses sehr gelungene Interview.

    LG

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