Interview mit Bernard Craw

Bernard Craw hat sich seit seinem 2009 erschienenen DSA-Erstling Todesstille mit den Romanen Im Schatten der Dornrose und der Isenborn Tetralogie schnell einen Namen unter den DSA-Autoren gemacht. Gerade ist sein aktueller Roman Türme im Nebel erschienen, der Auftaktband zur sechsteiligen Türme von Taladur Reihe, die er  als verantwortlicher Redakteur betreut. Unsere Einhorn-Delegation (ausgestattet mit Vollplatte und Barbarenstreitaxt bzw. mit Caldabreser und Degen) wurde von Bernard in seiner Residenz gebührend empfangen und konnte ihm zahlreiche interessante Informationen zur seiner Person und seinem Schaffen entlocken, die ihr in folgender Gesprächsmitschrift findet. Für weitere Informationen empfehlen wir einen Besuch auf Bernard Craws Autorenhomepage und auf der Internetseite zur „Türme von Taladur“-Reihe. Viel Spaß beim Lesen!

Wer ist Bernard Craw?

Nandurion: Sei so nett und erzähl uns doch zunächst ein wenig über Dich. Bernard Craw – Welche Person versteckt sich hinter diesem Namen?

Bernard Craw: Wenn man so will, ist Bernard Craw eine Kunstperson, eben der Autor in dem Menschen Bernd-Otto Robker. Dieser wiederum wurde 1972 in Bramsche in der Nähe von Osnabrück geboren. Wegen der Ausgrabungen zur Varusschlacht hat dieser Landstrich inzwischen einige Bekanntheit erlangt. Bernd ist dort aufgewachsen und hat dort Abitur gemacht, mit den Fächern Geschichte und Deutsch als Leistungskursen. Damit war er später beim Studium der Wirtschaftsinformatik in Münster ein Exot. Nach dem Diplom führte der erste Job ihn für kurze Zeit ins Schwabenland, dann folgte er dem Ruf der Liebe nach Köln, das noch heute seine Wahlheimat ist. Er hat einige Jahre als Consultant in internationalen Konzernen gearbeitet, das Management der Kunden zu Geschäftsabläufen und in Strategiefragen beraten, inzwischen beschäftigt er sich als Projektleiter mit dem Bereich Strategic Outsourcing. 2004 hat er ein Jahr freigenommen und ist mit dem Rucksack um die Welt gereist. Dazu hat er auch ein Buch geschrieben – Bei Regen und bei Sonnenschein.

Bernd ist vernarrt in Geschichten, egal ob real oder erfunden, ob man sie in Büchern lesen oder im Kino anschauen kann. Er ist ein religiöser Mensch, hat Pilgerfahrten ins Heilige Land und nach Rom unternommen und plant, den „katholischen Hattrick“ mit einem Fußmarsch nach Santiago de Compostela zu komplettieren. Er tanzt gern Standard und Latein und hört laute Musik für Leute mit langen Haaren.

Nandurion: Wie bist Du eigentlich  dazu gekommen, diesen Namen als Künstlernamen zu wählen?

Bernard Craw: Ich hatte 1988 meine erste Berührung mit dem Fandom und begann schnell, Beiträge für Fanzines einzuschicken und auch eigene zu produzieren. Heute gibt es nicht mehr so viele wie in der Vor-Internet-Ära. Man war schon modern, wenn man am Computer schrieb und nicht auf der Schreibmaschine. Zur Produktion dieser Fan-Magazine ließ man sich einen Nachmittag lang in einem Copyshop durchgrillen, um die getackerten Seiten anschließend oft unter dem Selbstkostenpreis zu verkaufen.

Irgendwann in dieser Zeit sah ich den Film The Crow und war schwer beeindruckt. Damals fand ich, dass ein Science Fiction-Autor einen englisch klingenden Namen haben müsse. Ich wandelte „Crow“ zu „Craw“ ab. „Bernard“ ist eine Anglisierung von „Bernd“, meinem ersten Vornamen. Ich weiß nicht, ob ich immer noch ein Pseudonym wählen würde, wenn ich jetzt mit dem Schreiben begönne, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, fiktionale Texte unter „Bernard Craw“ zu veröffentlichen und Sachtexte unter „Bernd Robker“.

Bernard Craw und Rollenspiel

Nandurion: Spielst Du selbst DSA oder andere Rollenspiele?

Bernard Craw: In der Pionierzeit, also ab Mitte der 1980er, habe ich so ziemlich alles gespielt, was es an Rollenspielen in deutscher Sprache gab. Da ich solche Sachen nicht wegwerfe, habe ich im Regal noch solche Schätze stehen wie Schwerter und Dämonen, das erste Auf Cthulhus Spur, Sturmbringer oder Marvel Super Heroes. Den Anfang machte aber Das Schwarze Auge. Unser erstes Regelwerk war eine Werbebroschüre. Ein Freund und ich dachten uns aus, wie das dort beworbene „Erzählspiel“ wohl funktionierte, und legten los. Zu Weihnachten, vermutlich 1984, lag dann das Abenteuer-Basisspiel unter dem Christbaum. Wir befreiten Silvana, zechten im Wirtshaus zum Schwarzen Keiler und dachten uns schnell unsere ersten eigenen Abenteuer aus. In meiner Gymnasialzeit haben wir uns sehr intensiv Rollenspielen gewidmet. Um die verschiedenen Systeme unterbringen zu können, hatten wir bald sechs Abende in der Woche mit regelmäßigen Runden verplant. Als auch das nicht mehr reichte, mussten sich die Nebensysteme mit dem ungeliebten Zwei-Wochen-Rhythmus begnügen.

Der Freundeskreis zerbrach irgendwann an den üblichen Nichtigkeiten und daran, dass einige aus unserer reinen Jungs-Runde lieber mit dem schönen Geschlecht auf Partys gingen, als mit pickeligen Teenagern am Wohnzimmertisch zu sitzen. Ich war inzwischen Mitglied in einem überregionalen Fantasyclub, der mit Abenteuer in Magira das älteste deutsche Rollenspiel herausbringt (daraus ist später Midgard entstanden – in den ersten Midgard-Ausgaben heißt die Welt auch noch Magira). Ich wirkte an einigen Ergänzungsbänden zu diesem Rollenspiel mit und zockte auch ab und zu noch, wenn auch nur noch sehr sporadisch.

Inzwischen bin ich kein aktiver Rollenspieler mehr. Auf dem YaquirienCon 2011 war man so freundlich, mich zu einer Runde einzuladen. Meine aktuellen Erfahrungen im aktiven Rollenspiel beschränken sich auf solche One-Shots auf Cons.

Nandurion: Gibt es ein DSA-Abenteuer, das Dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Bernard Craw: Das Schiff der verlorenen Seelen war klasse. Natürlich hängt immer viel von der Gruppe ab und davon, wie sich die Dynamik der Spieleabende entwickelt. Bei diesem Abenteuer hatten wir viel Spaß. Ich mochte die Krakonier, die Dämonen und auch das Ausspielen der Seekrankheit. Das Geisterschiff war ein sehr stimmungsvolles Setting.

Nandurion: Welches ist die beste Rollenspiel-Anekdote, die Du am Spieltisch erlebt hast?

Bernard Craw: Wir gingen durch eine Phase mit einer ungewöhnlich hohen Mortalitätsrate. In diesen Wochen waren alle Spielleiter – ich eingeschlossen – irgendwie psycho. Es war kaum noch die Frage, ob bei einer Sitzung eine Spielerfigur draufging, sondern eher, wen es träfe. In einem Anflug von Galgenhumor hat sich damals die Sitte herausgebildet, dass sich, wenn es soweit war, alle Spieler an den Händen fassten und im Chor sangen: »… und dann gingen die Lichter aus! …« Obwohl unsere Helden durch eine harte Zeit gingen, hatten wir als Spieler also eine Menge Spaß.

Nandurion: Hast Du eine Lieblingsregion in Aventurien (oder auf ganz Dere), an der Dein Herz in besonderem Maße hängt?

Bernard Craw: Ich gestehe, dass ich damals als Spieler wenig vom aventurischen Hintergrund wusste. Die einzige ausgearbeitete Stadt war Havena, schon Gareth war für mich nicht mehr als ein Name. Von daher wäre es wohl mangels Alternative Havena, wo Alrik sein erstes Abenteuer mit dem Prinzen bestreitete, der in einen Papagei verwandelt wurde und die Sterne betrachtet, die auf den Wellen des Meers der Sieben Winde tanzen und den Träumer ins Güldenland locken wollen.

Nandurion: Du bist schriftstellerisch in mehreren Universen aktiv. Warum schreibst Du auch Geschichten, die in Aventurien spielen?

Bernard Craw: Zunächst einmal bin ich inzwischen in dem Alter, in dem man sich gern an seine Jugend erinnert, und zu meiner Jugend gehört Aventurien dazu. Da ich viele Jahre keinen Kontakt zu Aventurien hatte, ist für mich der Abstand wahrscheinlich deutlicher spürbar, als wenn ich ständig dabeigeblieben wäre. Es ist also ein bisschen Nostalgie dabei.

Seit Todesstille habe ich mich zunehmend tiefer in den aktuellen Hintergrund eingearbeitet. Fast immer, wenn ich etwas lese, fallen mir direkt Aufhänger für Geschichten ein, das ist bei Quellenbüchern über Aventurien nicht anders. Und wenn ich erst mal eine Geschichte schreibe, fallen mir währenddessen einhundert andere Themen ein, die nicht in diesen speziellen Roman passen, aus denen man aber noch etwas machen könnte. Deswegen habe ich immer eine Fülle von Material, das ich dem Verlag vorschlagen kann.

Vor allem arbeite ich sehr gern mit dem Team zusammen. Ich mag die Lektoren, die Redakteure, die Verleger. Und ich habe viele Möglichkeiten, meine Kreativität einzubringen — bis hin zu Vorschlägen für die Titelbilder. Das ist nicht selbstverständlich, und ich weiß es zu schätzen.

Nandurion: Aventurien ist bekanntlich sehr dicht beschrieben: Wie gehst Du beim Konzipieren und Schreiben vor, um Deine Geschichten in diese Welt einzubetten?

Bernard Craw: Ich widerspreche der Aussage, Aventurien sei dicht beschrieben. Die meisten Städte sind nicht mehr als Punkte auf der Landkarte, und von denen, die beschrieben sind, gibt es oft nur eine halbe Seite in der Regionalbeschreibung. Über mein Heimatdorf (2.000 Seelen) existiert deutlich mehr Material als zum Beispiel über Taladur. Ich spüre da eine erhebliche Weite, man darf nur nicht die Angst haben, etwas zu beschreiben, was zuvor noch nicht dokumentiert war. Es ist ein Fehler, anzunehmen, dass an einem aventurischen Ort nur und ausschließlich das existiere, was man irgendwo nachlesen kann. Es gibt viel mehr. Spielleiter leben ebenso von diesem Umstand wie Romanautoren oder die Redaktion.

Am Anfang einer Geschichte steht bei mir immer eine Stimmung, meistens auch ein Motiv, wie ein Standbild aus einem Film. Bei der Isenborn-Tetralogie waren das ein martialisches Grundthema, eine Menge Action, und der Blick von den Zinnen einer belagerten Burg. In diesem Stadium gibt es aber weder Figuren noch eine Handlung. Ich mache mich dann auf die Suche nach der Region, in der ich diese Stimmung am besten umsetzen kann. Dabei werde ich oft von der Redaktion oder Leuten, die der Redaktion nahe stehen, beraten. Schnell kommt man auf eine Handvoll möglicher Schauplätze. Dann beginnt die Recherche. Ich lese Quellenbücher, Abenteuer, Romane, die dort spielen, auch Internetseiten. Die Beschreibungen lassen dann weitere Motive auftauchen. Todesstille war ganz am Anfang einfach die Idee, eine abgelegene Klostergemeinschaft zu isolieren (anfangs sollte sie eingeschneit werden) und sie mit einer mysteriösen Gefahr zu konfrontieren. Relativ schnell war klar, dass es ein Boron-Kloster sein sollte. Aber dass die Geschichte im Bornland spielt und dass die Rotaugensümpfe die Isolation herstellen würden, wurde erst beschlossen, als der Verlag die Idee bereits angenommen hatte. Die Goblins in tragender Rolle einzubauen war ein Wunsch der Rollenspielredaktion, da es zu den Rotpelzen bis dato noch wenig gab. Der Handlungsstrang um Lonnet und Svetjana entstand aus der Lektüre von Land des schwarzen Bären, wo die Leibeigenschaft schön plastisch dargestellt wird.

Nandurion: Welche DSA-Romane haben Dir besonders gut gefallen und Dein Bild der Spielwelt beeinflusst?

Bernard Craw: Ich habe über dreißig Romane der Reihe gelesen und besitze nochmal etwa so viele, die ich irgendwann lesen möchte. Eine Empfehlung, die ich bei meinem Einstieg in die Reihe von der Redaktion bekam und die ich gern weitergeben möchte, weil der Roman ein sehr schönes Flair hat, ist Blaues Licht von Daniela Knor. Nebenbei ist das auch der Beweis dafür, dass weder große Namen noch bombastische Settings nötig sind, um einen verdammt guten Roman hinzulegen.

An Das zerbrochene Rad von Ulrich Kiesow kommt man natürlich nicht vorbei. Der Roman ist schriftstellerisch der Maßstab der Reihe und zeigt, dass Aventurien als Setting nicht auf die Kinderliteratur abonniert ist.

Ein Geheimtipp ist Kompanie der Verdammten. Es ist ein eher generischer Roman mit kaum Spezifika zu Aventurien, aber schon allein die durchgeknallte Elfe als Protagonistin macht ihn in meinen Augen zu einem der besten DSA-Romane.

Hohenhag von Dietmar Preuß finde ich schriftstellerisch gelungen.

Ich könnte noch einige weitere Bücher aufzählen, aber ich belasse es bei diesen vieren. Da dürfte für viele Geschmäcker etwas dabei sein.

Bernard Craw und die Literatur

Nandurion: Was liest Du sonst in Deiner Freizeit? Welche fünf Bücher müssten mit auf eine einsame Insel?

Bernard Craw: Außer Kochbüchern lese ich so ziemlich alles, wenn ich auch leider ein langsamer Leser bin und deswegen mein Regal mit den ungelesenen Büchern überquillt.

Generell mag ich Vampirgeschichten. Als Stephenie Meyer auf der lit.cologne war, war ich einer von zwei Männern auf dem prallgefüllten Leseschiff. George R. R. Martins Lied von Eis und Feuer ist Pflichtprogramm für jeden, der an aktueller Fantasy interessiert ist. Ich mag aber auch Science Fiction, sowohl neuere Sachen wie Schätzings Schwarm als auch Klassiker wie Herberts Dune-Zyklus. Eine Menge Hemingway steht in meinem Regal, von Clavell habe ich alles gelesen, Schiller ist immer wieder schön (vor allem seine Lyrik). Auch die Klassiker sind vor mir nicht sicher. Shakespeare, Thomas Mann, als Kölner natürlich Heinrich Böll, die Elenden von Victor Hugo, Umberto Ecos Focaultsches Pendel. Wenn man es so gut macht wie Rosamunde Pilcher, darf man mir sogar romantische Romane antragen. Ich habe ein ausgesprochen positives Verhältnis zum Lesen. Ich werde selten von Büchern enttäuscht.

Fünf Bücher für die einsame Insel sind deswegen schwierig, weil ich beinahe nie ein Buch zweimal lese. Es würden also wohl fünf Bücher aus dem Regal meiner Ungelesenen werden. Wenn ich mal schaue, was mich dort anlacht: Die Erben Kains von John Jakes, Die Werwölfe von Christoph Hardebusch, So finster die Nacht von John Ajvide Lindqvist, Next von Michael Crichton und Wiedergänger von Maike Hallmann. Praktischer wären auf der einsamen Insel aber wohl Sachbücher, aus denen man lernt, wie man eine Hütte baut, Felder bestellt und Tiere jagt. Und kocht – das kann ich nämlich auch nicht.

Nandurion: War Fantasyliteratur zu schreiben ein Ziel, auf das Du länger hingearbeitet hast, oder bist Du eher zufällig dazu gekommen?

Bernard Craw: Bevor ich die erste Kurzgeschichte geschrieben habe, die fremden Augen präsentiert werden sollte, habe ich schon Das schwarze Auge gespielt. Meine ersten Geschichten waren Fantasygeschichten, von daher war es folgerichtig, dass ich irgendwann auch Romane in diesem Genre schreiben würde. Es war aber nie so, dass ich mir dachte: Mensch, Fantasy, das klingt interessant, das müsste ich mal machen. Ich bin ja nicht von außen dazugekommen, sondern von innen. Ich war Fan, bevor ich Autor wurde.

Nandurion: Haben Deine Bücher einen inhaltlichen Bezug zu Themen, die dich im echten Leben bewegen?

Bernard Craw: Das kommt auf die Perspektive an, unter der man diese Frage betrachten möchte. Meine Romane sind keine Nacherzählungen von Begebenheiten aus meinem echten Leben, es ist nicht so, dass ich reale Ereignisse mit fantastischen Elementen anreichere und das Personal umbenenne, also meine Tanzpartnerin zu Fiana vom Isenborn würde oder so etwas.

Auf einer anderen Ebene habe ich einen sehr starken Bezug zu meinen Figuren und ihren Erlebnissen, sonst würden mich meine Geschichten auch nicht hinreichend interessieren. Fantasy ist archetypische Literatur, sie ist voller Bilder, die aus unserer Seele kommen. Zwar greift sie selten tagesaktuelles Geschehen auf (wobei der Geister-Geldverleiher, den ich in Stahl in Wehrheim platziert habe, sicher als augenzwinkernde Kritik am internationalen Kreditwesen gesehen werden kann, in dem die Lebenden permanent Zinsen an die Toten zahlen müssen), thematisiert aber Dinge, die das Menschsein an sich ausmachen. Ehre, Freundschaft, Gut und Böse, die Kraft in uns, das Einstehen für Überzeugungen … Das sind Themen, die mich interessieren, nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Mensch.

Wieder eine andere Ebene ist die Motivik. Ich lese selbst gern solche Geschichten, wie ich sie schreibe. Von daher bewegt sich die Schriftstellerei in einem Kontinuum meiner Interessen. Wenn ich nicht schriebe, würde ich mich dennoch für diese Art von Themen interessieren, solche Bücher lesen und solche Filme schauen. Es kommt selten vor, dass ich etwas rein aus Recherchezwecken lese – meistens finde ich die Lektüre auch generell lohnend. Und häufig sehe ich eine Dokumentation oder lese ein Sachbuch, und daraus entsteht dann eine Romanidee.

Nandurion: In Deinem Büchern geht es ja in verschiedener Hinsicht auch mal heftig recht zur Sache (Stichwort: „Military Fantasy“). Was reizt Dich an dieser Art von Literatur besonders?

Bernard Craw: Der Kern der Spannungsliteratur ist der Konflikt. Es muss widerstreitende Interessen geben. Wenn ein Paar am Frühstückstisch sitzt, sie möchte die Marmelade, er die Wurst, dann ist das eine gute Ausgangslage für einen schönen Sonntag im echten Leben, aber für einen Roman unbrauchbar. Beide müssen die Wurst haben wollen, es darf nur noch eine Scheibe da sein und um diese müssen sie sich fetzen. So kommt es zu spritzigen Dialogen und beide können ihre Finesse ausspielen, um ihr Ziel zu erreichen.

Militärische Settings tragen den Konfliktstoff in sich, weswegen ich auch gern BattleTech schreibe. Die Figuren sind ständig in Gefahr, ohne dass man dies künstlich konstruieren müsste, und es gibt nicht nur den Widerstreit der Kriegsparteien, sondern auch den innerhalb der Figuren. Findet man den Mut, dem Gegner gegenüberzutreten, oder flieht man? Lässt man die Kameraden im Stich? Eine Allegorie für viele Situationen im echten Leben, in eine Extremsituation gezogen und dadurch verdeutlicht.

Außerdem wollte ich es nach dem bedächtigen Todesstille und dem psychologischen Im Schatten der Dornrose mit Isenborn einmal richtig krachen lassen. Man munkelt, das sei mir gelungen.

Nandurion: Gibt es jemanden, den Du als literarisches Vorbild bezeichnen würdest?

Bernard Craw: „Vorbild“ trifft es nicht, weil ich nicht „so schreiben will wie der und der“, aber es gibt Autoren, die in meinen Augen den Gipfel dessen erreicht haben, was man in ihrem jeweiligen Bereich machen kann. Franz Kafka und Ernest Hemingway gehören dazu, Friedrich Schiller natürlich und in der fantastischen Literatur George R. R. Martin, Dan Simmons und David Brin.

Nandurion: Hat Bernard Craw Angst vor dem leeren Blatt oder vor Schreibblockaden? Wenn ja, wie überwindet er sie?

Bernard Craw: Für mich ist das Schreiben eine tendenziell unangenehme Beschäftigung. Man sitzt allein in seiner Kammer, keinen interessiert’s, abends macht man den Computer aus und im Grunde ist nichts passiert, vielleicht hat man keinen einzigen Schritt vor die Tür gemacht und mit keinem Menschen gesprochen. Ich würde das vermutlich gar nicht machen, wenn da nicht irgendwo in mir der Drang wäre, die Geschichte zu erzählen oder noch stärker: sie zu lesen. Der erste Korrekturgang, wenn die Story in der Gesamtheit vor mir liegt und ich sie erstmals komplett lesen kann, ist für mich das eigentlich Befriedigende an der Schriftstellerei. Nicht das Schreiben an sich. Von daher habe ich keine Angst vor einem leeren Blatt, sondern eine Abneigung gegen das Schreiben als solches. Das verbindet mich mit Georges Simenon, einem der erfolgreichsten Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts, der am Schluss von seinem Arzt eine Genehmigung für einen neuen Roman einholen musste, weil ihn das Schreiben krank machte.

Leere Blätter bleiben bei mir nicht lange leer, und eine Schreibblockade in dem Sinne, dass ich nichts zu Papier brächte, hatte ich noch nie. Bei mir läuft ein Tag schlecht, wenn ich weniger als fünf Normseiten schreibe, und gut, wenn es mehr als zwanzig sind. Es gibt zähe Phasen, Wochen, die mit Unter-fünf-Seiten-Tagen gefüllt sind. Aber das ist selten, und wie mit der meisten Unbill im Leben kann ich am besten damit umgehen, indem ich es ignoriere. Irgendwann fließt es wieder. Das ist sozusagen die Methode meiner westfälischen Heimat: Sturheit, unbeirrt dran bleiben. Am Dickschädel meines Ururur(…)urgroßvaters ist das römische Weltreich zerbrochen. Im Vergleich dazu ist eine schwache Phase beim Schreiben etwas, worüber man nur lachen kann.

Nandurion: Wie gehst Du beim Schreiben vor: Gehst Du eher von Figuren aus, von bestimmten Ereignissen, von einer groben Beschreibung des Handlungsverlaufs oder von etwas ganz anderem?

Bernard Craw: Von einer Grundstimmung, die das Buch tragen soll, und einem oder wenigen Motiven. In der Recherche kommen weitere Motive dazu, diese treten in Wechselwirkung zu den Figuren, die ich brauche, um diese Motive zeigen zu können. Meine Szenen skizziere ich in einer Schreibsoftware (momentan yWriter, ich habe aber auch schon andere benutzt), prüfe die Spannungsbögen und beginne dann recht schnell mit dem Schreiben. Das Exposé fertige ich für den Verlag an, um eine Idee dem Lektor vorstellen zu können, mir selbst nützt es beim Schreiben nichts. Erst während des Schreibens nimmt der Roman feste Formen an. Die Figuren übernehmen die Regie. Ihre Fragen werden meine Fragen. Daraus entstehen weitere Szenen, andere werden gestrichen. Ich wandere sozusagen durch meine Geschichte. Der Schreibprozess ähnelt einer Entdeckungsfahrt, und erst beim ersten Korrekturdurchgang weiß ich, an welcher Küste ich gelandet bin.

Nandurion: Gibt es schon neue Buchprojekte nach der Taladur-Reihe, über die Du uns berichten kannst?

Bernard Craw: Ich habe ständig Buchprojekte, von denen aber nur wenige veröffentlicht werden. Nach Türme im Nebel habe ich einen Science Fiction-Roman mit dem Titel Gottes Ebenbilder geschrieben, der etwa doppelt so lang ist wie ein Roman für Das schwarze Auge. Ich möchte ihn noch überarbeiten, bevor ich ihn einem Verlag anbiete.

Bei BattleTech sind für das erste Halbjahr zwei Buchveröffentlichungen von mir geplant, Präludium und Zorn. Beide gehören zu einem Zyklus um die Andurienkriege, den ich gern fortsetzen möchte.

Aktuell schreibe ich an einer Dark Fantasy-Trilogie, düsterer als das, was man im aventurischen Setting realisieren kann. Hier forme ich die Fantasiewelt so, dass sie die Geschichte optimal trägt.

Ich nehme an, dass ich dem Verlag auch wieder etwas zu Das schwarze Auge anbieten werde, aber im Moment gibt es keine konkreten Pläne. Ich konzentriere mich hier auf die redaktionelle Betreuung der Reihe Die Türme von Taladur.

Die Türme von Taladur

Nandurion: Du bist der für die Taladur-Reihe verantwortliche Bandredakteur. Wie können wir uns Deine Arbeit hieran vorstellen? Auf welche Weise hast Du mit den Autoren und mit dem Verlag zusammengearbeitet?

Bernard Craw: Die umfassende Beantwortung dieser Frage würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Ich versuche es einmal so:

Ich habe das initiale Konzept geschrieben, in dem die Handlungsbögen und die wesentlichen Protagonisten dargestellt sind. Dieses haben alle Autoren gemeinsam erweitert, geformt und gefeilt. Neue Figuren kamen hinzu, neue Handlungselemente, die Romane haben ihr unverwechselbares Gesicht bekommen — das Gesicht des jeweiligen Autors. Als Redakteur achte ich darauf, dass die übergreifenden Handlungsstränge angemessen vorangetrieben werden und der Turm der Tandori vom ersten bis zum letzten Band das höchste Gebäude in der Stadt bleibt. Solche Dinge prüfe ich in den Exposés, die die Autoren für ihre Romane vorlegen, und dann im Fachlektorat des Manuskripts. Dabei gebe ich auch meine Meinung zu stilistischen und dramaturgischen Fragen ab.

Außerdem bin ich der Ansprechpartner und die Entscheidungsinstanz für alle inhaltlichen Themen. Wenn ich ein Exposé genehmige, in dem steht, dass eine Figur in einem bestimmten Roman das Zeitliche segnet, dann wird das zur verbindlichen Vorgabe für die Folgebände.

In der täglichen Zusammenarbeit nutzen wir ein geschlossenes Internetforum, in dem es zu jeder Figur, jedem Schauplatz und einigen weiteren Dingen eigene Diskussionsfäden gibt. Hinzu kommen eMails und Telefonate. Wenn man mal einen der anderen Autoren persönlich trifft, ist die Reihe natürlich auch immer ein Thema.

Nandurion: Warum wurde gerade Taladur als Ort für die Roman-Reihe ausgewählt? Gab hier almadanischer Lokalpatriotismus den Ausschlag, oder waren eher pragmatische Überlegungen von Bedeutung?

Bernard Craw: Wir haben ein Setting für das Thema „Familienfehde“ gesucht, da springt einem Taladur ins Gesicht. Wir wollten keine epische Story um Wohl und Wehe ganzer Reiche, sondern eine, in der die Figuren und ihre Interaktion im Mittelpunkt stehen. Dafür ist eine Stadt im Gegensatz zu einer ländlichen Umgebung prädestiniert, hier läuft man sich ständig geplant und ungeplant über den Weg.

Als praktisch erwies sich, dass für Taladur nur sehr wenig beschrieben ist, sodass es insbesondere auch nichts gab, was der Dramaturgie der Geschichte hinderlich gewesen wäre. Zwar strahlen die geschilderten Ereignisse wenig auf das restliche Aventurien aus, aber Taladur wird nach sechs Romanen die am gründlichsten beschriebene Stadt des Kontinents sein.

Nandurion: Im Aventurischen Boten 149 konnten wir ja schon einen Auszug aus „Türme im Nebel“ lesen. Sag uns doch trotzdem anhand von fünf Stichwörtern, was uns im Roman so erwartet.

Bernard Craw: Stolz. Liebe. Ehrgeiz. Schönheit. Sehnsucht.

Drei Sätze zum Vervollständigen…

Nandurion: Ein Buch, das ich nicht mehr aus der Hand lege, muss vor allem …

Bernard Craw: … eine Sprache haben, die die Geschichte trägt. Ein Fantasyroman muss anders klingen als eine Science Fiction-Geschichte oder eine romantische Erzählung. Mit seiner Erzählstimme zaubert der Autor eine imaginäre Welt in meinen Kopf — wenn er gut ist.

Nandurion: Besonders gerne würde ich einmal einen Roman schreiben, in dem …

Bernard Craw: … grundlegende Fragen so überzeugend gestellt werden, dass der Leser animiert ist, über sein Leben nachzudenken.

Nandurion: Nichts ärgert mich beim Lesen mehr als wenn …

Bernard Craw: … ein dummer Autor sich für klüger hält, als er ist. Das trifft allerdings seltener bei Romanen als bei Sachbüchern zu. Vor allem bei Schreibratgebern.

… und noch ein paar kurze „Entweder-Oder“-Fragen:

Nandurion: Nahema oder Galotta?

Bernard Craw: Nahema – die ist einfach hübscher.

Nandurion: Praios oder Boron?

Bernard Craw: Boron — der lässt einen in Ruhe …

Nandurion: Erotische Szenen am Spieltisch: ausspielen oder vermeiden?

Bernard Craw: Kommt darauf an, wie hübsch die Mitspielerin ist.

Nandurion: Dämonen: subtiler Horror oder Werteoverkill?

Bernard Craw: Auf jeden Fall subtil — je mehr man über etwas weiß, umso weniger unheimlich ist es.

Nandurion: Aventurische Gleichberechtigung: Pro oder Contra?

Bernard Craw: Pro — Gleichberechtigung gehört zum Setting Aventurien dazu.

Vielen Dank für das ausführliche Interview und weiterhin viel Erfolg beim Schreiben, Bernd!

— das Interview führte Josch

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