Limbusspiele: DSA im Internet spielen

Gastbeitrag von Nick-Nack

Es ist Freitagabend. Das Abenteuer ist vorbereitet, Chips und Cola stehen auf dem Tisch und die Regelwerke liegen griffbereit. Bisher ein Rollenspielabend wie jeder andere. Aber heute ist etwas anders: Es klingelt nicht an der Tür, das Sofa habe ich ganz für mich und auch die Chips muss ich mit niemandem teilen. Dafür klingelt der Computer: Ich spiele über das Internet.

Auch bei schlechter Bildqualität noch lustig: Rollenspielen im Internet

Auch bei schlechter Bildqualität noch lustig: Rollenspielen im Internet

Sei es über Skype, Teamspeak, Google Hangout oder einen der darauf spezialisierten Dienste wie Roll20, Maptool oder Fantasy Grounds – inzwischen stellt die Technik keinen Hinderungsgrund mehr dar, wenn es darum geht, über das Internet Rollenspiele zu spielen. Einen Computer mit Internetverbindung, ein Headset, vielleicht noch eine Webcam – mehr braucht man nicht, um in die Welt des Online-P&P einsteigen zu können. Und Mikrofon und Kamera sind heutzutage in fast jedem Gerät eingebaut.

Immer mehr Spielerinnen und Spieler spielen über das Internet, manche ausschließlich. Dabei sehen die Gründe sehr unterschiedlich aus: Für manche ist es der einzige Weg, mit der Heimatgruppe zu spielen, die sich inzwischen in alle Winde verstreut hat. Andere wohnen in einer Gegend, in der sie keine Mitspieler finden können. Oder sie wollen Spielsysteme ausprobieren, für die sich in ihrer Heimatrunde niemand begeistern lässt. Manchmal sind es auch nur einzelne Spieler, die per Skype zugeschaltet werden, weil sie gerade außer Landes sind.

Aber nicht nur aus Not wird von der Tischrunde zum Online-Spiel gewechselt. Da man sich die Anreisewege spart, ist es leichter auch nach einem anstrengenden Tag abends noch eine kurze Runde Rollenspiel einzuschieben. Und wenn man sich noch dringend über den letzten Kinofilm austauschen will, kann man dies per Chat tun, ohne die anderen beim Spielen zu stören.

Manche Rollenspielkonzepte funktionieren sogar erst dann richtig, wenn man die Technik miteinbezieht: Zum Beispiel ist es wesentlich leichter, einem Spieler per Chat geheime Informationen zukommen zu lassen, als dafür am Spieltisch Zettelchen zu schreiben. Daraus können ganze Kampagnen entstehen: In der Zombie-Kampagne „Death on Earth“ ist die Frage, inwieweit sich die Spieler gegenseitig trauen können und welche Informationen sie untereinander teilen ein wichtiger Teil des Spielerlebnisses.

Inzwischen sind meine Spieler im Hangout angekommen. Heute spielen wir eine DSA5-Kampagne weiter, „Wie Sterne am Himmel“. Wie die Helden stammen auch die Spieler aus ganz verschiedenen Gegenden: Ich selbst, der Spielleiter, wohne in Berlin, unser südländischer Söldner Ramón kommt aus der Gegend um Dresden, der tulamidische Dieb Alrik lebt nahe Hamm und unsere horasische Hochstaplerin Nevinia und unser Koscher Magier Thalian leben gemeinsam mit ihren Katzen in Göttingen. Keinen davon habe ich bisher persönlich getroffen und ich weiß auch nicht, ob es sich jemals ergeben wird. Sie spielen nicht zum ersten Mal online. Und alle haben neben der Online-Runde auch schon am Spieltisch Erfahrung sammeln können.Nach einem kurzen Technik-Check kann es auch schon losgehen. Beim Spielen gibt es nur wenige Unterschiede zu einer Tischrunde. Wir fallen uns weniger ins Wort, weil man bei der Übertragung nichts mehr versteht, wenn mehrere gleichzeitig reden. Wir achten stärker auf den Spieler, der gerade spricht, da er uns automatisch groß auf dem Bildschirm angezeigt wird. Und statt zu den guten alten Würfeln aus Plastik greifen wir zu einer Würfel-App, die das Ergebnis direkt für alle sichtbar auf dem Bildschirm einblendet. Und als eine Katze ins Bild springt, bin ich sogar froh, dass das gerade nicht mein Tisch mit Chips und Getränken war.

Zusammengefunden hat sich die Runde über den Nerdpol, eine Online-Community, die sich speziell für das Spielen von Rollenspielen über das Internet gebildet hat. Während die meisten Runden auf dem Nerdpol über Google Hangouts stattfinden, hat sich das Onlineportal Drachenzwinge auf das Spielen per Teamspeak spezialisiert. Im Unterschied zu Google Hangouts wird meist ohne Bild gespielt, nur mit Ton. Immer häufiger werden auch in den großen Rollenspiel-Foren und Facebook-Gruppen Runden fürs Online-Spielen gesucht.

Aventurischer Spieltisch

Zumindest in Aventurien wird meist noch am Tisch gespielt (Bild aus dem Grundregelwerk von Regina Kallasch)

Der Technik sind keine Grenzen gesetzt: Roll20 erlaubt beispielsweise, Karten und Miniaturen einzublenden, zu verschieben und mit Tokens zu markieren. Auch Musik kann man im Hintergrund für alle Teilnehmer abspielen, inklusive einer Suchfunktion, um spontan das richtige Stück finden zu können. In der Premiumversion werden sogar Beleuchtung und Sichtlinien korrekt angezeigt, so dass man die Karte wie in einem Computerspiel erst schrittweise erkunden muss.

In eine ähnliche Richtung geht MapTool, welches auch auf der Drachenzwinge häufig verwendet wird und fast die gleichen Funktionalitäten wie Roll20 liefert.

Eine weitere Möglichkeit stellt die Desktop-Software Fantasy Grounds dar, die bereits mit integrierten Regelwerken geliefert wird. Dadurch kann man per Klick im Charakterbogen die Regeln für eigene Fähigkeiten nachlesen und viele Würfe werden automatisch berechnet. Bisher werden Dungeons and Dragons in der vierten und fünften Edition, Savage Worlds, Call of Cthulhu und viele weitere Rollenspielsysteme unterstützt – auch für DSA4 oder Splittermond gibt es Regelmodule, die von der Community erstellt wurden.

In der DSA-Runde reicht uns die Hilfe beim Würfeln, Miniaturen verwenden wir nicht. Dafür gibt es einen anderen Aspekt, der diese Runde von den meisten Tischrunden unterscheidet: Wir zeichnen unser Spiel auf.

Allein in Deutschland gibt es mehr als 50 YouTube-Kanäle, auf denen man Rollenspiel-Runden beim Spielen zuschauen kann. In der Community spricht man von sogenannten On-Air-Runden, im Unterschied zu den Off-Air-Runden, die ohne Zuschauer stattfinden und auch nicht aufgezeichnet werden. Der Großteil dieser Runden werden nur von einem Dutzend Zuschauer gesehen, oft solche, die selber Runden online stellen. Aber inzwischen ist das Format auch auf großen Kanälen angekommen: In Deutschland zeigen RocketBeans, PietSmiet und GameStar Rollenspiel-Shows, die Videos haben hunderttausende Aufrufe.

Meine DSA-Runde nähert sich inzwischen ihrem Ende. Wir haben konzentrierte 3 Stunden gespielt und es ist inzwischen 22:00. Einige müssen morgen früh arbeiten. Es war eine gute Runde, mit viel Action, lustigen Szenen und gutem Charakterspiel.

Am Wochenende treffe ich mich mit meiner Tischrunde hier in Berlin. Ganz will ich auf das Spielen in Person doch nicht verzichten. Aber ohne Spielen über das Internet? Nein, das geht auch nicht mehr.

Limbusspiele

Hangout, Teamspeak, Let’s Play? Die Kolumne „Limbusspiele“ beschäftigt sich mit dem Phänomen Pen-and-Paper-Rollenspiele im Internet. In den folgenden Artikeln erwarten Euch ein Blick auf die deutsche Rollenspiel-Let’s-Play-Szene und Tipps, wie ihr selbst online spielen könnt.

Begleitet wird die Kolumne von Interviews und Tipps im Videoformat.

Über Nick-Nack

Nick-Nack heißt eigentlich Daniel und spielt seit Ende der 90er Jahre Das Schwarze Auge. Nach einer fast 10-jährigen Rollenspielpause stieg er Anfang 2015 wieder in das Hobby ein und betreibt seitdem unter anderem einen YouTube-Kanal, auf dem er seine Rollenspielrunden zeigt und Tipps und Tricks zum Hobby austauscht.

Dieser Beitrag wurde unter Das Schwarze Auge, Kolumnen, Limbusspiele abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Kommentare zu Limbusspiele: DSA im Internet spielen

  1. Flocke sagt:

    Schöner Artikel. Wird der zweite Teil der angesprochenen Kampagne auch als download zu haben sein?

    • Nick-Nack sagt:

      Ob ich den Rest der Kampagne auch noch in Abenteuerform bringe, weiß ich noch nicht. Aktuell habe ich leider nicht die Zeit dafür, aber das heißt ja nicht, dass die nicht irgendwann wieder kommt 🙂

  2. Thiemo sagt:

    Danke für den interessanten und informativen Artikel. Ich hoffe dennoch, dass ich dennoch bis auf weiteres nicht darauf angewiesen sein muss und meine analoge Gruppe noch lange existiert.

    Ein wichtiger Aspekt meiner wöchentlicher Rollenspielrunde ist es, mal raus aus meinem Kaff zu kommen, Ruhe von Frau und Kind, rein in die große Stadt, vorher ein bisschen shoppen und sich vorher bei einem Fastfood-Restaurant noch was ungesundes holen, mal eine rauchen … usw.
    Wenn es bei mir irgendwann so weit sein wird, und ich digital spielen werde, bin ich technisch wahrscheinlich total abgehängt. Aber vielleicht erklärt mir ja dann mein Sohn, wie es funktioniert.

    Ach ja, was mir sonst noch dazu einfällt: In unserer (analogen) Gruppe gibt es eine Hausregel: Bei aktiver digitaler Mediennutzung ausserhalb eines Notfalls und ohne ausdrückliche Erlaubnis des Meisters gibt es mindestens 1 AP(DSA5) Abzug, je nach Dauer und Häufigkeit auch mehr…

  3. Pingback: Limbusspiele hinter Türchen 4 | Nandurion

  4. Pingback: Aus dem Limbus: Limbusspiele, Let’s Play Purpurturm, Eismann-Rückblick, zwei Gewinnspiele & Interview | Nandurion

  5. Pingback: Der Nandurion-Hesinde-Disput 2015 | Xeledons Spottgesang

  6. Pingback: Adventskalender: Das große Finale | Nandurion

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.