Sexismus, Rassismus und Gewalt

Das Schwarze Auge wurde Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erdacht. Seine Schöpfer waren Kinder ihrer Zeit. Als Ulrich Kiesow und Werner Fuchs die Welt für Aventuria erdachten, hatten sie wohl das aus einem Kriegsspiel entstandene Dungeons & Dragons als Vorbild. Sie wollten ein Rollenspiel schaffen, welches dem großen Vorbild nacheiferte, aber gleichzeitig in vielen Dingen ein völliger Gegenentwurf war. Ein Ergebnis dieser Überlegungen war die Einführung des aventurischen Helden. Sehr wohl als pädagogischer Gegenentwurf zu Dungeons & Dragons player characters, sollte der aventurische Held moralisch integer sein und für das Gute kämpfen. In vielen alten Publikationen ist dieser erhobene Zeigefinger noch zu spüren.

Ein weiterer Aspekt, der für mich immer noch einzigartig in der Welt der Rollenspiele ist, war die völlige Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Die Schöpfer des Schwarzen Auges hatten diese Position so sehr verinnerlicht, dass hinter dieser Gleichberechtigung kein ökonomisches Kalkül oder purer Pragmatismus stand. Sie waren so davon überzeugt, dass sie dieses Konzept tief in ihrer Spielwelt verankerten. So tief, dass davon abweichende Geschlechtermodelle als regionale Besonderheiten hervorgehoben werden mussten. Sicher können wir dies nicht alle in letzter Konsequenz von uns behaupten. Ich fühle mich wohler, wenn der Schmied ein Mann ist und Geburtshelferin eine Frau. Gewisse Prägungen unserer Gesellschaft schütteln wir nicht einfach so ab, nur weil ein idealistischer Sozialpädagoge vor dreißig Jahren ein paar Sätze über Gleichberechtigung in sein Buch schrieb.

Es gab eine Zeit, da dachte ich, ein Buch mit Namenslisten aventurischer Völker könnte das unnützeste Produkt sein, welches jemals für das Schwarze Auge erschien. Das Buch war dann doch nicht so furchtbar wie erwartet und der Verlag Ulisses belehrte mich auch in der anderen Richtung eines Besseren. Als das Rahjasutra erschien musste ich meine Meinung revidieren. Ich fand das Produkt derart unangemessen und unnötig, dass ich mich nicht damit beschäftigen wollte. Als dann die Wege der Vereinigung (ein Buch mit Regeln für Sex!?) angekündigt wurde, da schämte ich mich einfach nur noch. Ich schämte mich ein Fan des Schwarzen Auges zu sein. Wann genau hatte Ulisses eigentlich angefangen zu glauben, es wäre eine gute Idee Aprilscherze in den Produktplan zu überführen?

Dann verkündete Mike Krzywik-Groß seinen Rücktritt aus allen DSA-Projekten. Soweit nichts Neues in Hessen. Doch Mike erklärte auch, dass er nicht mehr mit Ulisses zusammenarbeiten wolle. Also mit den Menschen, die dort tätig sind. Dann fielen Begriffe wie Sexismus und Rassismus und der Tanz begann. Zumindest stellt sich die Geschichte für mich heute so dar. Die erhobenen Vorwürfe klingen hart. Wenn man genauer hinschaut, dann schreibt Mike allerdings durchaus differenziert von der Reproduktion sexistischer und rassistischer Klischees. Das ist nicht das gleiche, wie der Vorwurf von Sexismus/Rassismus. Mit Sicherheit war WdV ein Griff ins Klo. Ein Produkt, das besser nie gemacht worden wäre. Aber vermutlich steckt noch weitaus mehr dahinter, als nur dieses eine Produkt.

Sexismus

Ich werde hier nicht über Wege der Vereinigung schreiben. Mein Gefühl für Anstand gebietet mir, diesem Schandfleck der Publikationsgeschichte nicht noch mehr Raum einzuräumen. Diejenigen, die das verbrochen haben, wissen was sie getan haben und sie wissen auch, dass wir es wissen. Die Debatte über Sexismus in den Spielrunden da draußen wird an anderer Stelle geführt. Sie mag Verbindungen zu einer unbewussten Verstärkung über eine unglückliche Verlagspolitik haben, aber das mögen andere besser beurteilen. In einem Land, in dem junge Mädchen sich darum bewerben vor laufender Kamera gedemütigt und zu sexualisierten Objekten gemacht zu werden, ist vermutlich in dieser Sache so einiges im Argen. Wenn deine größte Sorge ist, diese Woche kein Photo zu bekommen, dann verstehst du die ganze Aufregung vermutlich nicht.

Ich stelle fest, dass ich ohne weiteren Input nicht mehr viel zu einer Reproduktion sexistischer Klischees durch den Verlag sagen kann. Die Inhalte des Spiels, welches Fuchs und Kiesow geschaffen haben, dürften derartige Dinge gar nicht zulassen. Wenn doch, dann zumindest nur in Einzelfällen und nicht bewusst. Ein männlicher Schmied ist keine sexistische Kriegserklärung. Zu viel nacktes Fleisch auf den Covern? Nach kurzer Suche in meinem Bücherregal erscheint mir dies nicht hinreichend evident. Statt dessen weibliche (bekleidete) Kämpferinnen entdeckt. Also sind die Redakteure doch alles Sexisten? Glaube ich eher nicht. Bleibt mir nur zu hoffen, dass diejenigen, die mehr darüber wissen, ihr Schweigen brechen und so einen offenen Dialog möglich machen. Ich bin fürs Erste am Ende.

Rassimus

Das war ja noch etwas. Der Rassismus. Ich ignoriere erneut geflissentlich jede Anspielung auf WdV und frage mich was damit gemeint sein könnte. Die Welt Aventurien ist in weiten Teilen ein Abbild unserer Welt. Auch in Aventurien gibt es Rassismus. Aventurien ist eine Welt voller Konflikte. Konflikte, welche spannende Geschichten für Helden liefern sollen. Heißt das, dass die Leute die darüber schreiben rassistische Tendenzen fördern? Ich hoffe nicht. Jemand schrieb, der Begriff Moha sei rassistisch, weil diese verkürzte Form für den Waldmenschen-Stamm der Mohaha eindeutig von Mohr abgeleitet sei. Solch ein Wort habe in einem Rollenspiel nichts mehr verloren. Mir war diese eigentlich recht offensichtliche Assoziation völlig neu. Bin ich deswegen ein Rassist? Oder gerade deswegen nicht? Ich habe keine Ahnung.

Nicht für ihre Toleranz bekannt. (Bilder von Verena Biskup und Matthias Rothenaicher)

In meiner Spielrunde spielt das Geschlecht der Figuren oftmals eine nachrangige Rolle. Ob der Schmied Mann oder Frau ist, ist den Spielern völlig egal. Rassismus müsste ich in meinem Aventurien vermutlich suchen. Sicher kann man die Schwarz/Weiß Thematik in die Waldmenschen hinein interpretieren. Aber in den meisten Kampagnen spielen Waldmenschen und Utulus keine Rolle. Ist es schon Rassismus wenn ich Thorwaler für gewaltbereite Säufer halte? Oder sind das noch gesunde Vorurteile? Wenn der Elf sich mit dem Zwerg kabbelt, sind dann beide Rassisten? Wenn der Bornländer den „dreckigen Goblin“ beschimpft, reproduziere ich damit rassistische Klischees? Darf man einen Nivesen Schlitzauge nennen, oder einen Elfen Spitzohr? Kommt die Rollenspielpolizei mich jetzt holen, weil ich einmal behauptet habe, Orks entstammten einer primitiven und gewaltbereiten Kultur und sollten doch lieber zu Hause im Orkland bleiben anstatt Menschenfrauen zu schänden?

Ein weiteres Mal bin ich ratlos. Mir fehlen die entsprechenden Erfahrungen und Kompetenzen um das beurteilen zu können. Vielleicht bin ich ja schon zu sehr gefangen in den unsäglichen Mustern unserer Gesellschaft. Schon will ich mich verabschieden, doch nach einem letzten Hinweis von Micheal Masberg merke ich auf. Jener strapaziert vor allem das Bild der Rollenspieler in der Öffentlichkeit. Zu viele Titten auf dem Cover. Also sind alle Rollenspieler verklemmte Sexisten, ist ja klar. Waldmenschen und Utulus haben in Kultur und Hautfarbe unübersehbare Parallelen zu irdischen Opfern von Rassismus. Eine Subkultur heimlicher Nazis, ohne Zweifel. Oder?

Gewalt

In einem verlinkten Artikel der taz stoße ich jedoch auf einen anderen Hinweis, der mich nachdenklich macht. Sicher ist der Schreiber intellektuell kaum satisfaktionsfähig. Doch wenn er schreibt „… eine Gruppe, die Mord, Lynchjustiz und Krieg in ihrer Freizeit spielt …“, dann spricht daraus ein ganz anderes Bild der Rollenspieler in der Öffentlichkeit. Ähnlich wie man den Computerspielern wohl bis ans Ende aller Tage vorwerfen wird, sie würden durch Ballerspiele zu Amokläufern, so werden die Rollenspieler sich wohl auch immer wieder mit dem Vorwurf der Gewaltverherrlichung in ihren Spielen konfrontiert sehen.

Im Gegensatz zu den obigen Themen, denen ich mich nur mühsam und schrittweise annäheren kann, ist mir das Thema Gewalt am Spieltisch, also genaugenommen zuerst einmal in der Spielwelt, sehr vertraut. Aber ist ja alles nur ein Spiel, nicht wahr?

In meiner letzten Chronik hatten die Spieler sehr viele Freiheiten. In der aktuellen haben sich einige Spieler entschlossen einen Thorwaler zu verkörpern. Einige Zeit lang habe ich versucht glaubwürdig verschiedene Meisterpersonen zu verkörpern, denen diese Dinge passierten.

  • Menschen wurden grundlos eingeschüchtert oder mit dem Tode bedroht.

  • Menschen wurden ohne jeden ersichtlichen Grund und ohne Vorwarnung ermordet.

  • Notlagen anderer wurden ignoriert und zur eigenen Bereicherung schamlos ausgenutzt.

  • Menschen sollten ausgeraubt werden, um ihre Mitarbeit auf Umwegen zu erpressen.

  • Fliehende wurden niedergemacht und kampfunfähige Kontrahenten trotz weiterer aktiver Kombattanten ermordet.

  • Ein Verzweifelter, der sich in sein eigenes Schwert stützte, wurde wiederbelebt und dann seinen Folterknechten übergeben. Immerhin, die Figuren verzichteten darauf, selbst zu foltern, um an lukrative Informationen zu kommen.

Meine Erinnerungen mögen unscharf sein. Die Spieler mögen eine andere Perspektive auf die Dinge gehabt haben. Doch das sind die Eindrücke, die bei mir haften geblieben sind.

Kopf ab! Ab mit dem Kopf! (Bild von Bryan Talbot)

Es gab zu dieser Zeit häufig Spielabende, nach denen ich nicht schlafen konnte. Die Verkörperung von Personen, denen mit solch extremer Gewaltbereitschaft begegnet wurde, bereitete mir Übelkeit. Die scheinbar völlige Ignoranz gegenüber dem Leben, der Würde und der Unversehrtheit anderer Menschen in der Spielwelt erfüllte mich mit Abscheu. Eine Zeitlang dachte ich ernsthaft daran aufzuhören und den Stuhl des Meisters zu räumen. Inzwischen habe ich einen Weg gefunden, die Interessen meiner Spieler und meine eigenen Umgang damit so zu lenken, dass wir überwiegend auch ohne Mord und seelische Trauma Spaß haben können.

Meine Mitspieler sind alles andere als verhaltensauffällige, asoziale Spinner. Sie sind wie ich Familienväter, Arbeitnehmer und vollständig in ein normales gesellschaftliches Umfeld integriert. Es sind durchweg sympathische Kerle, mit denen man einen tollen Abend haben kann. Dennoch gehört für sie der Einsatz von Gewalt so selbstverständlich zu einem Rollenspielabend, wie das Rollen von Würfeln. Action bringt Spaß und Kampf ist die einfachste und am besten durchdeklinierte Form von Action in Rollenspielen. Bin ich krank, wenn ich nach solchen Verbrechen Schlafstörungen habe? Oder sind wir alle krank und meine Seele versucht sich den letzten Rest Normalität zu bewahren?

Warum reden alle von Sexismus und Rassismus, aber niemand spricht davon, wie sich jede Woche tausende Spieler daran berauschen, durch das Blut ihrer Feinde zu waten? Alles nicht so schlimm? Alles voll normal? Ich weiß es nicht. Sicher ist Gewalt in unseren Medien und auch in unserer Welt insgesamt ein alltägliches Phänomen. Gutheißen kann ich diese unreflektierte Form von Bespaßung dennoch nicht. Ich habe meinen Schlaf wiedergefunden. Aber meine Gedanken kehren gelegentlich zurück. Zu jenen Figuren, denen ich Leben eingehaucht habe, bevor sie einen grausamen Tod durch jene unbarmherzigen Mordmaschinen starben, die Kiesow und Fuchs Helden nannten.

Referenzen

Mike Krzywik-Groß schreibt in seinem Blog nicht nur über Rassismus, sondern auch über andere Dinge.

https://krzywikgross.wordpress.com/

Michael Masberg ist noch nicht ganz im rollenspielerischen Ruhestand.

http://www.michael-masberg.de/

Die taz schreibt über Ulisses in einem Artikel, der sich um den Verkauf des Landser im F-Shop dreht.

http://www.taz.de/!5075433/

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4 Kommentare zu Sexismus, Rassismus und Gewalt

  1. Pingback: Adventskalender: Ungeheuer tiefgründig! | Nandurion

  2. Guter Artikel und ein schwerwiegendes Argument, das auch immer mal wieder in entsprechenden Diskussionen fällt, aber in der Regel nicht ernst genug genommen wird. Man sagt dann oft, Sexismus sei schlimmer als Gewalt, weil er näher an den Lebenswelten der meisten Rollenspieler/innen sei. Was ich nur bedingt nachvollziehen kann, aber erfahrungsgemäß läuft man in dieser Debatte sehr schnell Gefahr, in eine Ecke gestellt zu werden, wenn man laut sagt, dass Sexismus, Homophobie und Rassismus vielleicht nicht die größten Tabu-Probleme im Rollenspiel sind…

  3. FRAZ sagt:

    Vielen Dank für das interessante Thema!
    Ich habe darüber nachgedacht und ich glaube, rückblickend, dass mit Borbi bei uns der Wandel vom moralisch integren Helden zum ambivalenten Glücksritter gekommen ist.
    Und mir ist dabei bewusst geworden, dass ich mit einer Spielgruppe gebrochen habe, als die einen NSC aus Bequemlichkeit haben sterben lassen.

  4. Curima sagt:

    Ich habe lange überlegt, ob ich hier kommentiere. Ich werde hier keine Vorträge halten und möchte mich auch kurz fassen. Die Kolumne ist leider uninformiert und feinster Whataboutism (Gewalt als problematisches Thema im RPG ist völlig egal für die Frage, ob RPG/DSA ein Problem mit Sexismus und Rassismus bzw. sexistischen und rassistischen Klischees hat), gemischt mit „ich möchte auch mal was dazu sagen, hab aber keinen Bock, mich vorher zu informieren“. Es gibt in den Blogeinträge von Mike genügend weiterführende Links, unter denen man sich informieren kann, um die Kritik an der Reproduktion rassistischer Klischees einordnen zu können. Es gibt genügend Artikel, Bücher, Vorträge und Videos dazu, warum das ein Problem ist. Aktuell könnte ich z. B. den Podcast „Vocal about it“ dazu empfehlen.

    Auch wenn dann sowas wie „eine Show wie Germanys Next Topmodel existiert, also was soll die ganze Aufregung“ kommt, bin ich ein wenig sprachlos. Wir leben in einer Gesellschaft, die junge Frauen auf ihr Sexappeal reduziert, also müssen wir über Sexismus im Rollenspiel nicht reden? Häh? Es ist doch vollkommen offensichtlich Teil desselben Problems.

    Und nein, es ist nicht die Aufgabe von anderen, „die mehr darüber wissen“, sich zu äußern (wie es die Kolumne mehrfach verlangt) und mal wieder unbezahlte Aufklärungsarbeit zu leisten. Wenn man eine Kolumne zum Thema schreibt, sollte es die Aufgabe sein, sich selbst vorher zu informieren. Es gibt genügend Material.

    Ich würde mir von Nandurion im Ganzen wünschen, dass auch für eine Kolumne als eher persönlich gefärbte Meinungsäußerung und auch in der stressigen Adventszeit da mehr drauf geachtet wird, dass ein Text nicht in einer solchen unreflektierten Weise rausgeht.

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