Interview mit Eevie Demirtel und Marco Findeisen

Erst ein Zweiteiler zu Khunchom, jetzt Taladur im Doppelpack. Wo Marco und Eevie in die Tasten tippen, geht es abenteuerlich und oft auch actionreich zu. Anlässlich des Erscheinens des dritten und vierten Bandes der Türme von Taladur-Reihe haben wir die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, um den Autor Marco Findeisen sowie Redaktionsmitglied und Nandurion-Alumna Eevie Demirtel im gemeinsamen Gespräch mit allerlei Fragen zu piesacken.

Wir wünschen daher viel Spaß beim Lesen unseres ausführlichen Doppel-Interviews, in dem es unter anderem um die Faszination Rollenspiel, die Hintergründe der Khunchomer Pfeffer-Reihe und „Deine Mudda“-Witze geht!

Wer sind Marco und Eevie?

Nandurion: Sei doch so nett, und schreib uns einen kurzen Streckbrief über Deinen Co-Autor bzw. Deine Co-Autorin.

Marco Findeisen: Hm, einen Steckbrief also … nun gut, das gehört sich wohl so für die Autoren zweier Kriminalromane 😉 – also dann will ich mal:
Die gesuchte Person hört auf den Namen Eevie [gesprochen: [iːviː]] Demirtel, ist etwa 8 Spann + W6 groß, hat schwarzes Haar und recht helle Haut, welche ihr tulamidisches Erbe recht gut kaschiert. Zu vermuten steht, dass Eevie nur ein Deckname für einen in Wahrheit deutlich bürgerlicheren Namen ist, um leichter Anschluss an die Gangs in den Frankfurter Vororten zu finden. Das Geheimnis um ihren Wahren Namen wird von ihr jedoch streng gehütet, soll es anderen doch die Macht einräumen, sie damit zu rufen (!).
Das genaue Alter von Frau D. ist nicht bekannt, doch soll sie etwas älter als das ominöse Kartell sein, dem sie im Range eines Redakteurs dient (Codename: „Das Schwarze Auge“). Sie hat den scheinbar harmlosen Beruf einer Buchhändlerin erlernt, doch darf dies nicht über die breitgefächerte Bildung hinwegtäuschen, die sie sich während diverser anderer Tätigkeiten angeeignet hat. Frau D. ist nur selten bewaffnet, doch sei davor gewarnt, dass ihre schärfste Waffe die Zunge ist. Sie verfügt über die offenbar allen Tulamiden eigene Fähigkeit, Geschichten scheinbar aus dem Stegreif zu erfinden und mit den blumigsten Worten auszuschmücken, um ihre Zuhörer so in ihren Bann zu ziehen.

… Ok, das war nicht kurz.
Aber hoffentlich ist Eevie damit allen hinreichend bekannt 😉

Eevie Demirtel: Der Verdächtige hört auf den Namen Marco F. und wurde zuletzt im Raum Gießen in den Räumen der Justus-Liebig-Universität gesichtet, wo er versuchte, klassifizierte Informationen für seine Magisterarbeit zusammenzutragen. Er ist etwa achteinhalb Spann groß, von schlanker Statur, mit braunen Augen und kurzen dunklen Haaren. Er hat eine unerklärliche Vorliebe für T-Shirts mit rotschwarzer Symbolik (Borbaradkrone), weiß sich jedoch zu tarnen und macht auch im Polo-Shirt mit Krokodilaufdruck jederzeit eine passable Figur. F. wird vorgeworfen, mit seinen Büchern, die er neben dem Studium für die Firmen Fantasy Productions und Ulisses Spiele verfasst hat, zahlreiche Menschen stunden- oder gar tagelang von den ihnen ursprünglich zugedachten Tätigkeiten abgehalten zu haben. Die Anklage lautet auf das unerhörte Erzeugen von Spannung, verschwurbelte Schachtelsätze unter der inflationären Nutzung von Ausrufen sowie auf überbordende Phantasie. Sachdienliche Hinweise zu seinem Verbleib werden nicht belohnt, da meist ohnehin auf Nandurion oder Facebook steht, wo er sich gerade rumtreibt.

Marco, Eevie und DSA

Nandurion: Wie seid ihr zu DSA und Rollenspiel im Allgemeinen gekommen?

Marco Findeisen: (stützt den Kopf in die Hände und richtet den Blick in weite Ferne) Ach, das ist schon so lange her … Ich glaube es war im Jahr 1997, als Rollenspiel in meiner Schulklasse plötzlich in Mode kam. Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, wie mich ein Kumpel zu so einem merkwürdigen Spiel einlud und mich mit den blumigsten Worten von der unbegrenzten Handlungsfreiheit des Spiel zu überzeugen versuchte.

Zum Rollenspiel und damit zu DSA kam ich dann wie wohl die meisten in jener Zeit: Über das neue Medium PC. Meine Großeltern schenkten mir zu Weihnachten eine Computerspiele-Sammlung, in der sich auch das Spiel „Schatten über Riva“ befand. Und als ich da das DSA-Logo drauf entdeckte, erinnerte ich mich, dass meine Mitschüler doch schon mal von diesem Schwarzen Auge gesprochen hatten. Also fragte ich in der Schule noch mal nach und schon fand ich mich als Magier „Merlin“ *hust* in meinem ersten Abenteuer wieder, das damit endete, dass wir eine Gruft hinter der Theke eines Krämers entdeckten und von Ghulen befreiten – ja, so etwas soll es geben. Dieses Abenteuer ist mir, wie ihr seht, noch immer sehr gut im Gedächtnis geblieben. So merkwürdig die Handlung auch heute anmuten mag, es gelang ihr und meinem Spielleiter von einst, mich bis heute an dieses Spiel zu fesseln. An dieser Stelle: Vielen Dank, Julian, dass du mich dazu überredet hast!

Eevie Demirtel: In der Kürze liegt die Würze. Eigentlich nicht so meine Stärke, aber an dieser Stelle verweise ich gerne auf mein Nandurion-Profil. Tatsächlich war es aber ein Schulfreund, der mich schon vor der Nordlandtrilogie auf Das Schwarze Auge aufmerksam gemacht hat – danke Sven! – und ohne den ich wohl nie auf die Idee gekommen wäre, dass es ein derartiges Spiel überhaupt gibt. Ich habe schon immer gern Geschichten spielend erzählt und beneide Kinder manchmal ein bisschen, die das ja mit großer Selbstverständlichkeit tun.

Nandurion: Trifft man euch eher als Spieler oder als Spielleiter am Spieltisch?

Marco Findeisen: Mal so, mal so. Im Moment habe ich mir die Maske des Meisters – ja, die mit dem dritten Auge auf der Stirn ^^ – wieder aufgesetzt und meine Spieler in einer Reise zum Horizont über das Meer der Sieben Winde geführt, wo sie sich nun mit der für sie völlig fremden Kultur des Westkontinents auseinandersetzen müssen. Aber ich bin auch mindestens ebenso gerne Spieler, besonders wenn man unter Spielleiterinnen wie Eevie spielen darf, die in jüngerer Zeit Kampagnen wie Simyala oder das Jahr des Feuers eindrucksvoll gemeistert haben. Besonders letztere Kampagne ist mir deswegen sehr positiv und sehr episch in Erinnerung geblieben.

Eevie Demirtel: Ich habe mich schon sehr früh zum Meister aufgeschwungen und jahrelang unzählige Spielgruppen bespaßt und wahrscheinlich auch ein wenig gequält. 😉 Inzwischen bin ich froh, wenn ich selbst einmal einen Helden ins Feld führen darf und genieße es richtig. Unglücklicherweise macht gerade mein Job mir da einen Strich durch die Rechnung. Ich finde leider nur selten jemanden, der mich spielen lässt, insbesondere wenn Das Schwarze Auge gespielt werden soll.

Nandurion: Habt ihr ein Lieblingsabenteuer bei DSA?

Marco Findeisen: Vielleicht ist die Frage danach nicht ganz fair, weil Dinge immer aufregender sind und sich tiefer in die Erinnerung einprägen, solange sie neu sind. Insofern verwundert es sicher nicht, dass auch die Abenteuer, an die ich die stärksten Emotionen knüpfe, weit am Anfang meiner Spiellaufbahn liegen.

Mein Lieblingsabenteuer (als Spielleiter) ist nach wie vor Tom Finns Über den Greifenpass. Das Abenteuer habe ich mir damals, kurz nachdem ich mit DSA begonnen habe, geholt, während wir auf Klassenfahrt waren. Wir waren in so einer richtig alten Jugendherberge mit 10-Bett-Zimmer, und mindestens sechs oder sieben von uns haben DSA gespielt. Von vier Übernachtungen haben wir zwei Nächte, sehr zum Leidwesen der wenigen Nichtspieler, komplett durchgespielt. Und als uns der „Stoff“ ausging, bin ich losgezogen und habe für Nachschub gesorgt. (Das war die glorreiche Zeit, als man DSA-Artikel noch in jedem Spielwarenladen fand). Ich glaub, ich hab Über den Greifenpass wegen des Covers ausgesucht, vom Inhalt verstand ich ja nicht viel. Es war aber ein echter Glücksgriff, nicht nur, weil ich als völliger SL-Neuling darin Tipps für den Spielleiter fand. Dieses Abenteuer ist von der Story her eigentlich so schlicht und geradlinig (es richtet sich ja auch an Anfänger) und trifft aber so perfekt alle Fantasy-Klischees bei gleichzeitiger Bodenständigkeit, dass ich sagen muss, dass Tom hier meiner Meinung nach ein kleines Meisterwerk gelungen ist. Ich habe danach selten ein Abenteuer gelesen, das die Welt so sehr geatmet hat wie dieses. Vielleicht auch, weil die Plots, die ich heute lese, deutlich verdichteter sind. Da ist es Aufgabe des Spielleiters, die Welt zum Atmen zu bringen. Dennoch: Bis heute habe ich kein Abenteuer so oft geleitet wie Über den Greifenpass. Die Handlung kann ich mittlerweile glaube ich auswendig.

Als Spieler ist mir außerdem das noch ältere In Liskas Fängen von Ralf Hlawatsch in Erinnerung geblieben. Da gab es eine nervenzerreibende Szene im Blockhaus eines Nivesen-Schamanen, in der sich einer unserer Gefährten einem lebensbedrohlichen Austreibungsritual unterziehen musste, während von draußen eine siebenköpfige Anti-Helden-Gruppe versuchte, das Ritual zu stören. Und plötzlich war nur noch mein Magier (besagter Merlin *hüstel*) übrig, der es mit den Schurken ganz allein aufnehmen musste. Das war wirklich großes Hitchcock-Kino, denn jeder, der mal einen Magier gespielt hat, weiß, wie wenig die im Zweifelsfall aushalten. Bis heute weiß ich allerdings nicht, ob die Szene da so im Abenteuer drin steht oder ob der Spielleiter da nur sehr gekonnt eine solche Situation konstruieren konnte. Es war eben eine sehr persönliche Szene, die mit dem Abenteuer eigentlich gar nicht so viel zu tun haben muss.

Eevie Demirtel: Das ist eine ganz schreckliche Frage, Einhörner. Es ist nicht einfach, sich bei der Vielfalt zu entscheiden, und mit manchen Abenteuern verbindet man einfach großartige Erinnerungen, obwohl der Plot selbst bei bloßem Durchlesen nur wenig zu begeistern vermochte. Ein Abenteuer, das mir sehr positiv in Erinnerung geblieben ist, war Herz aus Eis von André Wiesler, weil wir unglaublich schöne Momente am Spieltisch hatten und ich Closed-Room-Szenarien liebe. Die Herren von Chorhop von Anton Weste und Blutige See waren toll, unter den neueren Abenteuern sind das subtile Schleiertanz und das epische Bahamuths Ruf ganz großes Imman. Und ich habe aus nostalgischen Gründen ein großes Herz für den Klassiker Das Grabmal von Brig-Lo, das in meinen Runden allerdings wesentlich deutlicher almadanisch geprägt ist.

Nandurion: Gibt es irgendeinen offiziellen NSC der Gegenwart, der euch besonders am Herzen liegt?

Marco Findeisen: Uff, schwierig. Früher war ja bekanntlich alles besser. Damals waren NSCs omnipräsenter, und man war als Spieler irgendwie sehr vertraut mit ihnen. Heute gibt es mehr Publikationen und dadurch mehr NSCs, deren Entwicklung einem dann oft irgendwie entgeht. Und schwupps sind sie dann auch schon wieder tot, noch bevor man sein Fähnchen für ihn oder sie schwenken konnte. Das ist auch den vielen Autoren geschuldet, die das System unabhängig voneinander weiterschreiben. Da liegt es am Spielleiter, coole Serienfiguren zu erschaffen.

Und während ich das so schreibe, kristallisiert sich für mich doch eine Figur heraus, die eben noch aus dieser alten Garde stammt und die sich vielleicht deshalb von den noch blassen Neulingen im aventurischen Staraufgebot abhebt. Vielleicht liegt es aber auch an den tiefgehenden Recherchen im Vorfeld zu Khunchomer Pfeffer II, dass ich hier ausgerechnet Sultan Hasrabal nennen würde. Die Figur ist echt cool, weil sie eine der wenigen ist, die man nicht klar greifen kann. Hasrabal ist weder gut noch böse, weder weiß noch schwarz. Er kann heute dein Freund und Gönner und morgen dein ärgster Feind sein. Hasrabal ist seine eigne Partei mit seiner eigenen Agenda, der alle Gegebenheiten seelenruhig akzeptiert und daraus stets seinen Vorteil zu schlagen versucht. Und scheinen Ereignisse auch noch so unvorhersehbar, wird man rückblickend oft staunend zur Kenntnis nehmen, dass offensichtlich alles von langer Hand genauso von ihm geplant worden ist. Eine tolle Figur, die uns hoffentlich noch ein wenig beschäftigen wird.

Eevie Demirtel: Es gibt niemanden, der für mich deutlich auf Platz 1 landet, dafür hat Aventurien in fast 30 Jahren viel zu viele interessante Figuren hervorgebracht. In der Redax machen sich zwar immer alle über mein reges Interesse für den Patriarchen [Amir Honak; Anm. d. Red.] lustig, aber eigentlich schlägt mein Herz mehr für die Schurken der Geschichte. Das müssen nicht immer die großen Fische sein, es dürfen auch kleine, verzweifelte oder einfach nur wunderbar fies lachende, ultraböse Finsterlinge sein. Was ich aber besonders mag, ist das Gefühl, es mit einer lebenden und atmenden Figur zu tun zu haben. Außerdem bin ich ein großer Fan von publikationsübergreifenden Querverweisen und liebe es, lange vergessene Personen wieder aufzugreifen und neu zu erzählen.

Marco und Eevie als Romanautoren

Nandurion: Welche Ereignisse führten eigentlich dazu, dass ihr begonnen habt, als Team zu schreiben?

Marco Findeisen: Zufall und Spontanität würde ich behaupten. Ich hab schon sehr früh angefangen, mir eigene Plots und Geschichten für DSA auszudenken und wollte immer auch mal was veröffentlichen, zumeist DSA-Abenteuer. Aber aus verschiedenen Gründen wurde das nie etwas. Zum Verlag hatte es jedenfalls keine meiner Ideen geschafft. Über die Phase der Planung gingen solche Plots eigentlich nie hinaus (mit Ausnahme zweier Wettbewerbsbeiträge zum Goldenen Becher, die aber stets knapp an der Top3 vorbeischossen).

Zur „Teamgründung“ kam es dann während einer Lesung von Wolfgang Hohlbein in Bad Homburg, als Eevie seufzte „ach ja, irgendwann schreib ich auch mal einen Roman“. Ich glaube, sie hätte nicht gedacht, dass ich sie in diesem Moment beim Wort nehme und sie auffordere, das mit mir umzusetzen. 😉

Eevie Demirtel: Da muss ich wiedersprechen. 😉 Das hat nichts zufälliges, sondern ist allein Marcos Hartnäckigkeit zu verdanken. Ich hab irgendwann einfach ja gesagt, weil er nicht aufgehört hat zu fragen, ob ich mit ihm schreiben möchte. Dann haben wir festgestellt, dass wir uns recht gut ergänzen und sind dabei geblieben. Inzwischen sprechen wir sogar recht häufig über Projekte, die wir allein verfolgen, einfach weil es komisch ist, ganz ohne den anderen zu arbeiten.

Nandurion: Wie teilt ihr euch die Arbeit auf? Gibt es bei euch besondere Zuständigkeiten für bestimmte Charaktere?

Marco Findeisen: Bei der Arbeit an Teil 1 sind wir noch relativ chaotisch vorgegangen. Zwar wussten wir, worüber wir schreiben wollen, und wir hatten auch ein paar Eckpunkte definiert, doch den genauen Verlauf der Handlung hatten wir nicht besprochen, wodurch verschiedene Passagen von ein und demselben geschrieben wurden. Dadurch mussten am Ende ganze Teile noch mal inhaltlich und stilistisch überarbeitet werden.

Bei Teil 2 sind wir schon viel professioneller ans Werk gegangen. Wir haben die Story in langen Telefonaten von vorne bis hinten durchgeplottet, in Szenen eingeteilt und die Szenen so verteilt, dass jeder das bekam, was er gerne schreiben wollte. Den Rest haben wir dann fifty:fifty aneinander vergeben.  Stilistisch abgeglichen werden muss so etwas am Ende aber immer.

Eevie Demirtel: Die Arbeitsteilung funktioniert bei uns eigentlich recht reibungslos. Jeder pickt sich die Rosinen raus und der Rest wird gnadenlos ausgewürfelt … nein, Spaß beiseite. Wir haben recht klare Vorlieben für bestimmte Szenen und Figuren. Irgendwann hat sich rauskristallisiert, was wir gut können und was eben nicht. Und dementsprechend teilen wir die Szenen zwischen uns auf. Es ist wahrscheinlich kein Geheimnis, das Kasim so blumig spricht, weil Marco maßgeblich für seine Sprache verantwortlich zeichnet. Warum Deniz aber so viel flucht und sich ständig volllaufen lässt, ist mir bis heute ein Rätsel … 😉

Nandurion: Habt ihr in euren beiden Romanen die Handlung um die Charaktere und deren Entwicklung herum gebaut, oder stand am Anfang bereits eine konkrete Plotidee?

Marco Findeisen: Hui, schwierig. Ich finde, Geschichten lassen sich nur schwer von einem Ende her denken. Geschichten sind mehr wie große Puzzle-Spiele. An der einen Ecke fängt man mit den Figuren an und an der anderen mit der Handlung. Und dann beginnt man die passenden Teile aus der Verpackung zu suchen, welche das Wirrwarr zu einem großen Bild zusammenfügen.

Bei Teil 1 hatten wir als erstes, nachdem wir die Stadt bestimmt hatten, unsere Protagonisten Deniz und Kasim. Diese entstanden dadurch, dass wir uns beide zurückzogen und jeder für sich im stillen Kämmerlein einen Charakter entwickelte, den wir dann dem jeweils anderen vorstellten. Witzigerweise haben sich die beiden Figuren von Anfang an ergänzt, und ich grusel mich bis heute immer wieder vor dem Gedanken, ob mir (oder uns) so ein ineinandergreifen zweier Hauptcharaktere noch einmal gelingen wird. Danach erst entstand die Story, bei deren Planungen die Charaktere aber nur noch ab und an eine Rolle spielten.

Bei Teil 2 war das etwas anders. Wir hatten unsere Protagonisten schon (zumindest die Serienprotagonisten) und hatten eine ungefähre Ahnung davon, in welche Konflikte wir sie verwickeln und wie wir sich charakterlich weiterentwickeln wollten. Gleichzeitig hatten wir sehr genaue Vorstellungen, wo die Geschichte spielen und um was es gehen würde. Und dann haben wir die Geschichte, wie im Puzzle-Vergleich angedeutet, Stück für Stück zusammengesetzt.

Im Übrigen sind es nicht nur Deniz und Kasim, denen wir durch persönliche Momente Tiefe und Charakterentwicklung ermöglichen wollen. Wer aufmerksam liest, wird feststellen, dass wir auch Nebenfiguren immer gerne Twists mitgeben und ihnen die Möglichkeit bieten, sich in bestimmte Richtungen zu entwickeln. Das ist nicht immer leicht, wenn man bedenkt, dass die Handlung im Vordergrund stehen muss und ein Buch irgendwann zu dick wird.

Eevie Demirtel: Am Anfang stand der Entschluss, dass wir eine phantastischen Kriminalroman schreiben wollten. Damit ist natürlich ein Teil der Handlung so gut wie vorgegeben, denn es muss ermittelt werden. Und was wäre wohl klassischer als ein Mord? Die Figuren und unsere Vorliebe für das Hardboiled-Genre und etwas verqueren Humor haben dann ihr Übriges getan und natürlich Khunchom als heimliche Hauptdarstellerin der Serie. Die Stadt mit ihren vielen Gegensätzen und Kontrasten hat viele Ideen für die Handlung geliefert, genau wie das intensive Studieren der Regionalspielhilfen Land der Ersten Sonne und Raschtuls Atem.

Nandurion: Was fällt euch beim Schreiben besonders leicht? Und was besonders schwer?

Marco Findeisen:  Dialoge schreibe ich sehr gerne, weil sie mir recht leicht fallen. Dass heißt nicht, dass sie mir besonders schnell von der Hand gingen. Aber wenn ich einmal ein bestimmtes Bild von einer Figur im Kopf habe, wenn ich weiß, wie sie denkt und wie sie spricht, dann glaube ich, kann ich ihr eine eigene Stimme geben. Auch Action-Szenen machen mir großen Spaß. Womit ich mich hingegen schwer tue, sind Beschreibungen. Das ist ein Dilemma, weil ich eigentlich gerne opulent erzähle und meine komplexen Vorstellungen am liebsten auch dem Leser mitteilen möchte. Doch Beschreibungen bergen die große Gefahr, dass sie schnell statisch wirken, den Erzählfluss hemmen und den Leser langweilen. Da bin ich noch auf der Suche nach dem Stein der Weisen 😉

Eevie Demirtel: Ich liebe Dialoge, ich hasse Geschwurbel. Marco muss mich immer bremsen, dass ich nicht staccatomäßig Sätze mit Subjekt-Prädikat-Objekt aneinanderreihe. Bei Beschreibungen achte ich darauf, die relevanten Informationen zu vermitteln, aber unbedingt Platz für Phantasie zu lassen. Der Leser darf und soll sich fehlende Details gerne ausmalen. Das ist einer der Gründe, warum Lesen ein derart persönliches Erlebnis ist, und das will ich nicht durch eine zu große und oft langatmige Detailtiefe zerstören.

Khunchomer Pfeffer

Nandurion: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Elemente des Hardboiled-Krimigenres mit orientalisch angehauchter Fantasy zu kreuzen?

Marco Findeisen: Tja … wie nur? Also zunächst fiel die Wahl damals glaube ich auf die Region, in der der Roman spielen sollte und da sprachen zwei Gründe für die Tulamidenlande. Zum einen war es eine Region, die uns beide faszinierte, zum anderen gab es dazu schlichtweg kaum Romane, geschweige denn Abenteuer. Das war also eine „Marktlücke“, von der wir uns erhofften, dass sie unsere Aussichten, verlegt zu werden und damit auch Erfolg zu haben, vergrößerten. Dass wir das mit dem Krimi-Genre kreuzen wollten, darüber waren wir uns schnell einig, glaube ich, auch wenn ich eigentlich kaum Krimis lese (dafür aber ein leidenschaftlicher Tatort-Fan bin 😉 ).

Und im Krimi-Bereich gibts ja nun mal nur zwei große Schulen. Die des klassischen Detektiv-Krimis à la Agatha Christie, in der der Detektiv einen Tatort vorfindet und dann durch Analyse herausfindet, wer es war. (Was sehr schnell furchtbar statisch wird, da die Konstruktionsweise verlangt, dass der Täter nichts unternimmt, um den Detektiv an der Aufklärung zu hindern. Andernfalls verwischt er die Spuren und der Detektiv kann nicht dahinter kommen). Und das andere ist der Hard-Boiled-Krimi, der in großstädtischen Elendsvierteln spielt, mit einem Ermittler, der selbst am Rande der Gesellschaft steht und einer Polizei die durch und durch korrupt ist. Einer, der mit Worten und Fäusten austeilt und selbst gehörig einstecken muss … usw. Das jedenfalls schien uns für eine Stadt wie Khunchom, in der die tulamidische Bakshish-Mentalität allgegenwärtig ist, wie … tja … wie die Faust aufs Auge zu passen. Außerdem mag ich raue Geschichten, in denen ordentlich ausgeteilt wird.

Eevie Demirtel: Dazu ist alles gesagt. 🙂

Nandurion: Gibt es (literarische) Vorbilder für die verschiedenen Personen oder Figuren aus euren Romanen?

Marco Findeisen: Nun, wer die Danksagung in Teil 2 gelesen hat, wird dort auch den Namen Jakob Arjounis finden, von dessen vier Frankfurter Hard-Boiled-Krimis wie Happy Birthday, Türke! oder Kismet wir beide große Fans sind. Gewisse Parallelen zwischen Deniz und dem Detektiv Kemal Kayankaya sind natürlich rein zufällig *hüstel*. Auf die glorreiche Schrank-Szene mit Kemal und seinem Komplizen Slibulsky aus Kismet haben wir an einer Stelle in Tod auf dem Mhanadi sogar angespielt.

Ansonsten muss ich insofern verneinen, als dass mir keine Figur bekannt wäre, bei der wir uns bewusst an irgendeinem (literarischen) Vorbild orientiert hätten. Ich will aber nicht ausschließen, dass es Leser geben mag, die für sich Parallelen zu anderen ihnen bekannten Figuren entdecken.

Eevie Demirtel: Gerade die komischen Elemente der Khunchomer Truppe erinnern an der ein oder anderen Stelle ein wenig an Terry Pratchetts Ankh-Morpork Romane. Das war so ursprünglich nicht beabsichtigt, der Vergleich ist aber öfters angestellt worden und ich finde ihn recht schmeichelhaft, weil ich Pratchetts Romane sehr schätze.

Ansonsten habe ich großen Spaß daran, mich von meiner Umwelt und den Menschen, die mich umgeben, inspirieren zu lassen. Das kann jemand sein, der in der U-Bahn einen dummen Spruch losgelassen hat, ein Dauernörgler an der Supermarktkasse oder ein wirklich absurdes Telefongespräch mit einem Freund, in dem man wunderbar aneinander vorbeiredet. Einige Ereignisse in den Khunchomer Pfeffer Romanen sind übrigens an reale Begebenheiten mit meiner deutsch-türkischen Familie angelehnt. Welche, verrate ich allerdings nicht.

Nandurion: Wieso gerade Khunchomer Pfeffer und nicht Fasarer, Thalusischer oder Rashduler Pfeffer?

Marco Findeisen: Das ist eine der meistgestellten Fragen. Im Gegensatz zu Fasarer, Thalusischem oder Rashduler Pfeffer ist Khunchomer Pfeffer eine in der Spielwelt häufig genannte Pfeffersorte (neben alanfanischem und maraskanischem Pfeffer), womit ich aber die Existenz von Fasarer, Thalusischem oder Rashduler Pfeffer keineswegs bestreiten möchte :). „Khunchomer Pfeffer“ war eigentlich nur unser Arbeitstitel. Aber dem Verlag (damals noch FanPro) gefiel der Titel so gut, dass er ihn unbedingt behalten wollte. Zur Genese dieses schmissigen Arbeitstitels, weiß Eevie wohl Genaueres zu berichten.

Eevie Demirtel: Natürlich weil Khunchomer Pfeffer so scharf ist, dass er selbst Drachen zum Weinen bringen kann. 😉 Diese Stadt hat einfach alles, wonach wir gesucht haben und da fiel uns diese Wahl leicht. Entstanden ist der Name, weil der Verlag uns unvermittelt um einen Arbeitstitel zwecks Vertragsabschluss gebeten hat. Eine der Feststellungen, die wir beim Plotten für das Exposé immer wieder machten war, dass die Geschichte Pfeffer haben muss. Den Rest kann man sich dann prima selbst zusammenreimen. Ich hätte nur nie damit gerechnet, dass der Titel derart einschlägt. Eigentlich wollten wir das Buch nämlich umbenennen, nur waren alle von Khunchomer Pfeffer so restlos begeistert, dass wir es einfach als Reihentitel behalten haben.

Nandurion: Was, würdet ihr sagen, sind die wichtigsten Unterschiede zwischen eurem ersten Roman „Schattenflüstern“ und dem aktuellen „Tod auf dem Mhanadi“?

Marco Findeisen: Er hat von allem mehr! Mehr Handlung, mehr Gewalt, mehr Witz, mehr Deniz und Kasim, mehr Sex! (… glaub ich)

Eevie Demirtel: Absolut!

Marco Findeisen: Nein, im Ernst: Wir haben mit Schattenflüstern unsere ersten Erfahrungen gesammelt und natürlich versucht, diese in Tod auf dem Mhanadi einzubringen. Ich finde, wir haben uns weiterentwickelt und ich hoffe, das empfindet auch der Leser so. Gleichzeitig haben wir die Story versucht actionreicher und spannender zu gestalten, wodurch wir vom klassischen Ermitteln etwas weg in Richtung Thriller gerückt sind. Das wäre eine Richtung, die ich auch zukünftig gerne beibehalten wollte.

Eevie Demirtel: Ich denke nicht nur die schriftstellerische Weiterentwicklung ist wichtig, sondern auch der Aufbau. Während Schattenflüstern ein klassischer Whodunit (Ermittlerkrimi) ist, haben wir bei Tod auf dem Mhanadi gerade in der zweiten Hälfte auf mehr Spannung und Action gesetzt und einen echten Thriller mit Politanleihen daraus gemacht. Deniz Bauer … ehm ibn Seyshaban … muss noch härtere Verhörmethoden ins Feld führen, um rechtzeitig die Wahrheit aufzudecken, während Kasim Wallander … ehm ben Gaftar …. sein Privatleben um die Ohren fliegt. Hatten wir oben gesagt, wir hatten uns nicht absichtlich an literarischen Figuren orientiert? 😉

Nandurion: Was wurde aus Federigo (je nach Sichtweise der heimliche Star aus „Schattenflüstern“ oder aber die totale Nervensäge).

Marco Findeisen: Ganz bestimmt hat er der Stadt den Rücken gekehrt. Bloß wo es ihn hin verschlagen hat, Das wissen wohl nur die Götter. Vielleicht werden wir eines Tages wieder von ihm hören…

Eevie Demirtel: Ich habe schon so eine Idee, wo wir ihn unterbringen werden. Ob er nach Khunchom oder gar Punin zurückkehren wird ist fraglich, aber es ist durchaus möglich, dass er irgendwann in einer Spielhilfe oder einem Abenteuer auftaucht.

Nandurion: Dürfen wir uns auf einen dritten Band freuen? Falls ja, könnt ihr schon ganz grob ein paar Ideen benennen, mit denen ihr zurzeit spielt und die vielleicht einmal Eingang in das Werk finden könnten?

Marco Findeisen: Ob es einen dritten Teil geben wird, hängt natürlich auch immer von der Resonanz ab. Wie verkauft sich das Buch und wie fällt die Kritik dazu aus? Von uns aus steht einer Fortsetzung eigentlich nichts im Wege. Die Ideen, die wir mit Deniz, Kasim und dem Rest der Garde haben, reichten aus, um damit noch einige Bände zu füllen. Dabei geht es hauptsächlich um die Frage, wohin sich Figuren entwickeln könnten. Wir sind uns, glaube ich, recht einig darin, dass wir Deniz einmal mehr in den Vordergrund stellen müssen. Man weiß ja noch recht wenig über ihn und das hat der Wirkung seiner Figur bislang auch sicherlich ganz gut getan. Aber nun ist es doch einmal an der Zeit, dass ihn der Leser etwas besser kennenlernen sollte. Gleichzeitig haben wir in Tod auf dem Mhanadi eine weitere Entwicklung Kasims angestoßen, die ja auch fortgeführt werden will. Das allein reicht wahrscheinlich schon für ein ganzes Buch aus und da ist der eigentliche Plot ja noch gar nicht drin. Konkretere Vorstellungen gibt es, denke ich, noch nicht und es wird wohl auch noch ein wenig dauern, bis man mit einer Fortsetzung rechnen kann. Zum einen muss ich mein Studium erst einmal zu Ende bringen, zum anderen ist Eevie durch ihren Job, glaube ich, recht gut ausgelastet. Und selbst wenn es schneller zu verwirklichen wäre, denke ich, dass der Reihe eine größere Pause ganz gut tut. Gute Ideen und vor allem der Humor, den wir uns behalten wollen, kommen leider nicht immer auf Knopfdruck.  Als Autor fehlt einem auch manchmal der kritische Blick auf das eigene Werk, weswegen wir uns auch immer sehr über das  Feedback unserer Leser freuen. Aber ich denke, wir haben die Messlatte mit Tod auf dem Mhanadi recht hoch gelegt, und da soll ein dritter Teil natürlich nicht hintenansstehen.

Eevie Demirtel: Es gibt unzählige Plotideen, die noch in unseren Köpfen spuken und die wir unbedingt auf Papier bringen müssen. Im Moment fressen Studium und Job allerdings große Teile unserer Zeit, aber sobald ein bisschen Luft ist, werden wir das Projekt in Angriff nehmen. Inzwischen sind wir beim Schreiben auch deutlich schneller als noch von ein paar Jahren. Die Entwicklung der Plots und Figuren frisst allerdings deutlich mehr Zeit. Glücklicherweise haben wir da aber schon einige recht konkrete Vorstellungen. Kasims private Krise ist in jedem Fall noch nicht ausgestanden und ob Deniz sich nach den Ereignissen in Tod auf dem Mhanadi wieder einigermaßen fängt, bleibt abzuwarten. Als bisher einzige Frau unter Männern wird Nishat wohl in Zukunft auch etwas mehr Platz in der Serie bekommen. Waren das jetzt genug Insiderinformationen? 😉

Nandurion: Eure Charaktere haben überwiegend deutlich erkennbare Ecken und Kanten. Insbesondere Prinz Stipen wurde von euch im aktuellen Roman recht markant gezeichnet. Das wird nicht jedem gefallen. Wie würdet ihr dem Skeptiker diesen Umgang mit der Figur erklären?

Marco Findeisen: Also zum einen entspricht es unserem Stil und unseren Vorlieben, Figuren etwas zu überzeichnen. Dadurch werden sie griffiger, dadurch erlauben sie uns unseren Humor, mit dem wir uns ja auch ab und an über sie lustig machen. Ich glaube wir sind beide große Fans des augenzwinkernden Erzählens, wie man es vor allem in den Romanen und Abenteuern der späten 90er findet. Das hat damals schon nicht jedem gefallen und deswegen wichen die humorigen Texte oft irgendwelchen bierernsten Konstrukten. Das finde ich sehr schade. Klar muss man nicht jeden Kalauer von der Straße aufheben, den man so findet … aber man kann! Die Gefahr besteht natürlich immer, dass es zu sehr in den Klamauk ausartet – zum Beispiel waren die Caleigh-Barden vielleicht schon etwas zu viel des Guten, besonders wenn man sie ins Zentrum einer Handlung rückt(e) (ich muss bekennen, sie nur vom Hörensagen zu kennen), ebenso der Elch-Test(!) des neuen Ferrara(!) Modells . Aber hey, ich finde, das sind geile Jokes, über die ich herzlich gelacht habe und besser man zahlt einmal zu viel ins Phrasenschwein ein, bevor man einen Witz ungenutzt liegen lässt.

Eevie Demirtel: Ja, das macht insbesondere Marco gerne. 🙂 Ich musste unzählige Deine-Mudder-Witze ausbauen … und eine nervtötende mohische Tröte rauskürzen (s.u.). Aber wenn sie nicht zu platt sind, liebe auch ich solche Anspielungen und verbaue gerne Zitate auf Literatur und Film. Dabei bin ich aber oft so subtil, dass sie doch keiner gefunden hat.

Marco Findeisen: Hey, nichts gegen „Deine Mudda Witze“. Die sind Kult, man 😉

Die Welt nicht zu ernst zu nehmen und immer wieder irdische Bezüge einzubringen ist auch Teil unseres Spielstils. Ich glaube, wir können und wollen gar nicht anders schreiben. Und wer aufmerksam liest, findet sicher den ein oder anderen intermedialen Bezug, über den man dann schmunzeln kann.

Durch Überzeichnen kann ich dem Leser schneller ein bestimmtes Bild von einer Figur vermitteln, als wenn sie sich in Verhalten und Sprache überhaupt nicht von allen anderen unterscheiden würde.

Was Stipen betrifft, bin ich mir eigentlich gar keiner Schuld bewusst. Gerade mit ihm hatten wir uns lange beschäftigt, weil wir die Widersprüche zwischen Land der Ersten Sonne und Drachenchronik glätten wollten. Und gerade aus Land der Ersten Sonne lese ich heraus, dass Stipen das klassische verwöhnte (Einzel-)Kind reicher Eltern ist. Und wenn da steht, dass er es gewohnt ist, jeden Wunsch erfüllt zu bekommen und zu jeder Tageszeit delikate Häppchen verspeist, dann ist es doch selbstverständlich, dass er dann bei uns auch in absolut jeder der ohnehin wenigen Szenen auch etwas am Essen ist :D. Dadurch schärfen wir sein Profil. Dass er auch einmal nichts isst, wenn die „Kamera“ vielleicht gerade nicht auf ihn gerichtet ist, das ist doch klar.

Generell betreiben wir immer viel Recherche-Aufwand, um Figuren und Hintergründe widerspruchsfrei darzustellen. Im Normalfall haben wir alles verfügbare Quellenmaterial gewälzt, bevor wir anfangen zu schreiben. Stimmigkeit in einer in sich geschlossenen Welt ist uns sehr wichtig! Wir selbst ärgern uns über jeden Widerspruch, auch wenn sich Widersprüche wegen der Vielzahl an Autoren und Texten aber wohl nie ganz vermeiden lassen werden.

Nandurion: Wird es in Zukunft wieder solche Aktionen wie den Charakter-Wettbewerb zu „Tod auf dem Mhanadi“ geben?

Marco Findeisen: Also von mir aus sehr gerne. Aus meiner Sicht war der Wettbewerb ein voller Erfolg. Wir haben eine Menge sehr toller Charaktere bekommen und dass diese es nicht alle ins Buch geschafft haben, lag einzig und allein daran, dass sie thematisch nicht unterzubringen waren. Am Ende kam sogar mehr dabei heraus, als wir uns das erhofft hatten. Ursprünglich ging es ja nur um einen Cameo-Auftritt, aber zwei eingesandte Figuren, der Schelm Krufix und der Hausdiener Bosper, erfüllten durch Zufall genau die Funktionen, die wir im Buch noch zu besetzen hatten. Dadurch sind beide zu einer großen Nebenrolle gekommen und vermutlich haben ihre Charakterbeschreibungen uns erst zu der ein oder anderen Szene inspiriert.

Eevie Demirtel: Die Khunchomer Stadtgarde ist seit Jahren unterbesetzt und wir planen sie um ein paar Mann (oder sogar Frau!) aufzustocken. Nach den guten Erfahrungen in der Vergangenheit könnte ich mir gut vorstellen, dieses Problem wieder über einen Wettbewerb zu lösen. Wir lassen es euch auf jeden Fall wissen, wenn es soweit ist.

Nandurion: Tod auf dem Mhanadi steckt voller Anspielungen und Referenzen auf andere Werke. Welche Idee habt ihr damit verfolgt? Und mögt ihr uns vielleicht über eine Anspielung aufklären, die auf den ersten Blick vielleicht schwer zu entdecken ist?

Marco Findeisen: Ich glaube, das kommt immer ganz auf die Referenz an. Generell sind intermediale Bezüge ja Teil des literarischen Spiels, an dem nicht nur wir uns beteiligen, sondern eine Menge Romanautoren und Filmemacher. Man denke bspw. an die vielen Referenzen in The Big Bang Theory, die quasi eine Art Code, sozusagen Eastereggs für alle Nerds sind. Denn jemand, der nicht mit D&D, Star Trek oder was auch immer aufgewachsen ist, versteht das ja gar nicht.

Darüber, dass wir Arjouni als modernen Verfechter der Hard-Boiled-School im deutschsprachigen Roman ein kleines Denkmal setzen wollten, habe ich ja bereits gesprochen. Ebenso darüber, dass wir sehr gerne Irdisches, gerne auch Modernes, aventurisieren – auch wenn Eevie das manchmal wohl etwas zu viel des Guten ist. Zum Beispiel traure ich noch immer um das von den Waldmenschen zur Treibjagd eingesetzte hölzerne Blasinstrument, das Waldmensch-gibt-Laut oder auch auf Mohisch Wudu-ze-la genannt wird. Kurz nach der WM 2010 fand ich das sehr lustig, die in der Arena-Szene (das Schildkrötenrennen) zu platzieren und vielleicht sogar als Running-Gag immer wieder auftauchen zu lassen und die Gardisten damit genauso zu nerven wie die Südafrikaner die europäischen Fußballfans. Leider war auch die Testleserschaft darüber geteilter Meinung, weshalb es die Wudu-ze-la nicht ins Buch geschafft hat *schnüff*

Andere Referenzen sind genrebedingt. Tod auf dem Mhanadi ist ja ein komödiantischer 1001-Nacht-hard-boiled-Thriller-Fantasy-Roman (manchmal nenne ich es dann einfach Crimedy, wobei das dem Fantasy-Aspekt nicht gerecht wird). Wenn man so viele Genres miteinander mixt, muss man darauf achten, dass der Leser das am Ende auch erkennt und den Roman so liest, wie wir das möchten. Schließlich kann man ja auch nicht MacBeth wie einen Krimi lesen, obwohl dort durchaus Verbrechen verübt werden. Da muss man im Text Signale setzen und dabei kann es sicherlich vorkommen, dass man bewusst oder unbewusst auf Bekanntes referiert.

Manchmal arbeiten wir sogar ganz plump mit Zitaten … nein, tschuldigung: Plagiaten, denn wir haben die Zitate in unseren Texten nicht entsprechend hervorgehoben 🙂 Die sind aber so subtil versteckt, dass sie bislang nur wenigen Lesern aufgefallen sind. Wer möchte, vergleiche einmal S. 152 in Schattenflüstern mit S. 353 in Tod auf dem Mhanadi. *hebt die Augenbrauen zu einem vielsagen Blick*

Stichwort „Die Türme von Taladur“

Nandurion: Wie ist es für euch, diesmal ohne euren Co-Autor zu schreiben?

Marco Findeisen: Die Textmenge, die zu bewältigen war, war deutlich größer 🙂 Ansonsten war es kaum ein Unterschied, denn wir waren ja beide am Projekt beteiligt und haben auch noch zwei aufeinanderfolgende Romane geschrieben, was zwangsläufig zu ähnlich langen Telefonaten geführt hat, wie zu Khunchomer-Pfeffer-Zeiten. Auch hier mussten wir Plotstränge miteinander verzahnen oder haben uns in gegenseitigen Brainstormings an kniffligen Stellen weitergeholfen.

Eevie Demirtel: Ich fand es furchtbar, nicht mit der Ausführlichkeit wie sonst an Marcos Texten rumkritteln zu können und schwer, dies durch Dritte zu dulden. Eigentlich war ansonsten aber fast alles wie immer: Telefonate bis tief in die Nacht, fröhlicher Figurenaustausch und ewiges Brainstormen. Natürlich ist es komisch plötzlich selbst für ein ganzes Buch verantwortlich zu sein, aber es hat wirklich Spaß gemacht, auch mal auf sich gestellt zu sein.

Marco Findeisen: Das stimmt. Ich glaube, ich bin an dieser Aufgabe gewachsen. Andererseits fehlte das Feedback, das ich früher direkt auf jede Szene bekommen habe (meist fett und rot mit Anmerkungen, die länger waren als der eigentliche Text 😉 ). Da ist man plötzlich ganz alleine, wenn man überlegt „kann ich das machen, kann ich das nicht machen“.

Nandurion: Wie würdet ihr eure Taladur-Romane in fünf Schlagbegriffen zusammenfassen?

Marco Findeisen: Mafiös – blutig – romantisch – herzzerreißend – überraschend. Kurz: Ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann 😉

Eevie Demirtel: Rache – Geheimnisse – Duelle – Intrigen und natürlich eine gehörige Portion Tragik. Und wie man bereits am Cover erkennen kann: Es wird gestorben!

Nandurion: Ist es für euch als Autoren einfacher, eure Geschichten in Taladur zu Zeiten Retos oder im Khunchom der Gegenwart anzusiedeln?

Marco Findeisen: Das macht für mich eigentlich keinen Unterschied. Einlesen muss ich mich sowohl ins Thema Almada als auch ins Thema Tulamidenlande. Auf Nachfrage habe ich auch immer alle aktuellen Informationen, selbst wenn sie noch nicht gedruckt waren, zugemailt bekommen, sodass ich damit arbeiten konnte. Aventurien lebt für mich durch seine lebendige Geschichte und das sollte sich meiner Meinung nach (als Leser) auch in den Romanen niederschlagen. Wir sind mit Tod auf dem Mhanadi diesen Schritt gegangen und haben die Geschichte ein Stück weit fortgeschrieben. So etwas würde ich in Zukunft auch jederzeit wieder versuchen.

Eevie Demirtel: Bei Taladur haben wir eine Zeit gewählt, über die nur recht wenig bekannt ist. Die Wahl fiel auf Reto, da wir so die Freiheit hatten, Setting und Figuren vollkommen frei auszugestalten. Ich fand das sehr entspannend. Recherche bleibt natürlich trotzdem nicht aus und ich persönlich fand es unglaublich aufregend, eine Zeit  auszugestalten, die vorher in dem Umfang noch nicht beschrieben war.

Ein paar Sätze zum Vervollständigen

Nandurion: Ein Fantasy-Autor, dessen Werke jeder kennen sollte, ist….

Marco Findeisen: … wahrscheinlich wäre es angesagt, hierauf mit George R. R. Martin zu antworten, dessen Werk zweifelsohne grandios ist. Aber auch der deutsche Markt bietet eine Menge guten Lesestoff. Als ich selbst noch mehr zum Lesen gekommen bin, war vieles von Tom Finn darunter.

Eevie Demirtel: Scott Lynch. Ich liebe Scott Lynch. Und Joe Abercrombie kann ich auch nur wärmstens empfehlen, für alle die es dreckig mögen.

Nandurion: Rollenspiel ist das schönste Hobby der Welt, weil…

Marco Findeisen: … es in einer zunehmend digitalisierten Welt die Spieler um einen Tisch versammelt, weil es entspannend und nervenaufreibend zugleich ist, weil es um Teamplay geht, weil man viel zu lachen hat und vor allem weil es nie, nie, niemals langweilig wird. Jede Woche erzählt man sich eine völlig neue Geschichte.

Eevie Demirtel: … einfach alles möglich ist. Die einzige Grenze ist deine Phantasie.

Nandurion: … ist eine Charakterklasse, die ich immer schon einmal spielen wollte, aber bislang noch nie gespielt habe, weil…

Marco Findeisen: Elfen, weil sie für mich lange eine so entrückte Charakterklasse waren, dass ich als Spieler ehrfürchtig vor ihnen zurückgewichen bin. – Zuletzt ergab sich aber auch nie eine Gelegenheit dazu.

Eevie Demirtel: Ich habe eigentlich alles ausprobiert, was mich wirklich interessiert. Da ich die meiste Zeit selbst leite, werden die vielversprechendsten Konzepte einfach als NSC mal eine Weile gespielt. Für mich ist es weit schwieriger, einen Helden zu finden, der mich dauerhaft fesseln kann. Und die sind dann meist furchtbar kompliziert. 😉

Entweder, oder…

Nandurion: Dirty Harry oder Columbo?

Marco Findeisen: „Wenn die richtigen Leute getroffen werden, ist gegen den Gebrauch der Schusswaffe nichts zu sagen.“ – natürlich Dirty Harry.

Eevie Demirtel: Zustimmung! Columbo kann einpacken. 🙂

Nandurion: Spielen auf Schienen oder im Sandkasten buddeln?

Marco Findeisen: Wer auf Schienen spielt, kann überfahren werden. Wer im Sandkasten buddelt, vermisst vielleicht bald seine Förmchen … ein bisschen von beidem, würde ich sagen.

Eevie Demirtel: Ich mag Förmchen, aber die meisten machen leider nur Unsinn damit. Spaß beiseite: Ich bevorzuge es, beim Spielleiten Einfluss auf die Geschichte zu haben und etwas Dramaturgie reinzubringen. Das geht sehr viel besser, wenn ich ein Mindestmaß an Kontrolle habe. Man muss es nur geschickt anstellen und darf den Spielern nicht das Gefühl geben, ihre Helden einer Wahnsinnigen ausgeliefert zu haben. 😉

Nandurion: Malkillah oder Tar Honak?

Marco Findeisen: Malkillaaaaaaaaaah!

Eevie Demirtel: Ja, wäre es Amir gewesen … aber so: Malkillah!

Nandurion: Gradnochsjepengurken oder Punin?

Marco Findeisen: Das Almada-Lied in Gradnochsjepengurken anzustimmen macht gewiss einsam … also Punin.

Eevie Demirtel: Wie gemein. 😉 Aber es ist und bleibt Punin.

Nandurion: Aventurische Musik: Lauthals das Jerganlied schmettern oder andächtig Seemond und Karfunkel lauschen?

Marco Findeisen: Tut mir leid. Der Text vom Jerganlied muss mir wohl entfallen sein. Also doch Seemond und Karfunkel.

Eevie Demirtel: Seemond und Karfunkel ist mir zu weichgespült. Also tapfer das Jerganlied geschmettert.

Marco Findeisen: Vielen Dank für dieses Interview! Es hat Spaß gemacht, mal wieder in alten Erinnerungen schwelgen zu dürfen. 🙂

— Das Interview führte Josch

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3 Kommentare zu Interview mit Eevie Demirtel und Marco Findeisen

  1. FJ sagt:

    Müsste Eevie nicht eine Nandurion-Alumna sein? Ansonsten: Schönes Interview.

  2. Josch sagt:

    *Hüstel* Normalerweise würde ich mich jetzt ja damit rausreden, dass Bosparano kein Latein ist, aber das wäre hier schäbig 😀

    Von daher: Lateinlehrer bei Nandurion, ihr hättet diese Schande verhindern können, ihr hättet sie verhindern können, wer, wenn nicht ihr….

    Danke auf jeden Fall für den Hinweis, ist geändert 🙂

  3. Tasle sagt:

    Ich glaube, ich kaufe den zweiten Band gleich nochmal, damit ein dritter kommt 😀

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