Passierschlag: Ingerimm-Vademecum

Ingerimm-VademecumWie die Zeit vergeht. Nun halte ich schon das sechste Vademecum in den Händen, und diesmal zeichnet das frisch DPP-prämierte Autorenehepaar Judith und Christian Vogt verantwortlich. Unter ihren Namen ist nämlich das Büchlein für alle Schmiede, Handwerker und reisenden Tippelbrüder Gesellen entstanden. Also lasst uns schauen, ob das Werk die Meister lobt.

Aussehen

Auch dieses Vademecum wird durch die Holzschnitte von Tristan Denecke verziert, und wie immer sieht das einfach fantastisch aus. Eine würdige Handwerksarbeit in diesem Band. Schwer ist die Kunst, vergänglich ist ihr Preis.

Aufbau

Im Gegensatz zu anderen Büchern der Reihe tritt in diesem Band kein namentlich genannter Ingame-Verfasser hervor. Stattdessen handelt es sich um einen anonymen Sammler, der uns eine Reihe von Quellen und Texten verschiedener Autoren präsentiert. Unter ihnen sind auch bekannte Pappenheimer wie Thorn Eisinger und Zita aus Zweimühlen (inzwischen Meister-Schmiedin in Gareth). Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. Für Freunde der Romanreihe sicher ein nettes Wiedersehen.

In insg. elf Kapiteln bekommen wir verschiedene Informationen zu einer Reihe von Themen präsentiert, dazu die obligatorischen und m.E. immer noch vollkommen für den Hugo seienden Vakatseiten. Mit dem kleinen Walzbuch des Handwerkers hat man sich hier immerhin was Neues einfallen lassen, aber auch diese Seiten sind zu 90% leer. Wär der Gedanke nicht so verwünscht gescheit, man wär‘ versucht, ihn herzlich dumm zu nennen.

Inhalt

Die einzelnen Kapitel drehen sich u.a. um Sagen des Kultes, Liturgien und Gottesdienste, Handwerkslieder und Verse, den Angroschkult der Zwerge sowie die Verehrung Ingerimms in anderen Kulturen, Halbgötter und Verwandte in der alveranischem Familie, das Handwerk im Allgemeinen, berühmte Handwerksprodukte sowie – als Outgame-Kapitel – um Hinweise zum Spiel von und mit Ingerimmgeweihten.

Das alles liest sich sehr angenehm und deckt die verschiedenen Aspekte des Ingerimm-Kultus  ab. Meine besonderen Highlights nach der (schnellen) Erstlektüre sind:

  • Das Kapitel mit Sagen und Mythen, v.a., weil hier auch die Zyklopen nicht zu kurz kommen.
  • Das Kapitel „Liturgisches Wirken des Roten Gottes“, wo im Rahmen von knapp 20 Seiten auf die ingerimmspezifische Ausgestaltung bekannter Segnungen und Liturgien eingegangen wird. Das scheint mir sehr nützlich und ist stimmungsvoll geschrieben.
  • Alle der zahlreichen Passagen zu verschiedenen Formen der Ingerimmverehrung jenseits des kanonischen Zwölfgötterkults. Besonders gut gefällt mir, dass auch auf die Gravesh-Verehrung, den Angara-Kult der Fjarninger, die Zyklopen sowie auf die seltsamen Blüten, die der Agrimoth-Glaube in Tobrien treibt, eingegangen wird. Der Angrosch-Kult ist vom Umfang her weniger ausführlich repräsentiert als der Rest, bekommt durch Rurosch Sohn des Ruberim aber auf zwölf Seiten eine stimmungsvolle Beschreibung verpasst, die für vieles entschädigt.

Wo ich jetzt schon „stimmungsvoll“ gesagt habe, muss auch die obligatorische Frage „Wo ist der Crunch?“ auf den Tisch. Antwort: So wat jibbet hier nicht. Es steht zwar mit „Ruf der Ferne“ eine Liturgie im Vademecum, aber die findet sich auch schon in den Satanischen Versen im Liber Liturgium.

Nicht ganz glücklich bin ich beim ersten Lesen mit der Zuordnung der Texte zu den einzelnen Kapiteln gewesen. Manches wirkt hier auf mich etwas willkürlich, und nicht alles sachlich Zusammengehörendes scheint am gleichen Platz zu sein. Orientierungsschwierigkeiten bereitet dies aber nicht, weshalb ich es einfach mal als lässliche Sünde unter den Zunftteppich kehre. Fürs nächste Mal sei den Autoren aber ins Stammbuch geschrieben: Strebe nach Einheit, aber suche sie nicht in der Einförmigkeit!

Im Blickpunkt: Gebete und Lieder

Kommen wir zu einem der heikelsten Punkte mit ordentlich Peinlichkeitspotential in DSA-Publikationen. Die gute Nachricht vorweg: Die Autoren verfügen über ausreichend Sprachgefühl und Kreativität, um hier nicht in die „Festtagsgedichte aus der Regionalzeitung“-Falle zu tappen. Doch dann das! Was müssen meine armen Augen sehen? Das Lied von der Glocke. Aventurisiert. *fürcht* *schreck* *graus*. Simia hilf!

Na gut, die Aventurisierung des Autornamens („Tsarich Glemmer“) ist großes Imman. Und ja, thematisch passt es auch sehr gut. Aber dieses Gedicht ist im Original schon eine derartige Zumutung, dass sich mir die Zehennägel bis zum Anschlag hochklappen. Liebe Autoren, seid ihr euch denn nicht eurer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst? Wisst ihr nicht, was ihr da alles aus nachtblauen Verdrängungstiefen an die Oberfläche spült? Ängstigt euch nicht der Fluch der bösen Tat? Ich bspw. brauche nur an die erste Strophe zu denken und verspüre sofort das starke Bedürfnis, irgendein wehrloses Lebewesen zu malträtieren. Loch in Erde, Bronze ‚rin, Glocke fertig, bim bim bim.

Im Blickpunkt: Sprachliche Gestaltung.

Gibt’s noch mehr zu meckern? Was den Stil angeht, sicher nicht, die Autoren verstehen ihr Schreibhandwerk. Aber! Auf S. 80 habe ich einen Rechtschreibfehler gefunden. Macht eure Rechnung mit dem Himmel, Vogts!

Alles in allem?

Als damals das Rondra-Vademecum angekündigt wurde, dachte ich mir: In Ordnung, jetzt habt ihr mich soweit, ich trete aus der Alleskäufergilde aus. Ich gebe nun aber zu: Ich habe mich in der Reihe arg getäuscht, und inzwischen gibt es da einige Schmuckstücke. Das Ingerimm-Vademecum gesellt sich nach dem ersten Durchblick zu diesen und platziert sich vorerst in meiner kleinen TOP-3-Vademecum-Liste. Eine Wertung gibt es hier zwar nicht, aber ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass jemand, der Gefallen an der Vademecumreihe findet und sich für den alten Grummelgiganten interessiert, keine Freude an der kleinen Spielhilfe haben wird.

Eine ausführliche Rezension mit Punktwertung findet ihr dann demnächst in dieser Zeilenschmiede. Bin dahin bleibt uns gewogen – und vergesst nicht: Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Und ich geh jetzt erst mal die Nachbarkatze treten.

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3 Kommentare zu Passierschlag: Ingerimm-Vademecum

  1. Astartus sagt:

    Klingt interessant, nur eine Anmerkung: der fehlende Crunch ist falschrum aufgezäunt. Es ist nicht so, dass im Ingerimm-Vademecum keine nicht im Liber Liturgium enthaltenen Liturgien hinzugefügt wurden, sondern es war doch so, dass beim Liber Liturgium im Voraus angekündigt wurde, alle Liturgien aus noch erscheinenden Vademeci bereits zu beinhalten. Von daher kein wirklich gerechtfertigter Kritikpunkt.

  2. Josch sagt:

    @Astartus: Das ändert aber doch nichts daran, dass der, der das LL hat, hier weder was Zusätzliches noch was Neues zu Knuspern bekommt. Übrigens war das auch gar kein Kritikpunkt, sondern nur eine Info für alle, die primär an neuen Liturgien interessiert sind. Von mir aus könnten die zusätzlichen Liturgien aus den Vademecums auch ganz verschwinden (mich stören sie aber auch nicht).

  3. Arduinna sagt:

    Ja, richtig rum: Die Liturgie wurde ursprünglich fürs Vademecum ersonnen, und ist dann schon vor Vademecum-Erscheinen ins Liber gewandert. 🙂

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