Meister des Labyrinths

In der Frühzeit des Schwarzen Auges gab es viele Dinge, welche sich erst noch finden mussten. Die Essenz des Spiels war noch nicht destilliert. Der Kern des Spiels nicht so stark definiert wie heute. Auch im Bestiarium tummelten sich einige Seltsamkeiten wie die skurrile Maraskantarantel und der ebenfalls typisch aventurische Tatzelwurm. Im Unterschied zum amerikanischen D&D, welches sämtliche Inspirationen einfach irgendwie verwurstete, hatte Das Schwarze Auge jedoch eine eher eurozentrische Sicht auf die Dinge. Auch die Perspektive auf die Spielwelt, welche später als phantastischer Realismus bekannt werden sollte, tat ein Weiteres.

Hintergrund

Als 1992 das zweite Brettspiel mit dem Logo des Schwarzen Auges erschien mussten sich die Macher wieder einmal mit dem Personal beschäftigen. Mit der Burg des Schreckens hatte man bereits einen Dungeoncrawler veröffentlicht, der einen echsischen Finsterling, Orks und Oger als Schergen und einen Mantikor als Poster Boy der Finsternis enthielt. Für das Dorf des Grauens mussten nun neue Kreaturen her. Da das Spiel eine breite Masse ansprechen sollte, mussten auch die Figuren leicht zugänglich sein und am besten keine verschrobenen Eigenkreationen wiedergeben. Mit dem Kniff eines Fluches über dem namensgebenden Dorf schuf man also eine Reihe von Wesenheiten, die sich nicht so leicht in Aventurien finden lassen. Rattenmenschen, Hobgoblins, ein zombiehafter Unhold und die spektakulären Kobraner bevölkerten das verfluchte Dorf. Eher unauffällig mutet da der Auftritt einer Kreatur an, die unter anderen Umständen eine deutlich gewichtigere Rolle hätte spielen könnten.

Gewissermaßen der Primogenitor des monsterbesetzten Dungeons ist das Labyrinth von Minos. Und der Wächter dieses Ortes, der wohl eher Irrgarten als Labyrinth war, ist der legendäre Minotaurus. Kaum ein Monster hätte sich also so angeboten, die zentrale Rolle in einem Dungeon zu spielen. Dennoch kam der Minotaurus erst in dem offeneren Dorfgelände des zweiten Brettspiels zu Einsatz. Womöglich liegt dies daran, dass Minotauren zu jener Zeit in Aventurien noch nicht so recht etabliert waren. Klar war jedoch, dass diese Geschöpfe sich im aventurischen Griechenland finden würden. Sie blieben zunächst überaus sonderbar, schien es diese Kreaturen doch nur in männlicher Gestalt zu geben. Auch eine Nähe zu den Feenwelten wurde ihnen nachgesagt. Biestinger, wie die tierhaften Gestalten genannt werden, gehören seit jeher zu den Gefilden der Anderwelten.

Erst nach der Jahrtausendwende schuf der Hüter der Exoten Stefan Küppers einen neuen Hintergrund für die Minotauren. In Das vergessene Volk versieht er die Stiermenschen mit einem Bezug zum Kult des Stiergottes Brazoragh und erschafft damit die Möglichkeit einer Gruppe von Elitekriegern im Umfeld des orkischen Priesterkönigs. 1992 war von all dem aber noch nichts zu ahnen und der Minotaurus war einfach ein hochklassiger Gegner in der Monsterriege eines Brettspiels mit losem DSA-Bezug.

Idee

Der Rohling lässt die Details nur erahnen.

Auch wenn seine Geschichte in Aventurien eine gewundene und wenig prominente ist, so präsentiert sich die Miniatur des Minotaurus doch mit wuchtiger Präsenz. Kräftige Stierbeine, schwere Muskeln und die enormen Hörner sind bereits eindrucksvoll genug. Hinzu kommt ein eigenartiges Doppelbeil, das mich immer an ein zweiblättriges Schlachterbeil erinnert. Wie auch schon bei meinen Überlegungen zur Maraskantarantel musste ich mich hier wieder der Frage stellen, wie ich den Kontrast zwischen den unterschiedlichen Teilen dieses Mischwesens gestalten wollte. Durch den breiten Gürtel waren tierhafter Unterleib und menschlicher Oberkörper klar voneinander getrennt. Ich wollte zwar einen Kontrast erzeugen, jedoch weiterhin den Eindruck eines organischen Gesamtwesens generieren. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen verwarf ich also die Idee eines schwarzen Stieres und heller Menschenhaut. Ebenso kam brauner Stier und sonnenverbrannte Menschenhaut nicht in Frage. Schlussendlich entschied ich mich für ein insgesamt eher helles Bild. Die Kleidung würde die farbliche Tonalität mit Rot und Schwarz aufgreifen und erweitern.

Aufbauend auf dieser Idee gefiel mir der Gedanke in dem Gürtel die Auszeichnung eines Preisboxers zu sehen. Tatsächlich hat der Gürtel mit seinem ovalen Frontstück eine große Ähnlichkeit zu den Meistergürteln der heutigen Boxverbände. Dieses Bild passte mit seiner aggressiven Virilität sehr gut zu meiner Vorstellungen des streitsüchtigen Minotauren. So konnte die Bemalung also durchstarten.

Bemalung

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Der Minotaurus ist startklar für die Bemalung.

Der erste Schritt bestand auch hier wieder aus eine schwarzen Grundierung und nachfolgenden Beleuchtungseffekt über weißen Primer. Auffällig ist danach besonders die krude modellierte rechte Hand. Für eine recht große Gestalt wie den Minotaurus durften die Kontraste zwischen Licht- und Schattenseite auch deutlicher ausfallen, auch wenn ich diese später nicht mehr ganz so stark betonte.

Noch sind die Kontraste minimal. Erst die weitere Ausdifferenzierung nach Hell und Dunkel bringt das Mischwesen zum Vorschein.

 

 

 

 

 

 

Nachdem ich zwei unterschiedliche Brauntöne als Basisfarben aufgebracht hatte sah das Modell noch sehr undifferenziert aus. Das passte gut zu meiner Vorstellung von einer organischen Verbindung der beiden Teile des Mischwesens. Nun aber galt es von dort aus den Kontrast zu vertiefen und menschliche und tierische Elemente wieder voneinander abzugrenzen. Das Fell wurde also mit einem dunklen Wash bearbeitet während die Muskeln und Hände mit helleren Tönen angepasst wurden. Zu diese Zeitpunkt wurden auch die Rüstungsteile und der Gürtel mit einer roten Grundfarbe versehen. Auf diese Weise entstand bereits ein Gesamteindruck der Miniatur, der dem späteren Ergebnis relativ nahe kam.

Ich führte also die Details fort, akzentuierte den Gürtel und gestaltete das Volumen des Oberkörpers weiter mit Licht und Schatten. Auch die Hörner mussten weiter bemalt werden. Hier traf ich auf das gleiche Phänomen, wie ich es seinerzeit bei den Dinosauriern angetroffen hatte. Die in der Idee spitz zulaufenden Hörner waren am Modell zu knubbeligen Rundungen ausgeführt. Die übertriebene Weißfärbung an der Spitze sollte zumindest ein wenig den Eindruck eine Spitze erzeugen.

Mit den Grundfarben lässt sich das Gesamtbild schon gut erahnen.

Interessant wurde dann die Gestaltung der Waffe. Um sie von den organischen Komponenten abzusetzen verwendete ich einen schwarzen Grundton. Für die Klinge überlegte ich zuerst eine Bronze zu nutzen um das Archaische und Wilde der Kultur seines Trägers zu betonen. Nach einiger Überlegung entschied ich mich dann aber dagegen. Zum einen wollte ich nicht durch einen Bronzeton eine erneute farbliche Annäherung an den Körper erzeugen. Zum anderen erschien es mir angemessen, die Gefährlichkeit des Kriegers durch eine hochwertige Waffe aus Stahl zu betonen. Wie immer war das Ausgestalten des Metalls eine ziemliche Fummelei aber irgendwann beschloss ich dann, dass es nun genug sei. Eine Zeitlang grübelte ich darüber nach, wie man die beachtlichen Hörner interessanter gestalten könnte. Ich probierte einige Muster aus, welche sich die wilden Minotauren möglicherweise in Ritualen ungezügelter Männlichkeit in die Hörner brennen würden. Ich dachte an Ringe oder Einlegearbeiten. Schlussendlich war ich mit den Entwürfen aber unzufrieden und beließ es bei dem schlichten Horn.

Wir brauchen Base

Mit Horn und Beil präsentiert sich der Minotaurus schon sehr imposant. Das Ziel-Schild im Loot-Slot taugt zwar als ironische Brechung, verdeckt jedoch zu viel von der Miniatur.

Damit war die Miniatur an sich fertiggestellt. Mit wenig Begeisterung machte ich mich also daran das Base zu gestalten. Ein Blick in die Bizbox versuchte mich kurz, das Base mit einem auffälligen aber durchaus passenden (Hinweis-)Schild zu versehen. Auch wenn ich diese Idee ernsthaft in Erwägung zog, schien es mir doch widersinnig, die Miniatur durch solch ein Element flächig zu verdecken. Es musste also eine andere Lösung her. Das Schild hatte mich jedoch darauf gebracht, Anleihen bei der griechischen Legende zu machen. So entstand die Idee einer Spur, die zwar die wackeren Abenteurer wieder nach draußen leitet, zugleich jedoch den Schrecken des Labyrinths genauso zuverlässig auf deren Spur führt.

Ich begann also damit ein paar Steinplatten aus Greenstuff zu formen und daraus eine Art improvisierten Weg zu gestalten. Die Vorstellung, dass das Labyrinth komplett aus gemauerten Gewölben besteht erschien mir übertrieben. Sand und Lehm ersetzen also den sorgsam gefliesten Dungeonboden. Statt Ariadnes Faden mussten weiße Steinchen herhalten, die sich ein Abenteurer vermutlich irgendwo in ausreichender Menge und Reinheit verschaffen könnte.

Zuletzt galt es noch etwas mit dem Loch im vorderen Teil des Bases zu machen. In dem Brettspiel dient dieses dazu den Loot zu platzieren. Ich hätte es natürlich irgendwie verstopfen und mit einer Steinplatte versehen können. Statt dessen wollte ich da etwas anderes platzieren, das mehr Dynamik versprach. Ich experimentierte mit länglichen Gegenständen, die jedoch schnell zu filigran und zu sperrig wurden. Dann wollte ich etwas platzieren was die Abenteurer auf der Flucht verloren haben könnten und was die Eile ihres Rückzuges illustrierte. So entstand ein goldenes Ei, welches in meiner Vorstellung die aventurische Entsprechung eines Fabergé Eis darstellt. Gewiss würde keine Questadora solch ein Kleinod freiwillig zurücklassen. Damit war auch das unselige Base geschafft und ich konnte die Schutzlackierung aufbringen um die Miniatur spielbereit für Kinderhände zu machen.

Fazit

Der Minotaurus ist ein echter Poser. Inszenierung ist alles für dieses muskelbepackte Standbild überzeichneter Männlichkeit. Die Pose hat auch eindeutig etwas Statuenhaftes wie es seinerzeit für Miniaturen üblich war. Natürlich ist die Qualität der Modellierung bei dieser Brettspielfigur der frühen 90er nicht besonders gut. Die rechte Hand wirkt im Detailblick doch etwas sehr seltsam.
Insgesamt bin ich mit der Umsetzung meiner Ideen sehr zufrieden. Die Kombination der menschlichen und tierischen Elemente funktioniert gut. Auch die Boxeroptik des Gürtels und das einschüchternde Schlachterbeil erzielen die gewünschte Wirkung. Zusammen mit der imposanten Größe steht dem Einsatz des Minotaurus als furchteinflößendem Gegner also nichts mehr im Weg.

Nach diesem Ausflug in die Frühzeit aventurischer Miniaturen wagen wir uns wieder weiter nach vorn. Die nächsten Minis kommen zwar bereits bemalt auf den Tisch, bilden dafür aber eine ganz besondere Gruppe. Ähnlich wie der Minotaurus stellen sie den Rückgriff auf klassische Elemente dar, die jedoch im aventurischen Kontext neu interpretiert wurden.

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2 Antworten zu Meister des Labyrinths

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