Interview mit den Briefspiel-Kanzlern Daniel Simon Richter und Stefano Monachesi

Stefano Monachesi war so freundlich mir in einem ausführlichen Vorgespräch einen Überblick über das aventurische Briefspiel und seine vielfältigen Facetten zu verschaffen. Er schreibt seit 1995 beim Briefspiel mit und leitet die Region Kosch als Regionalkanzler seit zehn Jahren. Ihm sind Beiträge und Danksagungen zu den Regionalspielhilfen „Am Großen Fluss“ und „Die Flusslande“ sowie im Aventurischen Boten zuzuschreiben. Passend zu seiner aventurischen Lieblingsregion wohnt Stefano im irdischen Kosch, namentlich der Schweiz. Daher war er auch früher sogenannter Regionalmeister für dieses Land.

Daniel Simon Richter wirkte seit 1993 als Autor und von 2009 bis 2017 als DSA-Redakteur an zahlreichen Abenteuern, Regelbänden und Spielhilfen für Das Schwarze Auge mit (Publikationsliste). Er war sowohl aktiver Teilnehmer im Briefspiel mit seinem nunmehr heldenhaft verstorbenen Charakter Baron Avon Nordfalk von Moosgrund, ehemals Leiter des Draconiter-Briefspiels als auch Regionalkanzler von Weiden. Zu seiner Redaktionszeit war er die offizielle Verbindungsperson zwischen Briefspiel und DSA-Redaktion.


Nandurion:
Die Zwölfe zum Gruße, Daniel und Stefano! Wie fing das Briefspiel bei euch an und wie wurdet ihr Regionalkanzler?

Belehnungsurkunde für Avon Nordfalk von Moosgrund

Belehnungsurkunde für Avon Nordfalk von Moosgrund.

Daniel: Salve zusammen! Danke für die freundliche Einführung. Wie das Briefspiel bei mir anfing? Vor allem ist das schon eine ganze Weile her. Das erste briefspielerische Stück, das ich verfasst habe, war ein Sermon zur Bornland-Wahl, aber das war noch kein Briefspiel im engeren Sinn. Da bin ich seit der zweiten Belehnungswelle mit von der Partie, die seinerzeit im Aventurischen Boten #30 ausgeschrieben war; das war Ende 1990. Dafür habe ich einen Tatenbericht meines Charakters Avon Nordfalk verfasst, eine Mischung von Erlebtem aus offiziellen und vielen selbstverfassten Abenteuern. Einige Zeit später flatterte mir dann eine Belehnungsurkunde ins Haus, durch die Nordfalk die Baronie Moosgrund im Herzogtum Weiden zum Lehen gegeben wurde. Anbei war die Karte mit den Baronien und eine Adressliste der anderen belehnten Spieler*innen. Und dann war es tatsächlich so, dass wir angefangen haben uns per Brief einander vorzustellen und – so etwas abstrakt vielleicht – loszuspielen. Vor allem aber auch, uns Gedanken darüber zu machen, wie es in unseren Lehen denn so aussah. Am Anfang gab es ja bei Weitem noch nicht die Detailtiefe, die Das Schwarze Auge mittlerweile erreicht hat. So hatten wir den Vorteil, dass wir zum einen unsere eigenen Charaktere mit nach Aventurien nehmen konnten und zum zweiten auch viel selbst ausgestalten konnten. Und dann gab es ja prompt auch was zu tun gab, denn bald schon stand die Answin-Krise ins Haus und die Barone mussten – oder besser konnten – Stellung beziehen.
Bald kamen dann Telefonate und persönliche Treffen unter den Spieler*innen auf diversen Cons hinzu und so lernte man sich näher und besser kennen. Auf der Phan-Con (ja, die hieß damals wirklich so) in Bad Godesberg traf ich 1992 Niels Gaul zum ersten Mal persönlich (vorher hatten wir nur länger telefoniert und geschrieben), der Herdan Pratos von Rhodenstein, den Abtmarschall des Ordens zur Wahrung, spielte. Weil wir uns gut verstanden und ähnliche Blickwinkel auf Weiden hatten, konnte ich bei der Erstellung der Spielhilfe “Das Herzogtum Weiden” mitarbeiten.

Das Herzogtum Weiden - Cover

Das Herzogtum Weiden – Cover von Ertugrul Edirne.

Niels war nicht nur Redakteur, sondern auch der erste Regionalkanzler von Weiden, gefolgt von Mike Maurer, die ich beide immer wieder mal vertreten habe, wenn das Studium, ein Auslandsaufenthalt oder etwas anderes dazwischen kam. Nach Mikes Weggang habe ich dann die Kanzlerschaft übernommen und mittlerweile an Nina Schellhas weitergegeben.
Später (mit dem AB#45) kamen dann die Draconiter dazu, weil wir ein Faible für Hesinde hatten und es – unserer Meinung nach – zu wenig nicht-rondrianische Orden gab. Mit den Hesindegeweihten konnte man ebenfalls gut am Briefspiel teilnehmen, aber das ordensinterne Spiel haben wir dann, vor allem wegen Zeitmangels, eingestellt.

Stefano: Für mich begann das Briefspiel Mitte der Neunziger mit meiner damaligen Leidenschaft für Rollenspielfanzines und Leserbriefe und einem Inserat für den Kosch-Kurier im Aventurischen Boten.

Koschkurier Nr. 42

Koschkurier Nr. 42

Ich bestellte das Zine, schrieb einen Brief und legte eine Geschichte aus dem Kosch, die ich geschrieben hatte, dazu (über die Herkunft des Namens Rohalssteg). Fiete Stegers, damals sowohl Kurier-Chefredakteur wie Koscher Kanzler, gefiel mein Werk und er fragte, ob ich Lust hätte, inoffiziell eine Baronie zu übernehmen. Etwa ein Jahr später wurde daraus eine offizielle Belehnung durch Reichsbehüter Brin bzw. die DSA-Redaktion.
Schnitt ins Jahr 2011: Nach acht Jahren im Amt des Kanzlers sucht Martin Lorber einen Nachfolger. Seine erste Wahl lehnt ab, seine zweite bin ich. Zuerst zweifelte ich an meiner Eignung (und tue es manchmal noch heute). Dass ich schließlich zusagte, liegt daran, dass wir eine gute Form der Arbeitsteilung gefunden haben im Kosch. Während Fiete seinerzeit alle Aufgaben allein ausführte, bin ich heute in erster Linie zuständig für den Kontakt nach außen und zur Redaktion sowie für die Einhaltung der Koscher Eigenart und Kontinuität – die Plotplanung, die Kurier-Redaktion oder die Wiki-Administration weiß ich besser aufgehoben in den kompetenteren Händen meiner Mitspieler.


Nandurion:
Beschreibt bitte, was ihr als Regionalkanzler macht und wer eure Kollegen sind.

Daniel: Stefano ist ja immer noch mit von der Partie und daher sind seine Gedanken aktueller. Für mich galt, dass es immer wichtig war, das Adelscalendarium, also die Liste der aktiven Briefspieler*innen zu pflegen, die Region Weiden zu entwickeln, größere Umwälzungen und Pläne mit der Redaktion abzustimmen, die Plots der Redaktion und der Autoren ins Spiel zu tragen und auf Lokalkolorit und Stimmigkeit abzuklopfen und das Spiel der Adelsspieler*innen untereinander zu moderieren. Manchmal über die Provinzgrenzen hinaus, wozu man dann Kontakt mit den anderen Kanzler*innen hatte. Gerade mit dem tobrischen Kanzler Ulrich Kneiphof ergab sich eine enge und äußerst fruchtbare Zusammenarbeit. Immer wieder auch mit dem Greifenfurter Kanzler Volker Weinzheimer. Natürlich hat man mit den direkteren Nachbarn immer mehr zu tun gehabt. Ansonsten konnten wir uns nach Norden hin ja auch frei austoben, weil weder der Svelltsche Städtebund noch das Dominium Donnerbach oder die Hardorper Ebene briefspielerisch erschlossen waren. Und dann galt es häufig Vorbereitungen für den All-Aventurischen Konvent zu treffen oder den provinzinternen Con zu planen oder zu begleiten. Ach ja, dann gehört dazu auch die Betreuung des Provinzzines, also des provinzinternen Fanzines, wie Fantholi im Weidener Fall. Und letztlich auch ein Blick auf Web-Präsenzen, also heute die stetig wachsenden Provinz-Wikis, zu haben.

Fantholi - Sonderausgabe Bilstein 2010

Fantholi – Sonderausgabe Bilstein 2010.

Stefano: Im großen Ganzen gilt das auch heute noch. Allerdings steht der Kontakt zur Redaktion heute weit weniger im Vordergrund als zu Fanpro-Zeiten. Ulisses unterstützt das Adelsspiel zwar nach wie vor, es ist in der (wesentlich verkleinerten) Redaktion aber nur noch durch Chefredakteur Niko Hoch repräsentiert. Es kommen auch kaum mehr Plotvorgaben von Ulisses, außer es steht gerade eine Publikation in der Region an. Die letzte Vorgabe für den Kosch war der Tod von Fürst Blasius zum Erscheinen der “Flusslande”, das ist nun auch schon wieder drei Jahre her.
Dafür liegt es heute ganz in der Hand des Kanzlers, neue Spieler*innen anzuwerben. Offizielle Ausschreibungen durch den Verlag hat es ja schon lange keine mehr gegeben. Einige Kanzler*innen, zum Beispiel in Garetien oder den Nordmarken, haben in eigener Initiative Nachwuchs-Aktionen lanciert. Im Kosch, wo die Zahl der Baronien relativ gering ist, haben wir in den letzten Jahren vor allem Interessent*innen aufgenommen, die sich via Koschwiki meldeten.
Intern ist meine wichtigste Aufgabe heute wohl die des Moderators und Schiedsrichters, der Ideen der Spieler*innen auf ihre Stimmigkeit prüft, die Handlungen von Meisterpersonen verwaltet und auch mal in Konflikten zwischen den Spieler*innen vermitteln muss.


Nandurion:
Welche Texte schreiben Briefspieler (narrativistisch oder simulationistisch) und welche größeren Ereignissen spielten bisher eine Rolle? Erzählt gerne auch ein paar Anekdoten aus eurer Region. Was ist an dem Vorurteil dran Briefspieler seien mit schuld, dass jede Kanne in Aventurien beschrieben ist?

Daniel: Das ist nicht so ganz leicht zu beantworten, weil sich das Schreiben im Briefspiel unterschiedlichen Anforderungen beugt. Wenn mehrere Spieler*innen rein schriftlich miteinander interagieren, dann stellt sich immer die Frage nach Unterbrechungen, also wie die einzelnen Beiträge aneinander passen und zusammengefügt werden können. Dazu hat Björn Berghausen eine charmante Einführung als Leitfaden für das garetische Briefspiel gegeben. Dazu kommt, ob eine Begebenheit ausgespielt, also mit Detail versehen wird, ob es vornehmlich auf die Interaktion (meistens innerhalb einer bestimmten Kulisse) ankommt oder ob quasi ein Abenteuer innerhalb eines Briefspieltextes erlebt und aufgezeichnet wird. Meiner Erfahrung nach geht es den Spieler*innen vor allem um die Darstellung der Figuren oder der Darstellung des Umfeldes. Das lesen die Mitspieler auch gerne, weil ein liebevoll ausgearbeitetes Umfeld natürlich auch die Immersion und damit auch das eigene Schreiben beflügelt. Weil es dabei aber zu einem zeitlichen Versatz kommt, kann es passieren, dass solche Texte mitunter ein wenig so lesen, als kämen die handelnden Figuren ‚von Höcksken auf Stöcksken‘ – und natürlich neigen solche Texte dazu ziemlich lang zu werden.
Das Ausufernde, das solchen Texten anhaftet, stellt aber eigentlich kein Problem dar, denn es geht ja gerade um die Vertiefung der Stimmung in einer Provinz. Weidener lesen für gewöhnlich gerne Texte, die in Weiden spielen oder sich irgendwie um Weiden drehen. Oder in denen bekanntere Weidener Persönlichkeiten eine Rolle spielen. Ich glaube, das liegt in der Natur der Sache, und es ist eines, ob ich Feuer und Flamme für eine Region bin und gar nicht genug davon haben kann, oder ob ich die Region womöglich nicht mal leiden kann und alles überblättere, was mit ihr zu tun hat. Es ist vermutlich auch eine Mentalitätsfrage, ob ich mich von detailreichen Texten für mein Spiel, meine Ausgestaltungen inspirieren lassen kann oder eher abgeschreckt fühle. Und ob ich mich sklavisch an alle Vorgaben halten will oder mir Freiheiten nehme und eher frei improvisiere.
In Weiden haben wir mehrere größere Aktionen erlebt, sei es die Answin-Krise, als einige Barone Baliho von Warenlieferungen abschnitten, um den Herzog davon zu überzeugen, sich der Sache endlich mal anzunehmen. Über die Entstehung der Wüstenei, die auch innerhalb des Spiels lange geheimnisvoll und gefährlich blieb, bis hin zu Schwertzügen gegen die Orks, die zum Beispiel in der Wagenschlacht vor Baliho kulminierten, oder der Unterstützung der Tobrier im Kampf gegen die Heptarchen. Gut gefällt mir, wenn sich etwas in den Köpfen festsetzt, dass immer wieder – auch von anderen – aufgegriffen wird, so ist es ein running-gag, dass der Baron von Blauenburg als der „schönste Ritter Weidens“ betitelt wird, weil das mal in einem ingame-Gespräch fiel.
Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass sich das Gießkannen-Problem nicht lösen lassen wird, wenn man an einem System arbeitet und es von einem Magazin begleitet und mit Abenteuer-Modulen und Spielhilfen ausgestattet wird. Das hat etwas mit der Spielweise der einzelnen Spieler zu tun. Es sollte aber von zwei Seiten betrachtet werden. Denn wo manchen jeder Detailgrad, der über einen Namen und eine grobe Klassifikation herausgeht, zu viel ist (weil sie sich dann eingeschränkt fühlen), kommen immer wieder Fragen auf, warum denn dies oder das nicht auch beschrieben wurde, so könne man ja gar nicht richtig in das aventurische Leben eintauchen. Wo einem Spieler die Aussage reicht, dass er bei gelungener Probe am Waldrand ein Heilkraut finden kann, möchte eine andere Spielerin gerne wissen, welches genau das ist, wo sie es gefunden hat und was da sonst noch wächst – und das Ganze am besten mit stimmungsvollen aventurischen Namen versehen.

Lehnskarte des Mittelreichs von 1991

Lehnskarte des Mittelreichs von 1991.

Ich denke, es braucht Wohlwollen von beiden Seiten, denn auch wenn ich vielleicht weiß, wie der Weg von Anderath nach Rhodenstein heißt und die Dörfer am Wegesrand benennen kann, so muss ich ja nicht darauf bestehen, dass dieser Name oder diese Reihenfolge immer benutzt werden muss. Ich betrachte das als Teil des Problems von „mein Aventurien – dein Aventurien“, das schon dann auftritt, wenn sich Spieler*innen aus unterschiedlichen Spielrunden über ein Abenteuer austauschen. Allerdings gebe ich auch zu, dass eine hohe Detailtiefe es kniffelig machen kann, leichthin ein Abenteuer zu verfassen; da ist der Rechercheaufwand schon ziemlich hoch, wenn man bis zum letzten Iota alles passgenau machen will. Allerdings laden viele Dinge aus den Baroniebeschreibungen des Briefspiels auch dazu ein kleiner aufgehängte Szenarien zu entwerfen.
Daher ist es ja vor allem auch Usus, Briefspielgeschichten, die entweder Einfluss auf das Geschehen in einer Provinz oder gar das Miteinander zweier oder mehrerer Provinzen haben, zu kondensieren, damit sie das Interesse einer breiteren Leserschaft finden, ohne allzu viel des Detailballasts mitzuschleppen oder gar überbordendes Namedropping zu betreiben.
Jetzt habe ich die Frage nicht konkret beantwortet, aber ich bin überzeugt, dass es den Briefspieler*innen vor allem auf das ausschmückende Beiwerk (also colour) ankommt, und dann stellt sich die Frage, wie man den Ansatz, also den Anstoß zu einer Briefspielaktion bewertet. Themenorientiert ist sie durch die Provinzbezogenheit in meinen Augen ohnehin. Erlebnisorientiert auch, weil es ja nicht nur um die Darstellung des Briefspielcharakters, sondern auch um dessen Entwicklung geht. Vermutlich wird es immer eine Mischung sein, die sich zwischen anlassbezogen und spieler*innengesetzt bewegt.

Stefano: Wie Daniel glaube ich auch, dass das Problem von zu viel Details nicht einfach dem Briefspiel angelastet werden kann. Die Tendenz, Aventurien bis ins Kleinste zu beschreiben, findet sich auch bei anderen Autor*innen, fand sich schon bei Ulrich Kiesow, und wird von vielen Fans auch heute noch gefordert. Erst kürzlich las ich in einer DSA-Facebook-Gruppe eine Diskussion, wo sich zahlreiche Teilnehmende eine ausführliche und explizite Spielhilfe zur aventurischen Gesetzgebung, ja gar den Codex Albyricus im Wortlaut wünschten.

Neben klassischen Briefspielgeschichten gehören zum Briefspiel natürlich auch andere Textsorten: Beschreibungen der Lehen und der Personen, früher gern als selbst gestaltete, im Copyshop gedruckte Regionalspielhilfe, heute eher als Wiki-Einträge. Zeitungsartikel für die Provinzfanzines oder den Aventurischen Boten. Und im Kosch in jüngster Zeit auch auf das Provinzspiel bezogene Abenteuer, denn dank Corona haben wir jetzt eine regelmäßige Discord-Spielrunde mit wechselnden Meistern.

Als wichtigstes Briefspielereignis des Koschs muss sicherlich der Angriff des Alagrimm im Jahr des Feuers gelten, ein Plot, den Kanzler Martin Lorber entwickelt und der Redaktion schmackhaft gemacht hatte, nachdem diese ihm eine völlig unkoschere Idee präsentiert hatte. Und natürlich die Answinkrise, die ja praktisch den Urknall des Adelsspiels darstellt. Aventurisch völlig nebensächlich, aber prägend für die Provinz war die Neubesiedlung des Moorbrücker Sumpfs, die uns zahlreiche unserer aktivsten und kreativsten Neuspieler einbrachte.


Nandurion:
Was ist der Allaventurische Konvent und welche regionalen Conventions begleiten das Briefspiel?

Stefano: Am Allaventurischen Konvent treffen sich die Briefspieler aller Provinzen für ein Wochenende mit Geplauder, Diskussionen, Freeform-Live- und Tischrollenspiel. Früher lud die DSA-Redaktion dazu ein, heute wird der Konvent von einer Orga aus den Reihen der Spielerschaft organisiert (wobei sowohl Kanzler*innen als auch DSA-Autor*innen darunter sind). Der aventurische Plot des AAK wird auch heute noch mit der Redaktion abgesprochen und enthält (mehr oder weniger) wichtige inneraventurische Entwicklungen. Häufig werden Hoftage dargestellt, da diese den vielen Adligen einen triftigen Grund geben, sich zu versammeln. Die ersten zwei AAKs fanden auf der Katlenburg statt, mit Ulrich Kiesow persönlich anwesend. Später waren wir lange Jahre auf der Burg Bilstein. Mit der Zeit meldeten sich nicht mehr genügend Leute an, um die Bilstein zu füllen, so dass sich der Adel mittlerweile in der kleineren Burg Rieneck trifft.

Welche regionalen Cons es aktuell noch gibt, darüber habe ich leider keine Übersicht. Seit 1999 gibt es den Nordmarken-Kosch-Konvent, zu dem sich allerdings in letzter Zeit kaum noch Koscher*innen angemeldet haben. Viele haben Jobs oder Familien, die ihr Zeitbudget stark einschränken, jedenfalls zum klassischen Termin im Sommer, auch wenn sich der NKK zu einem sehr familienfreundlichen Event mit eigenem Kinder-Plot gewandelt hat. Um uns trotzdem hin und wieder zu sehen, gibt es das Koscher Kaminstübchen im Februar, wo man sich ungezwungen und ohne Plot oder Liveteil zum Plaudern, Trinken, Musizieren etc. trifft. Ein ähnliches Konzept gibt es meines Wissens auch in anderen Provinzen, namentlich in Garetien und Greifenfurt (die auch noch ihren eigenen, gemeinsamen Provinzcon haben).

Daniel: Genau, Stefano trifft das sehr gut. Ganz am Anfang trafen sich die wenigen Briefspieler, Autoren und Redakteure auch auf dem Einschlinger Spieletreffen, wo z.B. Teile der G7-Kampagne in den allerersten Entwürfen auch testgespielt wurden. Später wurde dann der All-Aventurische Konvent daraus, mit der Entwicklung die Stefano so treffend dargestellt hat. Was ich noch anmerken mag ist, dass die Ausstattung der Cons sich im Laufe der Jahre drastisch professionalisiert hat. Wo am Anfang noch ein einfacher blauer Überwurf getragen wurde, haben die Spieler*innen heute sehr viel Zeit in ihre Gewandungen gesteckt und der Live-Teil, also der Part des Cons, den man in der Rolle des Charakters verbringt, ist sehr viel größer geworden.
Wie Stefano auch beobachte ich eine Verschiebung der Cons, so sind die Anteile an echtem LARP in den Cons immer größer geworden und die Plots immer komplexer und auch langwieriger. Der Albernia-Con ist so ein Con auf dem man viel Zeit in Rolle verbringt, andere setzen ebenfalls auf Atmosphäre und gelten dann eher als Ambiente-Cons, wo man Zeit miteinander verbringt, die Figuren entwickelt und so das Geflecht in einer Provinz mit Leben erfüllt und ausbaut. Andere sind den Weg gegangen, vor allem Paper&Pen-Plots zum Hauptthema zu machen, quasi multiparallele Abenteuer, die aber den gleichen Zweck erfüllen, so in Weiden zum Beispiel, wobei es auch da die Kaminstübchen gibt – und in der Corona-Zeit auch Kaminabende, die online auf Discord stattfinden.


Nandurion:
Wie finden die erspielten Ereignisse aus dem Briefspiel und den Conventions Eingang ins offizielle Aventurien? Welche Kriterien wurden dabei von wem angelegt und veränderte sich das im Laufe der Zeit?

Daniel: Zuvorderst finden solche Ereignisse sicherlich ihren Weg in den Aventurischen Boten. Da sind es zumeist Kanzlerin oder Kanzler, die einen solchen Artikel aus dem gesamten Material zusammenfassen. Oder aber es sind einzelne Spieler*innen (oder ein Team von Schreibenden), die daran teilgenommen haben und mit dem Verfassen beauftragt werden. Das kann sein, weil die Spieler*innen eine große Aktion gerne veröffentlicht sehen würden oder auch weil die Redaktion gerade etwas in dieser Region braucht oder im Vorfeld durch die Kanzler*innen in Kenntnis gesetzt wurde und ebenfalls ein Ergebnis veröffentlicht sehen möchte. Bei lang geplanten Abenteuern oder Kampagnen kann es auch sein, dass die Autor*innen sich mit den zuständigen Kanzler*innen besprechen und eine Szene oder Szenenfolge im Vorfeld ausgespielt haben möchten, um das dann als Kulisse für das eigentliche Abenteuer zu benutzen.
Und ja, da hat sich im Laufe der Jahre einiges geändert. Denn am Anfang war das Briefspiel rein auf das Mittelreich zentriert. Und viele Dinge wurden berichtet, um das Funktionieren dieses Reiches darzustellen, seine Teile näher zu beleuchten oder eben die Befindlichkeiten, die es zwischen den Provinzen oder den Provinzen und den Garether Kaisern gab.

Viele Briefspiele haben die Entwicklung aktiv begleitet, so etwa die Invasion Tobriens oder eben die Rückeroberung. Der Bürgerkrieg zwischen Albernia und den Nordmarken/dem Reich. Viele Stützstellen dieser Erzählungen wurden entweder schriftlich oder sogar auf Konventen beleuchtet und ausgestaltet, was sie gerade für die Teilnehmenden bis heute unvergesslich macht. Es bleibt eines, vom Auftritt Rohajas zu lesen oder zu sehen, wie sich die Raulskrone auf ihr Haupt senkt.

Die Titelrolle auf dem Reisethron (von Janina Robben)

Wobei man natürlich auch sagen muss, dass nicht nur Briefspiel-Events ihren Weg in den Boten fanden, sondern auch solche Ereignisse wie die multiparallelen Abenteuer oder andere besondere Runden, die exklusiv auf einigen Rollenspielveranstaltungen angeboten wurden.
Heute geht es vor allem darum Settings, Figuren und Entwicklungen anzureißen, die anstehende Abenteuer begleiten, vor- oder nachbereiten, um gezielt den Spieler*innen die Möglichkeit zu geben, sich auch über das eigentliche Modul hinaus ihrer Wirkung auf die Welt bewusst zu werden. Vor allem aber ist das Spektrum der Berichterstattung im Boten deutlich breiter geworden, weil immer mehr Schlaglichter auf andere Regionen oder auch Institutionen gesetzt werden müssen, da der Fokus sich ja deutlich vom Mittelreich wegbewegt hat, um die ganze Farbigkeit von Aventurien besser darstellen zu können und so dem Wunsch der Spielerschaft besser Rechnung tragen zu können.

Stefano: Mir scheint auch, dass der Ehrgeiz, in den Aventurischen Boten zu kommen, allgemein zurückgegangen ist. Das liegt zum einen daran, dass die DSA-Redaktion den Mittelreich-Plot zurzeit kaum noch vorantreibt. Zum anderen gibt es im Zeitalter von Social Media und Scriptorium Aventuris auch viel mehr Möglichkeiten, sich in der Szene bemerkbar zu machen. Koscher Briefspiel-Ergebnisse finden heute ihren Weg ins offizielle Aventurien hauptsächlich dadurch, dass ich sie an die Autor*innen von Spielhilfen, Abenteuern oder Romanen vermittle, wo passend.


Nandurion:
Wodurch unterscheidet sich das Briefspiel heute von früher? Kann das Briefspiel noch als Sprungbrett für Autoren gelten?

Stefano: Die Frage beantwortet sich ja schon ein bisschen aus dem, was Daniel und ich bereits erzählt haben. Das Briefspiel ist heute eine Möglichkeit, aktiv am DSA-Geschehen mitzuwirken, aber nicht die einzige und nicht mal die bedeutendste. Wenn schon, ist es eher ein Grundkurs als ein Sprungbrett. Ein Spielplatz, auf dem man vielleicht Nützliches lernt, wo man aber vor allem hingeht, um zusammen mit anderen Besuchern Spaß zu haben. Das Gefühl, ganz nah am schlagenden Herzen von DSA zu liegen, vermittelt einem das Adelsspiel heute nicht mehr.

Daneben unterscheidet sich das heutige Briefspiel natürlich ganz stark von seinen Anfängen dadurch, dass heute kein Mensch mehr Briefe schreibt. Noch bis Ende Neunziger korrespondierten nicht wenige Barone mit Feder und Tusche, in simulierter aventurischer Handschrift oder gar Kalligrafie, und siegelten ihre Briefe mit Wachs. Die Bequemlichkeit von E-Mail hat dieser Kunstform leider ein Ende gemacht. Auch gedruckte Provinzfanzines oder Regionalbeschreibungen sind weitgehend dem Dämon Pedeäph zum Opfer gefallen.

Daniel: Exakt was Stefano sagt. Heute ist es auch ohne Teilnahme am Briefspiel ohne Weiteres möglich sich als Autor zu profilieren. Früher war das nicht ganz so einfach, weil das Briefspiel Kenner und Begeisterte schnell erreichbar machte. Dank des Internets erreicht man heute aber effektiver und schneller einen großen Interessentenkreis. Und umgekehrt ist die gefühlte Hemmschwelle an die Redaktion heranzutreten, deutlich gesunken. Das Briefspiel heute ist daher vor allem etwas, wo sich Begeisterte einer bestimmten Region ausleben können.
Und ebenso stimme ich Stefano zu, was den Wechsel in die digitalen Medien anbelangt. Die Wikis haben vielfach die Provinzzines ersetzt, weil sie Informationen online suchbar machen. Ich habe auch das Gefühl, dass dadurch die Ungeduld und die Schnelligkeit deutlich gestiegen sind, weil eben alle ständig erreichbar sind oder sein könnten.


Nandurion:
Wenn jemand neu ins Briefspiel einsteigen möchte, was ist dazu eure Empfehlung und was gilt es zu beachten?

Daniel: Zunächst mal, keine Scheu haben – Briefspieler kochen auch nur mit Wasser. Dann eine Region auswählen, die einem wirklich am Herzen liegt. Spaß daran zu haben mit anderen Spieler*innen an dieser Region herum zu tüfteln. Sich bewusst machen, dass man eigentlich keine Fehler machen kann, sondern vielleicht nur feststellen muss, dass diese Form des Spiels einem doch eher weniger liegt. Man darf sich sicher sein, dass es genügend Spieler*innen um einen herum gibt, die einen gerne beim Einstieg gerne unterstützen. Dann reicht es eigentlich sich an die Kanzler*innen zu wenden und Interesse am Briefspiel zu bekunden. Es werden ja heute nicht nur Barone bespielt, es gibt beinahe für jede Figur eine Berechtigung, sich am Briefspiel zu beteiligen, seien es nun die verschrobene Hexe aus dem Blautann, der desillusionierte Ritter aus der kargen Sichelwacht, ein neugieriger Zwerg aus den Bingen des Finsterkamms oder die gewandte Auenläuferin aus Vana, die allesamt in der Region Weiden ihren Platz haben, wenn ich die mal vorschieben kann. Obwohl ich gleich auch sagen will, dass das Briefspiel in erster Linie bis heute ein Adelsspiel geblieben ist, weil es sich daraus entwickelt hat und weil dieses Spiel immer wieder auch klare Momente setzt, wann man aktiv werden kann – man denke da nur an die Reichstage.

Stefano: Wie Daniel sagt, das Wichtigste ist, eine Provinz zu wählen, deren Stil einem passt, und unerschrocken mit dem Kanzler oder der Kanzlerin Kontakt aufzunehmen. Ich möchte aber noch hinzufügen, dass das Ziel des Briefspiels nicht ist, private Held*innen zu kanonisieren. Ich bekomme manchmal Anfragen von Leuten, die daheim im Spiel mit einem Lehen im Kosch belohnt wurden und das nun gerne ins Briefspiel einbauen möchten. Darauf können wir nicht eingehen, aber natürlich schlage ich diesen Interessent*innen vor, doch mit einer neuen Spielfigur ins Koscher Spiel einzusteigen, die wir gemeinsam passend entwickeln.


Nandurion:
Wie seid ihr selbst dem Briefspiel und generell dem Rollenspiel heute noch verbunden?

Stefano: Als amtierender Kanzler bin ich natürlich stark mit dem Briefspiel verbunden, wenn auch zeitlich weniger umfangreich als auch schon. Mein eigener Baron ist dabei etwas in den Hintergrund getreten. Rollenspiel ist noch immer mein größtes Hobby, DSA mein Hauptsystem mit der im Kern gleichen Spielgruppe, mit der wir 1985 angefangen haben. Allerdings treffen wir uns da nur noch alle ein bis zwei Monate. Daneben habe ich eine wöchentliche Runde, mit der ich vor Kurzem eine zweijährige “Orpheus”-Kampagne abgeschlossen habe, und nehme unregelmäßig an einer Online-Runde teil, deren Spielleiter gerne zwischen den Systemen hin- und herspringt – zuletzt spielten wir D&D, Earthdawn, Warhammer 4. Edition und Alien. Zudem findet man mich öfters an der RatCon und fast immer an der Spiel in Essen – wenn sie denn stattfinden.

Daniel: Ich für meinen Teil spiele immer noch aktiv im Briefspiel mit, zurzeit mit dem Vogt Arnôd, der Moosgrund für die noch minderjährige mit Avia Nordfalk, der Erbin der gefallenen Gräfin Ardariel, der Tochter Avons, verwaltet. Briefspiel in der 3. Generation sozusagen. Hin und wieder verfasse ich auch wieder kleinere Texte für “Das Schwarze Auge” oder lese welche gegen.
Ansonsten habe ich “Abenteuer in Mittelerde” für die 5e lektoriert und das Witcher-Rollenspiel, sowie die “Trudvang Chronicles”. Gerade spiele ich in einer großartigen Runde “Invisible Sun” und leite “So nicht, Schurke!” für meinen Sohn und dessen Freunde. Immer wieder mal spiele ich auch “Doctor Who” und “Artesia”, und freue mich gerade diebisch darauf, bald “Dune” zu spielen sowie One-Shots für “Liminal” und “Lex Arcana” vorzubereiten.


Nandurion:
Herzliches Dankeschön an euch beide für diesen großartigen Überblick! Danke auch an Karsten Wiegers für ein paar Fragen.

Weiterführende Quellen

Regionalwikis

Inoffizielle

Über Nottel

Nottel heißt Michael und wohnt am Bodensee. Seit 93 stromert er als Spieler und Spielleiter mit Gleichgesinnten durch fantastische Gedankenwelten. Zunächst in Aventurien und dem Riesland, später in der Dark Future, der Welt der Dunkelheit, im Trinity Universum und dringt in Galaxien vor, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
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10 Antworten zu Interview mit den Briefspiel-Kanzlern Daniel Simon Richter und Stefano Monachesi

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  3. David Lukaßen sagt:

    Hallo, vielen Dank für das Interview mit Stefano und Daniel zum Thema. Als Kanzler der Rommilyser Mark habe ich noch eine kleine Bitte, wir haben auch eine (im steten Aufbau befindliche) Homepage (http://rommilyser-mark.de/) und ich wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr sie in der Liste ergänzen könntet. Lieben Gruß aus der Rommilyser Mark, David

  4. Engor sagt:

    Sehr schönes und informatives Interview, vielen Dank dafür. Das Briefspiel habe ich immer nur vage wahrgenommen, vor allem wusste ich nicht, dass da immer noch so viel Aktivität herrscht.

    • Siebenstreich sagt:

      Da kann ich Engor nur zustimmen, für mich war das Briefspiel auch immer etwas „abstrakt“ (und ist es, zugegebenermaßen, selbst nach diesem interessanten Artikel immer noch).

      Ich bin positiv davon überrascht, dass das Internet nicht der Todesstoß für das Briefspiel war – wobei ich auch gut die Nostalgie von Daniel und Stefano verstehen kann, mit der sie von der Vergangenheit erzählen; in meinen Augen kann keine noch so schön gestaltete Email das Besondere und Persönliche eines handschriftlich verfassten Briefes ersetzen.

  5. Alessandro sagt:

    Wieso hat mir niemand gesagt, dass Stefano ein Interview gegeben hat?

  6. Alrik Fassbauer sagt:

    Für mich ist das Briefspiel immer – um es mit einem modernen Ausdruck zu versuchen – seine eigene DSA-(Realitäts-)Blase geblieben, abgehoben, und ohne jeglichen Kontakt zum Rest der Spielerschaft. Dafür in der relativ luxuriösen Position, viel mehr Einfluß auf das Setting nehmen zu können, als „Otto-Normal-Spieler“.
    Zu diesem Eindruck hat sicherlich auch beigetragen, daß nie ein „komplettes“ Briefspiel jemals als Buch veröffentlicht worden ist : Bekannt wurden immer nur die Auswirkungen (meistens im Boten).

  7. Nottel sagt:

    Ein sehr ähnliches Konzept sind die „Lorakischen Geschichten“ [1] bei Splittermond. Soweit mir derzeit bekannt, läuft dieses Spiel aber nicht weiter. Es wurde in einem Unterforum des Splittermond-Forums gespielt, für das die Benutzer freigeschaltet werden müssen. Falls es hierzu aktuellere Infos gibt, gerne ergänzen.

    [1] https://splitterwiki.de/wiki/Lorakische_Geschichten

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