Interview zu Forschungsdrang und Rollenspiel

Folgt das aventurische Rittertum authentisch dem realhistorischen Vorbild? Wie weit gehen die Parallelen zwischen dem Bosparanischen Imperium und seinem irdischen Pendant, dem antiken Rom, tatsächlich? Welche Folgen hat der Pakt mit einem Erzdämonen für die menschliche Seele? Hätte ein demokratischer Herrschaftsansatz in Aventurien Aussicht auf Erfolg? Diese und viele weitere Fragen, wie sie in so manch einer Rollenspielrunde über die Jahrzehnte immer wieder aufgekommen sein mögen, werden im Rahmen dieses Sammelbandes von unterschiedlichen wissenschaftlichen Standpunkten aus beleuchtet und diskutiert. Somit bietet der Band nicht nur eine frische Art der Auseinandersetzung mit vielen Aspekten der phantastischen Welt Aventurien, sondern auch eine spannende Retrospektive auf die nunmehr 35 Jahre währende Geschichte des erfolgreichsten deutschen Pen-&-Paper-Rollenspiels Das Schwarze Auge.

So wurde der 2019 erschienene Band Forschungsdrang und Rollenspiel angekündigt. Der Band hat 204 Seiten und erscheint beim Ulisses-Spiele-Verlag. Die Anthologie wissenschaftlicher Texte zu unserem Lieblingsrollenspiel Das Schwarze Auge kommt außerdem mit einem Vorwort von Hadmar von Wieser daher. Wir hatten Gelegenheit das Team der Herausgeber:innen (Team FuR) zum Interview zu bitten und wollen diese Möglichkeit natürlich nicht ungenutzt lassen.

Vorbemerkung

Auf die Frage wozu wir überhaupt wissenschaftliche Forschung zu einem so abseitigen Thema wie Rollenspiel brauchen gibt Hadmar von Wieser eine interessante Antwort in seinem Vorwort. “Als zweiten Ansatz will ich nun ein kulturell-ökonomisches Modell ansprechen, das ich vor meinen Studenten jährlich mit den folgenden Schlagworten zusammenfasse: „Hobby braucht Industrie, Industrie braucht Experten, Experten brauchen Wissenschaft.“ Wenn wir uns diese Kausalkette vor Augen führen, dann dürfte es wohl noch reichlich mehr Raum für Forschung zum Thema Rollenspiel geben. Der vorliegende Band kann natürlich nur einen kleinen Ausschnitt aus der Menge der möglichen Fragestellungen beantworten. Interessant ist es daher, welchen Ansatz die Herausgeber für Ihren Fokus gewählt haben.

In der Einleitung zum Band schreiben Donecker, Fenböck, Kalniņš und Klausner dazu: “In dem vorliegenden Band haben wir uns für einen anderen Zugang entschieden, der den vernachlässigten Posten der rollenspielerischen Dreiecksstruktur in den Fokus nimmt: die Autoren und Autorinnen, die Hintergrund, Spielwelt und Abenteuer gestalten. Wir fragen nach den historischen, philosophischen und literarischen Vorbildern, an denen sich die Autorinnen und Autoren des Schwarzen Auges orientiert haben, nach den Quellen ihrer Inspiration und den Techniken, aus Versatzstücken einer profanen Realität eine phantastische Welt zu schaffen.”
Im Gegensatz zu vielen anderen Texten, die sich mit der Untersuchung der Spielgruppe als soziales Gefüge, dem Leiten von Spielrunden oder der Präsentation von Abenteuern beschäftigen, liegt der Fokus hier also auf den Autoren und deren Gestaltung der Spielwelt. Mit diesem Hintergrund stürzen wir uns also ins Gefecht.

Fragen und Antworten

Nandurion: Hesinde zum Gruße, ihr beiden! Wir sind gespannt auf die Einblicke zu dieser aus rollenspielerischer Sicht ungewöhnlichen Publikation. Was habt ihr mit Wissenschaften und Rollenspielen zu tun und welche Rolle habt ihr bei der Entstehung von Forschungsdrang und Rollenspiel eingenommen?

Team FuR: Wir alle haben aus verschiedenen Disziplinen kommende wissenschaftliche Hintergründe (von Geschichtswissenschaft über Theaterwissenschaften bis hin zu Wissenschafts- und Technikforschung) und auch alle vier seit früher Jugend große Begeisterung und Faszination für die Welt des Rollenspiels.

Nandurion: Wie entstand die Idee zu diesem Band und warum wurde ausgerechnet Das Schwarze Auge unter die Lupe genommen? Man hätte den Fokus doch auch deutlich weiter setzen können, zum Beispiel auf Rollenspiele aus Deutschland. Wie wurden die Themen ausgewählt?

Team FuR: Die zwei Historiker im Team (Alexander und Stefan) hatten bereits früher gemeinsame Projekte zur baltischen und frühneuzeitlichen Geschichtsforschung, und irgendwann kam den beiden bei einem After-Conference-Bier die Idee, den wissenschaftlichen Blick (gerade auch mit ihrer Neigung zu etwas nerdigeren historischen Außenseiterthemen) auch einmal auf das gemeinsame Hobby Rollenspiel, insbesondere DSA, zu lenken. Stefan hatte dann noch die Idee, für eine thematische Verbreiterung und bessere Lastverteilung noch Karin und Lukas dazuzuholen, und bevor wir uns versehen haben, gab es schon einen Call for Papers …

Verschiebung des Fokus im Beziehungsdreieck, Autor/-innen sind üblicherweise nicht Teil der Betrachtung

Motivation für den Band war sicher auch, dass es in den Jahren zuvor bereits einige Publikationen aus wissenschaftlichen Blickwinkeln auf englischsprachige Rollenspiele und Fantasy- sowie Science-Fiction-Settings gab (z. B. Dungeons and Dragons and Philosophy: Raiding the Temple of Wisdom) – und da war es natürlich naheliegend (nachdem das aus unerfindlichen Gründen noch niemand vor uns angegangen war ;)), ein entsprechendes Projekt auch für das größte und einflussreichste deutschsprachige Rollenspiel Das Schwarze Auge in Angriff zu nehmen. Nicht zuletzt die auch im Vergleich mit anderen Rollenspielen immens dicht beschriebene (und damit ja fast schon zum Klischee gewordene) Spielwelt von DSA macht es hierfür zu einem besonders dankbaren Analyseobjekt.

Nandurion: Forschungsdrang und Rollenspiel erschien 2019. An anderer Stelle habt ihr berichtet, dass die Texte überwiegend 2015 fertiggestellt wurden. Was geschah in der Zwischenzeit und warum wurde der Band letztlich bei Ulisses und nicht in einem “Wissenschaftsverlag” veröffentlicht?

Team FuR: Die lange Genese von der Abgabe der ersten Textfassungen bis zur finalen Veröffentlichung war primär privaten Umständen im Herausgebendenteam geschuldet; durch die erste Verzögerung kam dann noch die 5. Auflage von DSA dazu, wodurch wir eine nochmalige Feedbackschleife mit den Autor:innen einlegen mussten, um ihnen die Möglichkeit für eine Aktualisierung zu geben.

Die Verlagsentscheidung haben wir dann schlussendlich nach verschiedenen Kriterien abwägend getroffen – die Veröffentlichung bei Ulisses hatte den großen Vorteil, dass das Buch damit eine breitere Zielgruppe erreichen konnte, als das bei einem „klassischen“ Wissenschaftsverlag der Fall gewesen wäre. (Und die Production Values im Stile eines typischen DSA-Bandes haben unsere Rollenspieler:innenherzen natürlich auch erwärmt. ;))

Die wissenschaftliche Reichweite ist durch die Publikation bei Ulisses natürlich potenziell etwas geringer, aber für einen „Nischenband“ hat das Werk eine durchaus anständige Anzahl an wissenschaftlichen Rezensionen erreicht – was für uns darauf hindeutet, dass es insgesamt die richtige Entscheidung war.

Nandurion: Wer ist die Zielgruppe dieses Bandes? Könnt ihr hier Empfehlungen aussprechen für wen bestimmte Texte am ehesten gedacht sind? Wie seid ihr mit den Unterschieden zwischen Wissenschaftspublikum und Rollenspielern umgegangen?

Team FuR: Wir haben die Zielgruppe bewusst breit angelegt, und gerade geistes- und kulturwissenschaftliche Forschung ist oft sehr gut anschlussfähig für interessierte Lai:innen. Wir wollten den Sammelband also bewusst sowohl für die wissenschaftliche Community als auch für DSA-Spieler:innen interessant gestalten. Die verschiedenen Texte sind natürlich vom inhaltlichen Fokus, vom Sprachstil sowie auch von den vorausgesetzten einschlägigen Vorkenntnissen sehr vielfältig, und manche richten sich sicherlich mehr an Expert:innen als andere. Diese Breite und Vielfalt der Textbeiträge betrachten wir im Herausgebendenteam jedenfalls insgesamt als Feature, nicht als Bug.

Nandurion: Was würdet ihr sagen, war der größte Erkenntnisgewinn, den ihr durch die Arbeit an dieser Publikation erlangt habt?

Team FuR: Einerseits fanden wir sehr spannend, wie viele verschiedene wissenschaftliche Blickwinkel die eingesandten Abstracts abdeckten; andererseits hat bereits die nur auszugsweise Analyse durch die im Band schlussendlich vertretenen Beiträge für uns klargemacht, dass die große Beliebtheit von DSA vielleicht insofern mit seiner enorm dichten Hintergrundbeschreibung zusammenhängt, als dass die Spielwelt auf so vielfältige Weise historische Bezüge, Anspielungen, irdische Referenzen etc. bietet, an die Spieler:innen ihre eigenen Spielerlebnisse anschließen können.

Am liebsten hätten wir noch mehr Themen mit unserem Sammelband abgedeckt (linguistische oder performative Aspekte fehlen zum Beispiel), aber irgendwann waren leider Zeit, Ressourcen und Druckseiten erschöpft … aber vielleicht nehmen wir ja irgendwann einen Nachfolgeband in Angriff. 😉

Der magische W20 als Bezugspunkt der aventurischen Zauberwirker, ziemlich „meta“ das Ganze. Das großartige Cover des legendären Uğurcan Yüce war Vorbild für das Buch-Cover von Annika Maar.

Nandurion: In der Einleitung zum Band beschreibt ihr einen Trend zur wissenschaftlichen Betrachtung rollenspielerischer Texte. Welche Empfehlungen könnt ihr unseren geneigten Lesern geben, wenn sich diese weiter mit Wissenschaft und Rollenspiel beschäftigen wollen? Wir hätten gerne mindestens zwei Nennungen, von denen eine in deutscher Sprache erschienen sein sollte.

Team FuR: Generell gibt es mit explizitem Rollenspielfokus noch relativ wenige derartige Publikationen (deshalb haben wir ja auch diesen Sammelband herausgegeben 😉 ), das prägnanteste Beispiel ist:

  • Jon Cogburn und Mark Silcox (Hrsg.): Dungeons and Dragons and Philosophy. Raiding the Temple of Wisdom (= Popular Culture and Philosophy 70). Chicago 2012.

Ansonsten gibt es einige Bücher, die sich mit beliebten Fantasy-Settings befassen, beispielsweise:

  • Carolyne Larrington: Winter is Coming: The Medieval World of Game of Thrones. London 2016.
  • (auch auf Deutsch: Carolyne Larrington: Winter is Coming. Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones, (übersetzt von Jörg Fündling). Darmstadt 2016.)
  • Janice Liedl und Nancy R. Reagin (Hrsg.): The Hobbit and History. Nashville 2014.
  • Eric J. Silverman und Robert Arp (Hrsg.): The Ultimate Game of Thrones and Philosophy: You Think or Die. La Vergne 2016.

Nandurion: Welche wissenschaftliche Publikation zum Thema Rollenspiel würdet ihr gerne in der Zukunft noch sehen? Welche Arbeiten dürfen wir für die Zukunft noch erwarten?

Team FuR: Wir hoffen, dass der Trend zu Werken, die sich mit den Hintergründen populärkultureller Massenphänomene befasst, weiter anhält. Gerade im Rollenspielbereich gibt es da viele noch gar nicht beforschte Settings, zu denen wir auch sehr gerne Sammelbände lesen würden (Shadowrun, Vampire: The Masquerade oder Paranoia zum Beispiel). 😉

Nandurion: Schaut ihr als Wissenschaftler anders auf Aventurien? Schlägt sich diese Vorbelastung in euren eigenen Spielrunden nieder?

Team FuR: Nein, nicht wirklich, das halten wir alle relativ klar getrennt. Natürlich finden gerade die Historiker:innen in uns immer wieder amüsante Einzelheiten in Aventurien, aber einen grundlegend anderen Umgang im Spiel selbst bedeutet das für uns nicht.

Nandurion: Wenn ihr eine Sache im offiziellen Aventurien oder der Welt des Schwarzen Auges ändern könntet? Was wäre das?

Team FuR: Die dringlichste Änderung wäre wohl, dass Aventurien als Kontinent einfach um eine Größenordnung zu kleinräumig ist, da ist einfach alles viel zu nahe beieinander. 😉 Ein paar irdisch inspirierte Kulturen mehr wären auch interessant, vielleicht historisch adaptierte Niederlande, ein Pendant zu Indien, einen ernsthafteren und breiter gefassten Umgang mit afrikanisch angehauchten Kulturen, und und und …

Und zuletzt haben auch die aventurischen Elfen, wie in vielen Settings, leider immer noch kein wirklich stimmiges Gesamtkonzept für ihre grundlegende Andersartigkeit bei gleichzeitiger Spielbarkeit, aber an der Aufgabenstellung sind bislang eigentlich fast alle Fantasywelten gescheitert. 😉

Nandurion: Welchen Ort in der Welt des Schwarzen Auges möchtet ihr noch bereisen?

Team FuR: Einige historische Welten fänden wir sehr spannend, etwa so wie die „Dunkle Zeiten“-Box zum alten Bosparan. Oder auch ein Blick in die Zukunft, um zu sehen, wie sich Aventurien mit technischen Fortschritt weiterentwickelt (DSA meets Shadowrun) … und eine Reise durch den Limbus wäre auch eine sehr spannende Angelegenheit (wenn auch vermutlich nicht besonders gesund ;)).

Nandurion: Möchtet ihr unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

Team FuR: Der Band ist jetzt schon eine Weile erschienen, aber wir wünschen allen, die ihn noch nicht gelesen haben und das noch tun wollen, genauso viel Spaß beim Lesen und Entdecken, wie wir es beim Entwickeln, Schreiben und Herausgeben hatten. 🙂

Nandurion: Wir bedanken uns sehr herzlich beim Team Forschungsdrang und Rollenspiel und die Möglichkeit durch dieses Interview noch einmal auf das Thema Wissenschaft und Rollenspiele aufmerksam zu machen.

Weitere Referenzen

Wissenschaftliche Rezensionen

Nichtwissenschaftliche Rezensionen und andere Quellen

Dieser Beitrag wurde unter Das Schwarze Auge, Interviews, Sonstiges abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Interview zu Forschungsdrang und Rollenspiel

  1. Pingback: Nandurion: Interview zu „Forschungsdrang & Rollenspiel“ – Nuntiovolo.de

  2. Vielen Dank für die Gelegenheit zu diesem Interview. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.