Die Rose der Unsterblichkeit I – Schwarze Perle

Nachdem das erste Abenteuer der Uthuriakampagne, An fremden Gestaden, bei den meisten Lesern auf keine große Begeisterung stieß (Xeledon spottete), erschien nun mit Schwarze Perle von André Wiesler vor Kurzem der erste Teil der Romanreihe Die Rose der Unsterblichkeit, die die Erlebnisse der al’anfanischen Uthuria-Expedition schildern soll. Der Nachfolgeband soll den Titel Schwarzes Land tragen und wird am Ende des Buches bereits angekündigt. Schwarze Perle spielt im Jahr 1028 BF und somit etwa sieben Jahre vor An fremden Gestaden.

Wer von dem Roman erwartet, genaue Details über die Ziele der Expedition, die Route der Al’Anfaner und dergleichen mehr zu erfahren, wird eher enttäuscht werden. Zwar beginnt der Roman mit einer Szene, in der Amir Honak den Granden eröffnet, dass Al’Anfa sich nun daran machen wird, Uthuria zu entdecken, doch die weiteren Geschehnisse konzentrieren sich alle auf die Erlebnisse an Bord eines Schiffes, der Stolz des Raben. Dort finden sich auch die Hauptfiguren des Romans ein. Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive der folgenden Personen:

  • Alrik Blutsäufer – ehemaliger Gladiator von beeindruckender Körpergröße und Stärke
  • Karas Kugres – unglaublich gutaussehend, unglaublich notgeil, unglaublich nutzlos
  • Efferia – Efferdgeweihte aus Wehrheim, jung, unschuldig und natürlich ebenfalls gutaussehend
  • Marfan – der zerstreute Gelehrte, der Rakorium Muntagonus in Sachen Verwirrtheit noch was beibringen könnte
  • Wahelahe – mohische Sklavin, Wildnisexpertin der Akademie, unglaublich gewandt und geschickt
  • Nele Wilmaan – unfreiwillig auf die Fahrt geschicktes Schiffsmädchen mit mindestens zwei Stimmen im Kopf.

Die Handlung des Romans ist schnell zusammengefasst. (Achtung, ab hier gibt’s fiese Spoiler):

Die Protagonisten kommen, freiwillig oder unfreiwillig, an Bord der Stolz des Raben. Das Schiff legt ab und fährt zunächst gen Port Amira, um sich dort mit dem Rest der Flotte zu treffen. Beim Warten auf die übrigen Schiffe kommt es zu einem Zwischenfall mit einem Mohastamm, welcher den Gelehrten Marfan entführt. Dieser kann jedoch gerettet werden. Nachdem kurz darauf noch ein Giftanschlag auf die Borongeweihte des Schiffes verhindert werden kann, trifft der Rest der Flotte ein. Beim Kennenlernfest vernichtet ein Schuss aus dem Feuergeschütz der Amir Honak, des Flaggschiffs der Flotte, ein anderes Schiff. Die Fahrt gen Süden wird dennoch angetreten. Die Stolz des Raben wird allerdings bald darauf Opfer eines Angriffs von Hummeriern, Krakoniern und eines riesigen Kraken. Nachdem der Kampf überstanden ist, wird das Trinkwasser vergiftet und man muss auf einer Insel anlanden, um neues aufzunehmen. Doch dort lauert ein Maru, der den Kapitän in Stücke reißt und nur mit Mühe besiegt werden kann. Daraufhin übernehmen Karas Kugres und die Efferdgeweihte Efferia die Führung des Schiffes, was aber zunächst fast zu einer Meuterei führt. Als auch dieses Problem gelöst worden ist, gerät die Flotte in einen Sturm. Als dieser abflaut, ist die Stolz des Raben allein auf hoher See – Fortsetzung folgt …

[fiese Spoiler Ende]

Zu großen Teilen konzentriert sich das Buch auf die Charaktere, deren Entwicklung und ihre Beziehungen untereinander. Alrik, der ehemalige Gladiator, wird Teil der Bordbesatzung, Marfan bandelt mit der Bordmagierin an und Karas entwickelt sich langsam (seeeehr langsam …) vom verantwortungslosen Herumtreiber zum Anführer. Zwischen den Kapiteln vergehen öfter mal einige Wochen, wobei das  Buch (den Prolog ausgenommen) insgesamt einen Zeitraum von etwa 5 Monaten beschreibt. Zwischendrin gibt es aber immer mal wieder Action und Kämpfe, bei denen die Protagonisten meist in der ersten Reihe stehen.

Uthurische Rose, gezeichnet von Janina Robben

Mein Verhältnis zu diesem Roman ist zwiegespalten: Einerseits habe ich ihn in drei Tagen gelesen, öfters geschmunzelt und einmal sogar laut lachen müssen. Andererseits habe ich beim Lesen auch diverse Male den Kopf geschüttelt und gedacht, dass es der Erzählung durchaus gut getan hätte, etwas weniger dick aufzutragen. Die Szene, in der Marfan vorgestellt wird und sich in bester Slapstick-Manier innerhalb von fünf Minuten gleich zweimal den Kopf stößt, zwei Gläser umwirft und sich zudem noch auf einen Stuhl setzen will, der gar nicht da ist, lässt die Frage aufkommen, wie der gute Mann überhaupt das Erwachsenenalter erreichen konnte. Alrik hingegen, der unglaublich harte Kerl, wäre auch dann noch unglaublich hart rübergekommen, wenn er sich nach einem Kampf nicht mal eben lässig ein steckengebliebenes Hummerierbein aus dem Rücken zupfen würde. Und auch Karas‘ „überbordende Libido“ (Zitat aus dem Klappentext) wäre beim Leser auch dann noch angekommen, wenn er nicht wirklich alles vögeln würde, was nicht bei drei auf dem Großmast ist.

Einen Pluspunkt kriegt das Buch von mir für viele nette Nebenfiguren, wie z. B. den novadischen Smutje, der selbst in der größten Notlage noch so blumig redet wie ein Kamelhändler auf dem Rashduler Basar, oder die nicht aus der Ruhe zu bringende Borongeweihte (auch wenn die natürlich ebenfalls unglaublich gutaussehend ist, was meiner Meinung nach nicht hätte sein müssen). Sehr interessant finde ich auch die Geschichte um Nele Wilmaan, die aus Al’Anfa fort muss, weil sie seltsame Stimmen hört, aber auch auf hoher See von weiteren (und auf mich irgendwie nachtblau wirkenden) Einflüsterungen nicht verschont bleibt. Schließlich ist da noch Treusorg Wasserträger, ein netter, alter und harmloser Mann, der trotz seiner klapprigen Gestalt und seines niedrigen Standes überall respektiert wird und jedem Schaden entgeht. Ich bin sehr gespannt, was sein Geheimnis ist. Aktuell kann ich mir da so einiges an Möglichkeiten vorstellen. Weiteres nettes Detail: Die kurze Erwähnung von Stover Stoerrebrandt, der einen Bericht über die Expedition erhält – vielleicht ja der Grund, irgendwann die Helden aus An fremden Gestaden anzuheuern?

Andere Dinge, wie beispielsweise der Hintergrund von Alrik, der ursprünglich von den Kemi stammt, dann aber versklavt und zum Gladiatior ausgebildet wurde (gähn …) oder die Tatsache, dass die Efferdgeweihte extra aus Wehrheim angereist ist, um an der Expedition teilzunehmen (ich frage mich immer noch, wieso überhaupt) gefallen mir weniger gut. Sprachlich ist der Roman an sich flüssig und unterhaltsam geschrieben (es gibt sogar einen Deine-Mudda-Witz …), meiner Meinung nach hätte man bei der Ausdruckweise der Protagonisten aber mehr auf deren Herkunft achten können. Ich war doch ein wenig irritiert darüber, wie elegant sich Alrik der Blutsäufer so ausdrücken kann. Anscheinend hat er in der Arena nicht nur kämpfen, sondern auch die korrekte Benutzung des Konjunktivs gelernt.

Ansonsten hätte mir auch eine etwas realistischere Beschreibung des Lebens an Bord besser gefallen – der novadische Koch verfügt anscheinend über eine Off-Box mit frischen Lebensmitteln, denn auch fast 5 Monate nach dem Aufbruch aus Al’Anfa speist der Grande noch diverse Köstlichkeiten, wenn er denn gerade mal keine der Matrosinnen oder keinen der Matrosen in seinem Bett beschäftigt (dass die nach der langen Zeit an Bord nicht mehr so wirklich gepflegt sein dürften, ist ihm dabei egal). Es kommt zwar zu verschiedenen Angriffen und Katastrophen, aber das alltägliche Leben an Bord eines Schiffes wird in meinen Augen sehr beschönigt. Außerdem kamen mir so einige der Geschehnisse im Roman doch sehr bekannt vor, weil sie so oder so ähnlich auch in Reise zum Horizont passiert sind. Auch die Art und Weise, wie sich Grande, Ex-Gladiator, Geweihte und mohische Sklavin mehr oder weniger auf Augenhöhe begegnen und schon nach wenigen Wochen alle per Du miteinander sind, fand ich befremdlich. Als letzter Kritikpunkt soll noch erwähnt werden, dass es sich bei den Südmeerinseln nicht um die Waldinseln handelt und die Angabe, einen Tag (!) nach dem Aufbruch aus Port Amira befände man sich schon „südlich der Südmeerinseln“ mich dezent verwirrt hat. Aber ich will da jetzt nicht weiter drauf rumreiten – im Gegensatz zu Karas Kugres weiß ich, wann man aufhören sollte.

Fazit

Insgesamt bietet der Roman eine unterhaltsame Lektüre mit witzigen Charakteren, die allerdings bislang kaum über die erste, klischeehafte Beschreibung hinauswachsen. Da ist für die Fortsetzungsbände noch viel Luft nach oben. Mir persönlich hätte auch ein genaueres Eingehen auf die Route gen Süden und das Leben an Bord gefallen. Den nächsten Band werde ich aber trotzdem lesen.

Bewertung

Ein adventurisches Rentier ist schon mal nach Uthuria vorgeschwommen, ein zweites aus Versehen in das Limbusportal in der Schiffskombüse gefallen. Ein drittes konnte das ausschweifende Leben von Karas Kugres nicht mehr ertragen und ist über Bord gegangen, während ein viertes Rentier in Al’Anfa zurückgeblieben ist, um noch etwas an einem Conjunctivus irrealis zu feilen. Somit verbleiben noch fünf Rentiere, die den weiten Weg nach Uthuria wagen wollen und sich schon auf Schwarzes Land, den nächsten Teil der Reihe, freuen.

Mit freundlicher Unterstützung in Form eines Rezensionsexemplars von der Ulisses-Spiele GmbH und dem F-Shop.

Über Curima

Moin, ich heiße Lena, bin 32, komme aus Hamburg und spiele seit 2003 DSA. Ich spiele lieber als ich leite und schicke meine diversen Charaktere fast jeden Samstag durch Aventurien. Seit Mitte Mai 2012 arbeite ich bei Nandurion mit.
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8 Kommentare zu Die Rose der Unsterblichkeit I – Schwarze Perle

  1. Gnmpf sagt:

    Wurde das Buch lektoriert?

  2. Curima sagt:

    Falls du das in Bezug auf Rechtschreibung etc. meinst: Es war ab und zu ein kleinerer Fehler drin, aber nichts, was mich beim Lesen groß gestört hätte.

  3. Josch sagt:

    Auf kleine inhaltliche Fehler (Südmeerinseln / Waldinseln) wurde in der Rezension zudem hingewiesen.

  4. Arduinna sagt:

    Ich fand den Roman sehr unterhaltsam. Insgesamt fand ich nett, dass Charaktere stereotyp beginnen (Alrik) und man irgendwann merkt: Der ist gar nicht so tumb, wie er aussieht. Und Karas war für ein paar wirklich gute Szenen zu haben, ich mag ihn irgendwie – und am Schluss hat er auch noch die Kurve zum „Es steckt mehr in mir, als auf den ersten Blick erkennbar“-Charakter gekriegt.

    (Und auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Alle Romane werden lektoriert.)

  5. Josch sagt:

    Und natürlich sind auch die genannten Anmerkungen nicht als Hinweis auf ein fehlendes Lektorat zu verstehen – auch gute Korrekturleser übersehen schließlich Fehler.

  6. Pingback: André Wiesler » Schwarze Perle

  7. Tobias sagt:

    Moin,
    also ich hab den Roman gerade eben ausgelesen. Mir hat er recht gut gefallen. Einige Dinge die auch oben beschrieben waren kann man so unterschreiben doch fand ich es gar nicht sooo störend wenn einige arge Sterotypen dabei waren.
    Aus reinem Interesse war die Stelle wo du herzhaft gelacht hast die als der Magier vom Flaggschiff in Vogelgestalt eine Nachricht überbringt und dann einen speziellen Abgang vor dem Abflug hatte?
    Das war jedenfalls wo ich laut gelacht habe.

    • Curima sagt:

      @Tobias: Bei mir war es die Stelle, an der sich der Koch und die Söldnerin um Kugres quasi prügeln und er überhaupt nicht das Problem versteht 😉

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