Aventurischer Bote #170

Bote_170_CoverDer April ist längst vorbei, doch die Maifeiertage laden vielleicht noch einmal ein, den letzten Aventurischen Boten Revue passieren zu lassen. Denn wie der Frühling eben so ist: Zwischen strahlendem Lenzesglück, wechselhaften Aprilwetter und unheilvollem Dauerniesel ist alles möglich. Deswegen sind nun auch endlich drei Einhörner aus dem Winterschlaf erwacht, und betrachten, einen Strauß Schlüsselblümchen wiederkäuend, die jüngste periodische Postille aus Waldems. Und sie erkennen staunend im grünenden Wald: Auch auf unterschiedlichen Pfaden kann man am gleichen Weiher herauskommen. Wer weiterliest, kann die Wege der Entscheidungsfindung mitverfolgen, stößt aber eventuell auf gereimte Zeitungsartikel, theoretische Exkurse zum Wesen des Humors und vor allem … auf Spoiler. Viel Spaß beim Lesen und Mitdiskutieren, wir freuen uns auf eure Kommentare!

1. Cover (Achtung: Spoilergefahr [*])

Splitterdämmerung Logo kleinVibart: „Er ist zurück … er blickt weise auf brennende Türme … er trägt eine tote Riesenschildkröte auf der Schulter.“ So oder so ähnlich könnte der Sprecher eines Filmtrailers loslegen, wäre das Cover des Schattenmarschalls ein Kinoplakat. Aber sei’s drum, mir macht der Titel Lust auf den letzten coolen Trick des alten Haffax vor dem großen Schlussapplaus. Da braucht’s keine sinnvoll konstruierten Rüstungen.

Sedef: Tatsache, Aventuriens bestes Malcom-MacDowell-Look-Alike hat sich für sein großes Finale in Schale geworfen. Auf die brennende Ruine scheint er aber nicht zu gucken. Oder schielt er inzwischen auch? Wir werden es wohl bald erfahren. Das Cover lässt zumindest auf großes Kino hoffen.

Josch: Der Worte sind genug gewechselt, jetzt müssen Taten folgen. Hol sie Dir, Helmchen! Ach ja, schöne Rüstung, fast wie mein alter Opel, nur mit mehr Spoiler.[*] Jetzt noch einen Phexschwanz drangehängt und Haffax ist der Manta unter den Gröfazis. Oder?

Vibart: Mir kommt er eher wie ein gemodeter Hummer in Ölscheichoptik vor. Schauen wir mal, was der Crashtest gegen den Superchromflitzer Rohaja so ergibt …

[*] Die Nandurion-Redaktion entschuldigt sich bei allen Lesern für diesen auch nach unseren Minimalstandards SchleWowatz (schlechtesten Wortwitz aller Zeiten).

2. Der Tempel der Hesinde und die Kartothek auf Pailos

Vibart: Werden ab jetzt Tempelbeschreibungen eine neue regelmäßige Serie im Boten? Nach Rahja kommt nun Hesinde zum Zuge und eigentlich finde ich die Spielhilfe ganz gelungen. Die ellenlange Geschichte der Anlage wird angerissen, ihr Aufbau beschrieben, Bewohner und ihre Agenda werden vorgestellt – immerhin auf über 7 Seiten. Damit kann man letztendlich schon einiges anfangen, wenn man zufällig eine Spielgruppe leitet, die auf den Zyklopeninseln herumturnt und dringend einen Hesinde-Tempel benötigt. Schade einmal mehr, dass man sich die Aufteilung der Räume unter den Dächern selbst zusammen fantasieren muss, denn die Karte ist mit ihren fünf Anlaufpunkten eher rudimentär zu nennen. Aber sonst kann mir das Hesindeheiligtum von Teremon durchaus gut gefallen. Fünf von sechs sauteuren Kartentaschen für diese Karthothek.
Ach ja: Dass die Spielhilfe von unserem Ehreneinhorn Locke stammt, habe ich erst gemerkt, nachdem sie mir gut gefallen hatte. Deswegen kann ich’s auch ehrlich sagen.

Sedef: Gab es da nicht irgendwann mal Planungen zu einem Tempelband? Mir hat jedenfalls auch diese Beschreibung sehr gut gefallen, gerade beim Inhalt der Bleikammern finden sich auch einige schöne Ideen für Abenteuer. Dazu gibt es von mir Bonuspunkte für die Berücksichtigung des Klassikers Zyklopenfeuer und Ereignisse der Königsmacher-Kampagne, sogar Riesland, Uthuria und Myranor werden kurz angesprochen. Die Schwierigkeiten bei der Zuordnung von Text zu Karte ist in dieser Reihe nicht ganz neu. Dafür passt der Grundriss aber exakt zur Gebäudeform auf der Stadtkarte von Teremon. Auf eine Bewertung verzichte ich trotzdem, da ich unseren El’Ehrenpräsidente in der Überschrift gesehen habe.

Josch: Tempelband hin oder her, so darf es gerne die nächsten 20 Ausgaben weitergehen, dann hefte ich mir die ganzen Beschreibungen einfach extra zusammen und stelle sie ins Regal. Auf jeden Fall wäre es sehr schön, wenn das Konzept im Boten zur Serie ausgebaut würde, denn Spielhilfen dieser Ausführlichkeit (8 Seiten!) sind im Boten selten, und das vorliegende Exemplar ist, ebenso wie die Beschreibung im letzten Boten, kleiner Mäkeleien ungeachtet ein echtes Schmuckstück. Da mir der Autor schon vor der Lektüre bewusst war, kann ich Befangenheit in diesem Fall natürlich nicht ausschließen und rate jedem dringend, sich hierzu sein eigenes Urteil zu bilden. Dennoch: Mein erstes Highlight.

3. Die Schwarzmärker

Vladimir_Propp

Pate von Nandurions Überlegungen zur Plotmorphologie: Wladimir Jakowlewitsch Propp (Quelle: Wikipedia).

Vibart: Die Leute vom Schwarzmarkt? Die Typen aus der finstersten Ecke der Nordmarken? Nein, es ist nur der Nachname vom Chef des fiesen Söldnerhaufens, der da Kantweiler, „eine kleine Siedlung an einer beliebigen Reichsstraße„, terrorisiert. Apropos Kant: Auch die Helden müssen erkennen, was richtiges Handeln ist, um die bunte Schar der Dorfbewohner von der Gewaltherrschaft der finstren Gesellen in diesem sehr sandboxigen Szenario zu befreien. Man nehme: ein Dorf (mit Karte), eine Situation, 2W6 Bewohner und sich steigernde Ereignisse. Und weil so eine Sandbox erfahrungsgemäß immer seltsame Dinge mit dem Plot macht, gibt es gleich ein Ablaufbeispiel, um den Bahnfahrern unter uns einen Anhaltspunkt zu geben. Kann man machen, man muss halt Hartwurst mögen. Aber immerhin sind das wieder 6 Seiten, die genügend Information bieten, damit man mit der Sache was anfangen kann. Dafür tausche ich auf dem Schwarzmarkt 5 von 8 Flaschen Black Label gegen Bauernbrot ein.

Sedef: Irgendwie wirkt das Ganze doch eher etwas einfallslos auf mich. Schutzgelderpresser terrorisieren Dörfler an Reichsstraße, bis die Helden den Tag retten. Rollenspiel-Veteranen wird man mit diesem Szenario kaum begeistern können, Einsteiger und vor allem unerfahrene Spielleiter dürften sich sehr über die detaillierte Beschreibung freuen. Wer ein kurzes Abenteuer mit einer Gruppe Neulinge spielen will, oder wem seine ersten Schritte als Spielleiter bevorstehen, der kann hier auf jeden Fall zugreifen. Das ganze Szenario ist auch mit Spielwerten der NPCs versehen und kommt ohne Magie oder Götterwirken aus, so dass es kaum erweiterte Regeln benötigen sollte.

Josch: Natürlich hat man den Inhalt des Abenteuers als jemand mit Rollenspielerfahrung so oder ähnlich irgendwo schon mal gesehen, gespielt oder gemeistert. Es gibt nun mal leider, je nach Abstraktionsniveau der Beschreibung, nur 1W6 bis 2W20 verschiedene Plot-Typen. Interessant ist daher für mich eher die Art durch Aufbereitung und Durchführung. Hier wiederum sollten wir das Anliegen des Autors ernst nehmen, eine Mini-Sandbox mit Meisterhilfen gezielt für Einsteiger zu schreiben, die sich zum ersten Mal an eher offene Abenteuerkonzeptionen heranwagen. Ich finde, das gelingt ganz vorzüglich, denn dem Spielleiter wird mit zahlreichen Vorschlägen hilfreich unter die Arme gegriffen, und ich finde es sehr lobenswert, dass der Bote auch die Gruppe der Neueinsteiger auf dem Radar hat. Da diesen mit den Schwarzmärkern etwas Praktisches und leicht Umsetzbares geboten wird, gibt es von mir volle 9 von 9 Übungsleiterlizenzen. Zweites Highlight.

4. DAS erwartet euch im näksten nächsten Boten! (Nandurion-Humorkritik #1)

Der nicht ganz so düstere Gott: In der Historia undenkbar (von Nadine Schäkel)

Der nicht ganz so düstere Gott: In der Historia (1. Auflage) undenkbar? (Von Nadine Schäkel).

Vibart: Wenn eine Bildzeitungsparodie 1992 so richtig lustig war, dann muss so ein Gag doch auch 2015 zünden oder? Tut er aber leider nicht richtig. Dabei ist das Witzigste noch der Motivations-Trainer-Praios, der gelungen von Nadine Schäkel gezeichnet wurde. Aber die Schlagzeilen … sind oft so semi-witzig. Da ist „Was verbirgt der Plattenpanzer – Rohajas geheime Schwangerschaft“ noch einigermaßen amüsant und „Al’Anfa schafft Todesstrafe ab – Sie haben Borons Gnade nicht verdient“ so lustig … wie drei Kilo Borontempel. Aber immerhin besser wie das letztjährige „Alrix schwätzt schwäbisch.“

Sedef: Hmmm…. nein, da muss ich mich Vibart anschließen – der Gag zündete auch bei mir nicht so richtig. Die Seite schreit aber auch förmlich APRILSCHERZ!!!11, noch bevor man das erste Wort gelesen hat. Vielleicht ist die Parodie nur nicht bissig genug, womöglich fehlt auch einfach nur die Rückkehr der Elfe des Monats.

Josch: Eure Reaktionen, geschätzte Kollegen, zeigen meiner Ansicht nach, warum das Konzept Aprilscherz im Boten nur funktionieren kann, wenn man es konsequent aufzieht und auch massive Verärgerungen der Leserschaft in Kauf zu nehmen bereit ist (wie etwa beim legendären 37er Boten, dem besten seiner Art). Will man niemandem ernsthaft auf die Füße treten, sondern, wie es bei Aprilscherzen nun mal Usus ist, diese unmittelbar im Anschluss auch als solche enttarnen, dann ist ein Printmedium mit zweimonatigem Erscheinungsrhythmus wohl kein geeigneter Ort. Nach meinem Verständnis haben die Autoren versucht, einen Kompromiss zu erreichen, indem sie den Aprilscherz sowohl relativ harmlos als auch recht offensichtlich gemacht haben, so dass es einer expliziten Enttarnung gar nicht mehr bedarf. Das geht aber natürlich zu Lasten der Aprilscherzqualität, die ja bekanntlich um so höher ist, je weniger offensichtlich der Fake ist und je mehr das Opfer sich bis zum Zeitpunkt der Enttarnung geärgert hat. Fazit: Das Problem ist struktureller Natur und ließe sich nur für eine wenig empörungsfreudige Leserschaft lösen.

Der Vollständigkeit halber muss ich nach diesem wichtigtuerischen Pseudotheorie-Exkurs meinen geschätzten Kollegen aber auch in einer Sache noch entschieden widersprechen, denn ich finde „Sie haben Borons Gnade nicht verdient“ als Grund für die Abschaffung der Todesstrafe ziemlich gut. Man stelle sich das mal zu Ende gedacht vor: Der Schwerverbrechertrakt in Al’Anfa enthält zukünftig Gefangene, die mit maximaler Fürsorge davon abgehalten werden, auch nur ein Sekündchen zu früh zu sterben. Großartig. Aber ach, über Humor diskutieren, was für ein schweres Unterfangen. Hans Mentz, übernehmen Sie!

Vibart: Ja, Humorkritik … ist so’n bisschen wie einem Korb voller Muscheln das Limbotanzen beizubringen. Aber eventuell haben wir in einem Punkt Einigkeit erzielt: die Fraglichkeit, ob der Bote ein funktionaler Ort für Aprilscherze ist.

5. Spielhilfe: Marmara Mera

Xeledon_SVG_MyranorVibart: Myranor hat mal wieder eine Seite im Boten spendiert bekommen und nutzt diese für eine eng gesetzte Stadtbeschreibung in Corabenius. Die Beschreibung hört sich für mich als Nicht-Myranorier hinlänglich interessant an, hat aber insgesamt zu wenig Platz um die Phase der vielversprechenden Skizze zu verlassen. Was meinen denn die Leute hier, die jenseits des Efferdwalls zocken?

Sedef: Da hast du auch als Spieler der abtrünnigen Ostprovinz ganz recht, Vibart – mehr Platz hätte der Beschreibung gut getan. Vielleicht wären dann auch noch ein paar Überschriften drin gewesen. Die Beschreibung des Tempels liest sich sehr gut, und kann sicher auf verschiedene Art und Weise in Abenteuer eingebunden werden. Überhaupt gewinnt Myranor sehr durch lokale Kulte und Machtpolitik – es müssen nicht immer vielköpfige Monsten und Mholuren sein. Die Geheimnisse und Szenarioideen hätten aber offenbar noch etwas mehr Platz gebraucht und sind so eher einzelne Bausteine für Abenteuer als eine konkrete Szenarioidee. Insgesamt 6 von 8 Optrilithstatuen.

Josch: Die Möglichkeiten, die sich auf einer Botenseite für eine Regionalspielhilfe bieten, sind nun mal extrem eingeschränkt, aber dessen ungeachtet ist diese Minispielhilfe sehr informativ geraten. Allerdings auch sehr dicht, denn um alles auf einer Seite unterzubringen, wurde an Absätzen, Zwischenüberschriften und vor allem an einer kleinen Illustration gespart, was die Beschreibung insgesamt zu einer ziemlichen Textwüste macht. Aber, wie sagte ein mir bekannter Rezensent einst so schön: Die Möglichkeiten, die sich auf einer Botenseite für eine Regionalspielhilfe bieten, sind extrem eingeschränkt.

6. RPC, Produktvorschau, Werbung

Vibart: Wenn ich die Überschrift addiere, komme ich auf vier Seiten „holteuch-gehthin-kauftmal“-Zeug, Blackguards 2 erhält immerhin eine ganze Seite äh … Produktvorstellung. Für mein Geschmack ist das ein bisschen viel Platz im Boten, wo Inhalte ja immer knapsen müssen.

Sedef: Ist Blackguards 2 nicht schon im Januar erschienen? Der Text wirkt jedenfalls phasenweise recycelt, da ist noch von „dem Rollenspielregelwerk, das Blackguards 2 zugrunde liegt“ die Rede, das jetzt nach den Wünschen der Blackguards-Community zugänglicher und verständlicher gestaltet wurde. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich mir einen Strategie-Guide (+Poster) kaufen kann, wenn es mir immer noch zu kompliziert ist. Aber mal im Klartext: Eine Seite Vorstellung für ein DSA-Computerspiel finde ich ja gut, aber dann sollte sich diese Seite auch an die Leser richten und nicht aus generischen Werbetexten zusammengestückelt werden.

Josch: Meine Motivation, Blackguards 2 weiterzuspielen, liegt seit den ersten eineinhalb Stunden vollkommen brach, und ähnlich zäh wie das Spiel ist auch der Werbetext. Relativ zur Gesamtmenge an Seiten des Boten (48 Seiten) finde ich vier Seiten Produktinfos und Werbung angesichts des Preises noch vollkommen im Rahmen, zumal zwei Seiten davon eher RPC-Vorschau sind. Dass dafür jetzt an anderer Stelle drastisch gekürzt wurde, scheint mir angesichts der für Botenverhältnisse diesmal sehr ausführlichen Spielhilfen unwahrscheinlich. Aber wo wir schon bei Füllmaterial sind: Bringt die schöne DSA5-Produktseite zurück!

Vibart: Oh bei den Zwölfen, kommt nun die alte Forderung nach der Collage zurück …?

Josch: Echt maraskanisch sogar zweimal: Bringt die Collage zurück!

7. DSA 5: Neue Helden braucht das Land

Am Geschlechterdiskurs nicht beteiligt: Elf nach DSA5 (von NN)

Am Geschlechterdiskurs nicht beteiligt: Elf nach DSA5 (von Mia Steingräber).

Vibart: … und was ist mal wieder mit Heldinnen? Ach so, sie haben ja sogar die Zweidrittelmehrheit in der Riege der drei vorgestellten DSA5-Musterheldinnen, denn Nina Deter hat ja das titelgebende Originallied nicht gesungen, weil sie mit dem Patriarchat so super zufrieden war … egal. Im verlängerten Endspurt auf das Grundregelwerk werfen die Macher für dieses Mal einige Beispielhelden nach links und rechts, weil ja der Rest eventuell schon ziemlich fertig ist. Bekanntlich habe ich ja eine schwere Regeldyslexie und kann auch DSA4 nur unter heftigem Medikamentenmissbrauch leiten. Daher nur so viel: vom Überfliegen her wirken die drei Vorstellungen sinnvoll, das Bild der Fjarningerin ist ganz cool (*hüstel*) und dann stellt sich mir die Frage: Warum sieht der Krieger nach einem ausführlichen Charakterbogen aus, die Hesindianerin nach einer knappen Skizze, und die schlagkräftige Frau aus dem Eis nach einer reinen Kurzgeschichte? Man weiß es net. Die Änderungen zwischen 4. und 5. Edition auf einer halben Seite suggerieren zumindest, dass sich gar net so viel ändert. Fazit: Wird Zeit, dass es fertig wird …

Sedef: Die Charakterbeschreibungen sehen beim Überfliegen ganz okay aus, die „Änderungen“ zwischen 4. und 5. Edition verwundern mich dann aber doch. Veteranen gab es bisher schon, ebenso verschiedene Zustände durch Schmerzen oder Verwirrung, Routineeinsatz von Talenten. DSA 5 bietet ja sicherlich einige Neuheiten, aber hier hätte man doch sicher ein paar mehr davon herausstellen können.

Josch: Wer sich mithilfe einschlägiger Hilfsmittel einmal ein wenig im Datenlimbus umhorcht, kann mit etwas Finderglück Zeuge einer interessanten Diskussionen darüber werden, ob die hier im Boten als „Archetypen“ vorgestellten Helden überhaupt als solche bezeichnet werden dürfen, sind diese doch keineswegs typische Repräsentanten ihrer Kultur, sondern vor allem auf Spieltauglichkeit hin abgewandelte Varianten. Da ich von der Notwendigkeit semantischer Exerzitien vollkommen überzeugt bin und auch selber gerne im sprachpolizeilichen Metier dilettiere, möchte ich an dieser Stelle anregen, den Ausdruck „Archetypus“ ganz aus dem Kanon der Rollenspielterminologie zu entfernen, da er in seiner dortigen Verwendung weder an den von R. Descartes und J. Locke geprägten Begriff nicht-subjektiver Ur-Repräsentationen anschließt, noch einen erkennbaren Bezug zu C.G. Jungs Theorie unbewusster Grundstrukturen menschlicher Vorstellungen und Handlungsweisen aufweist. Als Substitutbegriffe schlage ich statt dessen die sachlich angemessen, politisch korrekten und stilistisch eleganten Begriffe „ethnosozialer Prototyp“ und „hinsichtlich spielpraktischer Anliegen modifizierter ethnosozialer Quasiprototyp“ vor, deren Verwendung ich allen seriösen Diskutanten hiermit eindringlich anempfehle.

Ansonsten fällt mir auf: Die Vorab-Illustrationen lassen mich weiterhin hoffen, dass DSA5 optisch einen guten Eindruck machen wird, nur schaut mir die Fjarninger-Barbarin insgesamt etwas zu lieb aus der Fellwäsche. Die beschriebenen Änderungen von der 4. zur 5. Edition wirken, so wie sie hier präsentiert werden, in der Tat teils eher wie Finetuning, Punkte wie „Überarbeitung von Zaubern, Liturgien, Waffenwerten und Sonderfertigkeiten“ können es aber natürlich in sich haben. (P.S. Wenn ich mich an die entsprechenden Passagen im Beta-Regelwerk recht erinnere, dürfte das Besondere des neuen Zustandssystems sein, dass es jetzt einen einheitlichen Mechanismus für die Auswirkungen aller Arten von Zuständen gibt.)

Vibart: Wenn du glaubst, dass ich jetzt hier lauter Links für dein Namedropping suche, dann … und auf meinen Benennungsvorschlag „Beispielheld“ geht wieder mal keiner ein … nur weil Josch das ganze mit Rollenspieltheorie unterlegen kann …

Josch: Beispielheld? Alltagssprache? Wie soll man denn so Glaubwürdigkeit und sachliche Fundierung vorgaukeln können? Am Ende nennst Du Würfel wohl auch noch ganz profan „Würfel“ und nicht etwa „Polyeder“, was? Noch viel Wikipedia er lesen muss!

8. Spielhilfe: Kleinfischbach – ein aventurisches Dorf (Nandurion-Humorkritik #2)

Wappen_Steinfischbach

Es springt der Marmorfisch keck vor Übermut! Wappen Steinfischbachs (Quelle: Wikipedia).

Vibart … und jetzt müsste man sich in Waldems auskennen, um zu wissen, inwieweit das Dörflein mit dem Waldemser Ortsteil Steinfischbach identisch ist. Aber ich habe das Gefühl, es gibt dorten irdisch einen Busfahrer mit russischem Akzent und ein Haus mit seltsamen Marmorfisch im Garten auch. Und dann haken wir die Spielhilfe mal unter Aprilscherz ab. Denn unter diesem Zeichen wäre sie als hartwurstige Parodie eigentlich ganz witzig. Aber ganz ehrlich, liebe Red: Der Schreibstubengründer Ugo von Plötzingen, der in der Dorfmitte lustige Abenteuergeschichten von seinen Schreiberlingen aushecken lässt, ist dann ein wenig viel Nabelschau. Eventuell gibt’s ja in Steinfischbach auch nicht viel mehr zu tun?

Sedef: Aprilscherz der Zweite. Die Idee ist originell, allerdings hätte ich lieber zwei Seiten mehr Marmara Mera in Myranor gelesen und dafür Kleinwaldems auf zwei Seiten gekürzt. Daher schließe ich mich hier Vibart an: Das war doch etwas zu viel des Guten.

Josch: Nein, die Geschichte des Aprilscherzes muss auch nach dieser Episode nicht neugeschrieben werden. Und ja, länger als notwendig ist diese Spielhilfe auch ausgefallen. Aber dennoch bin ich nicht in der Lage, mich der archetypischen Aprilscherzkritik mit Begeisterung anzuschließen, und ich ahne inzwischen auch, wieso: Da wir für unsere Aprilscherze auch mit beruhigender Regelmäßigkeit zu hören bekommen, dass sie a) nicht lustig sind, b) früher besser waren, c) uns keinen Gefallen tun, setzt bei mir inzwischen der Empathiereflex ein. Von daher: Solidarität mit allen Verfassern schlechter Gags! Humorproletarier aller Länder, vereinigt euch!

Aber auch hier noch ein paar Überlegungen zur Sache: Ich finde nicht, dass man Waldems-Kleinfischbachkenner sein muss, um sich an einigen der Gags zu erfreuen (eine Taverne in der aventurischen Provinz „Zum Schlinger“ zu nennen, hat schon was). Tatsächlich ist die Sache dann auch streckenweise gar nicht so albern, wie man meinen könnte, und wer will, kann manche der Inhalte auch ganz einfach als Vorlage für eine aventurische Mini-Dörflichkeit verwenden und die irdischen Anspielungen und Albernheiten einfach weglassen, was dann in etwa 1,5 Seiten Material und eine ganz hübsche Karte ergibt. In der Hinsicht erinnert mich das ganze Unterfangen etwas an die schöne alte inoffizielle Engasal-Spielhilfe, die zugleich Spielhilfe und Parodie einer Spielhilfe war. Natürlich war die Engasal-Spielhilfe besser, mit mehr Lametta und und dem Glitzer der guten alten Zeit. Aber, meine Witzgenossinnen und -genossen: Was schlechte Aventurisierungen angeht, sah es mit „Haipa Haipa“, „Pôlberra“ und „Hillhaus“ schon mal viel düsterer aus.

Vibart: Ich rufe hiermit den inoffiziellen „Wir aventurisieren ein Dorf in unserer Nähe“-Wettbewerb aus! Gewinn: Eine Busfahrt in Waldems.

9. Ingame-Bote (Achtung: Spoilergefahr!)

Hier noch in fest verankerter Position: aranisches Führungspersonal (von NN)

Hier noch in fest verankerter Position: aranisches Führungspersonal (von Mia Steingräber).

Vibart: Und es geht doch: Die jüngsten Splitterdämmerungsereignisse um Altzoll verschaffen den Golgariten ungeahnte Geländegewinne. Zeitnah wird Abenteuermetaplot im Boten damit aufgearbeitet. Der Mysteriöse Fremde vor Brabak ist offensichtlich nicht Der Jüngling am Strand, was immerhin ein großartiges Abenteuer war, der Pfalzgraf vom Koschgau ist tot – eh wurscht – und „das Reich sammelt sich“ – also nicht um sich auf die wahren Werte zu besinnen, sondern um gen Haffax zu ziehen. Höhepunkt: Emmeran Stoerrebrandt berichtet im Friseur-Zeitschrift-Stil von seinen Plänen, in Wagenhalt (Rohal lässt grüßen) eine neue – stop, eine nicht genehmigungspflichtige Zweigstelle der bereits in Riva genehmigten – Magierakademie zu gründen, der alte Fuchs. Dem Andergaster Wolpertinger unterstelle ich mal Aprilscherz-Qualität und die Karawanserei Rotes Kamel in Zorgan schaltet wortreich eine 400-Dukaten-Großanzeige. So ist das schön bunt, abwechslungsreich und eigentlich ganz wohlgefällig serviert. Guter Ingame-Bote.

 Josch: Aber interessant: Nachdem ich beim Mantelteil deutlich zufriedener war als meine Kollegen, will beim Ingameteil der Funken bei mir, ganz im Gegensatz zu Vibart, diesmal nicht so recht überspringen. Alles in allem ist mir das diesmal zu viel Kleinklein und zu wenig Wumms, zuviel Beilage und zu wenig Hauptgericht, zu viel Peter Frampton und zu wenig The Who. Die beiden wichtigsten beschriebenen Großereignisse kommen innerhalb des ganzen Beiwerks m.E. nicht so richtig zur Geltung, und während im einen Fall (Altzoll) mich der nüchterne und sachliche Schreibstil diesmal eher kalt lässt, verhindern im anderen Fall (Haffax-Feldzug) all die „kleinlichen Dispute“, von denen der Artikel zu berichten weiß, dass bei mir wirkliche Stimmung aufkommt. Mein persönlicher Lackmustest, um meine Begeisterung für den Ingame-Boten zu prüfen, ist dies: Habe ich das Gefühl, dass es auch gereicht hätte, Chronologie und MI zu lesen? In diesem Fall lautet die Antwort bei mir ganz eindeutig „Ja“, nur das launige Interview mit E. Stoerrebrandt, der Aprilscherz-Artikel zu gehörnten Hasen in Andergast (samt Stellungnahme des Andergaster Fremdenverkehrsamts) sowie der rührselige Versuch von Garf I., per Kleinanzeige den fragilen Frieden in der Region Meridiana durch eine eilig einberufene Konferenz als ehrlicher Makler zu retten, machen für mich einen spürbaren Unterschied. Wenn’s nach mir ginge, dürfte es im Ingame-Teil auch dann etwas verrückter, alberner, bunter, greller und pathetischer zugehen, wenn die Schwergewichte der aventurischen Geschichtsentwicklung behandelt werden. So ist mir das alles in allem etwas zu nüchtern, ernst und trocken – Aprilbote hin oder her.

Vibart: Mir doch egal, so lange meine Rajdegga sanft wimmert

10. Meisterinformationen und Chronologie (Achtung: Spoilergefahr!)

Vibart: Ja, immerhin zwei Seiten breit erklärt uns hier der Bote die Hintergründe so manchen Artikels. Wie immer verstehe ich das Adelsgedöns hinter dem Mord an dem Pfalzgrafen nicht, aber is ja eh wurscht, wie der Ostkoscher Hartwurstesser so für gemeinhin sagt. Alles in allem an dieser Stelle 8 von 9 Aufklärungsberichten.

Sedef: Die Geschichte um den Verrat von Wulfhelm von Rallerstein, lieber Vibart, findet sich bereits in Am Großen Fluss und feierte dieses Jahr 10jähriges Bestehen. Daher ist es gut, dass sie jetzt einmal abgeschlossen wird, auch wenn ich mir hierfür ein spannenderes Ende erhofft hätte. Im Übrigen gefällt mir der Abschnitt aber recht gut.

Josch: Was gesagt werden muss, wird hier gesagt (nur beim unbekannten Fremden fehlt das „I“ in „MI“). Glücklicherweise verzichtet man auch darauf, das ganze als Gedicht zu deklarieren. Von daher hätte ich jetzt beinahe „Waldems, douze points“ geschrieben, doch da der Verzicht aufs Korrekturlesen der Chronologie sich anscheinend einer Grundsatzentscheidung verdankt, die von Bote zu Bote eisern durchgezogen wird, ziehe ich ebenso eisern auch diesmal noch einmal drei Punkte in der B-Note ab und komme zu dem Ergebnis: Brazil, 12 Points.

Vibart:

Ein Schatten flieht nach Osten,
Golgariten stehen Posten,
Beim Pfalzgraf tut es böse enden,
und Efferd? Schickt ’nen Fremden.

Des Botenlesers Lohn: Die Meisterinformation.

Araniens Herrscher reisen wieder,
Die Rondrakirche streckt die Glieder,
Das Reich sammelt Truppen aller Orten,
Und Stoerrebrandt? Gibt Antworten.

Des Botenlesers Lohn: Die Meisterinformation.

In Drol da dräut Verlobungsglück,
Oderin tritt als Richter zurück,
In Trahelien gibt’s im Dschungel Kawumm,
Und der Horas? Rennt mit ’nem Splitter rum.

Des Botenlesers Lohn: Die Meisterinformation!
Des Botenlesers Lohn: Die Meisterinformation!

Und das Ende vom Lied: Nandurion: zero points.

Josch: Ich ziehe meinen Hut und sage: Champs-Élysées.

11. Fazit

Xeledon_SVG_BoteneuleVibart: Ich bin hin- und hergerissen, geht mir ja in letzter Zeit öfters so. Auf der einen Seite habe ich einen schön komponierten Ingame-Boten, eine sehr ordentliche Tempelbeschreibung und eine hartwurstlastige, aber nichtdestotrotz ausführliche Bauern-Sandbox. Dat jefällt mir. Andererseits sehe ich viel Werbung, frühjahrsmüde Aprilscherze und eine etwas beliebig eingestreute DSA5-Info. Dat jefällt mer nischt. Was mache ich mit dieser im Gleichgewicht liegenden Waagschale? Bleiben wir salamandrisch ausgewogen im Urteil: 5 von 9 Märzhasen hat der Bote Nr. 170 geschossen. Nicht schlecht, vor allem für € 3,90, ihr wisst was ich sagen will.

Josch: Ausgewogen zeigt sich diesmal auch die Waagschaale meines Urteils, wenn auch aus überwiegend konträren Gründen. Doch wie lehrt uns ein schöner maraskanischer Sinnspruch: „Im Widerspruch liegt Wahrheit für den verborgen, der den Widerspruch wahrhaft verbergen kann.“ Daher viel Spaß beim Graben, Bruderschwestern! Die Welt ist schön. 5 von 9 Maiböcken gefällt das.

Sedef: Alles in allem ein ordentlicher Bote mit interessanten Spielhilfen und einem zumindest für Einsteiger gut geeigneten Szenario. Da kann man über die knapp 5 Seiten Aprilscherz gut hinwegblättern, vielleicht bleibt es ja nächstes Jahr bei 1-2 Seiten. Myranor-Inhalte stimmen mich dazu besonders gut, womit ich insgesamt auch auf 5 von 9 Güldenlandfahrern komme.

Über Vibarts Voice

1986 entwickelte Michael Gorbachow den Begriff "Glasnost" und die Raumfähre Challenger explodierte beim Start. Im selben Jahr wurde DSA Teil meines Lebens, und obwohl die UdSSR und das Space-Shuttle-Programm längst Geschichte sind, ist DSA noch immer zentraler Aspekt meiner Existenz. Ich spiele und meistere regelmäßig. Seit Mai 2012 bin ich darüber hinaus hier bei Nandurion tätig.
Dieser Beitrag wurde unter 5 Einhörner, Aventurien, Das Schwarze Auge, Gazette, Myranor abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Kommentare zu Aventurischer Bote #170

  1. Andras Marwolaeth sagt:

    „Der Vollständigkeit halber muss ich nach diesem wichtigtuerischen Pseudotheorie-Exkurs meinen geschätzten Kollegen aber auch in einer Sache noch entschieden widersprechen, denn ich finde “Sie haben Borons Gnade nicht verdient” als Grund für die Abschaffung der Todesstrafe ziemlich gut.“

    Damit euch das Lachen im Hals stecken bleibt, hier ein Zitat aus der Spielhilfe „Schild des Reiches“, S. 127:
    „Die Golgariten empfinden den Tod nicht als Strafe, sondern als Erlösung, weswegen erst geprüft werden muss, ob ein Delinquent dessen würdig ist…“

  2. Josch sagt:

    Genial, danke für den Hinweis! Ich gestehe jetzt aber frei heraus, dass ich die Idee immer noch genau so lustig finde wie bisher, auch wenn ich jetzt weiß, dass sie schon mal ganz offiziell kanonisiert wurde. Mein Lob muss ich dafür jetzt aber an die verantworlichen Verfasser von SdR umleiten.

  3. Um den Aprilscherz noch ein bisschen intellektuell aufzuwerten: Warum hat Dänemark Ende des 18. Jh. als (meines Wissens) erstes europäisches Land die Todesstrafe (vorübergehend) abgeschafft?

  4. Pack_master sagt:

    Warum impliziert ihr dem „andergaster Wolpertinger“, wie ihr es nennt, einen Aprilscherz? Die Valpodinger sind ganz offiziell Teil Aventuriens… 😉

  5. Josch sagt:

    Geschenkt, aber die Idee eines Andergaster Fremdenverkehrsamts ist ein zu deutlicher Hinweis. Allen schon die bloße Idee, dass jemand freiwillig nach Andergast gehen könnte. Grotesk.

  6. Christian sagt:

    Irgendwie scheint mir das alles diesmal ziemlich … *gähn*. Liegts am Boten? Oder ist es doch nur die Frühjahrsmüdigkiet?

    Zum schmunzeln brachte mich diesmal nur die Bildunterschrift zur flotten Fledermaus in Abschnitt 9. Soll das nun heißen, dass das nachaktive, flugfähige Tierchen aus der Feder von Mia Steingräber stammt? Oder handelt es sich um ein zur Interpretation einladendes Bildnis besagter Künstlerin? 😉

    • Josch sagt:

      Letzteres, da haben Vibart und ich uns einmal expressionistisch ausgetobt. Beim Waldemswappen verweist „Quelle: Wikipedia“ übrigens auf den Ursprung des Flusses, der auf dem Wappen abgebildet wird.

  7. Josch sagt:

    Sieht ein wenig aus, als sei Super Mario Amok gelaufen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.