Schöner leben mit DSA – Teil 1: I love to hate you

Zum Geleit

Heiliger Strohsack von Verena SchneiderDieser Text ist der erste in einer Reihe, die sich in unregelmäßigen Abständen der Frage widmet, wie man mehr Spaß mit einem der schönsten Rollenspiele der Welt haben kann. (Wer jetzt ernsthaft nachdenken muss, was das sein könnte, ist hier vielleicht nicht am richtigen Ort.) Es geht mir dabei nicht darum, irgendwen argumentativ von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen. Ich möchte  lediglich einige Vorschläge und Anregungen machen, die ich meinen Erfahrungen aus 25 Jahren DSA und DSA-Nerdkultur entnehme und die jeder für sich auf ihre Tauglichkeit hin prüfen möge. Texte der Reihe erscheinen in Zukunft auf www.asboran.de, der erste Teil hingegen im Rahmen des Adventskalenders hier bei Nandurion. Los geht es heute mit einigen Überlegungen zu einem interessanten Phänomen, das meines Erachtens bislang zu wenig Aufmerksamkeit gefunden hat: die Freude, die man daran haben kann, sich über DSA zu ärgern. Auf geht’s – aber natürlich nur mit einem Begleitsong, den man so richtig schön doof finden kann!

Hass, Hassliebe und Love-2-Hate-Beziehungen

Coverserie I Regal mit DSA-Werken

Geliebtes Hassobjekt DSA: Da ist für jeden was dabei!

Nehmen wir einmal an, Du, verehrter Leser oder verehrte Leserin, hast jüngst oder vor langer Zeit zu DSA gefunden und bist mit Deinem Hobby mehr oder weniger zufrieden. Sicher hast Du dann irgendwann schon einmal den Wunsch verspürt, Dich mit anderen Interessierten über das Spiel, die Hintergrundwelt, die Regeln, mögliche Abenteuer, bestimmte Regionen, Institutionen, Personen oder Ereignisse auszutauschen, um mögliche Schwachpunkte zu finden, Verbesserungsmöglichkeiten gedanklich durchzuspielen, Anregungen und Tipps für den Spieltisch zu diskutieren oder einfach nur Meinungen auszutauschen. Das kann Spaß machen. Sehr viel sogar. Wäre es anders, würde ich vermutlich nicht diesen Text schreiben, und Du würdest ihn vermutlich auch nicht lesen.

Früher oder später, so mein Eindruck, wirst Du aber auch auf ein Phänomen stoßen, das ich, ganz neudeutsch als love-to-hate-Einstellung bezeichne (mit der fancy Kurzform L2H8, um mich bei der Generation YOLO ohne Chance auf Erfolg anzubiedern). Was genau das sein soll, kann ich am besten anhand eines entfernten Bekannten von mir erläutern – nennen wir ihn einfach Helme – mit dem ich vor vielen Jahren zusammen DSA spielte, der dann aber in andere Rollenspielwelten abdriftete und inzwischen, wie viele jenseits der 30, so gut wie gar nicht mehr zum Spielen kommt (wegen Familie, Job, Kommunalpolitik, Kegelklub und dergleichen mehr). Etwa einmal im Jahr sehen wir uns immer noch, und jedes Mal lässt er sich ausführlich von mir über aktuelle DSA-Entwicklungen berichten. Seine Reaktion ist dann stets dieselbe, nämlich ein längerer Wutmonolog, in dem er sich in immer kunstvolleren und ausufernden Formulierungen über die Schlechtigkeit von DSA, die Unfähigkeit der Verantwortlichen und die Beschränktheit deutscher Rollenspieler echauffiert, manchmal auch garniert um einige resignierte Hinweise darauf, welches Rollenspiel man eigentlich spielen sollte und auch spielen würde, wenn die Welt nur ein besserer Ort wäre.

Nun ist Helme bei allem Hang zur Entrüstung auch ein humorvoller und reflektierter Mensch. Als ich ihn daher einmal fragte, ob es nicht eigentlich für uns beide einfacher wäre, wenn wir uns den alljährlichen Anti-DSA-Ausfall einfach sparen könnten, antwortete er verdutzt: „Bist Du irre? Da freue ich mich doch schon seit Wochen drauf.“ Meine Rückfrage, ob er seine Tiraden dann vielleicht ironisch gemeint hätte, verneinte er glaubhaft, und nach einem kurzen Moment der Verwirrung wurde mir klar, was hier los war. Helme konnte DSA nicht ausstehen, und es war auch keinerlei Ambivalenz in seiner Haltung zu finden, denn er war DSA nicht in Hassliebe verbunden und schwankte nicht zwischen Ablehnung und Zuneigung. Nein, er liebte es vielmehr, DSA von ganzem Herzen zu hassen. Er hatte zu DSA eine lupenreine L2H8-Einstellung.

Einmal mit dieser Idee ausgestattet, versuchte ich in der Folgezeit zu ergründen, wie weit das Phänomen verbreitet ist. Ich glaube inzwischen: erstaunlich weit, wenn auch in verschiedenen Abstufungen. Nicht immer ist „Hass“ das richtige Wort, in manchen Fällen ist es nur mehr oder weniger starker Ärger. (Weil’s fetziger klingt, bleibe ich hier aber bei der Bezeichnung.) In manchen, aber nicht in allen Fällen, richtet sich die L2H8-Einstellung dabei auf DSA in seiner ganzen Pracht. Weitaus häufiger jedoch gerät nur ein mehr oder weniger weit gefasster Teilbereich ins Blickfeld, wie zum Beispiel:

  • die Regeln an sich
  • ein bestimmter Aspekt der Regeln, wie etwa: die 3W20-Probe, Schicksalspunkte, negative Eigenschaften, bestimmte Sonderfertigkeiten, Reiterkampfregeln, Körperkraftwerte von Trollen in Relation zu denen von Selemferkeln unter besonderer Berücksichtigung der Frage nach der korrekten Interpretation der zugrunde gelegten Eigenschaftsskala, der „Realismus“ der Kampf/Magie/Geweihten/Artefakt-Regeln, die Regeln für das Backen von Schokotorten Vinsalter Art, ein irgendwie nicht optimales oder gar nicht vorhandenes Phänomen namens Balancing, die Tatsache, dass die Regeln jenseits der 50.000 AP Grenze keine wirkliche Weiterentwicklung der Charaktere erlauben, etc.
  • die Hintergrundwelt, ein bestimmter Kontinent, oder nur ein ganz bestimmter Teil bzw. Aspekt davon, wie zum Beispiel: die Größe und Bevölkerungszahl Aventuriens, „unrealistische“ Klimazonen, die Höhe bestimmter Gebirge, die Bewegung der Gestirne, die (vermeintliche) Tatsache, dass man in der Khôm von überall Gebirge sehen kann, die Tatsache, dass man von Gebirgen aus nicht überall die Khôm sehen kann, die Temperatur in der Klirrfrostwüste im Firun, die Wasserversorgung in Gareth im Sommer, die ganzjährige Kartoffelversorgung Andergasts, der fantastische Realismus, der fehlende fanatische Realismus, der nicht konsequent zu Ende gedachte fantastische Realismus, die Tatsache, dass niemand weiß, was der fantastische Realismus ist, die Inflationsrate Brabaks im Verhältnis zur Staatsverschuldung seit 1008 BF, das Krönungszeremoniell am Hofe Nostrias, usw.
  • Ereignisse oder Handlungsstränge des Metaplots in verschiedenen Größenordnungen, als da wären: der Orkensturm, die Answinkrise, die Borbaradkampagne, die Splitterdämmerung, der Sternenfall, der horasische Thronfolgekonflikt, die Beinahe-aber-dann-doch-nicht-Zerschlagung des Mittelreichs, die Einokratenintrige auf Hylailos, die jüngsten militärischen Haffaxen, die Größe der wichtigsten aventurischen Schlachten im Vergleich zur Schlacht bei Marathon, der Völkerschlacht bei Leipzig und dem großen Buxebölken in der Rößnitzer Senke anno 1677, und und und …
  • bestimmte Abenteuer – wobei es hier einfacher ist, einfach diejenigen Abenteuer zu nennen, die niemand zu hassen liebt: Quanionsqueste
  • diverse Spielhilfen, wie etwa die alte Myranor-Box, Handelsherr und Kiepenkerl, Krieger, Krämer und Kultisten, die Historia Aventurica in beiden Auflagen und gefühlt mindestens vier Dutzend weitere
  • einige Publikationsformen, wie z.B. der Aventurische Bote, die Vademecum-Reihe, Softcoverfarbabenteuer mit maximal 64 Seiten, schwarzweiße Deluxeausgaben mit über 1000 Seiten etc. pp.
  • manche Autoren/Verlage/Redaktionsmitglieder – insbesondere natürlich der/die/das, der/die/das im Alleingang all die schlimmen Sachen verbrochen hat, und der/die/das eh nur in der Redax gelandet ist, weil er/sie/es schnell und billig arbeitet, denn wenn man nur mehr Zeit hätte, dann würde man natürlich selbst … bla bla bla
  • bestimmte Computerspiele (z.B. Schicksalsklinge HD V1.0 oder die Skilltree Saga, denn nicht überall, wo „DSA“ draufsteht, ist auch was drin, was irgendwie nach DSA aussieht),
  • so manches Merchandiseprodukt (Aventurien-Fußmatte? Wandtattoos? Wer braucht acht verschiedenfarbige Würfel nach Paramanthus? Und ist das nicht respektlos gegenüber Farbenblinden?)
  • natürlich auch Romane (Rhiana, die Amazone, die Raidri-Lebensgeschichte, Tuan der Wanderer sowie mindestens 3W20 weitere generische Fantasyerzählungen ohne echten DSA-Bezug)
  • und schlussendlich allerlei Sonstiges, das irgendwie den Namen DSA trägt (Die Schlacht der Dinosaurier, DSA-Junior und dergleichen Skurriles mehr, und natürlich auch die vermaledeite DSA-Fanseite, mit deren Rezensionen man nie einverstanden ist, NtsdkG!!!).

Wohl auch künftig ein heißes Diskussionsthema: die 5. Regeledition.

Nichts bringt die Emotionen so schön in Wallung wie ein Editionswechsel.

All das gibt es zudem auch noch zeitlich gestaffelt. Jemandes L2H8-Beziehung zu den Regeln mag sich etwa auf eine ganz spezifische Edition konzentrieren (DSA1. mit und ohne Ausbauregeln, DSA2., DSA3. mit und ohne KKO, DSA4.0, DSA4.1 mit und ohne Elementare Gewalten und Wege des Entdeckers, DSA5 mit scharf oder ohne alles). Beim Hintergrund oder Metaplot kann es eine ausgewählte innerderische Zeitepoche sein, wie etwa alles vor bzw. nach Khômkrieg, Answinkrise, dritter Dämonenschlacht, Jahr des Feuers, Sternenfall oder ganz allgemein vor Einführung der bewegten Geschichte. Bei Abenteuern ist es meist eher ein konkreter irdischer Zeitrahmen, der nicht selten nach der Phase liegt, als man selbst noch richtig viel Zeit zum Spielen hatte und sich mehr für Lösungen als für Probleme interessierte.

Vor allem Editionswechsel bringen nicht nur einen Haufen höchst motivierter Editionskrieger mit sich, sondern auch eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Spielern, welche die neue Edition zwar nicht mitmachen, aber dennoch jedes Detail begierig aufsaugen, um sich an dessen negativer Qualität zu ergötzen. Schaut euch um, ich bin mir sicher, es fällt euch nicht schwer, in kürzester Zeit den einen oder anderen lustbetonten Verriss im Netz zu entdecken.

Worauf muss ich achten?

Wie weiß man nun, dass man es mit einer L2H8-Beziehung zu tun hat, und nicht z. B. mit reiner Verachtung oder einer ambivalenten Hassliebe? Recht zuverlässige Indikatoren sind diese:

  • Es besteht ein nicht versiegendes Interesse am Thema, obwohl die Person weiß, dass sie sich bei näherer Auseinandersetzung ärgern wird. Es wird fast jeder Infoschnippsel oder Kommentar zum gehassten Thema begierig aufgesogen.
  • In Reaktion darauf wird dann minutiös und in maximal unmissverständlicher Sprache aufgelistet, was das gehasste Objekt so hundsmiserabel macht. Dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit allen Anwesenden oder Mitlesenden hinlänglich bekannt ist, spielt keine Rolle, schließlich geht es vor allem um Katharsis.
  • Die negative Haltung zum Hassobjekt ist konstant und wechselt nicht zwischen Begeisterung und Verdammung ab. Das unterscheidet L2H8er von Ambivalenten, die dem Objekt ihres Interesses in Hassliebe verbunden ist. Von diesen hört man zumindest gelegentlich noch ein gequältes „Einerseits, … aber andererseits“. Von L2H8ern gibt es hingegen nur die volle Negativdröhnung nach einem einleitenden „Leider…“, oder „Wie nicht anders zu erwarten, …“, das man sich am besten als eine verbale Form des Tiefluftholens und Händereibens vorstellen kann.
  • Lackmustest: Der ambivalente Spieler und reine H8ter sagt „Toll, das wird mir bestimmt nicht gefallen“ und meint es ironisch. Der L2H8er hingegen meint es wörtlich – auch wenn er es vielleicht selbst nicht bemerkt.

Annoyed_Face

„Annoyed Face“ von Barry Langdon-Lassagne, Quelle: Wikipedia, Lizenz: Creative Commons 3.0).

Grundsätzlich gilt: Wenn einen etwas konstant und wiederkehrend ärgert und einem keine Freude bereitet, dann neigen die allermeisten Menschen dazu, sich von der Sache abzuwenden und sie aus ihrem Wahrnehmungsradius zu entfernen. Manche entwickeln zwar auch eine Obsession und schaffen es einfach nicht, sich von ihrem Gegenstand zu lösen, andere hingegen mögen sich moralisch verpflichtet fühlen, den Rest der Welt durch konsequentes Warnen vor der Gefahr zu bewahren, die von ihrem Hassobjekt ausgeht. In unserem kleinen Nerdkosmos sind dies jedoch eher seltene Ausnahmen. Für die allermeisten Fälle, in denen die oben genannten Bedingungen erfüllt sind, wirkt es plausibler, davon auszugehen, dass die emotionale Gesamtbilanz der Betroffenen gar nicht negativ ausfällt. Vielmehr scheint die Freude am eigenen Nichtmögen hier den negativen Effekt der Unzufriedenheit deutlich zu überwiegen.

Wo trifft man auf L2H8er?

Die einfache Antwort lautet: praktisch überall. Gerade in Foren und allgemein im Internet dürften sie recht verbreitet sein. (Natürlich nicht nur im Zusammenhang mit DSA oder Rollenspiel im Allgemeinen.) Aber es handelt sich keineswegs um ein internetspezifisches Phänomen, wie meine Gespräche mit Helme verdeutlichen, und selbst am Spieltisch kommt es vor. Ich bin mir im Nachhinein zum Beispiel sicher, einmal als Gast in einer DSA-Gruppe gespielt zu haben, wo mindestens eine Person das Spiel in all seinen Facetten zu hassen liebte. Schlussendlich braucht man gar nicht weit nach draußen zu schauen, um jemanden zu finden, auf den obige Beschreibungen zutreffen. Oft reicht schon der Blick ins Reich der verschwommenen Umrisse der eigenen Nasenspitze. Denn sofern Du, verehrter Leser, nicht zur sehr seltenen Spezies der bedingungslosen DSA-Enthusiasten oder zu denjenigen gehörst, denen negative Emotionen schlichtweg wesensfremd sind, dann dürftest auch Du in irgend einer Weise Mitglied im Club der L2H8er sein.

Und was geht mich das jetzt an?

Mag alles stimmen, denkst Du jetzt vielleicht, aber warum ist das überhaupt für mich von Interesse? Ich denke, aus mindestens vier Gründen:

Erstens scheint es mir ratsam, Diskussionen mit L2H8ern über diejenigen Dinge, die einem selbst am Herzen liegen, aber in deren Hassbereich fallen, möglichst zu vermeiden. (Es sei denn natürlich, man liebt es, L2H8-Diskussionen zu hassen.) Einen Fortschritt in der Sache wird man hier nie erzielen. Weder wird man die anderen überzeugen können, noch besteht eine sonderlich hohe Wahrscheinlichkeit, dass man aus dem Gespräch die Art von Erkenntnis oder Hilfestellung zieht, an der einem gelegen ist. L2H8er verhalten sich hierbei übrigens weder verstockt, noch verbohrt, noch irrational. Ganz im Gegenteil. Angesichts dessen, was ihnen wirklich wichtig ist, sind sie sogar äußerst zielstrebig – eben deshalb beißt man sich mit jedem Argumentationsversuch auch die Zähne aus. Ebenso gilt: Gerade weil ihre wesentlichen Gesprächsinteressen darin liegen, den eigenen Lieblingshass zu zelebrieren, ist meist auch keinerlei Unterstützung bei den Dingen zu erwarten, die einen selber interessieren. Bestenfalls verliert man so Zeit und Energie. Schlimmstenfalls lässt man sich irgendwann von der negativen Stimmung anstecken oder resigniert angesichts der verlorenen Zeit und Energie, die man sinnvoller mit dem Blättern in aktuellen DSA-Büchern, dem Schreiben eines Abenteuers, dem Verfassen einer Gastrezension für eine DSA-Fanseite oder allgemein mit dem zufälligen Anklicken von Wiki-Aventurica-Artikeln hätte verbringen können.

Um jetzt aber nicht missverstanden zu werden: Ich finde nicht, dass an einer L2H8-Einstellung irgend etwas grundsätzlich kritikwürdig ist, oder dass L2H8er in irgendeiner Hinsicht schlechte Menschen oder, noch schlimmer, gar schlechte Rollenspieler seien. Ich will lediglich sagen, dass man sich oft keinen Gefallen damit tut, mit solchen Leuten über ihre Hasssteckenpferde zu diskutieren.

Zweitens hilft es, sich selbst bei den Dingen, die einen aufregen, darüber klar zu werden, ob man sie wirklich nur doof findet, ambivalent ist oder womöglich selbst eine Neigung zum L2H8en hat. Falls Letzteres, so empfiehlt es sich, diese Haltung bewusst auszuleben, idealerweise mit einem gehörigen Schuss Selbstironie versetzt. Man erhöht so die Chance, dass man sich auf Dauer den Spaß an DSA nicht komplett vermiest. Natürlich besteht auch noch die ausgefallene Möglichkeit, sich zu fragen, ob die Sache, die einen so aufregt, wirklich gar so schlimm ist, oder ob man nicht womöglich sogar positive Aspekte übersehen hat und in seiner negativen Bewertung überdramatisiert. (Negative Einstellungen sind schließlich hartnäckig und haben die Eigenschaft, sich selbst zu verstärken und die eigene Wahrnehmung entsprechend zu beeinflussen. Daher geschieht es leicht, dass man am Ende nur noch Augen für echte oder vermeintliche Fehler hat und einem selbst eine gelungene Plotkonzeption, Charakterdarstellung oder Regelkonstruktion bereits durch einen einzelnen Tippfehler ruiniert wird.) Da ich diesen kleinen Ratgeber jedoch nicht mit unhaltbarem Idealismus überfrachten möchte, lasse ich dieses Luftschloss heute lieber unbewohnt und verweise den interessierten Leser für weitere Denkanstöße stattdessen auf „The Two Trees“ von William Butler Yeats.

Drittens: Wer bei sich selbst L2H8-Tendenzen entdeckt, sollte so höflich sein, diese gegenüber anderen Personen nur dann auszuspielen, wenn Grund zur Annahme besteht, dass die Gesprächspartner ähnlich denken und fühlen. Etwas Selbsterkenntnis ebnet hier den Weg zu einem entspannten Miteinander und zu produktiveren Diskussionen, wo sie noch möglich sind.

Wappen-Andergast

Das hört der Spaß auf (bzw. da fängt er richtig an). Wappen Andergasts (Vorlage von Christie L. Ward)

Viertens kommt es dem eigenen Spielspaß schlussendlich auch entgegen, zumindest einige L2H8-Neigungen zu kultivieren. Allerdings nur dann, wenn sie sich am Spieltisch mit rollenspielerischem Gewinn ausnutzen lassen und ein bereicherndes Spielelement darstellen. Am besten geeignet ist hierfür das gepflegte Nichtmögen von derischen Figuren, Gruppen oder Institutionen. Ich liebe es zum Beispiel seit Jahren, Andergaster und die gesamte Al’Anfanische Oberschicht von Herzen zu verachten, und ich würde niemals einen Charakter spielen, der nicht mindestens gegenüber einer der beiden Gruppen tief empfundene Abneigung verspürt. Es gibt kaum etwas, das mir am Spieltisch so viel Freude bereitet, wie mich in ausführlichen Hasstiraden über den Patriarschen, den sich schleichend ausbreitenden Charyptoalanfanismus, die inzestuöse Dekadenzia der Pestbeule des Südens oder über das andergastische Geschmeiß, die elende Schweinetrogkanaille, den hesindevergessenen Ochsen auf dem Königsthron und dergleichen mehr zu echauffieren.

24 Anregungen zur lustvollen Verachtung

Falls ihr hierfür noch Anregungen benötigen solltet, hier abschließend eine kleine Auswahl an Kandidaten ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Rohaja (das verwöhnte Thronräuberblag)
  • Tarlisin von Borbra (Zu nichts zu gebrauchen, dafür aber die Haare schön.)
  • Eslam von Eslamsbad (Vielleicht ist Tarlisin doch nicht so übel.)
  • Saldor Foslarin (Als magisch begabter Nervzwerg nur noch von Xeraan übertroffen.)
  • Galotta (Dude, wo ist meine Stadt?)
  • Pardona (Adler, Wolf und Gletscherwurm? Troll dich!)
  • Sultan Hasrabal (Zeit, in den Sandsack zu hauen, Zauselfred!)
  • Answin von Rabenmund (Trotz aller Geschichtsklitterung nur der Seffel, der das Triple holte und das Projekt Thronraub gleich dreimal verbockte.)
  • Raidri Conchobair (Ursprünglich einer der Helden meiner Jugend, seit den Hadmar-Romanen aber Dschungelcamp-NSC #1.)
  • Jast Gorsam vom Großen Fluss (Kommt immerhin zur eigenen Beerdigung nicht zu spät.)
  • Khadan-Horas (Ist es ein Vogel? Ist es eine Hexe? Ist es ein fliegender Teppich? Nein! Es ist Super-Halbdrachen-Wunderkind-Horas.)
  • Borbarad (Oh doch, an dem gibt es eine Menge, das sich zu hassen lohnt, angefangen bei diesem dämlichen Masterplan.)
  • Balphemor von Punin (Na gut, schlimmer geht immer .)
  • Thomeg Atherion (Hoffen wir, dass Rondras geballte Kraft auch hier noch einschlägt.)
  • Elfen (besonders geeignet für Nicht-Elfen)
  • Zwerge (besonders geeignet für Elfen)
  • Schelme (besonders geeignet für wirklich alle – auch für Schelme)
  • Bannstrahler (besonders geeignet für jeden, der an die Kraft der Vernunft glaubt)
  • Haffajas (besonders geeignet für alle, die die Schönheit der Welt lieben)
  • Kemi (besonders geeignet für alle, die im Dschungel mehr Kaffeeplantagen wollen)
  • Die verbrecherischen Volltrottel aus dem östlichen Nachbaremirat (besonders geeignet für die verbrecherischen Trottel aus dem westlichen Nachbarermirat in einer umstrittenen Region in den Tulamidenlanden)
  • Thorwaler (besonders geeignet für alle, die stinkende Kraftmeier und elende Poser nicht zu schätzen wissen)
  • die Hand Borons (einfach zum Gähnen)
  • die Kinder der Nacht (Biss einer heult).

Nahema

Na, wie wär’s mit uns zweien?

Manche dieser NSCs werden auch outgame leidenschaftlich gehasst, ohne dass hiermit irgendeine Form von Lust verbunden ist. Ist dies der Fall, sollte man natürlich zusehen, am Spieltisch möglichst wenig mit diesen Figuren zu tun zu haben und sie soweit wie möglich aus seinem persönlichen DSA-Kosmos zu entfernen. Mit etwas Fantasie und Psychotricks mag es einem aber vielleicht auch gelingen, ein vormals reines Hassobjekt zu hassen lieben zu lernen. Versuch gefällig? Dann wartet irgendwo im Orkland schon jemand auf euch, elegant im Kettenhemd gekleidet, auf einer Kutsche posierend und einen „Salander Mutander, meine Freunde“ auf den Lippen. Ich wünsche viel Erfolg beim Ausprobieren und allen eine schöne Vorweihnachtszeit.

P.S. Wer möchte, ist natürlich herzlich eingeladen, diesen Artikel nach Herzenslust doof zu finden und mir dies in der Kommentarspalte mittteilen. Ich freue mich schon darauf, eure Kommentare nicht zu mögen.

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18 Kommentare zu Schöner leben mit DSA – Teil 1: I love to hate you

  1. Gerwulf_Treublatt sagt:

    Danke Josch,
    lange nicht mehr so gelacht. 😀
    Ich hasse die konsequente Unfähigkeit der bösen Seite in DSA. Vor allem Pardona (wer sich in nen Kessel schubsen lässt, verdient es aber auch nicht anders..) ist mir beim Vorbereiten der DC aufgefallen.

    • Josch sagt:

      Danke Dir! Pardona war bei mir bis vor Kurzem auch noch recht weit oben auf der Liste (wobei ich sie damals, als wir in den 90ern Phileasson spielten, als ominösen NSC mit unerhörter Hintergrundgeschichte einfach nur großartig fand). Nach „Legatin des Bösen“ sieht das inzwischen aber wieder anders aus, das hat den Charakter für mich wieder deutlich vielschichter und interessanter gemacht.

  2. Schreckse sagt:

    Der Text ist ja sowas von doof.

    Erst habe ich überlegt warum den so ein schlechter Text hier neuerdings bei Nandurion erscheinen kann, aber ich hatte erst gar nicht so weit gelesen. War ja klar, dass es sich hier nur um eine billige Werbung für http://www.asboran.de handelt. Schleichwerbung. Das hätte man auch besser herausstellen müssen! Ich war nach dem ersten Satz schön so wütend, das ich gar nicht so weit gelesen habe! Das macht mich noch wütender! Ich finde das auch mächtig doof, das jetzt über diese Werbung, die große Nandurion Community auf asboran.de umgeleitet werden soll!

    Fürchterlich! Bestimmt stehen noch mehr doofe Sachen in dem Text, aber ich lese ungern mehr als einen Absatz! Ungesund!

    Danke für den Text!

  3. Astartus sagt:

    Sehr schöner Text, und sehr nahe am Leben 😀 Gerade als Mod im Ulisses-Forum hab ich leider von Zeit zu Zeit mit L2H8ern zu tun, die leider deine dritte Weisheit nur selten befolgen. Trotzdem noch maraskangefällige zwei Anmerkungen:
    Zuerst ein Gedanke, der eigentlich eine erweiterte Form der dritten Weisheit darstellt. Zwar mag es sehr therapeutisch sein, sich über eigene L2H8-Objekte auszulassen, aber ich stelle immer wieder fest, dass sich einige betroffene nicht nur genauso darüber freuen, ihre Unerquicktheit über gewisse Themen jedem und allem um die Ohren zu hauen (Top-Kandidaten sind dabei DSA5 im Allgemeinen, die JdF-Kampagne, die Historia und ganz topaktuell die Angleichung der Karma- und Magieregeln sowie die Errata der zweiten GRW-Ausgabe), ob es sie interessiert oder nicht – und dabei auch vor den Autoren und Urhebern nicht halt machen. Nun gehört ja eine gesunde Kritikkultur absolut zum Schaffensprozess dazu, aber es kommt immer wieder vor, dass sich L2H8er sich völlig in die Rolle des Rächers der Enterbten versteigen und ihren gesammelten Hass am Erzeuger des Hassobjektes auszuleben. Jeder, der selbst schon einmal für ein längerfristiges Projekt, das Monate an schweißtreibender Arbeit gekostet hat, tätig war, kann wohl nachvollziehen, wie zermürbend solche Hasskritik sein kann, insbesondere, wenn sie nicht einmal fundiert ist oder sich nur an Einzelheiten aufhängt. Deswegen: hate the game, not the player! Hate the book, not the author!
    Zum Zweiten kann es ebenso therapeutisch sein, das Hassobjekt auf eine kreative Weise zu verarbeiten, bei der es nicht darum geht, das Objekt zu vernichten/demütigen/zerstören, sondern das zu ändern, was man daran hasst. Bei mir zum Beispiel war und ist dies Nahema – die Urgroßmutter aller Mary Sues, die Tochter von Rhianna der Amazone und Edward Cullen, die scheinbar durchgesetzt hat, dass es in den zivilisierten Landen Aventuriens gesetzlich untersagt ist, Antipathie gegen sie zu empfinden. Statt sie aber einfach großflächig aus meinem Aventurien zu streichen oder gar vorsätzlich zu demontieren, habe ich sie auf eine Weise in eine Kampagne eingebaut (oder genauer – werde das noch tun), das ihr auf einer Weise das Mary-Sue-Dasein nimmt und zum anderen durch ihre Eigenschaften für einen guten Plot sorgt (für die Spieler, nicht für sie selbst). Und damit wurde das Hässliche ins Schöne gewandelt! Preiset die Schönheit.

  4. Pingback: Tor Drei hoch Zwei: Schöner leben mit DSA | Nandurion

  5. Vibarts Voice sagt:

    Oh Meister Joshziber!

    Zweifach gepriesen sei deine Erkenntnis!

    Denn – und das meine ich ganz unironisch – ich habe während der Lektüre deines Textes plötzlich schlagartig kapiert, was da draußen eigentlich los ist. Und plötzlich macht das DSA-Universum ein Stück mehr Sinn, als zuvor. Warum haben wir uns nie über diese Ein… Verzeihung, Zweisicht unterhalten?
    Jetzt fühle ich mich erstaunlich dämlich, dass mir ein Adventskalendertürchen erst die Augen öffnen musste.
    Mit ganz großer Geste ziehe ich den Federhut vor deinem Text und sage: Ich glaube, da hat jemand etwas sehr, sehr Schlaues gesagt.

  6. Greifenklaue sagt:

    Josch, ich freue mich schon auf unser Gespräch im nächsten Jahr!!!

  7. Thorjin sagt:

    Sascha Lobo hat mal wieder einen schönen Artikel geschrieben, der meiner Meinung nach auch gut in den Kontext passt:
    SPON Kolumne
    Er zitiert da einen sehr schönen Spruch:
    „Mit Kreationisten über Evolution zu diskutieren, ist wie Schach spielen mit einer Taube: Sie wirft die Spielfiguren um, kackt auf das Spielbrett und fliegt dann zurück zu ihrem Schwarm, um ihren Sieg zu feiern.“
    Das kann man, leider, wohl auf relative Netzdiskussionen übertragen.

  8. Oliver sagt:

    Sensationell! Und hat natürlich gar nix mit mir zu tun….

  9. BlackDragon sagt:

    Sehr geiler Artikel! Besonders bei „[…] die Tatsache, dass niemand weiß, was der fantastische Realismus ist, die Inflationsrate Brabaks im Verhältnis zur Staatsverschuldung seit 1008 BF […]“ musste ich echt lachen. Ich selber bin nicht so er DSA-Spieler und muss mich wohl auch als bekennender L2H8er outen. Habe erst kürzlich bei einer Gruppe aufgehört, nachdem wir auf die 5te umgestiegen sind und mein Magier rotzenutzlos wurde. Aber das ist ja nicht das Thema. Fakt ist, ja, ich höre auch gern, was die bei DSA mal wieder alles verbrochen haben, es macht einfach Spaß. PS: Borbarad war doch der mit dem Raumschiff, oder? 😉

  10. Eisvogel sagt:

    Superartikel, ich habe Tränen gelacht. Zum Glück sind es ja nur die anderen und man selbst ist frei von derartigen Beschränkungen des eigenen Urteilsvermögens.
    Besonders betroffen sind natürlich die Trottel, die DSA1/2/3/4.0/5 oder gar Midgard, D&D oder eines der anderen Systeme, die dem perfekten System – DSA 4.1 – haushoch unterlegen sind, präferieren. So einen Schwachsinn lese ich nicht mal, da ich ja WEISS, dass ich recht habe. Beim (Ver-)urteilen sind Detailwissen und Abwägen sowieso nur hinderlich.

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  12. Omach sagt:

    In meinen Augen sind Menschen mit Charakterschwächen bzw. schlechtem Charakter genau das: schlechte Menschen –
    aber nur im Vergleich zu solchem mit einer gefestigteren Persönlichkeit, welche wiederum natürlich – abgesehen vielleicht vom legendären Jesus – auch nicht frei von Makel sind…
    In dem Sinne, allen ein frohes Fest!

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