Buntes Eierlei

An Fenia Winterkalt
Von Derya Sturmfels

„Liebe Fenia,
nochmals danke für
deinen Reisebericht. Zusammen mit diesem Brief bringt dir Nornal auch gleich die Ausgabe des Nanduria Aventurica, in dem wir deine Rezepte abgedruckt haben. Vielleicht willst du sie ja zur Erinnerung aufbewahren.

Aber kommen wir nun zum eigentlichen Grund meines Schreibens. Mir sind auf dem letzten Hexenfest Gerüchte über eine Tradition oder vielleicht auch Erblühen einer neuen Sitte in verschiedenen Regionen zu Ohren gekommen, der ich gerne nachgehen würde. Gerade in den Gesprächen unter unseren Vertrauten war es wohl DAS große Thema. Da du momentan eh in die Richtung einer der regionalen Hochburgen unterwegs bist, würde ich dich bitten, einfach etwas deine Augen und Ohren offenzuhalten, ob du eventuell Informationen zu dieser Angelegenheit findest. Ich werde mich derweil in die andere Richtung aufmachen. Keine Sorge, es trifft durchaus deine Interessengebiete, das Kochen und die Malerei, betrifft die Angelegenheit doch bemalte Eier!

Ja, richtig gehört, bemalte Eier, die vorzugsweise in der Nacht der Frühlings-Tagundnachtgleiche vom 30. PHEX auf den 1. PERAINE aber teilweise auch in den Wochen danach, in Hühner-, Gänse- oder Blumennestern auftauchen. Auch in Weiden, Kirsch- und Apfelbäumen oder Satuariensbüschen hängen sie gerne. Gerne begleitet von Frühlingsblumen, Glöckchen oder verschiedenen Küchlein. Zur gleichen Zeit berichten Wanderer und Bewohner auch immer wieder über Sichtungen von großen Feuern, tanzenden Schatten und wildem Gelächter aus solchen Gegenden. Regionale Hochburgen scheinen gen Efferd Albernia, Nostria und der Windhag zu sein, während gen Rahja das Phänomen vor allem im Bornlande, in Weiden und in Rommilys auftritt. Andere Regionen scheinen das bunte Eierlei, wiederum entweder überhaupt nicht oder nur vereinzelt zu kennen und wenn dann teilweise als bewusste Nachahmung.

Aber wie kommt es denn nun eigentlich zum plötzlichen Auftreten dieser bunten Eier? Auch wenn es sicher amüsant wäre, würden die Hühner und Gänse laut Göttinnenwillen in dieser Nacht einfach bunte Eier legen. Es ist ja auch nicht so, als hätte ich bisher noch keine Nachforschungen angestellt. Vor allem scheint es ja erstmal eher bestimmte nördliche Regionen zu betreffen, in denen dieses Brauchtum auftritt, und auch dort eher die ländlichen Gegenden als die Städte. Zudem scheint in diesen Gegenden der Glauben an Feen, Tsatuara, Peraine und/oder Travia stark zu sein. Aber dies gilt auch für andere Gegenden, in denen dieses Phänomen weitaus seltener auftritt. Müssen also mehrere dieser Faktoren zusammentreffen? Oder liegt ein Ursprung vielleicht in der Vergangenheit des Bosparanischen Reiches? Schließlich habe ich in den südlichen Landen bisher nur in Aranien von dieser Tradition gehört und dort stehen sowohl Peraine wie die Hexen hoch im Kurs. Zudem hat das Land neben der tulamidischen auch eine mittelreichische Prägung. Würde ein Blick über den Efferdsgraben, drüben im Güldenland vielleicht ähnliches zu Tage fördern? Oder ist es doch schlicht eine neue Sitte, wenn vielleicht auch aufgrund göttlicher Inspiration?

Inzwischen habe ich zumindest bei einigen der Eierquellen ihre Ursprünge relativ genau eingrenzen können, als da wären:

  • Besonders in Albernia, Windhag, Weiden und dem Bornland scheinen regional auch immer wieder Feenbiestinger eine Rolle bei der Verteilung zu spielen. Auffällig ist dabei eine Häufung von Hasen- und Kaninchenbiestingern, auch wenn durchaus auch mal andere Arten beobachtet werden. In einigen Gegenden geht der Spruch schon so weit, dass angeblich der Hase die bunten Eier bringt. Laut Berichten und eigenen Beobachtungen scheinen einige Gruppen dabei mit einzelnen oder mehreren Satuariensschwestern, Koboldskindern oder aber Tsa-Geweihten verbandelt. In anderen Fällen scheinen sie eher irgendwann menschliches Gebaren nachgeahmt zu haben. In einigen Gegenden muss dies allerdings schon vor langer Zeit geschehen sein, hat das Phänomen doch inzwischen Eingang in diverse Sagen und Legenden gefunden und war es zudem vorgeblich schon immer so.
  • In den genannten Gegenden werden die bunten Eier mitsamt ihrem ganzen Drumherum aber teilweise auch ganz bewusst von den Bewohnern in die Feierlichkeiten des Saatfestes mit einbezogen. Schließlich ist das Bemalen und Suchen der bunten Eier ebenso wie das Backen verschiedenster Küchlein ein großer Spaß und in seiner Symbolik durchaus Göttinnengefällig. Vor allem die ansässigen Kirchen der Tsa, Travia und Peraine stechen in dieser Beziehung hervor und nutzen es gerne, um Versehrten, Armen und Waisen eine kleine Freude zu machen. Der gemeinsame Dreischwesternorden nutzt diese Sitte zudem, um wieder etwas Farbe in die verdüsterten Gemüter der Bewohner der Schattenlande zu tragen.
  • Vor allem diverse Hexenzirkel scheinen dagegen für das Phänomen der in Bäumen hängenden Eier verantwortlich zu sein. Betrachten einige von ihnen doch das Bemalen der Eier anscheinend als Ehrung Satuarias und die spätere Verteilung als die Weitergabe ihres Segens an das Land und seine Bewohner und binden es in ihr Fest zur Frühlings-Tagundnachtgleiche mit ein. Nach alten Legenden unter Hexenschwestern konnten auf diesem Wege einst wirklich Segen verteilt werden, eine Kunst, die inzwischen aber so gut wie vergessen ist, auch wenn Einzelne sie vorgeblich noch beherrschen. Und auch hier bringen in Ausnahmefällen die Hasen die bunten Eier, hörte ich in der Beziehung doch von einem kleinen Hexenzirkel irgendwo in Weiden, der sich dieser Praxis zur Ehrung Saturias und der Stärkung des Landes verschrieben hat und deren Vertrautentiere sich ungewöhnlicherweise aus Hasen, Salamandern (oder waren es doch Eidechsen?) und Hähnen zusammensetzen sollen. Auch eine Verbandelung des Zirkels mit Feenbiestingern aus der Gegend kann nicht ausgeschlossen werden. Jedenfalls bin ich da schon aus eigenem Interesse weiter dran. Ich hoffe, bald weitere Informationen zu erlangen.
  • Auch einige neckische Schelmereien vereinzelter Koboldskinder scheinen unter dieses Phänomen zu fallen, auch wenn dann meist eher ernsthafte Personen oder Gemeinschaften statt der sonst häufigen Kinder Empfänger der bunten Eier sind. Dann hängt es häufig vom Humor der Beschenkten ab, ob es ihnen ein leises Schmunzeln oder doch eher Ausrufe des Ärgers ob solchen Humbugs entlockt.

Daraus und aufgrund weiterer Gerüchte lässt sich schließen, dass die Erschaffer und Verteiler dieser bunten Eier vor allem einzelne Zirkel und Gemeinschaften der Feen, Hexen und der Kirchen von Tsa, Travia und Peraine zu sein scheinen. Auch Koboldskinder und verschiedenste Einzelpersonen scheinen die Sitte des Eierbemalens und -verteilens durchaus aufzugreifen. Bisher standen sie den genannten Gemeinschaften auf die ein oder andere Art aber zumindest oft nahe, wenn sie nicht gar Teil davon waren. Ihre Gründe scheinen dabei so vielfältig wie die Farben des Regenbogens und eine Zusammenarbeit der Gruppierungen eher zufällig und regional begrenzt. Nur ob dies wirklich der Wahrheit entspricht? Was wäre, wenn all diese Einzelgruppierungen doch gemeinsam miteinander vernetzt wären und die einen die Eier bereitstellen, andere sie bemalen und weitere sie letzten Endes verteilen? Selbst der gemeinsame Austausch und die Kenntnis voneinander wäre schon eine kleine Sensation, würde es doch bedeuten, dass die ernsthafte Travia-Kirche mit Satuariensschwestern oder gar Feen im Bunde stünde. Was meinst du zu dieser Angelegenheit?

Jedenfalls hoffe ich, dass ich dich mit meinen Ausführungen nicht allzu sehr gelangweilt habe. Ich wünsche dir auch fürderhin eine schöne Reise gen Havena und mögest du Lata treffen. Im Anschluss willst du vielleicht Richtung Thorwal reisen, hörte ich doch von einem Hexenbruder mit einer Schnappschildkröte als Vertrautem. Ich könnte versuchen, einen Kontakt herzustellen. Aber vielleicht zieht es dich auch mehr gen Süden. Schließlich gibt es dort die exotischsten Gerichte und sicher viele Schildkröten zum Malen abseits noch vieler weiterer schöner Motive natürlich.

Ich selber will irgendwann versuchen mal ins verrufene Selem zu gelangen, der dortige Satuaria-Satinav-Tempel ebenso wie die verfallene Bibliothek wecken einfach meine Neugierde. Allerdings ist Nornal von dieser Idee überhaupt nicht begeistert und sträubte sich bisher mit Klauen und Federn gegen eine solche Reise. Zudem funkte stets auch Satinav dazwischen. Dennoch…

Aves und Satuaria mit dir,
deine Derya“


Es wird euch beim Lesen schon aufgefallen sein, dieser Beitrag ist unser nanduriatisches Überraschungsei zur Osterwoche. Ich hoffe, es hat euch geschmeckt. Zudem ist dies auch unser Beitrag zum Karneval des Rollenspielblogs mit dem Thema Verschworen.

Über Derya Eulenhexe

Derya wird auch über den Namen Milena gerufen und durchstreift seit dem Herbst 2010 Aventurien. Dabei war der nanduriatische Bote bisher ihr ständiger Begleiter und seit Anfang 2016 ist sie nun ebenfalls als Schreiberin dabei. Im wirklichen Leben verdient sie ihre Hartwurst als Bibliothekarin.
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5 Kommentare zu Buntes Eierlei

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  4. Bluthandel sagt:

    Ziemlich schön bemalte Eier, ansonsten finde ich den Text aber eher albern bzw. wohl recht speziell in der Zielgruppe, da ich ihn als „Spielhilfe“ nicht ernst nehmen kann, als „Scherz“ funktioniert er aber auch nur so naja… Vielleicht konnte die Autorin sich da nicht wirklich entscheiden?

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