Rabenerbe

Ich sitze gerade, das Netbook auf dem Schoß, auf einem so weit wie möglich in die Horizontale verlagerten Liegesessel. Die Schüssel mit den Weintrauben steht neben mir und durch die großen Fenster mit den weitmöglichst zurückgezogenen Gardinen kommt so viel Sonne, wie derzeit noch zu haben ist. Einzig meine Freundin hat mich etwas schräg angesehen, als ich ihr den Palmwedel in die Hand drücken wollte. Ansonsten aber sind maximal günstige Voraussetzungen für Heike Wolfs Roman Rabenerbe geschaffen, in dem zum ersten Mal seit dem 2011 erschienenen Abenteuer Rabenblut von der gleichen Autorin das Setting Al’Anfa wieder in größerer Form angepackt wird.

Trotz der Thematik um Verschwörungen und Geheimnisse ist diese Rezension weitgehend spoilerfrei gehalten, damit prospektive Leser ganz unverdorben in den Genuss des Romans kommen können.

So viel sei aber schon mal gesagt: Die Unverdorbenheit wird nicht lange anhalten. Der Roman schreckt nicht davor zurück, Al’Anfa eben Al’Anfa sein zu lassen, mit Sklaverei, Rausch, Sex (inklusive sexualisierter Gewalt), Mord und vor allem Intriganz allerorten. Dabei wird sich nicht übermäßig an der Darstellung ergötzt, aber man bekommt durchaus gut mit, was die Figuren empfinden und durchmachen – wem Game of Thrones in Darbietung und Thematik zu derb ist, der sollte auch um Rabenerbe eher einen Bogen machen.

Alle anderen führt Heike Wolf hier auf eine Reise durch die Gassen und Paläste der Stadt. Erzählt wird aus den Perspektiven von insgesamt sechs Personen, von der niederen Sklavin bis zur Führerin eines Grandenhauses, vom aufstrebenden Karrieristen bis zum stagnierenden Melancholiker. Sie alle haben ihre eigenen Geschichten, die mal mehr und mal weniger mit den Plots der anderen verwoben sind. Das sorgt einerseits dafür, dass die persönlichen Geschichten nicht immer sehr schnell voranschreiten, andererseits gewährt es aber auch sehr unterschiedliche Blickwinkel. Diese sind insbesondere im Setting Al’Anfa extrem wichtig, in dem kein Charakter tatsächlich den Überblick über alles hat und jeder mindestens peripher in den Plänen und Intrigen der anderen vorkommt. Etliche Nebenfiguren zeigen ganz andere Seiten, je nachdem, wer gerade handelt – ein Charakter, den man als Leser bei seinem ersten Auftreten als tumben Wüterich und Quertreiber abtut, stellt sich in weiteren Szenen gegenüber anderen Parteien plötzlich als forscher und verständiger Verbündeter dar. Auch fiel es mir nie schwer, den Überblick über die handelnden Personen zu behalten, die Charaktere sind gut gezeichnet und trotz ihrer Zahl klar unterscheidbar. Im Zweifel hilft zudem noch ein Glossar am Ende des Buches weiter. Persönlicher Höhepunkt darin ist für mich übrigens die Beschreibung der Nebenfigur der horasischen Gesandten: „Hat sich gut eingelebt“ – so kann man „verbringt die Hälfte des Buchs in diversen Rauschzuständen“ auch umschreiben.

Die Hauptfiguren fügen sich in diese Welt gut ein. Abgesehen von der erwähnten Sklavin, die primär eine Opferrolle einnimmt und innerhalb des Romans genau eine eigene Handlung tätigt, haben sich alle auf ihre Weise mit der Stadt arrangiert – der zweitmoralischste Charakter ist wohl der Grande, der einen aufsässigen Gladiator den Tieren der Arena vorwerfen lässt, aber sich dabei immerhin zeitweise ein wenig schlecht fühlt. Von den drei weiblichen Hauptcharakteren sind leider zwei Rollen sehr eingeschränkt, das macht aber mein persönlicher Star des Romans, Shantalla Karinor, wieder wett. Etwas seltsam erscheint mir hingegen der Meuchler, der laut innerem Monolog sein Bestes tut, um keine Unbeteiligten zu töten, aber am Ende seiner Mission zur Spurenbeseitigung ein Haus anzündet. In einem Armenviertel in Al’Anfa. Ich glaube, hier haben die Autorin und ich etwas unterschiedliche Ansichten über den üblichen Ausgang von Bränden in aventurischen Großstädten.

A propos Ausgang: Rabenerbe ist ein erster Teil und das merkt man ihm auch in Gänze so an. Es gibt einen einzigen Plot, der noch im Prolog zuende geführt wird, alle anderen Handlungsstränge haben am Ende des Buches noch große Lücken und werden voraussichtlich in Rabenbund fortgeführt. Ein echtes Finale erlebt im Prinzip nur eine Figur und selbst dies stellt nur einen Zwischenpunkt und keinen Abschluss des zugehörigen Plots dar. Dafür handeln soweit durchgängig alle Figuren und die Welt um sie herum nachvollziehbar – wenn sich der Leser fragt: „Glaubt der ernsthaft, dass er damit durchkommt?“, dann stehen die Chancen gut, dass auch der Rest der Umstehenden sich diese Frage stellt und die Welt sie mit „Kommt er nicht“ beantwortet. Einzig beim Patriarchen stellt sich mal wieder das Problem, dass er mit seinen (karmalen wie politischen) Fähigkeiten wesentlich aktiver und erfolgreicher sein könnte, als er es tatsächlich ist, was ein nebulöses „muss Borons Willen ergründen“ (aka „Nichtstun“) auch nur mäßig gut kaschiert.

Und ja, natürlich spielt der Patriarch eine Rolle. Ebenso wie Oderin du Metuant, Goldo (der Großartige!) Paligan, Shantalla Karinor und die restliche al’anfanische Prominenz. Und an der Stelle kommen wir auch zur meines Erachtens größten Stärke des Romans: Er macht all diese Figuren plastisch erlebbar. Das und die wunderbare Darstellung des städtischen Flairs, von Mietskasernen bis Grandenvillen, verwandeln den Roman eigentlich zum ersten Al’Anfa-Settingband der fünften Edition, den ich jedem Spieler und Spielleiter einer Al’Anfa-Runde ans Herz legen möchte. Leider liest sich das Buch auch manchmal genau so, wenn zum Beispiel in einer Lagebesprechung ein Charakter nochmal die Rollen der anderen Anwesenden in seinen Plänen zusammenfasst – hilfreich, um sie als Leser und Nutzer des Settings auf einen Blick zu begreifen, dramaturgisch aber eine ziemliche Vollbremsung, bei der etwas mehr Show und etwas weniger Tell angebracht gewesen wäre.

Interessant finde ich ansonsten noch, dass zwar der meines Erachtens falsche „(Erst) seit Oderin kommen in Al’Anfa Tüchtige auf die Posten“-Slogan wiederholt wird, gleichzeitig ihm aber sowohl implizit durch den Karrieristen, der einen eher untätigen Charakter verdrängen will, als auch explizit widersprochen wird. Auch allgemein wird das durch Rabenblut von der gleichen Autorin geschaffene neue Setting wieder etwas zurückgerudert, was die Machtaufteilung zwischen Oderin und den Granden betrifft. Und ganz generell klingt es tatsächlich so, als würde das chronisch als Prügelknabe des Kontinents herhaltende Al’Anfa diesmal eher auf die Siegerstraße zuhalten – ich bleibe gespannt, wie die sich an die Romane anschließende Kampagne aussieht.

Das Lektorat hat gut gearbeitet, Rechtschreibfehler sind mir keine aufgefallen. Einzig an einigen Stellen wäre noch etwas mehr Stilkorrektur praktisch gewesen, um Wortwiederholungen zu vermeiden, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Das Gleiche gilt für mein Bedauern, dass die Mittelschicht der Stadt leider wenig Beachtung findet – praktisch sämtliche Handlung und alle Charaktere entstammen entweder den Grandenvillen oder den Armenhäusern und Sklavenbaracken. Aber da es sich bei dem Buch letztlich eben doch um einen Roman statt eine Regionalbeschreibung mit Vollständigkeitsanspruch handelt, sei ihm das mal verziehen.

Was bleibt also? Neun Rentiere versammelten sich, um eine zünftige Orgie zu feiern und ein Rabenerbe zu verprassen. Eins hat sich am nächsten Morgen leider nicht mehr erhoben, da es sich mit einer Überdosis Expositium vergiftete und der anwesende Hochgeweihte das nur mit einem „war wohl Borons Wille“ kommentierte, statt weiter einzuschreiten. Acht andere finden zwar hier und da mal etwas zu sticheln, freuen sich aber letztlich dennoch, demnächst bei der gleichen Gastgeberin wieder zum Rabenbund einkehren zu dürfen.

Nandurion dankt Ulisses-Spiele GmbH für das Rezensionsexemplar!

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Ein Kommentar zu Rabenerbe

  1. Heike Wolf sagt:

    Vielen lieben Dank für die ausführliche und differenzierte Rezension, die mir den Nikolaustag ein wenig versüßt hat 😉

    Shantalla hat sich beim Schreiben auch zu meinem heimlichen Star entwickelt. Mir war wichtig, sie nicht als blond… ähm, schwarzhaariges Dummchen darzustellen, das sich durch die Betten vögelt, sondern als das, was sie sein muss – eine überaus intelligente Frau mit hohen Sozialskills, die sehr geschickt mit dem Bild, das die Welt von ihr hat, spielt. Immerhin hat sie mit gerade einmal 17 die Führung des Hauses Karinor an sich gerissen und es erfolgreich durch alle Katastrophen gebracht. Das schafft man nicht, wenn man nur mit dem Unterleib denkt.

    Die Frage mit der Brandstiftung und abbrennenden Großstädten … das habe ich im Vorfeld tatsächlich lange überlegt und mit meinen Testlesern diskutiert. Letztendlich ist es bei der Brandstiftung zur Spurenbeseitigung geblieben, weil Al’Anfa eben nicht Rom (=eher trockenes Mittelmeerklima) ist, sondern in den Tropen liegt. Und es durch den alltäglichen Regen extrem feucht ist. Das ist einerseits recht ungesund für die Bewohner der Elendsviertel, auf der anderen Seite geht nicht gleich ein ganzer Straßenzug wie Zunder hoch, wenn es mal irgendwo brennt. Dazu kommt, dass über die Brunnen und das nahe Meer Löschwasser in unmittelbarer Nähe verfügbar ist UND es eine organisierte Feuerwehr geben sollte (die mal dem Curator Aquae unterstand, von Oderin als Notwendigkeit aber sicher übernommen wurde. Hier sehe ich einfach eine klare Parallele zu Rom. Wenn man schon Sklaven hat, die für die Brunnenreinigung zuständig sind, dann gibt es auch welche für Feuer, einstürzende Mietskasernen und ähnliche Alltagskatastrophen). Tatsächlich gibt es bis auf den großen Brand im Schlund (bei dem ja noch andere Mächte im Spiel waren) keine größeren Brandkatastrophen in dieser extrem eng besiedelten Stadt. Das ist zumindest am Ende bei den Überlegungen zu dem Thema rausgekommen, und deshalb durfte Said auch Häuser abfackeln (er mag ja von sehr vielem keine Ahnung haben, aber hier eine vernünftige Einschätzung vorzunehmen, traue ich ihm wohl zu. Wobei ihm vermutlich egal gewesen wäre, wenn es im Umfeld des „Durstigen Hais“ noch ein paar andere Kaschemmen erwischt hätte. Das mit dem „keine Unschuldigen verletzen“ schiebt er letztendlich auch nur wie einen Schild vor sich her, einen letzten Rest an Moral, den er noch meint, als Rechtfertigung vor sich selbst anbringen zu können).

    Der gute Amir kommt in „Rabenbund“ dann auch selbst zu Wort und hat dort auch mehr Raum. Im Nachhinein bin ich mir auch nicht sicher, ob es bei dem Roman wirklich gut war, dass er in zwei Teilen erscheint, weil sich die Entwicklungen ja doch durch beide Bände ziehen und manches, was jetzt in „Rabenerbe“ fehlt, in „Rabenbund“ dann noch kommt. Aber es war schon bei der Konzeption klar, dass die Story niemals in einen 350 Seiten-Band passt (der Rahmen für DSA-Romane), sodass es eben ein Zweiteiler (oder besser: Ein Roman in zwei Bänden) werden musste.

    Also noch einmal – vielen Dank für die ausführliche Besprechung, die ich gerne gelesen habe (und die ich gerade auch wegen des Hinweises auf das giftige Expositium sehr interesant fand)!

    *winkt*
    Heike

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