Die Phileasson Saga – Himmelsturm

Findet den Turm, mit dem die Welt am Himmelsgewölbe aufgehängt ist, und ergründet seine Geheimnisse.

So lautet die zweite Aufgabe im Wettstreit der beiden größten Drachenführer Thorwals um den legendären Titel des Königs der Meere. War die erste Aufgabe schon eine Herausforderung am Rande der Welt, so führt die Suche nach dem mystischen Himmelsturm die Konkurrenten nun noch weiter hinaus in das ewige Eis jenseits der bekannten Welt.

Mit dem zweiten Band der Reihe setzt das Autorenduo Bernhard Hennen und Robert Corvus die Roman-Adaption der beliebten Rollenspiel-Kampagne fort. Auf beinahe 500 Seiten erleben wir die Reise der beiden Drachenführer an einen der abgelegensten und wohl auch gruseligsten Orte, die die Welt des Schwarzen Auges zu bieten hat. Auch 20 Jahre nachdem ich diesen Ort das erste Mal erkunden durfte, erinnere ich mich noch mit einem Schaudern an die Entdeckungen, die mit diesem Ort verbunden sind. Anders als manch andere ausgefallene Idee der DSA-Schöpfer, die späterem Retconning zum Opfer gefallen ist, haben die phantastischen Setzungen, die hier zu finden sind, sich bis in die heutige Zeit erhalten. Figuren und Konzepte, die hier ihren ersten Auftritt hatten, wurden von den nachfolgenden Generationen aufgenommen und weiterentwickelt. Die Saga von Ometheon gehört somit nicht nur aventurisch zu den Überlieferungen aus grauer Vorzeit, sondern bildet auch irdisch die historische Grundlage für viele Elemente, die heute selbstverständlich Teil des Schwarzen Auges sind.

Sprung in den Abgrund

Auch diesem Band haben die Autoren wieder einen ausführlichen Prolog vorangestellt. Die Idee, eine der Figuren der Reihe in einem eigenen novellenartigen Prolog intensiver zu beleuchten, hat sich inzwischen zu einem Markenzeichen der Reihe entwickelt. Ging mir der Prolog zum ersten Band noch gewaltig gegen den Strich, so gestaltet sich die Geschichte um den Magier Abdul el Mazar und seine beiden Nichten deutlich zugänglicher. Das globale Thema des Bandes wird hier bereits angespielt und el Mazar farbig inszeniert, als ein Mann, der sich bewusst ist, welche Gefahren der Kampf gegen finstere Mächte mit sich bringt. Gerade in einer Spielwelt wie der des Schwarzen Auges warten die Schurken allzu oft nur passiv darauf, von den sogenannten Helden aufgespürt und vernichtet zu werden. Ein Protagonist, der allen Ernstes Angst vor einem Gegenschlag seiner Feinde hat, wirkt da geradezu erfrischend lebensecht. Einziger Schwachpunkt dieses Prologs ist aus meiner Sicht die übermäßige Länge. Die gleiche Botschaft wäre mit der Hälfte der Zeichen sicher auch zu vermitteln gewesen.

Ometheon

Auf einer Welt im Nichts und ohne Thron
baut´ Stolz vom alten Volk Ometheon
bis der Turm zum Himmel reicht
und der Erde Anker gleicht.
– aus der Saga vom Himmelsturm

Der Roman vergibt wenig Raum für Vorgeplänkel und so wird der Himmelsturm oder Ometheon wie er in den Liedern der Skalden heißt bald erreicht und die beiden Ottajaskos beginnen mit der Erkundung dieses gewaltigen aber scheinbar unbewohnten Bauwerks. Für Kenner der Rollenspiel-Kampagne offenbart sich hier eine wichtige Änderung gegenüber Hennens Vorlage. Drohte die Erkundung der Stadt im Eis am Spieltisch gerne zur Museumstour zu verkommen, generieren die Autoren hier bereits die ersten Konflikte durch die schlichte Tatsache, dass die konkurrierenden Gruppen gleichzeitig durch den Turm wandern und sich dabei immer wieder in die Quere kommen. Wie auch schon im ersten Teil der Saga werden auch hier wieder die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen deutlich. Während Beorn Asgrimmson die Ideale des Plünderers lebt, der Beute für die Daheimgebliebenen mitbringt, verwendet Asleif Phileasson mehr Energie auf die Erkundung der Geheimnisse.

Schneeflocke von Janina Robben.

Immer weiter in die Tiefe führen die beiden Drachenführer ihre Kameraden und Asleif Phileasson ist wild entschlossen seinen Ruf als größter Entdecker Thorwals zu verteidigen. Nach und nach rücken auch die Elfen beider Gruppen näher in den Fokus der Geschehnisse. Während der Auelf Salarin Trauerweide zeitweise eine andere Persönlichkeit zu besitzen scheint, verbindet den unheimlichen Galayne ein dunkles Geheimnis mit diesem Ort. Doch auch der Turm selbst birgt Gefahren. Immer unheimlicher werden die Begegnungen, bis die Ottajasko schließlich die Grenze übertritt und das Grauen aus der Tiefe heraufsteigt.

In dieser letzten Phase verändert sich die Grundstimmung der Geschehnisse noch einmal deutlich. Nachdem der Weg in die Tiefe von zunehmendem Grauen gekennzeichnet war, stoßen wir nun auf einen Abschluss voller Action. Der Konflikt eskaliert und den Drachenführern steht mit ihren Gefährten wohl einer der schwierigsten Kämpfe der Saga bevor. Die Nordmänner müssen sich zurückziehen, doch eine Flucht durch das ewige Eis scheint unmöglich. Inmitten sich überschlagender Ereignisse müssen harte Entscheidungen getroffen werden. Beide Erzählstränge enden mit einem Knalleffekt und werfen Fragen auf, die erst im weiteren Verlauf der Reihe beantwortet werden.

Eine Studie des Grauens

Dieser Ort ist nicht für Lebende geschaffen. Er wird uns alle töten, wenn wir zu lange bleiben. Einen Tag gebe ich uns noch, dann geht es wieder nach oben.
– Beorn der Blender

Auch wenn die Hinterlassenschaften des Alten Volkes zunächst etwas anderes vermuten lassen, so ist Horror hier klar das Leitthema des Romans. Statt den sagenumwobenen Himmelsturm in den Mittelpunkt zu stellen, wird die Erzählung stark auf die Entwicklung der Figuren und ausgewählte Stimmungselemente fokussiert. Sowohl in den Begegnungen untereinander, als auch mit den Bewohnern des Ortes werden wieder die Unterschiede zwischen den beiden Drachenführern herausgearbeitet. Einige dramaturgische Elemente sind dabei der Vorlage entnommen, andere wurden für die Roman-Adaption extra neu geschaffen. Die Reibereien zwischen den Gruppen hätten dabei für meinen Geschmack ruhig etwas schmaler ausfallen können.

Etwas unschlüssig bin ich mir mit der wuchtigen Action am Ende des Romans. Aus meiner Sicht stellt sie durchaus eine gelungene Interpretation der Vorlage dar. Gleichzeitig erlangt das ikonische Grauen aus der Tiefe dadurch etwas so explizites, dass es in seiner Greifbarkeit doch zumindest ein wenig von seinem Schrecken verliert. Erst die verzweifelte Suche nach einer Fluchtmöglichkeit bringt die Stimmung wieder auf Kurs. Während die offene Schlussszene Beorns genau dies mit Gänsehautfaktor unterlegt, gestaltet sich das Ende des Handlungsstrangs um Asleif Phileasson ganz anders. Es ist buchstäblich ein Deus Ex Machina der hier eingreift und manch einen Leser wird dieses Ende wohl etwas ratlos zurücklassen. Jenen Recken sei gesagt, dass auch dieses scheinbar völlig unmotivierte Ende seine tiefergehende Bedeutung hat, doch darüber gibt es erst im kommenden Band mehr zu erfahren.

Fazit

Mit Himmelsturm wagen sich Bernhard Hennen und Robert Corvus an einen besonderen Meilenstein der DSA-Geschichte. Doch der zweite Roman der zwölfteiligen Reihe ist keineswegs nur etwas für Nostalgiker unter den Rollenspielern. Die Reise zum Himmelsturm und hinab in seine tiefen Abgründe wird auch Freunde der figurbetonten Abenteuergeschichten ansprechen. Die Horrorelemente dieses Bandes reichen gewiss nicht an das Maß lovecraftscher Mythen heran, bieten jedoch im Rahmen des Gesamtsettings eine passende Ausgestaltung. Und wie es sich für eine Saga dieser Größenordnung gehört, werden genügend Fäden weitergesponnen und neue Fragen aufgeworfen, um den Leser neugierig zu machen auf den nächsten Band. Denn auch wenn das Ende die Vermutung nahe legt, ist das Rennen um den Titel des Königs der Meere noch lange nicht beendet.

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