Tie’Shianna – Der Untergang der Hochelfen

Tie'ShiannaDer Titel verrät bereits das Thema und weckt Erwartungen bei all jenen Lesern, die sich mehr oder weniger intensiv mit der Vergangenheit des aventurischen Kontinents beschäftigt haben. Tie’Shianna, genannt die Gleißende, war das Zentrum der elfischen Hochkultur. Hier lebte ihr König Fenvarien und regierte ein Volk, dass für seine Kunstfertigkeit ebenso legendär war, wie für sein magisches Können. Wenig ist über die erzene Stadt bekannt, als dass sie schließlich von Armeen des Namenlosen überrannt wurde und damit symbolisch das Ende der Vorherrschaft der Hochelfen markierte. Auch wenn die Geschichte bereits Jahrtausende in der Vergangenheit liegt und Florian Don-Schauen viele Freiheiten hat, ganz im luftleeren Raum bewegt sich seine Geschichte nicht. Spätestens mit der Neuauflage der Phileasson-Saga, deren Helden die Ruinen der Stadt auf ihrer Reise besuchen, wurden einige Eckpfeiler gesetzt, die es zu beachten gilt. Don-Schauens Roman vermittelt allerdings nicht den Eindruck, als hätte ihm dies hier zum Nachteil gereicht.

Die eingangs beschriebenen Erwartungen werden auch gleich in den ersten Szenen bedient. Der langjährige Kenner des Schwarzen Auges fährt auf, was das Arsenal des Zweiten Drachenkrieges zu bieten hat. Luftkämpfe zwischen Hippogriffenreitern und Insektoiden, magische Waffen und machtvolle Zauber geben ein furioses Intro. Gleich darauf inszeniert Don-Schauen jedoch auch, was ebenfalls zur sterbenden Kultur der Hochelfen gehört. Der Hippogriffenreiter Iscalleon gilt zwar unter seinesgleichen als hinterweltlerischer Bauerntrampel, doch die Überheblichkeit seines Volkes gegenüber allen Kurzlebigen ist so tief in ihm verankert, dass ihm ein Hinterfragen schlichtweg nicht möglich ist. Deutlich wird dies beispielhaft an seiner Unfähigkeit, sich auch nur den Namen jenes Faun zu merken, der sich ihm eins ums andere Mal wieder vorstellt. Diese ersten beiden Szenen beschreiben auch, was den Handlungsfaden um die Stadt füllen wird. Auf der einen Seite der gnadenlose Kampf gegen die vielgestaltigen Streiter der Goldenen Horde, auf der anderen Seite das Leben der weltfremden Hochelfen, die selbst unter Beschuss nur zeitweilig innehalten in ihren philosophischen Disputen über die Natur der Welt und körperliche Arbeit als unelfisch ablehnen.

Neben diesem dramatischen Faden um die Geschehnisse in der Gleißenden etabliert der Autor noch einen weiteren, der deutlich geruhsamer und feinfühliger verläuft. Während die Stadt um ihr Überleben kämpft, ist ein Bote auf dem Weg, der sich selbst Die Wissende nennt. Wenig ist zunächst zu erfahren über die geheimnisvolle Elfe, deren Markenzeichen eine silberne Handprothese ist. Gleich zu Beginn wird ihr Schiff abgeschossen und nur die einsame Botin überlebt. Nur knapp gelingt es ihr, sich vor ihren trollischen Verfolgern in Sicherheit zu bringen und bei einem Stamm wilder Zentauren Zuflucht zu finden. Im Folgenden erfährt sie Aufnahme im Stamm, muss sich würdig erweisen und gewinnt eine Gefährtin für die schwierige Reise nach Tie’Shianna. Die Geschichte um Sa’ira, die Wissende, und ihre zentaurische Freundin ist von Vertrauen, Freiheit und Verständnis geprägt. Ganz im Gegensatz dazu stehen die Geschehnisse in Tie’Shianna, die das genaue Gegenteil bilden und den Leser immer wieder mit rasanter Action oder hintersinnigen Intringen fordern.

In der belagerten Stadt spitzt sich die Lage indes zu. Immer wieder rücken die Kinder des Windes und die Hippogriffenreiter aus, um sich der Übermacht vor den Toren zu stellen. Doch Verrat und Intrige schwächen die Verteidiger und so gelingt es den fremden Beschwörern einen gewaltigen Wurm zu rufen, der sich unter die Stadt gräbt. Die Macht des Wurmes ist so groß, dass selbst die elementaren Wächter der Stadt um Hilfe bitten müssen. So steigt Oisin Zauberweber, der führende Zaubersänger der Stadt hinab, um das Monstrum zu vernichten und nicht mehr zurückzukehren. Dieser Gang in die Unterwelt hat auch das etwas eigenwillig wirkende Cover inspiriert, das an vorderster Front den erzenen Geist im Kampf mit dem Wurm zeigt. Doch auch diese Heldentaten vermögen das Unvermeidliche nur hinaus zu zögern. Nach einem Attentat auf König Fenvarien ist die Lage auch unter den weltfremden Elfen angespannt. Gerüchte über eine Krankheit des legendären Königs machen die Runde und die Lage wird immer angespannter. Letzte Hilfe suchen die Gefährten im Turm der Orima. Doch die entrückte Schicksalsgöttin kann nur mit Klageworten aufwarten, die das Ende der Hochelfen schon gesehen haben. Erst ganz zum Schluss führt Don-Schauen seine Handlungsfäden zusammen. Der Verräter offenbart sich, die Identität der Wissenden wird gelüftet und Tie’Shianna fällt unter den Hieben von Riesen, Trollen, Echsen und anderen Wesen. Diese letzten Szenen werden noch einmal mit einer intensiven Emotionalität gefüllt und der Autor findet auch für seine persönliche Geschichte ein Ende, das der Tragik des Geschehens in vollem Umfang gerecht wird.

Über weite Teile erschließt sich dem Leser der Sinn des zweiten Handlungsfadens um Sa’ira, Die Wissende, nicht. Tatsächlich gelingt es Florian Don-Schauen jedoch mit dieser Zutat einen Gegenpol zu den Geschehnissen in der Stadt zu schaffen, welche die mit dem Untergang der Stadt verwobenen Emotionen erst richtig zur Geltung bringen. Für Sa’ira sind die Fronten klar und ihre Gegner sind leicht zu erkennen. Als die Gefährten das Land der korgläubigen Minotauren durchqueren sind die Grenzen klar abgesteckt. Doch selbst ihr unerbittlicher Widersacher kennt die Ehre eines Kriegers und erweist ihr Respekt. Anders ist es in Tie’Shianna. Gewalt, Intrige und Dekadenz stehen hier im Vordergrund und ein Feind der keine Gnade kennt. Als das fliegende Trollschiff mit seinen Gefangenen die Gleißende erreicht, glaubt man schon an ein Happy End, doch wieder einmal werden die Elfen Opfer ihrer eigenen Arroganz und Sa’ira verliert wertvolle Zeit. Don-Schauen baut seine Sympathieführung dabei so geschickt, dass man zwar Mitgefühl für die Figuren entwickeln, jedoch den Untergang der durch und durch dekadenten Hochelfen eher mild bedauern kann. Besonders bemerkenswert erscheint mir auch die Rolle des Verräters, dessen Motivation sehr nachvollziehbar ist und der auf seine ganz eigene Art zur Tragik des Untergangs beiträgt.

Durch den Wechsel zwischen Kampfszenen und dem Intrigenspiel in der Stadt wird das Tempo auch im Handlungsfaden um die Stadt variiert. Selten einmal schweift Don-Schauen dabei in den philosophischen Parts ein wenig ab, so dass sich womöglich nicht jedem Leser der Bezug zur Handlung erschließen wird. Ein wenig bedaure ich die Auswahl der Szenen zum Ende hin. Getreu seiner Geschichte richtet Don-Schauen den Blick auf seine Protagonisten. Damit bleiben dem Leser einige Szenen verborgen, die sicher von Interesse gewesen wären. Die Ereignisse um die Gefangennahme Fenvariens sind hier ebenso zu nennen, wie die Frage, ob Orimas Golems einen letzten Einsatz erleben dürfen. Ein kleines Schmankerl ist dem Leser dennoch erlaubt. Getreu den Eckdaten aus der Phileasson-Saga schildert Don-Schauen den letzten Kampf des mächtigen Feldherren Kazak, der die Goldene Horde anführt und sein Ende im Zerzal-Tempel findet.

Fazit

Florian Don-Schauen nimmt den Leser mit auf eine Reise zu den Hochelfen vergangener Tage. Obschon einige Ausschmückungen nur für die Adepten des Schwarzen Auges von Interesse sein dürften, ist Tie’Shianna doch alles andere als eine Dokumentation des Untergangs. Geschickt entwickelt der Autor eine Geschichte, welche die Tragik des Untergangs in einer sehr persönlichen Dramaturgie erfahrbar macht. Dabei bleiben notgedrungen einige Dinge, die den großen Rahmen betreffen auf der Strecke. Der Roman ist vor allem als Charakterisierung der Hochelfen lesenswert, die auch zu dieser Zeit schon von ihren Verwandten im Norden als ‚badoc‘ bezeichnet werden. Die Details und Ausmalungen zum Untergang der elementaren Stadt bilden dabei eher die Farbe im Bild. Wer sich hier allerding darüber hinaus auch noch detaillierte Darstellungen der Trolle, Echsen, Spinnen und anderer Goldener Krieger interessiert, der wird hier enttäuscht. Der Fokus liegt klar bei den Elfen.

Die Schilderung eines für Das Schwarze Auge so spezifischen Gegenstandes wie ein historisches Ereignis ist natürlich immer etwas, das einen Roman vor allem für Freunde des Rollenspiels interessant macht. Die zeitliche Differenz zu den aktuellen Geschehnissen der Spielwelt geben hier jedoch einen Spielraum, der diese Bedingung etwas aufweicht. Obschon die Geschichte stark in den Hintergrund eingebettet ist, kann sich die eigentliche Erzählung davon lösen. Leser einschlägiger Fantasy-Literatur werden vermutlich dennoch über spezifische Details stolpern und sich vermutlich auch mit dem tragischen Ende nicht immer anfreunden können. So gehört Tie’Shianna Der Untergang der Hochelfen, wohl doch eher in die Hände echter Fanboys. Diese erhalten hier immerhin einen sorgfältig konstruierten Roman mit klarem Fokus und flüssiger Schreibe. Für eine Kaufempfehlung reicht das allemal.

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Ein Kommentar zu Tie’Shianna – Der Untergang der Hochelfen

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