Aldarin

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin selbst ausgesprochene Elfenliebhaberin und habe daher einen entsprechend sympathischen Blick auf dieses Buch, auch wenn ich mit den Hochelfen bisher noch nicht viel anfangen konnte. Wie nicht anders zu erwarten, richtet sich dieser „ingame“-Roman eher nicht an Elfenhasser und Hardcorezwerge. 😉 Ich wage bereits an dieser Stelle zu behaupten, dass er ihnen zu esoterisch sein dürfte.

Aldarin ist so aufgebaut, dass die eigentliche Geschichte durch das Vor- und Nachwort eines Elfenforschers eingerahmt wird. Dieser Elfenforscher bezeichnet sich selbst nur als „der Übersetzer“, um seine Identität und damit den Aufenthaltsort des Faedhari (Sternchenmysterium aus der Regionalspielhilfe Aus Licht und Traum) nicht zu enthüllen.

Das Vorwort richtet sich in Briefform an den Herausgeber des Romans, der von ihm das Manuskript eines aus dem Faedhari übersetzten Textes angeboten bekam.
Bewertet die Spielhilfe im Forum von dsa4.deDas Nachwort dagegen wendet sich an die Leser des Buches und enthält den Hinweis auf ein füntes Buch Aldarin, das sich aktuell selbst wie von Geisterhand auf den silbernen Seiten des Faedhari niederschreibt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und vermutet, dass es sich hier schon um einen Hinweis auf zukünftige Handlungsfäden in der Bugwelle der auf der RatCon ’11 angekündigten Hochelfenbox handelt.

Anschließend an das Nachwort hat uns Stefan Unterhuber mit einem Anhang beglückt, der über das übliche Glossar weit hinaus geht und sich eher an den Anhängen orientiert, wie sie für zitierwütige und von Fußnoten besessene Veröffentlichungen in der Wissenschaft üblich sind. Diese Anhänge sind mit geschichtlichen Erklärungen aus dem Diskurs der derischen Geschichtswissenschaft und altelfischen Sprachlehre gespickt. Der pseudowissenschaftliche Stil liest sich dabei leicht und dürfte sicher nicht nur Gewohnheitstäter in diesem Bereich zum Schmunzeln bringen.

Inhalt

Die Geschichte selbst lenkt, wie der Titel bereits verrät, den Blick auf Aldarin mit-dem-Sternenmal und erzählt seine Geschichte von dem Zeitpunkt, an dem er aus dem Licht trat, bis in die aktuelle aventurische Geschichte hinein. Stefan Unterhuber hat seine Geschichte in vier Teile aufgeteilt, die jeweils als Bücher bezeichnet werden und abgeschlossene Zeitabschnitte wiedergeben. Das „erste Buch“ erzählt davon, wie Aldarin mit-dem-Sternenmal und sein Geliebter Simia der-aus-dem-Licht-trat in die Welt kommen und die ersten Äonen in den Sala Mandra an ihnen vorbei fliegen, ohne sie auch nur zu streifen. Simia, von seiner Neugier getrieben, wandert durch das Innere der Sala Mandra, während Aldarin zurück bleibt und sehnsüchtig auf den Geliebten wartet. Simia dehnt seine Wanderungen immer weiter aus, bis es ihm eines Tages gelingt, die Barriere zwischen den Inneren und Äußeren Wäldern zu durchbrechen und in die Wirklichkeit zu gelangen. Nach einigen weiteren Ausflügen entschließt er sich schließlich, mit den Sternenträgern aus dem Herz der Sala Mandra auszuziehen, um in der Wirklichkeit zu leben. Aldarin, der den Schritt zunächst nicht wagt, beschließt später, seinem Geliebten und den Sternenträgern doch zu folgen.

Der erste Übertritt ist eine schmerzliche Erfahrung und für den Lichtelfen die erste Berührung mit Zeit und Körperlichkeit. Nach einer Eingewöhnung macht er sich auf den Weg, seinem Geliebten zu folgen und stößt überall auf Spuren der Lichtelfen. Als er seine tote Schwester am Ufer des Pandlaril findet, ist er so erschrocken, dass er schlussendlich zurück in die Inneren Wälder flieht. An dieser Stelle endet auch das erste Buch.

Das zweite Buch beginnt mit dem Rückzug Aldarins und einem Treffen mit dem Wesen, das „der Wanderer“ genannt wird. Aldarin zieht sich an den Rand der Inneren Wälder zurück, wird aber von einem Ork verfolgt, den er dort vernichtet. Die zurückgebliebenen Lichtelfen sind entsetzt über die Veränderung und den Tod, den Aldarin mitgebracht hat. So bleibt Aldarin am Rand der Inneren Wälder zurück und nimmt einen neuen Namen und eine neue Rolle an. Durch einen von ihm neu erschaffenen Zauber kann er in die Welt außerhalb blicken, ohne sich ihr aussetzen zu müssen. Eine Prophezeiung am Ende des zweiten Buches markiert hier den Wendepunkt: Aldarin sieht einen Orkhäuptling die größten Führer seiner Feinde hinschlachten, um sie einem blutroten Mond als Opfer darzubringen und die Weltherrschaft an sich zu reißen. Der Elf, der geopfert werden würde, ist natürlich kein anderer als Aldarins Gebliebter Simia. Dies bringt ihn dazu, seine passive Rolle wieder aufzugeben, um sich um Simias Willen wieder der Wirklichkeit auszusetzen.

Das dritte Buch erzählt von der Suche Aldarins nach Simia, um ihn zu warnen. Auf seiner Suche begegnet er den ersten „außerhalbgeborenen“ Elfen und stellt fest, dass die ehemaligen Sternenträger, die mit Simia gegangen waren, zu Hochelfen geworden sind, mit denen er nicht mehr viel gemein hat. Der Weg zu Simia ist nicht einfach, zudem spitzt sich der Konflikt mit den Orks immer weiter zu. Als Aldarin Simia endlich wiederfindet, ist alles nicht so, wie er es sich erhofft hat, aber er gibt sich mit dem zufrieden, was Simia ihm anbietet. In der finalen Schlacht kommt es zum finalen Bruch zwischen Aldarin und der Welt und Simia.

Buch Vier ist kurz und beschreibt Aldarins Rückzug, jedoch kann er nicht mehr in die inneren Wälder zurückkehren, weil er zu wirklich, zu badoc, geworden ist. So bleibt Aldarin in den äußeren Wäldern und schließt sich einer Sippe Waldelfen an. Ganz am Ende begegnet er dem „ältesten Gast“ erneut, und nach einem Austausch endet die Geschichte Aldarins.

Schreibstil

Wie ich ganz zu Anfang schrieb, ist dieses Buch besonders. Damit meine ich zum Einen die außergewöhnliche Form des Ingame-Romans, also einer Erzählung, die sich so liest, als wäre sie an einen aventurischen Leser gerichtet. Dieser Eindruck wird durch den Brief an den Herausgeber sowie durch direkte, persönliche Ansprachen an den Leser im Nachwort erreicht. Wenn es wirklich so ein Buch in Aventurien geben sollte, sehe ich schon ein Rudel Bannstrahler, das den Kopf des ungenannten Übersetzers fordert. Schließlich ist einiges, was er da geschrieben hat, blanke Ketzerei. ^^

Zum Anderen ist meiner Meinung nach der bestechendste Punkt des Ganzen, der den Roman wirklich aus der Masse der DSA-Romane hervorhebt, die sprachliche Gestaltung. Aldarin ist kein zügig vorwärts geschriebener 08/15-Abenteuerroman mit einem klassischen Aufbau. Er erinnert vielmehr an eine Fabel und passt auf diese Weise wie die Faust aufs Auge zum Hintergrund. Durch die Vielzahl der verwendeten Stellungsfiguren hat der Text für mich recht schnell eine märchenhafte Qualität angenommen. Das mag am Anfang etwas schwer zu lesen sein, da die ungewöhnliche Satzstellung deutlich vom alltäglichen Sprachgebrauch abweicht, aber das gibt sich nach den ersten 15 Seiten.

Der rote Faden ist Aldarins Suche nach Simia, daran aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur sind die einzelnen, in sich abgeschlossenen Episoden. Jede der etwa zehn Seiten umfassenden Episoden beschäftigt sich hierbei mit einer Person oder einem Ort, den oder die Aldarin auf seiner Suche trifft (bzw. aufsucht). Dabei begegnet der Leser vielen Namen, die er möglicherweise schon einmal gehört hat, er bekommt sie aber aus einer völlig anderen Perspektive präsentiert.
Dies ist auf der einen Seite sehr reizvoll, ist aber auf der anderen Seite auch der Grund dafür, dass Aldarin nicht dem gewohnten Spannungsbogen folgt. Es gibt schon einen Aufbau von Spannung, der auch in einen Kampf mündet, der aber nicht das eigentlich Entscheidende ist. Zwar sind die Orks geschlagen und damit die Bedrohung abgewandt und Simias Leben gerettet, aber dieser Erfolg ist es am Ende nicht, worum es hier geht. Der wirkliche Wendepunkt ist die Erkenntnis Aldarins, dass es seinen Geliebten nicht mehr gibt, und auch wenn er versucht hat sich anzupassen, so führt der Moment des Triumphs ihm vor Augen, wie er letztendlich doch darin versagt hat, wirklich bei ihm zu sein, und wie wenig er mit seinem Geliebten noch gemein hat. Nachdem dieser entscheidende Wendepunkt erreicht ist, folgt nur noch der Rückzug Aldarins und die bittere Erkenntnis, auch nicht zu Madaya zurückkehren zu können. Damit versagt Stefan Unterhuber uns nicht nur ein Happy End, sondern macht die Geschichte zu einem bitteren Drama.

Fazit

Ich denke, wenn man nichts gegen die Märchenhaftigkeit hat und Elfen nicht per se ablehnt, sollte man Aldarin ein Chance geben. Ich für meinen Teil war nach nicht mal zehn Seiten dem Buch völlig verfallen und habe es an einem Tag verschlungen. Die Geschichte hat aber mit Sicherheit Elemente, die nicht jedermanns Geschmack sind, angefangen dabei, dass es sich bei den verliebten Protagonisten um zwei männliche Elfen handelt. Dazu kommt, dass die passive, stellenweise an masochistische Selbstaufgabe grenzende Haltung Aldarins, die eher an ein pubertierendes Mädchen erinnert und dezent ins Kitschige abdriftet, sicher nicht alle Leser unbedingt anspricht.

Ich liebe Bücher ohne Happy End, ich liebe Elfen, ich liebe die aufwändige Sprache und ich liebe die interessante Perspektive. All das zusammen hat Aldarin für mich zu einem rundherum perfekten Lesegenuss gemacht, der sich auch durchaus nicht vor dem zu verstecken braucht, was ich außerhalb der DSA-Nische lese.

Daher werde ich Aldarin keinem der neugierigen Einhörner vorenthalten und ihn 9 von 9 Einhörnern noch einmal vorlesen.

Mit freundlicher Unterstützung in Form eines Rezensionsexemplars von der Ulisses-Spiele GmbH und dem F-Shop.

Über Wölkchen

Das Wölkchen ist seit 1993 leidenschaftliche Aventurierin mit einer kleinen Vorliebe für Al’Anfa, das Mittelreich und die Elfen. Die größte Stärke von DSA liegt ihrer Meinung nach in der lebendigen Welt und dem dichten Hintergrund.
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7 Kommentare zu Aldarin

  1. H@derlump sagt:

    Ich hab das Buch nach 43 Seiten ins Altpapier geworfen.

  2. Josch sagt:

    Sei doch so nett und schreib uns auch noch, was Du an dem Roman schlecht fandest bzw. wo Du etwas anders siehst als in der Rezension dargestellt. Dann kann sich der geneigte Leser im Lichte der verschiedenen Meinungen ein eigenes Urteil bilden.

  3. Shanna sagt:

    Ich habe den Roman nicht gelesen, aber ich wundere mich schon, warum eure Rezension so stark von der im DSA4-Forum zB abweicht. 9 von 9 Einhörnern heißt nunmal perfekt, da würde ich erwarten dass im Forum die Leute zwischen 3-5 abstimmen, aber die Mehrheit hat dort für 1 = schlecht gestimmt, also gibt es da irgendwo eine Diskrepanz. Woran liegt das?

  4. Josch sagt:

    Ich würde sagen, dass liegt einfach an den unterschiedlichen Maßstäben und Vorlieben. Ohne zu wissen, wie jemand eine Punkteskala auslegt und welche Kriterien er bei der Bewertung anlegt, sind Vergleiche zwischen unterschiedlichen Rezensionen meiner Ansicht nach eh wenig aussagekräftig. Ich lese aus der Rezension heraus, dass der Roman handwerklich gut gemacht ist und alle jenen, die auf Elfen stehen, an Alternativen zu klassisch-plotorientierten Erzählungen interessiert sind und sich an einer etwas hochgestochener Sprache erfreuen können, die perfekte DSA-Lektüre bietet.

    Meine Tasse Tee ist das nicht grade, und würde ich den Roman rezensieren, würden vermutlich auch deutlich weniger Einhörner ihre Aufwartung machen. Solange ich dabei aber andere Gesichtspunkte zur Bewertung heranziehe, sehe ich hierin keinen Widerspruch.

    Natürlich sind auch die in dieser Rezension herangezogenen Kriterien alles andere als messerscharf – Spielraum für unterschiedliche Auslegung gibt es also. Das lässt sich bei Bewertungen meines Erachtens aber nicht vermeiden. Von daher suggerieren Zahlen am Ende eh mehr Präzision und Objektivität, als der Sache nach überhaupt möglich ist.

    • Wölkchen sagt:

      Ja genau so ist es auch gemeint.
      Der Roman erinnert von der Erzählstruktur eher an japanisch Literatur (wobei man vor dem europäisch geprägtem Empfinden vielleicht eher nicht-Struktur sprechen sollte). Das ist es was ich mit „nicht zügig vorwärtsgeschrieben“ ausdrücken wollte. Der Roman ist halt nicht auf die Handlung konzentriert, sondern auf Aldarin und seine Veränderung. Wer schon mal was von Murakami gelesen hat und das mochte, der kommt bestimmt auch mit Aldarin bestens klar. Wer Murakami hasst, sollte sich Aldarin am besten nicht auf mehr als drei Schritt nähern. 😉

      Ich glaube, dass Aldarin sehr stark polarisieren wird, entweder man mag ihn sehr oder legt ihn nach zehn Seiten weg und fasst ihn nie mehr an.
      Ich mag Murakami und das ist der einzige DSA-Roman, von den 100 die ich schon gelesen habe, den ich bestimmt noch mal lesen werde. Also definitiv 9/9 … 😉

  5. Vibarts Voice sagt:

    Und um das eventuell noch zu ergänzen: Der Unterschied zwischen einer Rezension und einer Umfrage liegt gerade in der ausführliche Subjektivität der abgegebenen Wertung, in der letztlich eine künstlerische Geschmacksfrage über individuelle Kriterien abgehandelt wird. Oder einfacher formuliert: Nur weil meine Oma und ihre Freundinnen aus dem Altersheim der Serie „Game of Thrones“ etwa 1,5 von neun Einhörnern im Schnitt geben würden, wäre es dennoch kein Widerspruch, dass gerade diese von jener Seite als so schlecht empfundene Serie von einzelnen Rollenspielern gehyped wird. Oder nicht?

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