Rezension: Lemiran

Lemiran CoverGastrezension von HummingBug

Ein Wort über Erwartungen

Wann immer wir etwas bewerten, müssen die Dinge, die wir bewerten, gegen unsere Erwartung diesen Dingen gegenüber anstinken. Erwartungen sind der Grund, warum wir überhaupt enttäuscht sein können. Aber das ist meiner Meinung nach bei jeder Rezension so. Warum ist es in diesem Fall also bemerkenswert? Weil die Bewertung von Lemiran, einem Roman, der sowohl IT (intime) als auch OT (outtime) existiert, zu 100% vom eigenen Standpunkt und den damit verbundenen Erwartungen abhängt, mit denen man an ihn herantritt. Und deshalb gibt es zwei Bewertungen , damit mehr als ein Blickwinkel beleuchtent werden kann. Jedenfalls werde ich versuchen in die IT-Schuhe zu steigen und das zu ermöglichen. Spoiler verstecken sich überall, besonders (!) in meinen Comics; im Fließtext sind sie hoffentlich komplett ausgeweißt. Den Link zu den Comics findet ihr ganz am Ende der Rezension.

Die Fakten

Was verspricht Lemiran, wer ist der Autor und was kostet mich das Erlebnis? Hier der Klappentext:

Vor 8.000 Jahren: Das Heldenzeitalter der Elfen ist angebrochen und das alte Volk hat seinen Geburtsort in den Salamandersteinen verlassen und sich aufgemacht, die Welt zu erobern. Der größte Held jener Zeit ist Lemiran mit-dem-Sternenmal, ein Kampfgefährte des legendären ersten Hochkönigs der Elfen, Simia der-aus-dem-Licht-trat.
Lemiran ist ein vollendeter Meister mit Speer und Bogen, und die Götter jener Zeit streben danach, ihn zu ihrem Streiter zu machen. Sie buhlen um seine Verehrung, doch der stolze Krieger will sich nicht beugen. Schon bald befindet er sich nicht nur im Kampf mit Riesen, Orks und Goblins, sondern auch mit den Göttern und mit seinem eigenen Schicksal.
Lemiran ist eine Erzählung aus dem legendären Faedhari, dem magischen Geschichtsbuch der Elfen.

Geschrieben wurde Lemiran von Stefan Unterhuber. Wie wir hier erklärt bekommen, erzählt der Roman die Geschichte eines der Sternenträger Simias-der-aus-dem-Licht-trat und existiert sowohl IT als auch OT. Das heißt, dass nicht nur wir etwas über die Elfen lernen können, sondern dass ein jeder Elfenforscher Aventuriens genau dasselbe lernen kann wie wir. Möchte man das Buch als Taschenbuch (ISBN 978-3-86889-394-6) erwerben, so kostet es einen 11,95 Euro, als EPUB 9,99 Euro.

Eine Einordnung in das Gesamtkunstwerk

Lemiran (Nummer 155) folgt dem Buch Aldarin (Nummer 149; Nandurion rezensierte) und ist damit der zweite Roman in der Reihe der Übersetzungen aus dem Faedhari. Hier wird versprochen, dass man den ersten Roman nicht gelesen haben muss, um Lemiran zu verstehen und dass es sogar möglich ist Aldarin als zweiten Roman zu lesen, ohne dass man ernsthaft gespoilert ist. (Dem würde ich zustimmen.)

Lemiran beschreibt den Zeitabschnitt von etwa 9.000 v. BF bis 5.100 v. BF aus der Sicht des magischen Elfenbuches Faedhari, bzw. den Kapiteln dieses Buches, die sich mit dem Elfen Lemiran beschäftigen. Eingebettet ist es in den Brief eines unbekannten Übersetzers, der im Anhang reichlich Hintergrundwissen und –gedanken vermittelt.

Bewertung

Ab hier teile ich meine Bewertung also. Die IT-Meinung einer Elfenforscherin, die mir, ganz zufällig, sehr am Herzen liegt, wird sich durch die kursive Schrift von meiner persönlichen Meinung unterscheiden.

1. Handlung

Der Roman besteht aus den sechs Büchern Lemirans und den Anmerkungen des (unbekannten) IT-Übersetzers. Die einzelnen Bücher behandeln die verschiedenen Lebensabschnitte des alten Elfen und beleuchten damit nebenher die Geschichten der Gesamtheit aller Elfen, die aus dem Licht traten und derer, die ihnen folgten. Und diese Geschichte, ebenso wie die Geschichte Lemirans selbst, ist interessant.

Allerdings fällt es mir sehr schwer, die Handlung wirklich zu bewerten. Das erste, was quasi automatisch passierte, als ich angefangen habe diese Rezension zu schreiben, war, dass ich begonnen habe die Handlung nachzuerzählen und zu erklären, wie interessant das alles ist. (Beim Lesen des Buches hatte ich übrigens immer mal wieder den starken Drang eine Zeitleiste anzulegen.) Aber dann ist mir eine Sache aufgefallen: Interessant ist nicht spannend. Ein Roman hat normalerweise einen gewissen Aufbau. Es gibt eine Phase, in der die Protagonisten vorgestellt werden. Dann gibt es eine Phase, in der die Handlung beginnt und dann irgendwann einen Konflikt und der wird dann zum Teil oder gänzlich aufgelöst. Nun kann ich nicht behaupten, dass dieser Roman das alles nicht hat. Man lernt Lemiran kennen, es werden Charaktereigenschaften beschrieben und dann beginnt die Handlung, die über die Bücher hinweg immer wieder Konflikte präsentiert, die immer zumindest zum Teil aufgelöst werden. Aber spannend ist das nicht. Ein großer Teil davon ist der Sprache und Erzähltechnik geschuldet, zu der ich weiter unten kommen möchte, aber ein anderer großer Teil ist der Art des Buches geschuldet: Es ist eben eher eine Art mystisch-schwammige märchenhafte Geschichtsbuchversion. Mein erster Gedanke war, dass es mich an das Lesen der Bibel erinnert, und die ist zweifelsohne auch interessant, sowohl von einem theologischen als auch einem geschichtlichen Standpunkt aus, aber spannend ist sie, genau wie Lemiran, nicht. Und das liegt daran, dass keiner der Protagonisten, und so ist es auch hier, dem Leser wirklich die Möglichkeit gibt sich mit ihm zu identifizieren. Denn darum geht es nicht.

Es sind eigentlich verschriftlichte Sinnbilder, ähnlich einer Fabel, oder aber historische Ereignisse. Man ist interessiert, aber dass ich das Buch nachts nicht aus den Fingern legen konnte, weil ich sonst wach liege und darüber grübele, was wohl mit den Protagonisten passiert – nun, so ging es mir nicht. Und das bringt eine ganze Reihe Probleme mit sich: Kämpfe werden langweilig und selbst wenn man sich über die authentische Art des Schreibens freut, ist es schwierig gedanklich immer bei der Sache zu bleiben. Worüber man grübelt ist die Bedeutung, aber das macht kein spannendes Lesevergnügen – eher einen nachdenklichen und manchmal verwirrenden Gedankengang.

Und dann gibt es noch ein ganz anderes Problem: die internen Regeln. Nehmen wir als Beispiel einmal die Harry-Potter-Romanreihe. Es wird über mehrere Bücher hinweg immer wieder erklärt, dass Zauberstäbe eine wichtige Bedeutung haben und im letzten Buch wird sogar so intensiv auf ihrem eigenen Charakter herumgehackt, dass es fast schon nicht mehr lustig ist. Warum macht die Autorin das also? Ganz einfach: Weil sie interne Regeln formuliert. Und das ist auch gut so, denn somit gönnt man als Leser Harry den Sieg über den dunklen Lord, denn er hat einfach ganz gefuchst das Regelwerk genutzt und ihm von hinten durch die kalte Küche den Boden unter den Füßen weggerissen. Man hat als Leser den Eindruck, dass der Harry da einfach pfiffig war und dass das einem selbst auch hätte einfallen können und irgendwie findet man das cool. Jetzt stellen wir uns mal vor, dass stattdessen Dumbledore (ohne erklärbaren Grund) aus dem Jenseits zurückgekommen wäre und dem dunklen Lord rechts und links eine verpasst hätte, nur, um dann zu rufen: „Tada, da bin ich wieder, und ihr habt es alle nicht kommen sehen!“ Zugegeben, das wäre vielleicht auch cool, aber so als Leser würde man sich doch ein wenig vereimert vorkommen. Als Rollenspieler versuchen wir ja auch ab und an das Beste aus den Regeln herauszuholen und freuen uns wie ein Weihnachtself, wenn uns das gelingt. Aber geschenkt kriegen würden wir das nicht wollen, oder?

Und hier schließt sich der (vermutlich etwas weite) Kreis: In Lemiran gibt es keine internen Regeln. Beispiel: Lemiran kämpft gegen einen übermächtigen Feind und er verliert munter vor sich hin. Das passiert im Buch häufiger mal. Aber dann fällt auf einmal eine neue Gabe/Idee/Fähigkeit vom Himmel, derer er sich vorher nicht bewusst war und die auch nirgendwo angedeutet wurde und schon ist der Kampf sonnenklar zu seinen Gunsten entschieden. Oder es wird gesagt, dass sein mandra fast schon erschöpft ist, aber dann knallt der Gute mal eben noch eine magische Rüstung, einen Axxeleratus, Löwenklauen, sowie den in der Sekunde neu entwickelten Blitz dich find raus. Und das passiert ein paar Male so oder so ähnlich. Es geht so weit, dass man irgendwann aufhört, sich in einem Kampf Sorgen um den alten Elfen zu machen, denn er wird schon durch irgendein deus ex machina-Ereignis aus der Soße gezogen werden. Und das ist schade und langweilig, ABER, und das möchte ich hier betonen, es ist stimmig mit dem Rest des Buches. Man erlebt eben die Ereignisse mit, die zu einer Weiterentwicklung der Elfen generell geführt haben. Das ist nett, aber wenn es ein Roman werden soll, dann ist es eben irgendwann eintönig. Das geht so weit, dass der Elf, irgendwann stirbt, in die Orkhölle geschubst wird und man sich dennoch keine Sorgen macht, ob er das irgendwie überlebt.

Zusammenfassend würde ich sagen: interessant ist es, aber leider auch ein wenig einschläfernd. Dann lese ich persönlich lieber ein Geschichtsbuch, da sind wenigstens die Regeln klar.

Sollte ich jemals ein informativeres Buch über die Geschichte der Elfen gelesen haben, so kann ich mich wahrlich nicht daran erinnern und ich bin dem Übersetzer und Verfasser dieser Schrift zu großem Dank verpflichtet. Da ich selbst nicht so viel über mein Volk weiß, wie es mein Recht wäre, bin ich auf Überlieferungen und Übersetzungen der tala angewiesen, so sehr es mich auch schmerzt, das zuzugeben. Dass ich dabei auf einen so reichen Schatz an Informationen treffen würde, hatte ich niemals zu hoffen gewagt. Aber so ist es nun und ich bin hocherfreut.

Dabei ist die Entwicklung des alten Elfen mir sowohl Vorbild als auch Warnung. Vorbild, als dass sich ein jeder Elf der Verehrung eines Gottes verweigern sollte und Warnung, als dass sich einer Gottheit schließlich doch zu verschreiben nur zu Unglück führt. Das ist ja nun nichts Neues, aber den Fall des alten Elfen nach und nach zu beobachten, das macht einen denken. Denken, ob man sich selbst schon auf dem falschen Pfad bewegt, der einen zur Verderbnis führt, obwohl man sich, in selbstgerechter Manier, noch auf der Seite alles Lichten wähnt. Ob es mir gerade auch so geht? Ob ich nur jetzt widerstehe, um später doch mein Knie vor einer Gottheit zu beugen, die auch ohne mein Handeln in ihrem Namen schon mächtig genug ist? Aber ich schweife ab.

Das vorliegende Buch ist für mich wie ein Fenster in die Geschichte meines Volkes. Man fühlt die Lieder der vergangenen Tage und es ist fast als höre man das Salasandra, wenn beschrieben wird, wie es zum ersten Mal gesungen wurde. Man erfährt vieles über Simia und die alten Elfen und wie sie mit ihm aus dem Licht traten und warum. Ich konnte erfahren, wie die fenvar’e lebten, wie sich die lairfey’e entwickelten und wie sich die Wildhaarigen zum ersten Feind der Elfen machten. All das und noch vieles mehr vermag dieses Buch einen zu lehren und doch geht sein Wert noch über die rohe Information hinaus. Das Buch vermittelt eine Stimmung. Etwas, dass sich schwerlich in Worte fassen lässt. Zwar ist es lediglich eine Übersetzung, aber ein Sprachkundiger kann durchaus verstehen, wie die Worte in der Ursprungssprache eine Melodie ergeben haben, die auch heute noch in den Liedern der fey’e schwingt, wenn auch sehr leise.

2. Dramatis personae

Lemiran, Lemiran, Lemiran und noch einmal: Lemiran. Das sind die Personen im Buch, die einem vorgestellt werden. In einem Buch, das den Titel Lemiran trägt, hätte ich auch nichts anderes erwartet. Genaugenommen lernen wir eigentlich Lemirans unterschiedliche Persönlichkeiten kennen, die sich im Laufe seiner nicht ganz knappen Lebenszeit entwickeln. Lemiran mit-dem-Sternenmal, Lemiran meistert-das-Zerza und so weiter. Der Gute fängt ganz entspannt an, entwickelt sich aber über die Zeit hinweg zu einem immer düstereren Kerlchen und am Ende macht er sich zum Botschafter des Namenlosen selbst. Die Entwicklung ist durchaus nachvollziehbar, aber wie ich bereits oben erwähnt habe: man kommt in dem ganzen Buch dem Charakter nicht wirklich nahe. Ich hatte immer den Eindruck, dass ich ihn nur beobachte und nicht mit ihm fühle und denke. Das ist für ein mystisches Geschichtsbuch der Elfen vermutlich so gewollt, aber ich brauche die Interaktion mit einem Charakter, damit mich ein Roman fesselt.

Es kommen natürlich auch andere Charaktere vor. Von A wie Andere alte Elfen bis Z wie Zerzal persönlich ist alles Derische und Überderische vertreten. Aber diese Persönlichkeiten treten immer nur am Rande auf, jedenfalls kam es mir so vor. Zwar interagieren sie mit Lemiran und beeinflussen auch die Entwicklung, die er durchmacht, aber man erfährt nie, was sie eigentlich bewegt und so verkommen sie ein wenig zu einem Umweltfaktor.

Die Ausnahme sind hier die alten Elfen Orima und Simia, deren Agenda man (zumindest teilweise) erahnen kann und die damit wichtiger erscheinen. Jedoch werden sie, wie der Hauptcharakter selbst, fremd und wenig zugänglich präsentiert.

Während meiner Reise durch die Geschichte der Elfen habe ich nicht nur mehr über Lemiran erfahren, auch wenn er natürlich im Vordergrund der Übersetzung steht. Auch andere Elfen, die aus dem Licht traten, sind mir nun ein Begriff. Simia, der immer noch im Lied der Elfen wiederklingt, aber auch Orima werden in ihren jungen Elfenjahren beleuchtet und das bedeutet mir viel, sind sie doch maßgebliche Größen in der Geschichte der Elfen. Überrascht war ich, dass auch die Feuerklinge Hathar, die Lemiran zeitweise führte, einen eigenen Charakter gehabt zu haben scheint. Die Menschen reden immer davon, dass geweihten Schwertern diese Eigenschaften zukommen, aber offenbar ist es ja vollkommen ohne den Einfluss einer Gottheit möglich sich dieser Macht zu versichern. Das werde ich mir gut merken. Und anwenden, sobald es geht.

3. Hintergrund und Stimmung

Hintergrund: Doppelplusprima. Gut eingewoben, was so alles passiert ist oder sein könnte und man lernt eine Menge über die Geschichte der Elfen. Besonders zu empfehlen ist übrigens in diesem Zusammenhang auch der Anhang, der sowohl aus Anmerkungen des ‚Übersetzers‘ als auch aus einem echten kleinen Nachschlagewerk besteht. Ich musste mehr als einmal schmunzeln, als ich den gelesen habe.

Stimmung: Ziemlich gut gelungen.

AAAABER nur, wenn man das Buch als ‚authentische‘ Übersetzung betrachtet. Kurz gesagt: die Stimmung kommt im Prinzip nicht auf. Alles ist irgendwie weit weg und wenig greifbar. Aber das muss ja so. Also kommt vielleicht doch Stimmung auf … ach Mensch, ist das schwierig zu bewerten. Neuer Versuch: Die Stimmung ist genau angemessen mitreißend für die Quelle. Hm. Vielleicht kommt so rüber, was ich meine.

Ich kenne die Lieder dieses Buches. Ich höre sie, wenn ich wieder in den Wald meiner Familie komme und lausche. In dem, was der Übersetzer hier schreibt, finde ich die Melodien, das mandra, meiner Kindheit wieder. Und auch das meiner Gegenwart und Zukunft. Alles im Sein ist verwoben und so wie die Geschichten in diesem Buch klingen, klingt auch heute noch ein Teil der elfischen Gesänge. Ich kann das hören.

4. Sprache und Stil

Die Übersetzung des sich selbst schreibenden Buches Faedhari wirkt authentisch und das so sehr, dass es fast etwas langweilig ist, es zu lesen. Das mag auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirken, aber tatsächlich ist das, meiner Meinung nach, das Grundproblem dieses Buches, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. An den Passagen des unbekannten Übersetzers erkennt man, dass der Autor durchaus anders kann und dass es sich um eine bewusste Entscheidung handelt, was ich beachtlich finde. Ich glaube, mir wäre es beim Schreiben schwer gefallen, diese Nummer der ätherisch-entfernten Singsprache des Buches immer beizubehalten und das verlangt mir Respekt ab. Auch kleinere Sachen, die an meinen Nerven gerieben haben, wie beispielsweise die Formulierung „er war es zufrieden“, gehören irgendwie einfach dazu. Und nur weil man die geschnitzten Verzierungen eines aufwändig gestalteten Möbelstückes anstrengend findet, heißt das ja nicht, dass man die Kunstfertigkeit und das Handwerk dahinter ungerühmt lassen sollte. Also komme ich im Bereich Sprache und Stil zu meiner eigenen Überraschung zu dem Schluss, dass dieser Teil des Buches gut gearbeitet ist – aber leider nicht meinen Geschmack trifft.

Nicht alles was der Übersetzer schreibt ist fehlerfrei in die Sprache der Menschen übertragen, da bin ich sicher. Aber der Grundklang der elfischen Worte bleibt erstaunlicherweise erhalten. Er schafft es die schnöde Sprache der Menschen zu nutzen, um auszudrücken, was nur ein Teil der Menschen überhaupt verstehen kann: Das Elf-sein.

5. Erzähltechnik (Perspektive, Erzähler usw)

Der ganze Roman ist, wie auch der Vorgängerband Aldarin, Teil der aventurischen Welt. Außerdem sind beide Bücher die Übersetzung des legendären selbstschreibenden Buches Faedhari.

Die Perspektive ist dementsprechend hauptsächlich elfisch, nämlich die des sich selbst schreibenden Buches, dessen Inhalt davon abhängt, welche Lieder noch von den Elfen gesungen werden, welche nicht mehr und welche neu hinzugekommen sind. Bei diesem Buch handelt es sich um einen allwissenden Erzähler und das macht irgendwie Sinn, wenn wir wieder von dem Buch ausgehen. Es ist alles gut gelöst, keine aufweichenden Perspektiven, keine anderen groben Schnitzer.

Einige Dinge ergeben sich aus der Natur des Faedhari von selbst, nämlich, dass häufiger lange Zeiträume übersprungen werden (was Sinn macht, da das Buch sonst eine ganze Menge mehr Seiten haben müsste) und im Prinzip werden nur Stellen beleuchtet, bei denen es bei Lemiran oder den Elfen selbst einen Umbruch gibt. Joa. Die Erzählweise ist nicht die Spannendste, das hatte ich ja schon erwähnt. Man hat eher den Eindruck, dass es, bei Kämpfen beispielweise, ein sinnbildliches Kämpfen ist, und nicht die wirklichen Kampfhandlungen beschrieben werden. Das passt gut zum Buch, sorgt aber nicht für Spannung. Ich wiederhole mich.

Die Sichtweise der Elfen ist für die wenigsten Menschen nachzuvollziehen, das habe ich in den letzten Jahren mehr als einmal schmerzhaft lernen müssen. Umso besser ist es, dass dieses Buch unsere Geschichte aus der richtigen Perspektive beschreibt. Ich denke, ich könnte es einigen meiner ‚Freunde‘ ausleihen, damit sie vielleicht die Spur einer Idee entwickeln, wie sich das Elfsein anfühlt und wie wenig sensibel sie der alten Geschichte und den Erfahrungswerten meines Volkes gegenüberstehen

6. Äußere Erscheinung

Ich hatte gehofft, auf dem Cover einen netten nackten Elf mit Eightpack und einem Tierchen vor dem Genital zu sehen. Leider habe ich den angezogenen Elf mit den kleinen Tieren, die ihm im Buch immer mal wieder begegnen und die einzelnen göttlichen Entitäten darstellen, und der coolen Feuerlanze vorliegen. Da das Bild wirklich schön ist, kann ich darüber aber gerade so hinwegsehen. Es sieht sehr gut aus und der Blick, den Lemrian dem Betrachter zuwirft, verrät, dass seine Reise nicht unbedingt gradlinig verläuft. Es sieht einfach hübsch aus und da es die einzige äußere Beschreibung ist, die wir jemals von Lemiran erhalten werden, sollte es auch entsprechend genossen und gewürdigt werden. Spätestens seit sämtlichen Mini-Bildern von Nadine Schäkel sollten wir wissen, dass sie das mit den Bildern echt gut macht, aber wer Zweifel gehabt haben sollte, wird hier eines Besseren belehrt.

Die enthaltene Aventurienkarte von Ralf Hlawatsch ist ebenfalls gelungen und stimmungsvoll und, wenn ich mich nicht irre, relativ häufig in Gebrauch. Dennoch sehr hübsch und übersichtlich. Lektorat und Buchlayout von Michael Fehrenschild und Ralf Berszuck sind gelungen. Ich habe keine groben Schnitzer in der Tippselei entdeckt und auch die Aufteilung der Seiten und Kapitel wirkt übersichtlich und organisch. Ich habe das Buch zum Großteil als Epub gelesen und die E-Book-Gestaltung fällt in Michael Mingers Bereich. Was stark auffällt ist, dass die elfischen Begriffe kursiv und hervorgehoben sind. Im Epub sorgt das irgendwie dafür, dass die Begriffe extrem hervorstechen und deutlich größer ‚gedruckt‘ sind, als der Rest des Textes, sodass ich mich von den Begriffen immer etwas angeschrien gefühlt habe. Aber das ist die einzige Kleinigkeit, die mir aufgefallen ist.

Kann man Elfenwörter brüllen? Als Epub vielleicht ...

Kann man Elfenwörter brüllen? Als Epub vielleicht …

Das Buch ist gut verlegt, würde ich meinen. Es ist klein und handlich und wird mich auf diversen Reisen begleiten, sobald ich es aus dieser Bibliothek … befreit habe. Ich schätze die Vorsicht gegenüber wichtigen Worten der Elfen, die unübersetzt geblieben sind. Unsere Sprache klingt einfach viel besser und auch treffender. Man kann eben nicht alles übersetzen.

Fazit

Man würde meinen, dass sich diese Rezension quasi von selbst schreiben würde (Ha!), aber genau das war leider nicht der Fall. Mir ist es, aufgrund der vielseitigen Möglichkeiten der Verwendung des Buches, sehr schwer gefallen, dieses es zu bewerten und ich denke, das zeigt sich auch in meiner Rezension. Alles in allem würde ich das Buch aber einigen Leuten empfehlen. Menschen, die Aldarin gelesen haben und es lieben, SpielerInnen, die für die Ausgestaltung ihres elfischen oder halbelfischen Charakters noch Inspiration suchen und MeisterInnen, die es einem Spieler als Quelle geben wollen. Ich persönlich weiß, dass ich Aldarin nicht lesen werde, einfach, weil es sich für mich als Roman nicht lohnt. Allerdings fände ich es auch schade, wenn man die Buchreihe nicht weiterverfolgen würde. Ich bin zwiegespalten.

Bewertung

Tja, jetzt habe ich den Salat: eine Bewertung muss her. Ich schau mal was die Einhörnchen machen. Aaalso. Ich beobachte neun insgesamt. Das ist ja schon einmal gut. Alle Stimmberechtigten sind anwesend. So. Jetzt sortiert euch mal… gut, kann losgehen. Zwei Einhörner haben den ‚Nachteil‘ elfische Weltsicht und finden das Buch klasse. Zwei weitere Einhörner sind Handwerker und schätzen die gelungene Arbeit eines Kollegen. Und wieder zwei Einhörner nutzen das Buch als Quellenband für ihre Rollenspielrunde. Die sind also pro. Wo sind die Contra-Hörner? Ah, da. Eines ist bei der Lektüre eingeschlafen. Hm. Ein anderes liest lieber ein Geschichtsbuch und ein drittes ist zweigespalten. Na super. Sagen wir mal 6,5 Einhörner. Aber weil ich auch zähle und an dem Buch (halbwegs objektiv) so überraschend wenig kritisieren konnte, obwohl es nicht mein Fall war, sagen wir, sieben Hörnchen. Puh. Das war eine schwierige Geburt.

Bewertung Einhorn 7Mit freundlicher Unterstützung in Form eines Rezensionsexemplars von der Ulisses-Spiele GmbH und dem F-Shop.

Nandurion dankt HummingBug ganz herzlich für ihren Ausflug zwischen die Seiten des Faedhari! Hier geht’s zur Comic-Galerie. Spoileralarm!

Über Vibarts Voice

1986 entwickelte Michael Gorbachow den Begriff "Glasnost" und die Raumfähre Challenger explodierte beim Start. Im selben Jahr wurde DSA Teil meines Lebens, und obwohl die UdSSR und das Space-Shuttle-Programm längst Geschichte sind, ist DSA noch immer zentraler Aspekt meiner Existenz. Ich spiele und meistere regelmäßig. Seit Mai 2012 bin ich darüber hinaus hier bei Nandurion tätig.
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