Liber Liturgium

Liber Liturgium Cover—Gastrezension von Kai Lemberg

Mit dem Liber Liturgium ist ein Sammelband für Wunder und göttliches Wirken in Aventurien erschienen, als liturgisches Äquivalent zum ‚Zauberband‘ Liber Cantiones. Der Klappentext verspricht „Götterwirken greifbar!“ und „ein unschätzbares Nachschlagewerk am Spieltisch – für Spieler und Meister des Schwarzen Auges gleichermaßen“.  Gerüchten zufolge (Nandurion passierte) sollen die ersten Reaktionen in den Foren dagegen eher negativ ausgefallen sein. Ich selbst bin auf den Band tendenziell positiv eingestimmt, da ich ein großer Fan bin von aventurischen Göttern, Geweihten und Gebeten. Mal schauen, ob der Liber Liturgium es am Ende unter die Mehrfach-Gehörnten schafft oder ob ich mich mit dem Kauf als der Gehörnte fühle.

Oculus: Optik und Eindruck

Der Liber Liturgium erscheint im A5-Format. Der dunkelbraune Kunstledereinband sieht gut aus und fühlt sich auch angenehm an. Der Aufdruck ist angenehm schlicht gehalten und die Goldoptik passt zum Thema. Der oben erwähnte Klappentext auf der Rückseite wurde ausgespart, was aber nur den unwissenden, potenziellen Käufer im Fachladen stören dürfte. Buchrücken und -deckel sind sehr stabil und zwei Lesebändchen helfen beim Nachschlagen. Das Papier ist halt Papier – ich würde es nicht meinem Sohn zum Spielen überlassen, aber eine nachhaltige Lektüre wird es überstehen (der Leser möge entschuldigen, dass ich mir als Laie kein fundiertes Urteil über die Qualität des Materials anmaße).

LL Hesinde SymbolAlle Seiten sind mit netten Ornamenten umrandet. Pfiffig finde ich dabei, dass die jeweils äußere, obere Ecke das Symbol der Gottheit aufweist, der die Seite zugeordnet werden kann. Und wo wir gerade bei den Symbolen sind: Die Göttersymbole wurden von der Illustratorin Janina Robben gekonnt aufgehübscht. Ulisses gewährt uns hier einen Einblick.

Animus: Überblick über den Inhalt

Das Buch umfasst 368 Seiten. Die Schrift ist angemessen groß. Fast jede Seite hat ihre eigene Überschrift (hauptsächlich halt eine Liturgie oder ein Referenzbogen). Beim Durchblättern fällt mir allerdings auf, dass trotz (oder gerade wegen) der raumfüllenden Optik viele Seiten nur zur Hälfte beschrieben sind und mit einem Ornament gefüllt wurden.

Ich sehe immer gerne über Schreibfehler hinweg, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schnell sich Tippfehler und falsche Rechtschreibung einschleichen. (Alleine in diesem Text sind W20 Fehler eingearbeitet. Wer sie findet darf sie ausschneiden und aufhängen.) Trotzdem ist mir der ein oder andere Ausrutscher aufgefallen, was bedauerlich ist, weil die Menge an neuem Material überschaubar war.

Die ersten 20 Seiten des Inhalts umfassen eine Wiederholung des Regelteils aus Wege der Götter. Signifikante Änderungen sind mir nicht aufgefallen.

Auf den nächsten 50 Seiten gibt eine Doppelseite pro Gottheit einen Überblick über Beinamen, Talismane, Heilige Tiere, Beliebte Opfergaben sowie Gesten & Gebete. Es folgt eine Auflistung der Mirakel und der Liturgien, geordnet nach dem Grad. Ich vermisse die Aspekte der Gottheiten, weil diese für mich das Wesen der Entität anschaulich umreißen. Sortiert sind die Gottheiten nach dem Alphabet (und auch der Namenlose ist eingegliedert).

Mit den Zwölf Segnungen beginnen die eigentlichen Ausführungen der Liturgien. Die ‚Alltagsgebete‘ der Geweihten des Zwölfgötter-Pantheons sind den übrigen Liturgien vorangestellt, was ich persönlich sehr begrüße. Ansonsten entspricht der Aufbau der Liturgien dem in Wege der Götter, mit der Ausnahme, dass nun Grad, Ziel und Reichweite vorangestellt werden, während die Art (also Allgemein oder Speziell) nachfolgend gesondert aufgeführt wird. Außerdem wird die Wirkungsdauer nun vor den Symbolen, Gesten, Gebeten beschrieben.

Nach dreizehn Seiten voller Segnungen widmet sich das Liber Liturgium nun auf über 250 Seiten ausgiebig den bekannten Liturgien, in alphabetischer Reihenfolge. Wie im Vorfeld angekündigt sind alle Liturgien aus dem Wege der Götter enthalten. Zusätzlich habe ich 26 neue Liturgien gezählt, die teilweise bereits in einem Vademecum veröffentlich wurden. Nach dem Zählen ist mir aufgefallen, dass die fleißigen Wiki-Geister mir die Arbeit schon abgenommen hatten. Eine Übersicht der neuen Liturgien ist im Wiki-Eintrag bereits ersichtlich. Nicht unterwähnt lassen möchte ich, dass auch die Dunklen Wunder des Namenlosen-Kults ausformuliert wurden.

Nach der Präsentation der offiziellen Liturgien lässt das Liber Liturgium 11 Seiten frei für Eigenkompositionen. Diese Seiten sind großzügig liniert und ansonsten nicht vorbelegt.

LL Boron SymbolZum Abschluss des Bandes folgt eine Übersicht der Liturgien, die wiederum alphabetisch sortiert ist. Im Gegensatz zu der detaillierten Liste in Wege der Götter ist in dieser Übersicht nur die Bezeichnung, ein eventueller alternativer Name, der Grad und die Seitenzahl im Buch aufgeführt. Ich hoffe, in einem bald erscheinenden Bonusmaterial von Ulisses wird die ausführliche Liste aus Wege der Götter ergänzt und zum Download angeboten. Besonders ärgerlich an der Übersicht ist aber, dass einige Varianten nicht aufgeführt sind. Als Beispiel sein genannt Heilung des Tampas (eine Variante vom Segen der Heiligen Noiona) und Nemekaths Bannfluch (eine Variante von Bishdariels Bannfluch).

Exsectio: Details

Nach einer ausführlichen Übersicht möchte ich auf einige Kleinigkeiten zu sprechen kommen, die mir bei der Erstlektüre ins Auge gesprungen sind.

Der Regelteil umfasst das, was zum Wirken einer Liturgie notwendig ist, nicht mehr! Informationen über Karmaenergie, Liturgiekenntnis oder Entrückung sucht man hier vergebens. Wer also einen Geweihten spielen möchte, wird um Wege der Götter nicht herumkommen.

LL Praios SymbolDie Schnellreferenzbögen umfassen alle aventurischen Gottheiten, die ihren Dienern Liturgien ermöglichen,  von Angrosch bis Zsahh. Mich wundert dabei, dass bei Boron noch der Stab des Vergessens aufgeführt wird, der vor Jahren bereits zerstört wurde. Auch die dazu passende Liturgie Borons süsse Gnade wird tapfer mitgezogen, obwohl die Boron-Geweihten sie seit fast 10 Jahren nicht mehr ausführen können. Schade, dass sie nicht inzwischen gelernt haben, wie die Waldmenschen ein Substitut zu verwenden. Als Ausgleich für das verlorene Artefakt der einen Kirche wurde bei Praios das inzwischen wiederentdeckte Ewige Licht weg gelassen. Letzteres vermutlich, weil der Liber Liturgium sich auf die Talismane beschränkt, die ein Geweihter herbeirufen kann. Klingt logisch, oder? Muss man nur wissen.

Beim Schnellreferenz-Bogen des Namenlosen sind mir gleich drei Schnitzer aufgefallen. Erstens werden keine neuen Liturgien für die Kulte des Rattenkindes eingeführt. Aus purem Egoismus erlaube ich mir mal, das als Fehler anzukreiden, auch wenn sich die holden Einhörner davon nicht beeindrucken lassen. Weniger erfreut wird die ‚Dunkle Seite‘ darüber sein, dass ihr alle Allgemeinen Liturgien abgesprochen werden. Selbst der olle Kamaluq kann in seinem Busch Objekte weihen und göttlich Strafen. Aber den Geweihten des Namenlosen wird weder die Indoktrination, noch Konsekration oder Ordination zugetraut? Was mir aber wirklich wehtut ist, dass beim Namenlosen die Mirakel vergessen wurden. Arrgh, böser Patzer!

Was an den bereits bekannten Liturgien im Detail verbessert wurde, kann ich im Einzelnen nicht erkennen. Ich habe mir bisher nicht die Mühe gemacht die einzelnen Formulierungen abzugleichen. Eine Verbreitung, wie sie inzwischen bei Zaubern, Sonderfertigkeiten, Rezepten und sonst allem üblich ist, wurde jedenfalls nicht ergänzt. Bei der Herkunft sind gelegentlich Orte genannt, bei denen man erraten könnte, dass die Liturgie dort zu lernen ist.

Der Objektsegen wurde verschlankt. Ob die Segnung von Ingredienzien für ein Ritual dem Geweihten aber einen Vorteil bringt, der den vorherigen KaP Aufwand rechtfertigen würde, konnte ich nicht erkennen. Wenn die Heldin oder der Held also nicht gerade einen Dämon mit gesegneten Lotosöl einreibt, hat die Liturgie im Spiel wohl keine regeltechnischen Auswirkungen.

Auch die Objektweihe wurde verschlankt. Und auch hier weiß ich noch immer nicht, was der Unterschied zwischen einer einfachen und einer zweifachen Weihe ist oder ob der Träger von einem Objekt, an die eine Liturgie gebunden wurde, zwangsläufig derjenige sein muss, der die Liturgie gewirkt hat. Vielleicht reicht ja ein anderer Geweihter oder ein Akoluth oder sogar ein Heide, um die gespeicherte Liturgie auszulösen, solange er sich an den Moralkodex der Kirche hält?

Bei den neuen Liturgien sind einige strahlende Kleinode zu finden, die mir richtig gut gefallen. Gerade die Anrufungen für Firun und Ifirn finde ich sehr gelungen. Andere Liturgien, wie Rahjalinas Farbenspiel, sind eher dem Flair gewidmet oder direkt als Abenteueraufhänger konzipiert, wie Reiches Land. Beides ist durchaus legitim. Daneben gibt es da noch die umstrittenen Liturgien. Ich persönlich finde es übertrieben, dass eine Grad-I-Liturgie drei wichtige Kampfwerte einschränkt. Und wie eine Rondra-Geweihte es vor der göttlichen Leuin rechtfertigt, dass sie unterstützend in einen Zweikampf eingreift, gleich „einer Walkürja mit Flügeln, Panzerhemd, Schild und Schwert“ (was aber keiner sieht, weil die Geweihte unsichtbar agiert), ist mir auch nicht ganz klar. Unterm Strich überwiegen für mich aber die positiven Beispiele.

Exitus: das Fazit

LL Phex SymbolDer Liber Liturgium präsentiert in einem Buch alle bekannten aventurischen Liturgien übersichtlich und optisch ansprechend. Damit liefert der Liturgien-Band den gleichen Standard wie der etablierte Liber Cantiones. Ärgerlich sind allerdings die vielen kleinen Nachlässigkeiten und mittelschweren Patzer, die den guten ersten Eindruck schmälern. „Ein unschätzbares Nachschlagewerk am Spieltisch“ wird der Liber Liturgium also frühestens in einer zweiten, korrigierten Auflage.

Die vielen halbleeren Seiten machen das Buch nicht teurer, aber an einigen Stellen wären ausführlichere Anmerkungen, erklärende Hinweise oder zusätzliche Stimmungstexte sicher hilfreicher gewesen, als die x-te Vignette. So bleibt der schale Beigeschmack, dass Liturgien gegenüber den inzwischen gut ausgebauten Zaubern immer noch hinterher hinken.

Was ich aber als größtes Manko beim Liber Liturgium ansehe, ist die verpasste Chance, die Spieler einzubinden, um brauchbare Liturgien zu generieren. Ulisses hätte ein kleines Gewinnspiel starten können, bei dem alle Interessierten ihre Ideen für neue Liturgien einreichen können. Die zehn besten Einsendungen hätten den neuen Band sicher bereichert und dem Verlag viel Ärger erspart.

So, zum Abschluss wollen wir dann aber die Herde zusammentreiben und schauen, was am Ende übrig bleibt. Das Lektorats-Einhorn hat es heute nicht zur Auswertung geschafft, weil es Überstunden bei den fast schon obligatorischen Fehlerkorrekturen  machen musste. Das Anstreicher-Einhorn malt die vielen, vielen Vignetten auf den halbleeren Seiten aus. Und das Schlaubi-Einhorn ist damit beschäftigt, für Nandurion brauchbare Liturgien bei den Spielerinnen und Spielern einzusammeln. Bleiben sechs Einhörner übrig, die den Liber Liturgium begeistert verschlingen (und gemächlich wiederkäuen).

Bewertung Einhorn 6

Anmerkung von Nandurion: Die Behauptung, dass Einhörner zu den Wiederkäuern gehören, ist völlig absurd und wird aufs schärfste zurück gewiesen! Sollten jedoch gegenteilige Beweise an uns herangetragen werden, machen wir uns selbstverständlich für eine Regeländerung unter DSA5 stark.

Über Feyamius

Mein Name ist Daniel und ich spiele seit 1995 DSA, etwa seit dem Umstieg auf DSA4 größtenteils als Meister. Ich bin seit Herbst 2010 ein Nandurion-Blogger und Ansprechpartner für Simias Werkbank.
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4 Kommentare zu Liber Liturgium

  1. w21 sagt:

    Grundsätzlich finde ich die Idee eine Rezension für das Buch zu schreiben in Ordnung, obwohl ich sagen muß deine hat keinen Mehrwert für die bisherige Diskussion.
    Der Text vom Passierschlag auf diesem Portal ergibt mehr und geht auch tiefer.
    Wenn man dein Fazit so liest, hätte ich jetzt gesagt 4 von 9 Punkten.
    Deine „tendenziell positive“ Einstellung scheint sich ja bis zum Schluß gehalten zu haben…

    Wie eine wirklich gute Rezension zu diesem Werk auszusehen hat, sieht man unter http://www.wiki-aventurica.de/wiki/Liber_Liturgium – ganz unten findet sich ein Text von Theaitetos, mit dem griffigen Titel: „Liber Nicht“.

    • Kai Lemberg sagt:

      Hallo w21,

      danke für den Hinweis auf Theaitetos Sichtweise. Gerade die Gegenüberstellung des alten und neuen Aufbaus finde ich sehr gut.

      Für mich bleibt der Liber Liturgium aber eine Sammlung der bekannten Liturgien in einem Band. Das war die Intention des Bandes und das ist demnach für mich auch das Hauptbewertungskriterium.

      Die „neuen“ Liturigen sind Beiwerk. Wer das Buch kauf, nur weil er sich auf 24 neue Liturigien freut, macht ohnehin etwas falsch. Richtig ist , das auch Beiwerk in die Gesamtbewertung gehört, aber eben nur zu einem angemessenen Teil. Insofern bin ich froh keinen neuen Zündstoff für die bisherige Disskusion zu liefern, die zwar in sich richtig und wichtig ist, meiner Meinung nach aber in Foren besser aufgehoben ist als in Blogs.

      Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

    • Cifer sagt:

      Ich bitte um einen Link zur DIN für ordentliche Rezensionen. Hast du grad nicht? Merkwürdig, ich auch nicht. Insofern wäre es vielleicht angebracht, nicht gar so absolut zu schreiben, wie eine Äußerung über ein Werk auszufallen hat.

      Mit den 6 von 9 gehe ich nach der Beschreibung zwar auch nicht konform (dafür hätte das Werk zumindest den regeltechnischen Teil von WdG komplett abdecken müssen), aber Geschmäcker sind halt verschieden.

  2. Xeledon sagt:

    Ich finde diese Rezension hier wesentlich nachvollziehbarer, unvoreingenommener und damit auch besser als jene verlinkte von Theaitetos, der in meinen Augen vor allem seinem Unmut darüber, dass das Produkt nicht seinen ganz persönlichen Vorstellungen entspricht, Luft verschaffen musste. Aber so ist das halt mit Meinungen, jeder hat da seine eigene. *Achselnzuck*

    Für mich las sich der Text von Kai auch eher so, als würden da nochmal W3 Punkte weniger drunterstehen, aber da ich zu der offensichtlich immer seltener werdenden Sorte Mensch gehöre, die mehr wert auf den Text einer Rezension legen als auf den Punktewert, auf den das am Ende runtergebrochen wird, stört mich das auch nur äußerst peripher.

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