Die Phileasson Saga – Schlangengrab

Im November 2018 erscheint mit Totenmeer der sechste Band der zwölfteiligen Saga um das legendäre Wettrennen zwischen den beiden größten Drachenführern der jüngeren thorwalschen Geschichte. Für mich willkommener Anlass, die Lücke meiner Rezensionen zumindest zu verkleinern und mir das letzte Abenteuer der nordischen Recken, das Schlangengrab, noch einmal anzuschauen.

»Es wird kommen der Tag, an dem sich die Kinder der Hranngar aus den Fluten der Meere erheben und ihre schrecklichen Schlangenleiber an Land wälzen, um Städte zu zermalmen. Selbst die Geringsten unter den Kindern der Dämonenechse, die sich schon in diesen Tagen unruhig in den Abgründen der Meere winden, können mit ihren Leibern die gewaltigsten Schiffe zerdrücken wie übermütige Kinderhand die Schale eines Eis.
Verschafft euch den unversehrten Reißzahn einer Seeschlange! Er gewährt euch Schutz in der Stunde, da keine Waffe von sterblicher Hand euch noch zu retten vermag. Vor der Ostküste Maraskans, das Meer durchpflügend, werdet ihr finden, was euch bestimmt ist.
«

Das spektakuläre Umschlagsbild des Bandes lässt keine Zweifel offen, mit wem es die Recken dieses Mal zu tun bekommen. Nachdem man zuletzt lange über Land unterwegs war, geht es für beide Ottajaskos wieder zurück an Bord eines Schiffes. Die Jagd nach dem Zahn einer Seeschlange ist ein wahrhaft tollkühnes Abenteuer und sicher eines Königs der Meere würdig. Wofür diese Trophäe womöglich noch gut sein wird, wird sich in diesem Band noch nicht zeigen. Klar ist jedoch, dass der Kampf gegen eine Seeschlange gewissermaßen die Krönung eines Thorwalerlebens darstellt. Denn die riesigen Monster der See sind lebendiges Abbild der schrecklichen Schlange Hranngar, dem ewigen Widersacher des Gottwals Swafnir.

Prolog für einen Helden

Wie immer leuchten die beiden Autoren in ihrem sogenannten Prolog den Hintergrund einer Hauptfigur aus. Nachdem diese Kurzgeschichten in den bisherigen Bänden oft gemischte Reaktionen provozierten, wage ich zu behaupten, dass Schlangengrab hier nur wenige Kritiker finden wird. Kein Geringerer als Beorn Asgrimmson steht im Mittelpunkt dieser Hintergrundgeschichte. Eine Plünderfahrt in den Süden gerät zur Katastrophe, als al’anfanische Piratenjäger die Flotte aufbringen und den Thorwalern eine empfindliche Niederlage beibringen. Wir erleben, wie Beorn sein Auge verliert und durch die Plünderung Porto Paligans unsterblichen Ruhm erlangt. Auch die eigenwilligen Ehrbegriffe mancher Nordmänner, die Morden und Plündern als Brotwerwerb betreiben, spielen hier eine Rolle.

Beorn Asgrimmson gewinnt in dieser Geschichte nicht nur an Profil. Hier wird auch das Bild eines starken Anführers gezeichnet, der in jungen Jahren schon über das Charisma und die Willensstärke verfügt, einen verlorenen Haufen Piraten zu einer erfolgreichen Streitmacht zu formen. Kaum ein Leser wird Beorn nach dieser Lektüre nur als simplen Schlagetod abtun. Zu seinen Gefährten zählt bereits in dieser frühen Phase die verdammte Rächerin Zidaine Barazklah. Ihre effiziente Brutalität und Rücksichtslosigkeit zeigt sich hier genauso wie vier Jahre später. Beorns Erfahrungen und Kontakte im Perlenmeer werden natürlich in der Gegenwart des Jahres 1007 BF wieder eine Rolle spielen.

Ein Kapitän ohne Schiff

Während Beorn in Ilsur seine alten Kontakte anzapft, um wieder mobil zu werden, hat Asleif Phileasson in Mendena Probleme ein passendes Schiff zu finden. Auch wenn die Anleihen bei Moby Dick in der Romanversion der Geschichte deutlich zurückgefahren werden, so bleibt die Episode auf dem Haijäger Sturmvogel dennoch eine spannende und nervenaufreibende Sache. Während Beorn schon Ausschau nach den Seeschlangen hält, liefert sich des Foggwulfs Mannschaft noch Duelle mit den ebenfalls nicht ungefährlichen großen Haien.

Thorwaler gegen Hranngar-Gezücht. Das wohl! (Bild von Nadine Schäkel)

Beide Autoren nutzen die Abschnitte für die Etablierung neuer Themen und Aspekte. Beorn muss es gelingen eine neue Mannschaft zu schmieden und genügend Schlagkraft auch für die künftigen Aufgaben zu entwickeln. Mit der Hexe Dolorita und ihrem Partner Orelio kommen dafür zwei neue Figuren mit an Bord. Die längeren Passagen um Asleifs Ottajasko stellen weniger den Kapitän, als vielmehr Figuren und Besonderheiten der Zeitgeschichte in den Mittelpunkt. Mendena fühlt sich in präborbaradianischer Zeit natürlich noch völlig anders an, als es der heutige DSA-Leser gewohnt ist. Die Seeadler von Beilunk unter ihrem auch hier schon berühmten Kapitän Rateral Sanin XII. hat einen kurzen Cameo-Auftritt. In weiteren Szenen treffen wir den maraskanischen Freibeuter Kodnas Han, einen zerstreuten Rakorium Muntagonus samt jugendlichem Assistenten von Puspereiken und Boran.

Ja Boran die Heilige, die vielleicht dichtbesiedeltste Stadt Aventuriens (und Maraskans). Robert Corvus lässt es sich nicht nehmen, wenigstens eine der beiden Ottajaskos über die vermutlich wunderlichste Insel Deres zu schicken. Wir erleben maraskanische Kultur, maraskanisches Essen und verrückte Bewohner der Insel voller Giftmischer und  Meuchelmörder. Später geht es durch den Dschungel voller giftiger Pflanzen und Tiere, wir erleben den Tod durch eine Maraske und freuen uns daran, dass die Welt schön ist. Kein Tempelbesuch war je so erhellend und zugleich so verwirrend, wie Praioslobs Besuch im Tempel der göttlichen Zwillinge zu Boran. Und das Herz des Maraskanfreundes jubiliert umso mehr, als ein paar Reisende in einer Kneipe von unheimlichen Starrern als Kothaufen tituliert werden. Kurzum, die Reise nach Maraskan ist eine ungeheuerliche Bereicherung für die Geschichte. Aventurienkenner kommen hier ebenso auf ihre Kosten wie völlig unerfahrene Fremdijis.

(K)Ein Ende des Schreckens

Das Finale spulen die beiden Autoren dann wieder sehr gekonnt herunter. Beorn liegt erneut vorne und zeigt wieder einmal was in ihm steckt. Und wie es sich für eine solche Fahrt gehört, gibt es auch weitere Verluste zu beklagen. Der Foggwulf holt dennoch wieder auf und kann mit seiner bunten Truppe und einer gehörigen Portion Glück schließlich wieder gleichziehen. Mir persönlich haben diese Szenen sehr gut gefallen. Immer wieder finden sich Andeutungen ungekannter Schrecken und das Kopfkino spult ständig bekannte Elemente in neuem Gewand ab.

Nach so viel Lob muss jedoch auch ein Punkt erwähnt werden, der sich für mich nicht immer unproblematisch darstellt. Bereits in den letzten Bänden wird dem geneigten Leser aufgefallen sein, dass die personelle Besetzung der Geschichte einen beträchtlichen Umfang angenommen hat. Figuren kommen und gehen und manche bleiben über lange Zeit im Hintergrund. Asleifs zusammengewürfelte Gauklertruppe erscheint mir manchmal zu ausgefranst und wenig fokussiert für eine solch epische Herausforderung. Bei der Suche nach einem neuen Schiff in Mendena kommen dem Drachenführer auch erstmals Zweifel, ob seine wandernde Selbsthilfegruppe mit Kind, verrücktem Zauberer, philosophischen Elfen und allerlei anderen schillernden Gestalten tatsächlich die richtige Wahl war. Dennoch gelingt es Robert Corvus eine Reihe von schönen Szenen zu schreiben, die zumindest einzelne Figuren angemessen in Szene setzen.

Hat auch beeindruckende Zähne. (Bild von Nadine Schäkel)

Noch schwieriger hat es sein Co-Autor mit Beorns Ottajasko. Teile der Mannschaft bleiben eher blass. Man könnte durchaus vermuten, dass dies auch an der hohen Verlustrate liegt. Manche Figur hatte gerade erst an Format gewonnen, als sie schon zu Boron fahren musste. Zwei Figuren bringen dagegen ganz andere Probleme mit sich. Zum einen wäre da die stets für eine Überraschung gute Lenya/Pardona. Bernhard Hennen sieht sich hier mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert eine Figur zu inszenieren, deren übermenschliches Machtpotential und schicksalhafte Geschichte sie menschlichen Maßstäben eher entwöhnt haben. Technisch gesehen kann man Hennen hier nichts vorwerfen. Ich werde mit der Darstellung dieser ultimativen Antagonistin dennoch nicht so ganz warm. Der Nervfaktor ist einfach zu groß. Eine Schurkin dieses Formats sollte meines Erachtens mehr zu bieten haben, als hier zu sehen ist. Natürlich muss ich mir aber vorwerfen lassen, dass diese Enttäuschung schlicht aus den Unterschieden zu meinem über zwanzig Jahre gewachsenen, persönlichen Bild der finsteren Hochelfe herrühren mag.

Die zweite Figur ist die dunkle Rächerin Zidaine Barazklah. Von Anfang an ein kontroverses Element der Saga, sind meine Bemühungen, sie als Bereicherung der Geschichte zu empfinden, nicht wirklich weit gediehen. Meine Abneigung gegen ihre ganze Geschichte, ja mein Desinteresse an ihrem weiteren Schicksal mag man als persönlichen Geschmack ohne breitere Substanz abtun. Auch kleinliche Anmerkungen zur Glaubwürdigkeit der Inszenierung lassen sich leicht mit Verweis auf die künstlerische Freiheit der Autoren abwehren. Schwer zu ertragen finde ich es jedoch, wie die seelenlose Mörderin immer wieder im Mittelpunkt der Erzählung steht und anderen Figuren den Raum für eigene Entwicklungen nimmt. Immerhin deuten die Autoren in Schlangengrab nun eine weitere Eskalation der Geschichte an. Sollte Totenmeer hier endlich liefern, so wäre die Geschichte der geschundenen jungen Frau immerhin für ein spannendes Finale gut und könnte womöglich sogar als Katalysator für die Entwicklung anderer Figuren dienen.

Fazit

Mit Schlangengrab inszenieren Bernhard Hennen und Robert Corvus ein weiteres Abenteuer der epischen Phileasson-Saga. Sonne über den Segeln und Salzwasser unter dem Kiel, liefern sich die beiden Ottajaskos unter Thorwals größten Drachenführern erneut ein spannendes Rennen. Nervenaufreibende  Duelle mit den Haien des Perlenmeers und die Begegnung mit waschechten Seeschlangen fordern unsere Helden bis an ihre Grenzen. Die kulturelle Explosion der Insel Maraskan bildet das zweite Leitthema dieses rasanten Abenteuers. Der umfangreiche Cast der Saga bringt jedoch auch Probleme mit sich, die für meinen persönlichen Geschmack nicht immer zufriedenstellend gelöst werden.

Dennoch gehört der fünfte Band der Saga für mich definitiv wieder zu den stärkeren Bänden. Heldenhafte Seefahrer, übermenschlich große Aufgaben, finstere Geheimnisse und knallbunte Schauplätze bilden die Zutaten für ein klassisches Abenteuer im besten Sinne. Hoffen wir, dass unsere Helden von diesen Erfolgen zehren können, bevor sie sich in die Schrecken des Totenmeers stürzen. Wer ähnliche Begeisterung für die Kernmotive aus Moby Dick und maraskanischer Schönheit aufbringen kann wie ich, der darf für seine ganz persönliche Wertung vermutlich noch ein Einhorn hinzufügen.

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