Gastrezension: DSA-LARP-Regelbuch

Gastrezension von Natalia Melnikova

DSA-LARP-RegelwerkDas DSA-LARP-Regelwerk wurde von Mháire Stritter und Nico Mendrek geschrieben, im Herbst 2017 durch Crowdfunding finanziert und 2018 ausgeliefert. Dabei soll das Regelwerk den “kleinsten gemeinsamen Nenner” für diverse Orgas darstellen, um unterschiedliche Spielphilosophien zu vereinen, aber auch um nahtlose Übergänge zwischen Cons der offiziellen Aventurien-LARP-Kampagne zu ermöglichen.

Doch ist das eigentliche Regelwerk nur ein Teil des Bandes. Dieser beinhaltet außerdem zahlreiche Erklärungen und Tipps zum Live-Rollenspiel, Anekdoten, Tipps für junge Orgas und Plots zum Nachspielen. Außerdem existiert das Regelwerk im Tandem mit dem separat erwerbbaren und im Spiel direkt In-Time einsetzbaren Gebets- und Zauberbuch, welches nicht Teil dieser Rezension ist.

Auftakt

Im Gegensatz zum P&P am heimischen Tisch, erleben Rollenspieler ihre Abenteuer im LARP hautnah. Sie selbst schlüpfen in eine Magierrobe, schwingen das Schwert und erteilen Segnungen. Sie nehmen aventurisches Flair mit allen Sinnen wahr und haben so die Möglichkeit, in diese fantastische und dennoch vielen so vertraute Welt ganz einzutauchen.

Dabei soll allerdings ein gewisses Umdenken stattfinden. Was im P&P durch Würfeln und Beschreibungen gehandhabt wird, muss im LARP glaubwürdig dargestellt werden: Die Gewandung muss passen, die Wortwahl und die Attitüde – hier hilft kein Vorteil, der auf dem Heldenbogen notiert ist. Hier gibt es keine eingeschworene Heldengruppe, die im Zentrum des Geschehens steht, sondern bis zu 100 Spieler, die gemeinsam die Geschichte gestalten.

Auf diese und andere Unterschiede wird am Anfang des Bandes eingegangen. Auch die gängigen LARP-Begriffe werden knapp erläutert. Gerade für Spieler, die den Schritt von P&P zum LARP zum ersten Mal wagen oder diese Perspektive erst ausloten, werden diese Ausführungen sicher helfen, sich besser vorzustellen, wie LARP im Allgemeinen funktioniert.

Des Pudels Kern: Das Regelwerk

Mháire als Rahjani.

Eine der wichtigsten Design-Vorgaben war für die Autoren, ein Regelwerk zu erschaffen, das den Spielfluss nicht stört, ja sogar komplett unbemerkt bleibt, und sich mit anderen Regeln bzw. Spielphilosophien, wie dem “Du kannst, was Du darstellen kannst”-Ansatz (DKWDDK), vereinen lässt. Dies wird dadurch erreicht, dass man stark auf den gesunden Menschenverstand, Vertrauen, gegenseitige Fairness und Rücksichtnahme setzt.

Alles, was in diesem System mit Zahlen zu tun hat, läuft ausschließlich im Kopf der jeweiligen SpielerInnen ab. Dabei wird es selbstverständlich deutlich weniger und mit deutlich kleineren Zahlen gerechnet, sodass es mit keinem großen buchhalterischen Aufwand einhergeht. Auf das laute Aufsagen von Ergebnissen, sog. “Telling”, sei es Schaden oder Qualitätsstufen, wird komplett verzichtet.

Immer wieder wird betont, dass die Darstellung und schöne Atmosphäre stets Vorrang haben. Was man nicht durch die Regeln lösen kann, soll man durch Darstellung hinbekommen. Was man nicht darstellen kann, kriegt man auch durch seine “eingekauften” Fähigkeiten nicht gebacken.

Apropos Einkaufen: Im Grunde funktioniert das System recht ähnlich wie das P&P-DSA: Zur Charaktererschaffung gibt es Abenteuerpunkte – 12 oder mehr, nach Absprache und Ermessen der Orga –, die für den Erwerb gewisser Fähigkeiten und Ressourcen, wie Lebensenergie, Karma- und Astral-Energie, eingesetzt werden. Zauber und Liturgien kosten zum Beispiel sowohl zum Erlernen als auch beim Einsatz zwischen 1 und 3 Punkte, welche dann vom jeweiligen Punktepool abgezogen werden. Es gibt recht einfache Regelungen für den Kampf – Schaden je nach Waffe 1-2 Punkte – sowie zur Heilung und Regeneration. Soweit so klar, nicht unvertraut und recht eingängig.

Kampf an einer Engstelle.

Ziemlich ungewöhnlich ist die Handhabung der profanen Talente und der Talentpunkte (TaP). Es wird zwischen passiven, aktiven und punktepflichtigen Talenten unterschieden.

Punktepflichtige Talente sind besondere Fähigkeiten wie Meditation, Zähigkeit und Seelenkraft, deren Einsatz ähnlich wie Magie funktioniert. Es gibt also gewisse Kosten, mit welchen der Einsatz dieser Talente einhergeht.

Der Rest sind ganz normale profane Talente. Man kann allerdings dafür die aktiven Talente mit TaP aus seinem TaP-Pool – so man sich einen angelegt hat – ausgeben, um eine bestimmte Handlung verbessert durchführen zu können: schneller, effektiver, eindrucksvoller.

Der Hintergedanke: man wollte auch profanen Charakteren Möglichkeiten zum Glänzen geben. Ganz grob entspricht diese Regelung dem Einsatz von Schicksalspunkten (SchiP) im P&P-DSA. Ob das nun in der Praxis so richtig funktioniert, müssen wohl LARPerInnen aus eigenen Erfahrungen berichten. In der Theorie klingt das gleichzeitig nett und löblich, aber auch irgendwie unnötig? Denn wenn alles auf die schöne Darstellung hinausläuft, ist es am Ende nicht egal, welche Talente auf einem irgendwo versteckten Zettel stehen und was sie gekostet haben?

Eigentlich lässt sich die letztere Frage auf das gesamte Regelwerk ausweiten. Wenn die Darstellung stets den Vorrang hat; wenn der gemeinsame Nenner das gemeinsame, rücksichtsvolle und stimmige Spiel ist; wenn alle Regel sowieso auf Vertrauen und Eigenverantwortung basieren, dann … wozu das Ganze?

Für diejenigen, die auf diese Frage mit einem entschlossenen Schulterzucken reagieren, ist im Regelwerk gesorgt: Der DKWDDK-Ansatz wird auf wenigen Seiten als Alternative zu dem Punkte-System erklärt, inklusive Tipps für Charakterauswahl und den Spielfluss.

Schmückendes Beiwerk: Details, Optionen und Spieltipps

Bei den Hesindedisputen.

Auf den folgenden 20 Seiten wird es bunt. Zunächst wird auf ein paar besondere Spielsituationen eingegangen und wie diese im LARP gelöst werden können. Dann folgen diverse Spieltipps. Etwas willkürlich scheint die Trennung zwischen Tipps für Einsteiger und Fortgeschrittene zu sein, sind die Inhalte doch eigentlich für alle recht eingängig und liefern durchaus wertvolle Informationen und Denkansätze.

Insgesamt wirkt die Struktur dieser Abschnitte etwas beliebig, wo manche Inhalte wieder aufgegriffen werden, die schon woanders angesprochen waren. So werden die Themen Heilung, Zauberei und das Dieben – das In-time-Stehlen – doppelt und dreifach im Buch angesprochen.

Die Extras

Das Kapitel “LARP-Anekdoten”, welches als Bonusziel in der Crowdfunding-Kampagne freigeschaltet wurde, dürfte mit das unterhaltsamste sein. Die Autoren plaudern aus dem Nähkästchen und schildern amüsante, bedauerliche und lehrreiche Vorfälle aus der eigenen 15-jährigen LARP-Erfahrung.

Abschließend folgen Kapitel, die für die meisten (angehenden) LARPer wohl eher von theoretischem Interesse sein dürften: Tipps für junge Orgas und einige LARP-Plots zum Nachspielen.

Die Aufmachung

Das Regelwerk kommt in einem handlichen A5-Format daher, ist 200 Seiten stark, vollfarbig und weckt gleich Interesse durch zahlreiche Fotos von echten Cons, wie die LARP-Veranstaltungen genannt werden. Da es auf DSA5 basiert und von Ulisses Spiele herausgebracht wurde, überrascht es nicht, dass auch das Layout und Design den anderen aktuellen Das Schwarze Auge-Publikationen recht ähnlich sind.

Fazit

Julia und Max stützen sich gegenseitig.

Als P&P-Rollenspielerin, die sich gerade ins neue Hobby LARP stürzt, passe ich wohl ziemlich genau in die Zielgruppe des Bandes. Bisher war ich nur auf einigen wenigen ambientelastigen, plotarmen DKWDDK-Cons unterwegs und hatte nie das Bedürfnis verspürt, irgendwelche Aspekte meines Charakters mit Punkten bzw. eine Spielsituation regeltechnisch abzubilden. Der Mehrwert eines punktebasierten LARP-Regelsystems bleibt für mich somit erstmal begrenzt, was allerdings an mangelnder Erfahrung liegen kann.

Ungeachtet persönlicher Präferenzen, schätze ich das Regelwerk doch als recht einfach, flexibel und unauffällig. Ist das gegenseitige Vertrauen und Rücksicht zwischen SpielerInnen gegeben, werden die Regeln wohl auch ihren Zweck erfüllen.

Außerdem ist der Band eine gute erste Anlaufstelle für LARP-Einsteiger. Es werden hier die wichtigsten Prämissen und Prinzipien des Live-Rollenspiels in Aventurien gut vermittelt. Gerade als ein eingefleischter P&P-ler bekommt man Einblicke in diese “schöne neue Welt” und weiß, worauf man sich einlässt, was man in etwa von anderen erwarten kann und wie man sich selbst anstellen soll.

Ein Einhorn fühlt sich durch das Punktesystem und die Orga-Kapitel nicht angesprochen, während ein anderes immer noch in den Spieltipps hin und her blättert. Die anderen sieben Einhörner basteln schon fröhlich Gewandung und machen sich bald zu ihrer ersten Con auf.

Natalia schreibt über sich, dass sie und Rollenspiel eine Liebe auf den ersten Blick war. Einmal Freunden beim DSA-Spielen ein paar Stunden zuzusehen und selbst eine kleine NSC-Rolle zu übernehmen haben schon gereicht. Mittlerweile spielt sie seit mehr als 7 Jahren DSA und kann immer noch nicht genug davon haben, was sich in unterschiedlichen Aktivitäten neben dem klassischen Pen-&-Paper-Spiel (P&P) ausprägt. Dazu gehört seit 2019 eben auch DSA-LARP und damit rechnet sie sich als Einsteigerin nun selbst zur Kernzielgruppe des Regelbands. Die vorliegende Gastrezension ist neben Interviews und anderen DSA-Rezensionen dort auch als Video auf ihrem Kanal erschienen.

» Zum Rezensionsvideo

Wenn ihr auch eine Gastrezension einreichen möchtet, lest hier weiter.

Die Bilder der LARP-Szenen dürfen wir netterweise von AugederGasse.de verwenden. Unser Dank dafür geht an Christian Wagner und Nico Mendrek.
Nandurion dankt der Ulisses Spiele GmbH für das Rezensionsexemplar!

 

Über Nottel

Nottel heißt Michael, Jahrgang 79, und wohnt am Bodensee. Seit 93 stromert er als Spieler und Spielleiter mit Gleichgesinnten durch fantastische Gedankenwelten. Zunächst in Aventurien und dem Riesland, später in der Dark Future, der Welt der Dunkelheit, im Trinity Universum und dringt in Galaxien vor, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
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5 Kommentare zu Gastrezension: DSA-LARP-Regelbuch

  1. Pingback: Rezension der LARP-Regelwerks bei Nandurion – Nuntiovolo.de

  2. sirius sagt:

    Erstmal Danke an Natalia für den großartigen Beitrag. Für Gastbeiträge sind wir von der Redaktion immer sehr dankbar. Ich persönlich habe den Text mit großem Interesse gelesen, da ich noch nie bei einer LARP war. Das liegt daran, dass ich eher der klassische PnP-Spieler bin. Ich mag zwar Tabletops und Kartenspiele mit Fantasy-Themen, aber LARP ist nicht so wirklich mein Fall. Daher habe ich mal in der Redaktion rumgefragt, wie es so aussieht mit LARP-Erfahrungen. Und siehe da: Etwa die Hälfte der Redaktion war schon bei einer LARP. Eine Redaktionskollegin berichtete sogar, dass wegen ihr schon mal ein „Endkampf“ abgebrochen werden musste. 😉
    Wie sieht es denn so bei unseren Lesern aus. Seid ihr LARPer oder eher klassische PnP-Spieler wie ich?

    • Fenia Winterkalt sagt:

      Ich habe keine Ahnung wer diese trottelige, anonyme Kollegin ist, die eine Stachelkeule (Weich und sicher) jemandem ins Gesicht gehauen hat, weil sie mehr als Fuchteln nicht beherrschte.. aber ich bin mir ziemlich sicher das der Endkampf nur unterbrochen wurde und danach weiterging!
      Außerdem bin ich auch recht sicher das sie dem armen Mann später einen Schwarzwurzelsaft ausgegeben und sich richtig doll entschuldigt hat.

      • Derya Eulenhexe sagt:

        Wie mir gerade auffällt, ist Anonymität auf weiblicher Redaktionsseite bei unserem Hengstüberschuss eh nicht gegeben. Die Täterin warst entweder du oder ich. 😉 Ziemlich gute Wettbedingungen würde ich sagen.

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