Rezension: Boron-Vademecum

So soll es laut Netz also aussehen ...

So soll es laut Netz also aussehen …

Klein-schwarz-stark: Das Boron-Vademecum macht äußerlich keine Kompromisse und versucht erst gar nicht, mit der Farbigkeit der restlichen Reihe zu konkurrieren. Tatsächlich hatte ich jüngst in der U-Bahn Angst, man könnte mich mit einem katholischen Theologiestudenten älterer Provenienz verwechseln, als ich einige Seiten in dem Büchlein mit dem beschwingten Boronsrad auf der Fahrt schmökerte. Den Zwölfen sei Dank – denn das Büchlein ist so viel schicker, als es die Netzversion des Covers vortäuscht. Ob es aber darüber hinaus gelingt, mit der schweigsamsten Kirche auf dem Dererund ein ganzes Vademecum zu füllen? Mit dieser Frage ging ich in die Lektüre.

Heraus komme ich mit einer Antwort: Ja! Durchaus reiht sich das Vademecum in die ja insgesamt gut bewertete Reihe der zwölfgöttlichen Wegebändchen ein und macht dem stillen Gott wenig Schande, aber viel Ehre.

... und so sieht es in Wirklichkeit aus. Ähnlichkeiten mit anderen Büchern sind rein zufällig.

… und so sieht es in Wirklichkeit aus. Ähnlichkeiten mit anderen Büchern sind rein zufällig.

Wie funktioniert ein solches einheitliches Buch in einer Kirche, die mindestens so zerstritten in eine Nord- und Südschiene zerfällt wie diverse irdische Volksparteien? Es geht durchaus, und zwar, weil die geistigen Mütter und Väter der Spielhilfe sich ein kluges Schreibkonzept haben einfallen lassen: Das Autorenteam bedient sich eines Kniffes, und macht   einen gewissen Xeliander von Chetoba zum derischen Autor der Geweihtenspielhilfe, seines Zeichens älterer Ordensbruder bei den Noioniten – und damit hinreichend neutral und entspannt, was seine streitlustigeren Brüder und Schwestern in der Kirche betrifft, die sich schwerpunktmäßig mehr gen Punin oder Al’Anfa verneigen. Über diese Perspektive können sowohl die Eigenheiten der Puniner Kirche als auch der südaventurische Boronkult dargestellt werden, ohne dass die Erzählinstanz Position beziehen muss und das Büchlein einseitig wird. Damit taugt es für Borongeweihte jedweder Couleur bzw. Schwarzschattierung.

Einziges Manko dabei: Man erfährt zwar, was beide Kulte anders sehen und machen, wo ihre Unterschiedlichkeit liegt, und das macht das Vademecum durchaus gut. Man erkennt aber nur noch ansatzweise, was man eigentlich in beiden Flügeln gegeneinander hat und in welchen Fragen man sich spinnefeind ist. Hier wäre noch ein Exkurs schön gewesen, eine Art Streitgespräch, in dem sich zwei Hardcore-Theologen beider Seiten so richtig gegenseitig widerlegen wollen, um auch diesen Aspekt der beiden Kirchen zu verdeutlichen. Quasi Luther und Eck auf aventurisch. Auch fehlen mir einige Ausführungen zur Kirchengeschichte und wie es zur Spaltung überhaupt kam. Sei’s drum, Wunschzettel, vielleicht ist dieses Thema selbst Bruder Xeliander zu heiß.

Stimmung! Kohlestift at it's best (von Katharina Nico)

Stimmung! Kohlestift at it’s best (von Katharina Niko)

Künstlerisch ist das Vademecum mit eher düsteren, an Kohlezeichnungen erinnernden Illustrationen versehen, die den Charakter des Glaubens stimmungsvoll untermalen. Die Zeichnungen werden eher sparsam eingesetzt, was aber durchaus zur Schmucklosigkeit der Kirche des Rabens passt. Man muss hier Katharina Niko ein klares Lob für die Innengestaltung aussprechen. Um noch einmal auf den Text zu sprechen zu kommen: Mir sind keine größeren Fehlerteppiche beim einfachen Lesen aufgefallen, so dass ich von einem guten Lektorat sprechen möchte.

Der Aufbau entspricht dem wohl erprobten Muster der Vademecums, das aber borongefällig umgesetzt wird. Nach einem Exkurs zum Wesen der Gottheit werden Alveraniare und Heilige (beider Glaubensrichtungen) vorgestellt, sodann die Kirchen in ihrer Unterschiedlichkeit beschrieben. Liturgien gehen anschließend Gottesdiensten und Ritualbeschreibungen voran, gefolgt von alltäglichen Gebeten und Talismanen und Artefakten. Fehlen darf natürlich dann nicht eine Beschreibung der zahlreichen borongefälligen Orden. Ein weiteres Kapitel stellt kurz das Wirken Borons auf anderen Kontinenten vor – sieh an.

Damit hat der Spieler eigentlich alles zusammen, was er zur detailverliebten Ausgestaltung seines Lieblingsboronis braucht. Wer noch keinen sein Eigen nennt, der wird eventuell im letzten Kapitel fündig, wo eine breite Auswahl an möglichen Geweihtenkonzepten dargeboten wird, die dennoch hinreichend unterschiedlich sind. Mir gefiel’s wirklich gut und der Käufer erhält zahlreiche Anregungen für Charakterkonzepte. Einzig bei der Visitatorin bzw. Revisiorin konnte ich mir weniger gut vorstellen, wie sie in ein Abenteuer zu führen ist. Aber vielleicht ist ja die kirchliche Verwaltungsbeamtin auch nur eine lange vernachlässigte Kernrolle für jede Schwarzmagierjagd.

Dann wägen wir mal ab: Wie gut ist das Boron-Vademecum?

Dann wägen wir mal ab: Wie lustig ist ein Boron-Vademecum? (von Katharina Niko)

Ist aber nun ein Werk aus den Händen einer extrem farblosen, sprichwörtlich maulfaulen, tieftraurigen Totenkirche nicht eine wirklich trockene, ja ermüdende Lektüre? Nein, keinesfalls. Zum einen ist Bruder Xeliander eher ein milder Plauderer und liebevoller Seelenhirte als ein düsterer Monologisierer. Und zum anderen ist da die …famose Schwester Richild! Der immer wiederkehrende Sidekick, seines Zeichens Golgaritin und praktisch orientierte Geweihte im Außendienst, hat immer einen guten Tipp aus der faktischen Anwendung als Fußnote zu bieten. Diese wird mit feiner Ironie und (für die Sprechinstanz) unfreiwilliger Komik serviert, die man einem Boron-Vademecum eigentlich nicht zutraut. Natürlich ist der Schreibstil kein Feuerwerk an amüsanten Bonmots, aber gerade in der insgesamt eher nüchternen Atmosphäre der Rabenkirche wirken Schwester Richhilds sorgfältig gesetzte Pointen um so belustigender, so dass man z. B. das Kapitel zu den Liturgien äußerst gerne liest.

Hingegen wirkt manche Liturgie oder manches Stoßgebet etwas arg erwartungsgemäß und es ist auch nur in einem Fall ein Melodievorschlag angegeben, wenn ich mich nicht verlesen habe. Man muss ehrlich sein: Bei den Ingame-Texten gibt es nichts, was nicht absolut passend wäre. Nur wünscht man sich hier oft etwas mehr Pfiff oder einen Twist, der die Passagen und liturgischen Texte über das eigene Antizipieren einer typischen Boronlitanei heraushebt. Gerade im Vergleich mit anderen Gemmen der Spielhilfe empfand ich hier ein vom Gas gehen der Autoren. So viel zum Inhalt, und damit kann man eigentlich auch schon das Folgende ziehen: Ein …

Fazit

Nun siehe, vor dir liegt die umzäunte Einhorn-Weide, traditioneller Äsplatz der unicornen Neunheit: Ein Einhorn pilgert unverzüglich nach Punin, um …

Halte ein Rezensent, im Boron-Vademecum geht es nicht um weitschweifige Worte und das Einhorn ist darüber hinaus ein tendenziell albernes Geschöpf. Also, sag was du sagen musst, aber so einfach und klar, wie möglich!

Acht von neun Raben.

Bewertung Einhorn 8

Mit freundlicher Unterstützung in Form eines Rezensionsexemplars von der Ulisses-Spiele GmbH und dem F-Shop.

Über Vibarts Voice

1986 entwickelte Michael Gorbachow den Begriff "Glasnost" und die Raumfähre Challenger explodierte beim Start. Im selben Jahr wurde DSA Teil meines Lebens, und obwohl die UdSSR und das Space-Shuttle-Programm längst Geschichte sind, ist DSA noch immer zentraler Aspekt meiner Existenz. Ich spiele und meistere regelmäßig. Seit Mai 2012 bin ich darüber hinaus hier bei Nandurion tätig.
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5 Kommentare zu Rezension: Boron-Vademecum

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  2. Reissklaue sagt:

    Und auch hier: Eine sehr hilfreiche Rezension, die mich sofort zum Kauf bewegt hätte, wenn ich es nicht schon gleich Erscheinen gekauft hätte. Vielen Dank dafür! 🙂

    Ich möchte dem Autor in allen Punkten zustimmen, besonders was die Golgaritin Richild betrifft. Mir persönlich haben nur zwei Dinge im Vademecum gefehlt:

    Zum einen fehlt mir ein näheres Eingehen auf die kem’sche Ausprägung der Boron-Kirche (über den kurzen Abschnitt der Laguaner hinaus) und zum anderen eine Beschreibung des al’anfanischen Orden des Schwarzen Raben (vulgo Boronsraben), auf die ich sehr gehofft hatte, weil es gerade zu denen in meinen Augen zu wenig ausführliches Material gibt.

    Auch ich würde bei der Bewertung von 8 Einhornraben bleiben.

    P.S.: Die Revisorin ist für mich eher eine sehr interessante Anregung für einen NSC in Abenteuern, die sich um die Intrigen und Sorgen und Nöte in der al’anfanischen Boron-Kirche drehen. Für einen Spieler-Geweihten betrachte ich die Revisoren eher als Durchlaufstation innerhalb der Ämterlaufbahn der Kirche (die damit abgeschlossen wird, dass man eines Tages Amira Honak als Matriarchin beerbt, auch wenn sie wohl ein Jahrhundert länger im Amt bleiben dürfte als ihr steinaltes Puniner Gegenstück). 😉

  3. Thorben von Gareth sagt:

    Das Fazit borongefällig abzukürzen macht bei einem Fazit namenlos wenig Sinn.

    • Vibarts Voice sagt:

      Da in dem nicht sehr langen Text davor alle Gründe, warum ein Pünktchen abgeht und ich den Rest super finde, ziemlich explizit benannt werden, möge man mir hier einmal verzeihen, dass ich nicht der treudeutschen Sitte folgte, im Fazit noch einmal alle Argumente zu wiederholen. Aber es sei jetzt noch einmal zusammengefasst, quasi als Adendum: Rundes Bild, toll geschrieben und illustriert mit vielen Anregungen. Leider ohne tiefere Thematisierung des inneren Glaubenskonflikt und mit recht erwartungsgemäßen Ingame-Texten. Schwester Richhild = +1.

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