Der Zorn des Bären

Gastrezension von Engor

zorn-des-baerenVorbemerkung: Alle Jahre wieder erreicht mich der Ruf der Einhörner mit der Nachfrage nach einem kleinen Beitrag zum Adventskalender. Und natürlich komme ich auch 2016 wieder gerne diesem Wunsch nach. Und dieses Mal musste ich auch gar nicht lange nachdenken, welcher Klassiker für einen Retro-Check herhalten muss. Wenn je ein DSA-Abenteuer weihnachtliche Stimmung eingefangen hat, dann handelt es sich um Der Zorn des Bären von Ina Kramer aus dem Jahr 1992. Begeben wir uns also gemeinsam auf eine winterliche Reise in das bornische Dörfchen Pervin …

In Zahlen:

– Abenteuer Nr. 32
– Stufen 7-14
– 59 Seiten
– erschienen 1992

Aufbau und Inhalt

Das Abenteuer beginnt mit sehr direkten Einführung, indem eine typische Anwerbung ausgelassen wird und stattdessen kurzerhand einer der Helden zu einem alten Freund der Baronin Mirhiban von Pervin erklärt wird, der seinen Weggefährten somit eine Reise in die bornische Provinz vorschlägt.

Eine kurze Reisebeschreibung legt in der Folge den Fokus auf die Beschreibung der winterlichen Stimmung, wenn die Helden mit einer Kaleschka durch das Schneetreiben unterwegs sind. Der Ankunft in Pervin schließt sich zunächst eine sehr szenische Vorstellung der Baronin und ihrer lebenslustigen Zofe und Freundin Janne an, sowie eine ausführliche Schilderung des Anwesens der Baronin.

Pervin – ein bornisches Winterwonderland

Pervin – ein bornisches Winterwonderland (Ugurcan Yüce)

Ein zentrales Merkmal des gesamten Abenteuers stellt die besonders intensive narrative Präsentation dar, greift Ina Kramer doch sehr häufig auf die damals noch üblichen Vorlesetexte („Allgemeine Informationen“) zurück. Nach einem ersten Kennenlernenergeben sich zwei zentrale Handlungsstränge: Primär entwickelt sich eine ernsthafte Heldenaufgabe durch das Auftauchen eines riesenhaften Bären, der über schier übernatürliche Stärke zu verfügen scheint und sich zudem allen Versuchen entzieht, ihn zur Strecke zu bringen. Nach und nach offenbart sich zudem eine Verbindung zu alten Mythen, die eine Lösung des Problems beinhalten könnten, was angesichts der wachsenden Furcht der Dorfbewohner dringend notwendig wird. Eine sekundäre Handlung offenbart sich all jenen Recken, die sich nicht zu schade dazu sind, sich auf die lokale Folklore einzulassen. Hier steht der Wettstreit der Dorfjugend von Pervin (angeführt von Janne) mit den benachbarten Torsinern im Vordergrund. Besonderes Streitobjekt stellt dabei der sogenannte Winterbold dar, eine Strohfigur, die im örtlichen Aberglauben einen Schutzgeist verkörpert, der die Dorfgemeinschaft vor der Unbill des bornischen Winters bewahren soll. Eine Komponente des Konkurrenzkampfes der Jugendlichen beider Dörfer stellt der gegenseitige Raub des Winterboldes im Nachbardorf dar.

Abseits von diesen Handlungsfäden wird viel Raum auf die Gestaltung der Atmosphäre von Pervin verwendet, sowohl in einer kurzen Beschreibung der Örtchens selber als auch seiner Bewohner. Zudem finden sich einige Beispiele für die lokale Sagenwelt, die im Verlauf des Abenteuers eine wichtige Rolle spielen werden.

Figuren

Pervin und seine Einwohner werden insgesamt sehr lebendig geschildert, das Hauptaugenmerk liegt allerdings auf der Baronin Mirhiban und ihrer Zofe Janne, die jeweils in einem der beiden Handlungsbögen eine wichtige Ansprechpartnerin darstellen. Mirhiban wird dabei als höchst ungewöhnliche Adelige dargestellt, frei von Standesdünkeln, sehr geprägt von südländischer Lebensfreude, die im Kontrast zum manchmal mürrischen Bornländer steht. Bei Janne ist es vor allem die Beziehung zu ihrer Herrin, die freundschaftlich und weitgehend auf Augenhöhe gestaltet ist, die sie besonders erscheinen lässt. Zudem stellt sie das Bindeglied zur Dorfjugend dar und soll immer wieder den Anlass geben, dass die Helden hin und wieder gänzlich profane Aufgaben übernehmen sollen, die immens vom „normalen“ Heldenalltag abweichen.

Kritik

Tatsächlich ist der Bär noch schwerer totzukriegen, als es hier aussieht...

Tatsächlich ist der Bär noch schwerer totzukriegen, als es hier aussieht… (Ugurcan Yüce)

Aventurien ist berühmt-berüchtigt für sein bodenständiges Setting, was gerade aktuell vor allem durch die Heldenwerk-Hefte gepflegt wird, in denen sich die Helden immer wieder kleineren Herausforderungen vor einer überschaubaren, meist eben sehr ländlichen Kulisse widmen. 1992 sah dies allerdings noch vollkommen anders aus. Hier stellte Der Zorn des Bären im Bereich der Gruppenabenteuer deutlich einen neuen Ansatz dar, abseits von den klassisch-absurden Dungeon-Abenteuern der DSA-Frühzeit. Als ich das Abenteuer das erste Mal gespielt habe, tat sich bei uns anfangs das eine oder andere Fragezeichen auf: Wann würde sich endlich der finstere Schwarzmagier offenbaren, der den Bären immer wieder aufbeschworen hatte? Was für ein mächtiges Artefakt würden wir besorgen müssen, um dem widerborstigen Viech endlich den Garaus machen zu können? Und wir staunten zuletzt, dass all dies ausblieb, stattdessen eine ganz andere Lösungsvariante auftauchte, die sich in die insgesamt eher leichte Atmosphäre einfügte.

Der Zorn des Bären ist sicher nicht das beste DSA-Abenteuer, dazu weist es noch zu viele Kinderkrankheiten auf. Beispielhaft kann hier primär der schwache Einstieg angeführt werden, in dem mit dem Holzhammer willkürlich eine Verbindung eines Helden zu Mirhiban konstruiert wird, obwohl sich gleich eine ganze Reihe von alternativen Pfaden in das Geschehen anbieten würden. Ebenso ist die Gestaltung – gemessen an heutigen Maßstäben – sehr statisch, was vor allem durch die vielen Erzähltexte verursacht wird, die doch relativ viel an Handlung vorgeben.

Trotzdem zählt es für mich zu den schönsten Abenteuern, einfach weil Pervin wunderbar gestaltet wurde. Die Dorfgemeinschaft wächst einem schnell ans Herz, gerade weil sie gut beschrieben ist und weil man – bedingt durch den Handlungsstrang um den Winterbold – eine enge Verbindung mit ihr eingehen kann. Dies ermöglicht es auch erfahreneren Helden (immerhin ist das Abenteuer für die Stufen 7-14 ausgelegt), sich abseits von großen Abenteuern auf eine eher zwischenmenschliche Ebene mit NSCs zu begeben, die absolute Durchschnittmenschen verkörpern. Für mich hat das Abenteuer lange auch mein Bild vom ländlichen Bornland geprägt.

Tatsächlich bedeutet dies nicht, dass sich nicht trotzdem eine spannende Handlung entwickelt. Die Bedrohung durch den Bären ist dramaturgisch gut aufgebaut, auch wenn natürlich die vermeintliche Unsterblichkeit des Untiers reichlich Frustpotential enthält und teilweise auch die Grenzen der Spielergängelung überschreitet. Dafür fügt sich die letztendliche Lösung mit ihrer märchenhaften Komponente gut in die Gesamtatmosphäre ein.

In diesem Kontext halte ich das Cover des mittlerweile leider verstorbenen Ugurcan Yüce für eines der gelungensten in der DSA-Geschichte: Einerseits stellt es mit der Zerstörung von Pettars Stall eine tatsächliche Szene aus dem Abenteuer dar und unterstreicht die Bedrohlichkeit der riesenhaften Bestie. Andererseits ist es gleichzeitig auch eine originelle Irreführung der Spieler, die schnell einen Kontrast feststellen dürften zwischen der eher beschaulichen Atmosphäre des Dorfes und der gezeigten Gewalttätigkeit, die einen harten Überlebenskampf im Abenteuer verheißt.

Fazit

Auch heute noch halte ich Der Zorn des Bären für ein wunderschönes Abenteuer, das mit seiner winterlichen Atmosphäre und dem gut gestalteten Pervin überzeugen kann. Die Beschränkung auf lokale Ereignisse sorgt zudem dafür, dass mit einigen kleinen Änderungen (vor allem Mirhiban betreffend, die ja eine Rolle im Bornland-Metaplot einnimmt) auch heute noch viel Spielspaß mit dem Abenteuer möglich ist, wenn man ein paar Änderungen vornimmt, um moderne Elemente einzufügen, was vor allem eine Abkehr von dem extrem narrativen Stil bedeuten müsste.

Neun Einhörner wollten sich auf eine Winterreise in das freundliche Pervin begeben. Eines davon wurde aber kurzerhand zur Freundin einer anderen Baronin bestimmt und musste aus der Kaleschka aussteigen. Ein weiteres musste sich beim örtlichen Märchenerzähler zu viele Geschichten anhören und schlief darüber ein. Die sieben anderen Einhörner aber hatten viel Spaß bei Schneeballschlachten mit der Dorfjugend von Pervin und Kaleschkafahrten mit dem Winterbold.

Bewertung Einhorn 7Nandurion dankt Engor für die Gastrezension!

Engor heißt im wahren Leben Dominik und war über 10 Jahre lange intensiver DSA-Spieler. Nach einer arbeitsbedingten langen Pause stieg er Ende 2012 voller Neugier über die aventurischen Ereignisse der Zwischenzeit wieder in die Spielwelt ein und bloggt seitdem über alles Mögliche rund um das Thema DSA, deutlich mit einem Schwerpunkt auf Rezensionen.

Über Nick-Nack

Nick-Nack heißt eigentlich Daniel und spielt seit Ende der 90er Jahre Das Schwarze Auge. Nach einer fast 10-jährigen Rollenspielpause stieg er Anfang 2015 wieder in das Hobby ein und betreibt seitdem unter anderem einen YouTube-Kanal, auf dem er seine Rollenspielrunden zeigt und Tipps und Tricks zum Hobby austauscht.
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Ein Kommentar zu Der Zorn des Bären

  1. VSP sagt:

    Danke für die Rezi und vor allem für die tolle Erinnerung! Auch wenn man als Zwerg sich damals sehr deplaziert fühlte und der olle Bäre wirklich-nicht-tot-zu-kriegen-war, war gerade das Ende wirklich toll, weil anders. Und – so mich mein Gedächtnis nicht täuscht – es gab ersten Kontakt zu bornländischen Ortschaftsnamen (Sjepengurken!).

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