Und Altaia brannte

Nur wenige Romane in der Geschichte des Schwarzen Auges, ja man darf wohl sagen, nur wenige Roman überhaupt, nehmen das eigene Ende schon im Titel so konsequent vorweg. Und Altaia brannte setzt damit Maßstäbe, die man sonst eigentlich nur von einer Geschichte in den letzten Tagen von Pompeji erwarten würde. Die Geschichte um die katastrophalen Ereignisse auf der Insel Altoum spielt im aventurischen Jahr 1017 BF und fällt damit in eine Zeit, in der sich die Rückkehr der Finsternis in Form des Dämonenmeisters Borbarad noch überwiegend im Hintergrund abspielt.

Und es begab sich …

Irdisch gesehen erschien der Roman um den Untergang Altaias im Jahr 1999. Autorin Momo Evers war damals noch wenig bekannt im Fandom des Schwarzen Auges, und so findet man im Vorwort auch Danksagungen an Pseudonyme der DSA-Autoren Hadmar Wieser, Jörg Raddatz, Thomas Römer und andere. 2004 erschient der Roman als E-Book und ist inzwischen für fünf Euro in der Kindle-Version leicht verfügbar. Gesetzt wurde das Buch übrigens von Michael Mingers, heute einer der wenigen Festangestellten der deutschen Rollenspielszene und bei Ulisses für „alles außer DSA“ zuständig. Interessant ist insbesondere, dass der Roman die primäre Quelle für die Ereignisse auf der südlich gelegenen Waldinsel darstellt. Dies ist in sofern ungewöhnlich, als dass die Ereignisse der Borbarad-Kampagne tatsächlich eher als bespielbare Inhalte konzipiert wurden.

Wie Ulrich Kiesow Altaia zerstörte

Eine wundervolle Anekdote aus der damals noch deutlich anders geprägten DSA-Redaktion berichtet, wie DSA-Erfinder Ulrich Kiesow höchstselbst Altaia dem Untergang überantwortete. In jenen Tagen sollte mit der Südmeerbox erstmals eine umfassende Beschreibung der südlichsten Gefilde Aventuriens erscheinen. Wie überall im publizierenden Gewerbe drohte der Abgabetermin und wieder einmal hatten Autoren ihre Texte nicht rechtzeitig eingeliefert. Als Ulrich Kiesow feststellen musste, dass die Texte zu Altaia nicht mehr rechtzeitig zur Verfügung stehen würden, setzte er sich kurzerhand selbst an den Schreibtisch und verfasste jenen kurzen Text, der den Untergang Altaias besiegelte. Immerhin handelte es sich um die zweitgrößte Siedlung auf der zweitgrößten Insel der Spielwelt mit mehreren Tempeln, einem Orakel mehrerer Zwölfgötter und einem bedeutenden Artefakt, namentlich der Leuchtenden Kugel von Altaia. Die überraschende Zerstörung dieses geheimnisvollen Ortes sorgte natürlich für allfälliges Interesse, auch wenn die Aufklärung oder besser Schaffung der Hintergründe noch einige Jahre dauern sollte.

Stil und Inhalt

Momo Evers rückt ins Zentrum ihrer Erzählungen zwei lebenslustige Frauen, die auf ihrer unbeschwerten Reise durch die Welt an Bord eines Schiffes verschlagen werden. Die Karacke Golgaris Schwinge wird auf ihrer Jungfernfahrt bis nach Altoum überführt, wo sie an den mysteriösen Käufer übergeben werden soll. Hier folgen die Schelmin und die Gauklerin einer geheimnisvollen Magierin, die in Brabak an Bord gekommen ist. So werden sie in die Ereignisse hineingezogen, die später zur Vernichtung Altaias führen.

Während der Leser die beiden jungen und naiven Frauen den ganzen Roman über begleitet, werden immer wieder einzelne Figuren in den Fokus gerückt, um die Handlung voranzubringen. Da wäre zu Beginn der Thorwaler Raskir Ingramsson, der nach dem Tod seines Oheims das Kommando über das Schiff übernimmt. Die Magierein Sindai ni Rahilsdarn, die als erfahrene Chimärologin eine zentrale Rolle in der Verschwörung einnehmen soll. Und zuletzt auch die beiden Boron-Geweihten Jintar und Tajida aus dem Tempel in Altaia, die sich verzweifelt gegen die Katastrophe auflehnen. Sowohl der legendäre G.C.E. Galotta als auch die beiden Purpurwürmer haben hier nur Nebenrollen, während der Dämonenmeister selbst sogar nur in einer einzigen Szene auftaucht.

Momo Evers wählt für ihre Erzählung einen sehr verspielten Stil, der wenig auf die Handlung fokussiert, sondern vielmehr um die Gefühlswelt der Protagonisten kreist. Fast hat man das Gefühl, dass die Handlung nur widerwillig voranschreitet, während insbesondere die beiden Hauptfiguren lieber Schabernack treiben und Schmetterlinge beobachten. Nach meinem Gefühl funktioniert dies im ersten Teil sehr gut, weil hier außer einer nur selten gefährlichen Seereise wenig passiert. Angekommen auf Altoum verdichten sich die Handlungsfäden nun immer weiter, da das arme Altaia ja nun irgendwann tatsächlich in Schutt und Asche gelegt werden muss. Der Kontrast zwischen dramatischer Zuspitzung der Handlung auf der einen Seite und wortreichem Ausleben der Gefühlswelten auf der anderen Seite schadet nach meinem Gefühl jedoch der inneren Kohärenz. Gerade weil die lebensbedrohliche Situation am Altimont viel weniger emotional beschrieben wird, wirkt sie schon fast surreal. Möglicherweise ist dies aber sogar ein gewollter Effekt?

Die elektronische Neuausgabe im schmucken Einheitslook

Das Ende kommt wie es kommen muss. Der Vulkan bricht aus, Pompeji versinkt in Schutt und Asche. Tod und Feuer kommen über Altaia und alle müssen sterben. Klingt zu platt? Tatsächlich ist es kaum übertrieben, denn Momo Evers setzt hier auf ein sehr konsequentes Ende, welches auch plausibel macht, warum so lange kaum etwas über den Untergang Altaias in Aventurien bekannt wurde. Der Epilog der Rahmenhandlung aus der Sicht der Erzählerin wirkt auf mich wiederum seltsam schwulstig und aufgesetzt. Für eine echte Ingame-Erzählung ist die Handlung zuvor natürlich viel zu detailliert und kenntnisreich. Der Aufruf, sich den finsteren Mächten entgegenzustellen, wirkt auf den irdischen Leser daher zunächst etwas befremdlich. Ein möglicher Appell für das irdische Leben erschiene mir zudem doch deutlich überzogen für einen DSA-Roman.

Würdigung aus heutiger Sicht

Aus DSA-historischer Sicht füllte Momo Evers mit diesem Roman eine Lücke, die durch Kiesows konsequente Entscheidung Jahre zuvor in die Welt gesetzt worden war. Auch aventurisch führt die Geschichte auf interessante Weise von der heilen Schelmen-und-Gaukler-Welt des Blümchen-DSA zu den Ereignissen und Entwicklungen des düsteren Aventuriens der Borbarad-Zeit. Insofern mag der Roman auch aus heutiger Sicht noch lesenswert sein, um diese Entwicklung in seiner intensiven emotionalen Weise nachzuvollziehen. Die konkreten Figuren und Ereignisse sind in ihrem aventurischen Kontext nur nur bedingt ergiebig, da sie insgesamt einfach zu isoliert und abseitig sind.

Über die letzte Aufbereitung als E-Book gibt es nur wenig zu sagen. Mit dem aktuellen Preis kann man nicht so viel falsch machen. Allerdings hat ein zweites Lektorat offensichtlich nicht mehr stattgefunden. Durch fehlerhafte Texterkennung häufen sich Fehler wie Golgaris Schivinge, Kniich und Ähnliches. Ob man das neue Einheitscover nun für besonders gelungen hält, hängt wohl von der persönlichen Einschätzung des jeweiligen Originals ab. Immerhin erlaubt es in den Online-Shops die optische Unterscheidung zwischen E-Book und Printprodukt. Erhalten blieb das umfangreiche Glossar, welches den Einsteiger auf seiner ersten Reise nach Aventurien unterstützt und den Roman auch in seiner Funktion als Schnupperlektüre für DSA-Neulinge stärkt.

Fazit

Mit dem Roman Und Altaia brannte schuf Momo Evers auf jeden Fall eines der besseren Stücke der umfangreichen Reihe der DSA-Romane. Wenn man mal von der höchst befremdlichen Rahmenhandlung im Prolog bzw. Epilog absieht, ist der Roman auch heute noch gut lesbar und liefert leichte Kost mit gutem aventurischen Flair. Insgesamt sind die Elemente des Blümchen-DSA und seiner Erzähllogik vielleicht nicht mehr zeitgemäß. Das sollte dem Lesegenuss jedoch keinen Abbruch tun. Während es im ersten Teil recht unbeschwert und emotional intensiv zugeht, wird es danach eher plotlastiger. Von einem rasanten Actionroman kann dabei aber noch lange nicht sprechen. Insgesamt ist das Werk damit nicht herausragend, muss sich aber auch keine gravierenden Schwächen vorhalten lassen und verdient somit eine solide Wertung im besten Sinne.

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