Limbusspiele: Let’s Plays und On-Air-Runden

Fallout als Pen and Paper bei der GameStar

Mit Spielleiterschirm, Würfeln und Kostümen: Fallout bei der Gamestar

„Und wenn die Technik uns nicht im Stich gelassen hat, dann sollten wir jetzt zu sehen sein.“ Gerade ist das Video von einem Wartebildschirm zur Live-Übertragung einer Rollenspielrunde umgesprungen, gut 20 Minuten nach dem ursprünglich angesagten Beginn. Aber jetzt geht es los, und während ich parallel mein eigenes DSA Abenteuer vorbereite, höre ich dem Let’s Play zu, das so langsam ins Laufen kommt.

Ich bin gerade einer von 15 Live-Zuschauern – die meisten Let’s Plays haben noch weniger. Was ich anschaue ist eine private Runde, die vor allem spielt, um zu spielen, und nur zweitrangig eine gute Show abliefern will. Von diesen privaten Runden gibt es viele in Deutschland. Wenn man wollte, könnte man fast jeden Tag einer zuschauen, mehr als 50 YouTube-Kanäle zeigen Rollenspiel-Let’s-Plays.

„Was ist für Dich die Motivation, Dir beim DSA-Spielen zuschauen zu lassen?“
– „Ich hatte tatsächlich zu dem Zeitpunkt nichts besseres zu tun.“

Bini Geschichtenerzähler, Weiteres im Interview

In der Community heißen diese Runden „On-Air“-Runden, im Unterschied zu den „Off-Air“-Runden, bei denen man zwar über das Internet spielt, aber niemand zuschauen kann. Sie sind selten groß produziert, die meisten versuchen, den Aufwand für Vor- und Nachbereitung so gering wie möglich zu halten, damit mehr Zeit fürs Spielen bleibt.

Einige wenige Youtube-Kanäle folgen einem anderen Ansatz: Statt eine online spielende Runde mitzuschneiden, wird eine offline spielende Runde gefilmt. Dabei werden nicht selten auch die Abenteuerplots in gut verdaubare Episoden aufgeteilt, Musik, Soundeffekte und teilweise Bilder hinterlegt.

Vorbild für viele ist dabei Titansgrave, ein englischsprachiges Projekt von Wil Wheaton, ehemaligem Star Trek Darsteller und heutiger Geek-Ikone. Ein eigens entwickeltes Rollenspielregelwerk samt eigenem Setting, professionelle Schauspieler, Sound, Musik und Spezialeffekte – von vorne bis hinten merkt man dem Projekt die mehr als eine Millionen US-Dollar an, mit denen es über eine Crowdfunding-Website finanziert wurde.

Noch älter sind die Geschichten um Acquisitions Incorporated, eine DnD-Kampagne geleitet von einem der Schreiber hinter DnD, Christopher Perkins. Nachdem diese Kampagne lange als Podcast lief, trifft sich die Gruppe inzwischen immer zur PAX, der größten Rollenspielmesse der USA, und füllt dort live die Säle. Auch hier sind die Mitspieler nicht unbekannt, auch wenn Wil Wheaton inzwischen durch den Fantasy-Autor Patrick Rothfuss ersetzt wurde.

„Ich hatte eben auch ein klares Ziel, wo das Regelwerk hingehen soll: […] Es muss eingängig sein, es muss unmöglich sein, einen Charakter zu bauen, mit dem man dann gar nichts anfangen kann, weil die Jungs eben keine erfahrenen Rollenspieler sind.“

Hauke von den RocketBeans, Weiteres im Interview

BEARDS

Prost auf den Start der zweiten B.E.A.R.D.S.-Staffel

Die Projekte im deutschsprachigen Raum sind bisher noch von kleinerem Umfang. Kein Wunder, ein Budget von 1 Millionen US-Dollar ließe sich in der kleinen deutschsprachigen Rollenspielgemeinde kaum finden. Die aufwändigsten Projekte stammen daher von YouTube-Kanälen, die eigentlich andere Nerds bedienen: Computerspieler.

RocketBeans TV bringt hauptsächlich Neuigkeiten und Let’s Plays rund um Videospiele, aber mit erst T.E.A.R.S und jetzt B.E.A.R.D.S zeigen sie auch eine sehr erfolgreiche Rollenspielkampagne. Das Besondere: Die Kampagne wird live gespielt und die Zuschauer können in den Werbepausen Einfluss auf die weitere Handlung nehmen. Mehrere Designer bereiten animierte Grafiken, Soundeffekte und teils sogar eigenes Studio-Equipment vor, die dann abhängig von den Entscheidungen der Community genutzt werden.

Der Spielstil ist dabei eher locker. Hauke, dem Spielleiter hinter beiden Kampagnen, geht es in erster Linie um Spaß, für die Mitspieler wie die Zuschauer. Das kommt gut an: Fast eine Million Aufrufe hat ihr neustes Abenteuer, B.E.A.R.D.S.

„Grundsätzlich hatte nur einer irgendwann mal Das Schwarze Auge angeschnuppelt, und Daniel hatte gesagt, das sei in einer Katastrophe geendet.“

Ben Lutz, Spielleiter bei GameStar, Weiteres im Interview

Auch Gamestar hat vor kurzem auf Initiative eines Fans zum Release von Fallout 4 ein kurzes Abenteuer in dieser düsteren Zukunft vorbereitet. Wie auch bei den RocketBeans haben die Spieler kaum Vorerfahrung mit Rollenspielen, und es ist ihre Kamerapräsenz, die viel dazu beiträgt, dass die Show so erfolgreich ist.
Auch hier spricht der Erfolg für sich: Inzwischen gibt es noch ein weiteres Rollenspiel dort zu sehen, diesmal im Star-Wars-Universum.

„Wir haben mal mit Uli Lindner und Patric Götz ein Star Wars Pen and Paper Let’s Play, noch die alte Version, D20, aufgenommen.“

Nico Mendrek, Orkenspalter TV, Weiteres im Interview

Orkenspalter Star Wars

Outdoor, On-Air, Orkenspalter – Abenteuer im Star-Wars-Universum

Im Star Wars Universum spielen auch eines der letzten und eines der ersten Let’s Plays, die Mhaíre und Nico von Orkenspalter TV aufgenommen haben. In ihren Runden merkt man: Hier sind Vollblutrollenspieler am Werk. Und neben DSA (sowohl in Aventurien als auch in Myranor) haben sie auch Let’s Plays anderer bekannter Systeme wie Vampire im Programm.

Aber auch Mhaíre und Nico können ihre Verbindungen zur Computerspielbranche nicht leugnen: Beide haben neben Orkenspalter TV auch bei der PC GAMES gearbeitet und drehen noch immer Beiträge zu Computerspielen.

„Ich hoffe, es hat euch gefallen, und wenn ihr Fragen habt, schreibt sie einfach unten in die Kommentare.“ Nach fast 5 Stunden findet auch dieses Let’s Play sein Ende, und wenn es vielleicht auch nicht so professionell geschnitten oder aufbereitet war, wie eines der größeren Kanäle, war es doch auf jeden Fall authentisch. Und, am wichtigsten: Es hat Spaß gemacht, zuzuschauen.

Limbusspiele

Hangout, Teamspeak, Let’s Play? Die Kolumne „Limbusspiele“ beschäftigt sich mit dem Phänomen Pen-and-Paper-Rollenspiele im Internet. Im nächsten Artikel erwarten Euch Tipps, wie ihr selbst online spielen könnt.
Begleitet wird die Kolumne von Interviews und Tipps im Videoformat.

Über Nick-Nack

Nick-Nack heißt eigentlich Daniel und spielt seit Ende der 90er Jahre Das Schwarze Auge. Nach einer fast 10-jährigen Rollenspielpause stieg er Anfang 2015 wieder in das Hobby ein und betreibt seitdem unter anderem einen YouTube-Kanal, auf dem er seine Rollenspielrunden zeigt und Tipps und Tricks zum Hobby austauscht.
Dieser Beitrag wurde unter Das Schwarze Auge, Kolumnen, Limbusspiele abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Kommentare zu Limbusspiele: Let’s Plays und On-Air-Runden

  1. Huh?
    Wo ist denn bitte Ohrhammer in der Liste?
    https://www.youtube.com/watch?v=CQ7_Xc3mlGg&list=PLLwdzAF1EXWwF0CYnLgSztNLe4wau-8wt

    Hier die ersten fünf Warhammer Fantasy Folgen.

    Das Erste abenteuer für Warhammer 40k Only War mit Halblingsscharfschützen gibt es hier:
    http://ohrhammer.online/

  2. Xeledon sagt:

    Möglicherweise irre ich mich, aber ich dachte eigentlich, dass Orkenspalter TV schon existierte, bevor Mháire und Nico bei Computec gearbeitet haben.

  3. Björn sagt:

    Ein schöner Beitrag, die Infos kurz und gut zusammen getragen. Auch den Vergleich zu den amerikanischen Shows finde ich gut, mir war bisher gar nicht bewusst, dass Titansgrave über Crowdfunding finanziert wurde.

    • Xeledon sagt:

      Im Prinzip war das ein Stretch-Goal bei der Kickstarter-Kampagne für die dritte „TableTop“-Staffel.

    • Gerrit sagt:

      Genau, das war ein Stretch Goal und damit hatte Titansgrave mitnichten „über eine Million Dollar“ ge-funded und auch nicht gekostet. Da Titansgrave nicht mal ein Jahr alt ist, ist es auch nicht gerade „Vorbild für viele gewesen“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.