Die Meinung von Thorus
Ich bin entspannt. Als wir vor einiger Zeit die Ergebnisse unserer kleinen Umfrage sichteten, da kam mir ein Gedanke: 53 teilnehmende Fans. Das waren irgendwie mal mehr. Und damit könnte man den Zustand der DSA-Szene schnell abhandeln: Ist halt alles weniger geworden.
Das deckt sich augenscheinlich mit den Ergebnissen, so nichtrepräsentativ sie auch sein mögen: Die Aktivität sei insgesamt stark zurückgegangen, so fühlen und sagen 38%. Doch wie kam es dazu? Ich möchte nicht nur fünf Jahre zurückblicken, sondern das Jubiläum von DSA5 nutzen, um ganze 10 Jahre zurückzuschauen. Denn vor fünf Jahren saßen wir alle gemütlich daheim.
Ich erinnere mich, dass ich damals drei- bis viermal die Woche zum Rollenspiel verabredet war. Das hatte ich nicht einmal zu Schulzeiten hinbekommen. Während 2019 noch über Pro- und Contra-Argumente des Online-Rollenspielens gestritten wurde, hatte 2020 die gesamte Rollenspiel- und Tabletopszene einen Roll20- und Discord-Account. Und Foren, Facebookgruppen und Subreddits erlebten einen zweiten Frühling. Dungeons & Dragons erlebte das mit Abstand erfolgreichste Jahr in seiner fast fünfzigjährigen Existenz. Games Workshop hatte die erfolgreichste britische Aktie. Und ich, als Armchair Roleplay Guy (in den 90ern nannte man das Sesselpupser) hatte eine echt gute Zeit. (Okay, bis zur ersten Covid-Infektion, aber das sind jetzt lästige Details…)
Dass es zumindest rollenspielerisch nach der Pandemie nicht so bleiben würde, war wohl allen klar, insofern finde ich den Fünfjahresvergleich unfair.
Nein, schauen wir lieber mal 10 Jahre zurück! Wisst ihr noch? Damals lagen die meisten DSA-Fans gerade im Schützengraben: Das „Beste DSA aller Zeiten“ (DSA5) vs. die „Schönste Excel-Tabelle der Welt“ (DSA4.1) und es flogen allerherrlichst die Fetzen. Aus dem „besten DSA aller Zeiten“ wurde das mittlerweile längste und größte DSA aller Zeiten, denn, man glaubt es kaum, es gab und gibt keine Regeledition des Schwarzen Auges, die länger aktiv war und die mehr Publikationen aufweisen kann. „Wie, was?“ Höre ich manche rufen. „DSA5 ist doch gerade erst rausgekommen! Das ist doch… neu?!“
Tja, tatsächlich sind wir mittlerweile an einem Punkt, an dem manche in der Community bereits offen über DSA6 philosophieren.
Tatsächlich wäre das nichts Schlechtes. Wenn man eines sagen kann, dann dass eine neue Regeledition eine Frischzellenkur für die Community wäre. Insbesondere deshalb, weil bei einer 6. Edition ein „Editionskrieg“ mit ziemlicher Sicherheit ausbleiben dürfte. Böse Zungen würden behaupten: „Weil kaum noch jemand DSA spielt, um sich aufregen zu können.“ Versöhnlichere Stimmen würden entgegnen: „Nein, weil Ulisses mittlerweile jede Edition supportet und jeder nach Belieben DSA auf seine oder ihre Weise spielen kann.“ Und zu letzteren Leuten würde auch ich mich zählen. Es erscheinen immerhin (wenngleich unregelmäßig) sogar neue Inhalte für DSA1! Und die DSA4-Regelwerke, um die einige Fans 2015 noch große Angst hatten, dass sie von Ulisses-Mitarbeitern aus dem heimischen Regal gerissen und angezündet würden, sind nun auch offiziell wieder verfügbar. Das dürfte auch weiterhin so bleiben und dann wohl auch für DSA5 gelten.
Die Wogen sind geglättet, die Community befriedet. Wieso befindet sich DSA dann nicht in einem goldenen Zeitalter? Interessanterweise war DSA zu exakt jener Zeit, also in den ersten 15 Jahren des Jahrtausends, der unangefochtene Platzhirsch der deutschsprachigen Rollenspielszene. Obwohl ja angeblich alles so schlimm gewesen sei und der Nachwuchs fehle und die Abenteuer auch immer schlechter geworden seien, bla bla bla. Heute ist die Community auch deshalb so ruhig, weil sich die Rollenspielszene insgesamt komplett fragmentiert hat und die meisten Aktiven nicht nur ein System und eine Hintergrundwelt, sondern mehrere bespielen und ihre Nerd-Hobbys stark ausgeweitet haben:
Montags Aventurien, dienstags DnD, mittwochs Brett- (Gloomhaven/Frosthaven) oder Kartenspiele (Arkham Horror LCG), donnerstags Cthulhu, Cyberpunk oder Daggerheart, freitags Krimidinner oder Escape-Room mit Freunden, samstags LARP, sonntags schön bei Steam rumgammeln und zum dritten Mal Baldur’s Gate 3 anfangen und zwischendurch Doomscrolling bei Insta; Podcasts auf dem Weg zur Arbeit hören und, hey wait, es gibt echt eine App, mit der sich Ironsworn mit KI-Unterstützung solo spielen lässt, ohne dass ich einen Knoten ins Gehirn bekomme?? Awesome! Download!
Kurzum: Es bleibt einerseits überhaupt keine Zeit mehr, um auf einem Editionskriegshügel zu sterben. Andererseits sind die Hardcore-DSA-Gamer mittlerweile ausgestorben. Zumindest gefühlt. Okay, die Leute sind zwar die gleichen geblieben, aber sie sind in ihrer Freizeitgestaltung sehr viel flexibler und auch „milder“ geworden. Deshalb geht es in den Foren, Subreddits und Social-Media-Gruppen; den YouTube-Kommentarspalten und den Gesprächen am Rollenspielstammtisch sehr viel entspannter, ja, geradezu zivilisiert zu.
Es wäre also DIE Möglichkeit, überraschend ein DSA6 herauszubringen (am besten als shadowdrop!), was all die heiligen Kühe schlachtet, die man vor 10 Jahren nicht anfassen konnte, ohne den heiligen praiosgefälligen Zorn der Hardcore-Fans auf sich zu ziehen. Die drei dicksten Kühe, die auf der Liste stehen sind: 3W20, aktive Parade und mehr als drei Regelbücher.
Wäre es nicht schön, DSA neben den ganzen anderen schönen Rollenspielen spielen zu können, ohne Aventuristik studiert zu haben? Ein komplettes Regelwerk, das zwischen zwei bis sechs Buchdeckel passt? Man wird träumen dürfen. Dabei ist der Traum gar nicht so fern: Wenn allein 734 Leute den Uhrwerk-Verlag mit Geld bewerfen, um mit Myranor ein Nischensetting innerhalb des Schwarzen Auges zu supporten, das nicht nur exakt diese Wünsche umsetzt, sondern nicht einmal irgendein DSA-Regelwerk verwendet? Wow!
Wenn jetzt noch das angekündigte „Erwachen der Mada“ Aventurien wieder auf die Landkarte des guten Storytellings bringen könnte, dann werden wir uns um die nächsten fünf bis zehn Jahre nicht sorgen müssen. Wie ich eingangs sagte: Ich bin entspannt.
Die Umfrage hat gezeigt, dass sich die Szene in den letzten Jahren spürbar gewandelt hat, dem kann ich auch nur beipflichten. Überhaupt stimme ich den meisten Punkten der Rückmeldungen zu, doch manches verdient eine genauere Betrachtung oder Ergänzung.
Angefangen bei der Verlagspolitik: Ja, die Anzahl an Publikationen ist hoch, und die Qualität ist nicht immer auf demselben Niveau. Besonders fällt das bei Crowdfundings auf wie bei Gunst der Göttin, Werkzeuge des Meisters mit dem Band Aventurische Meisterschaft, aktuell auch beim Aventurischen Lexikon. Das sorgt in der Szene für Unmut, eint dadurch einerseits die Fans, andererseits nagt es an Vertrauen in und an der Beliebtheit des Verlags. Die Kritikpunkte zeigen, dass viele Fans DSA durchaus ernst nehmen und sich wünschen, dass der Verlag mit seinen Veröffentlichungen den gemeinsamen Kern der Spielwelt stärkt. In den letzten Monaten hat die inhaltliche Linie ohnehin wieder etwas an Profil gewonnen. Der Metaplot zieht mit der Skrechu-Kampagne Göttin der Chimären spürbar an, ist darin wieder stärker regionenübergreifend und nimmt viele bekannte Figuren und frühere Handlungsstränge auf. Das ist eine Entwicklung, die Hoffnung macht und vielleicht auch Vertrauen zurückgewinnen kann.
Ich teile aber nicht die Ansicht, dass alles weniger geworden ist. Fanwerk gibt es nach wie vor und die Qualität ist teils bemerkenswert. Die Szene ist leiser, aber nicht leerer geworden, sie arbeitet eher im Hintergrund. Gerade im digitalen Bereich entstehen noch fortlaufend neue Inhalte und Werkzeuge, oft unabhängig vom Verlag.
Was die offiziellen Kanäle betrifft: Die Streams des Verlags sind ein weiteres nützliches Informationsangebot, sie vermitteln Neuigkeiten, aber meiner Meinung nach schaffen sie keine engere Bindung, weder innerhalb der Community noch zum Verlag. Daher finde ich es besser, dass die Verlagsmitarbeiter ihre Zeit inzwischen wieder mehr an anderer Stelle bzw. gezielter investieren.
Die frühere Schärfe ist aus den Debatten verschwunden, darin bin ich mit Thorus völlig überein. Die Szene ist heute weit weniger toxisch als noch in den Jahren der Editionskriege. Weniger Streit bedeutet aber nicht automatisch weniger Leidenschaft; wahrscheinlich ist sie nur gezügelter, kanalisiert in das eigentliche Spielen statt in Forenbeiträge. Er beschreibt eine typische Woche von homo ludens, die sich stark ausdifferenziert hat: Rollenspieler, die heute viele Systeme parallel spielen und zwischen Welten wechseln. Das ist ein Bild, das auch auf mich zutrifft. DSA ist dabei Teil einer größeren Vielfalt geworden, nicht mehr so im Zentrum. Das kann man als Verlust sehen oder aber als Befreiung. Es nimmt den Druck, sich abgrenzen oder verteidigen zu müssen, und erlaubt, Aventurien als eine von vielen Welten zu genießen.
Zur Frage des Online-Spielens: Corona hat hier zweifellos alles verändert. Heute ist es selbstverständlich, DSA digital zu spielen, und viele Gruppen tun das dauerhaft. Werkzeuge wie Foundry VTT oder Discord haben das Hobby über die Pandemie hinweg und darüber hinaus getragen. Gleichzeitig hat sich der Charakter des Spielens verändert: Es gibt mehr Distanz, weniger zufällige Begegnungen, dafür größere Verbindlichkeit innerhalb kleinerer Gruppen. Das ist ein Wandel, den ich für mich selbst positiv wahrnehme.
Einige Themen, die in den Antworten zur Umfrage erwähnt wurden, wie etwa Neukundengewinnung oder politische Fragen am Spieltisch, kann ich aus eigener Erfahrung leider nicht beurteilen. Sicher ist aber: Künstliche Intelligenz ist bereits jetzt ein nicht mehr wegzudenkender Faktor. Sie ersetzt Nachschlagen, erleichtert die Vorbereitung und verändert die Art, wie viele mit Spielmaterial umgehen.
Nun muss ich erstmal meine Samstagsrunde weiter vorbereiten 😉



Eine schöne Stellungnahme. In meinen persönlichen Erleben ist die Szene zwar breiter, aber auch passiver geworden. Ganz gewiss vermisse ich nicht die toxischen Diskussionen um Regeldetails oder das einzig wahre und richtige Rollenspiel TM. Aber in den Zeiten von sich-von-social-media-berieseln-lassen und einem fast schon irren Output an Material durch den Verlag fällt es immer schwerer sich über das neue Produkt auszutauschen oder Tipps zu einer Kampagne zu diskutieren.
Der Fokus wird diffus und alles schwimmt irgendwie im großen Brei dahin. Die Zeiten in denen jemand einen Impuls setzen konnte, der dann über Wochen in der Szene diskutiert wurde sind vorbei. Bevor man ein neues Produkt auch nur richtig würdigen konnte, sind schon drei neue rausgekommen.
In vielerlei Hinsicht ist das deutlich entspannter. Manchmal ist es jedoch auch spürbar langweiliger.
Eine sehr schöne und differenzierte Auswertung und ein Blick in die Gegenwart, den ich aus meiner persönlichen Erfahrung auch so teile. Natürlich könnte man nun in Nostalgie verfallen und den alten Forendiskussionen nachtrauern oder den Zeiten, als DSA so verbreitet im deutschsprachigen Raum war, wie Angrillen mit Schweinenackensteak, Fußball-WM im ZDF und Wetten-dass mit Erdnussflips auf dem Sofa. Aber die Differenzierung der Rollenspiel-Szene und die Erweiterung der Perspektive auf den internationalen TTRPG-Markt hat mich zumindest in den letzten Jahren sehr bereichert. Und die alte Tante DSA macht es sich ja gerade auch nicht einfach, beim Rollenspiel-Nachwuchs auf Begeisterung zu stoßen. Also: Auf eine diverse Zukunft! Und DSA6 – ja, das dürfte nun endlich gerne kommen. Sobald das Grafschaft-Zwergentrutz-Crowdfunding mit Bartfrisur-Fokus-Regeln und PDF-Stretchgoal: Brevier des Bierbrauers natürlich abgeschlossen ist.
Tolle Beiträge – vielen Dank für die unterhaltsame Zusammenfassung.
Bester Satz, den ich voll fühle:
„DSA5 ist doch gerade erst rausgekommen! Das ist doch… neu?!“
Oh Mann!
Seitdem es auf Nandurion deutlich ruhiger geworden ist als noch vor 10 Jahren, schaue ich auch nur noch selten rein und habe doch glatt die Umfrage verpasst, sonst hättet ihr 54 Teilnehmer gehabt.
Aber im großen und ganzen kann ich mich mit den allermeisten Ergebnissen gut identifizieren.