Phileasson Saga – Echsengötter

Die Zeit der blutigen Schwerter ist angebrochen,
doch vergeht euch nicht an etwas,
dessen Macht ihr nicht abschätzen könnt.

Im neunten Band der Phileasson-Saga führen die Autoren Bernhard Hennen und Robert Corvus den Handlungsbogen aus dem Vorgänger Elfenkrieg weiter. Während Beorn Asgrimmson auf den Inseln im Nebel in den Bürgerkrieg eingreift taucht Asleif Phileasson abermals in die Vergangenheit ein. Ein verbotenes Tal der Tempel, in dem die Echsenvölker von der Glorie vergangener Äonen träumen, ist der Schauplatz für ein weiteres Abenteuer des größten Entdeckers der thorwalschen Gegenwart. Für Phileasson ist es nur ein weiteres Etappenziel, denn der Handlungsbogen um die Geschichte der Elfen wird erst im Folgeband Nebelinseln (Arbeitstitel) zu einem Höhepunkt geführt.

Prolog

Wie es gute Tradition in der Phileasson-Saga ist, wird auch in Echsengötter der Prolog einer der Figuren aus den Ottajaskos gewidmet. Diesmal ist es der lang ersehnte Hintergrund der Waldmenschen-Frau Irulla. Wie auch bei anderen Figuren gab es bislang viele Andeutungen zum Hintergrund der geheimnisvollen Jägerin. Zuletzt erinnerte sich Phileasson daran, dass die Geschichten über Irulla besagen, dass man sie als einzige Überlebende auf einem Schiff voller Leichen gefunden habe. Ausgehend von dieser kleinen aber bemerkenswerten Setzung entwickeln die Autoren eine Geschichte, die sich zunächst in beinahe klischeehaften Mustern bewegt, sich dann aber zu jenem fast unglaublichen Ende hin entwickelt. Auch wenn die Erzählung sich dadurch in gewisser Weise erwartbar entwickelt, bleibt der Verlauf spannend. Zum einen bildet die besondere Verbindung der Keke-Wanaq zu Spinnen und ihre Einstellung zum Tod ein ungewohntes und aventurisches Element. Zum anderen wird ein spezielles mystisches Element in die Erzählung eingebracht, welches nicht nur entscheidend zum (für Irulla) guten Ende beiträgt, sondern auch noch eine Verbindung zum späteren Abenteuer im Hauptteil schlägt. Alles in allem bin ich mit der Auswahl der Figur, den Setzungen und der handwerklichen Qualität hier sehr zufrieden.

Hautptteil

Wie schon im letzten Band folgen die beiden Drachenführer diesmal völlig anderen Questen. Auf der abstrakten Ebene eint sie beide jedoch überraschend viel. Während Asleif sich abgeschlagen auf einer abseitigen Mission wähnt, fühlt Beorn sich in der fremden Welt ohne Aussicht auf Rückkehr mindestens genauso verzweifelt. Beide sehen sich in der Wettfahrt hinten oder sogar ausgeschieden und müssen dennoch irgendwie das Beste daraus machen. Und wo die Ottajasko in Aventurien den entführten Kameraden und Siedlern zur Rettung eilt, klammert sich Beorn an sein letztes Versprechen an den jungen Arn. Doch die Rettung eines Verstorbenen vor dem Tod ist eine Aufgabe, die auch für den mutigsten Hetmann zur Zerreißprobe wird.

»Hanila jedoch hat mir diese Flöte gestohlen. Ihretwegen bin ich hier. Ihretwegen brennen eure Häuser und Boote. Bis Hanila vor mir kniet, um mir demütig zurückzugeben, was mir gehört, werde ich die Küsten dieser Inseln mit Feuer und Schwert heimsuchen, ohne Gnade und ohne Gefangene zu machen.«
‒ Beorn Asgrimmson zu den Bewohnern des zerstörten Bregabrig

Auf den Inseln im Nebel beginnt nun der echte Elfenkrieg. Dem lebenden Bild von Tie‘Shianna entkommen, sucht Beorn nach Verbündeten und findet in dem Konflikt zwischen Wilden und Vislani einen Hebel, den er bestens zu nutzen weiß. Schnell gelingt es dem erfahrenen Kaperfahrer sich zum Heerführer aufzuschwingen und in den Vislani findet er ein dankbares Feindbild. Ikonisches Sinnbild für die Ungerechtigkeit der zivilisierten Vislani ist der Diebstahl der Flöte der Orima durch die sogenannte Schöndenkerin Hanila. Vordergründig ist Beorns Wut über den feigen Diebstahl natürlich angebracht. Gleichzeitig verschafft sie Beorn aber einen willkommenen Vorwand für seinen Kriegszug. Dennoch versäumen es die Autoren nicht, den Vislani auch Menschen – pardon – Elfenhandel mit einem mysteriösen Echsenkönig anzuhängen. Diese Sklavenhalterpraktiken erzürnen nicht nur Thorwaler und Wilde, sondern sind auch bei einigen Vislani nicht gern gesehen.

Krieg und Tod hinter den Nebeln

Im Rahmen des militärischen Konflikts kann Beorn wieder einmal zeigen, was in ihm steckt. Nachdem er selbst erkannt hatte, dass er damals in Porto Paligan nur unverschämtes Glück hatte, hat sich der Recke militärisch gebildet und ist so in der Lage auch größere Operationen gegen die befestigten Städte der Vislani zu planen und umzusetzen. Ein schönes Detail, an das die Autoren hier gedacht haben, zählen die Thorwaler doch sonst nicht gerade zu den Belagerungsexperten. Der Krieg wird gekonnt inszeniert. Interessanterweise wirken die militärischen Details auf mich teilweise eher langweilig. Das liegt jedoch nicht am Stil des Textes, sondern wohl eher daran, dass die arroganten Vislani einem Beorn Asgrimmson einfach nicht das Wasser reichen können. So ist es nur konsequent, dass Beorn in der Folge den Kriegsnamen Städtezerstörer annimmt. Nach und nach verändert der Krieg auch die Elfen. Gilt es zu Beginn des Feldzuges noch als tabu, feindliche Späher in Tiergestalt mit Pfeilen zu beschießen, werfen die Vislani unter dem Druck der Niederlagen derartige moralische Bedenken bald über Bord. Beorns Mannschaft ist ja ohnehin nicht zartbesaitet und einer der wenigen Zidaine-Momente ist mal wieder derart brechreizerregend, dass man das Buch in die Ecke werfen und die Saga beenden möchte.

»Ich wünsche mir, in einer Welt zu leben, in der ein gegebenes Wort fest wie Stahl ist. Mir ist natürlich klar, dass die Welt nicht so ist. Ich bin ja nicht einmal mehr in meiner Welt… . Alles, was ich tun kann, ist mein Handeln nach meinem Traum der richtigen Welt auszurichten.«
‒ Beorn Asgrimmson über seine Motivation für die Reise zum lebenden Bild des Kesselraubs

Eine Besonderheit in Beorns Saga ist die Geschichte um den Kessel Cammalans und die Rettung des verstorbenen Arn. Nachdem Beorn erfahren hat, dass es auf den Inseln einen magischen Kessel gibt, der Tote wieder lebendig machen kann, verrennt er sich völlig in die Idee, auf diese Weise sein Versprechen an den Toten einzulösen. Begleitet nur von Zidaine und Galayne betritt er das lebende Bild vom Raub des Kessels durch den Echsenkönig. Täglich wiederholt sich hier die Geschichte, in der die Kreaturen des Echsenkönigs den Kessel erbeuten. Beorn bleibt nur ein einziger Tag, um das Vertrauen der Elfen zu gewinnen, den Angriff der Echsen abzuwehren und Cammalan darum zu bitten, Arn wieder zurückzuholen. Auch wenn dieser Teil durch die ständige Repetition – wer hätte auch geglaubt ein Thorwaler würde nach dem zwanzigsten Versuch aufgeben – etwas ermüdend ist. Die Autoren verstehen es, das Puzzle spannend zu machen und immer wieder mit anderen Kniffen aufzuwarten. Die Krönung des Ganzen stellt jedoch die Auflösung dar. Die Selbsterkenntnis Cammalans, „es sei denn ich bin ein lebendes Bild“ erinnert doch sehr an die Motive von Künstlicher Intelligenz, die uns oftmals in der Science Fiction begegnen. Vielleicht ist dies ein Beispiel für die gelungene Zusammenarbeit beider Autoren. Üblicherweise schreibt Hennen den Beorn-Strang, die Science Fiction ist jedoch eher die Spielwiese von Corvus. Auch wenn es nicht so war, stellt dieser Moment wohl eine der gelungensten Wendungen dar, die ich seit langem in einem Roman gelesen habe.

Echsen, überall Echsen!

Nicht minder spannend geht es im Tal der Echsengötter zu. Die gefangenen Gefährten haben sich keineswegs in ihr Schicksal gefügt, sondern geraten gleich in das politische Spiel zwischen den Tempelvorstehern. Salarins zunehmende Anwandlungen und Abduls besessene Neugier machen es Shaya dabei nicht immer leicht die Lage unter Kontrolle zu halten. Wenn dann auch noch einzelne Kinder stiften gehen, kommt richtig Stimmung auf. Auch die Ankunft des Foggwulfs im Tal löst die Situation nicht gleich auf. Das Geflecht der Ränke zwischen den Kulten ist fragil und doch müssen die Recken vorsichtig sein, um nicht als Außenstehende in die Schusslinie zu geraten. Der Tod eines Tempelvorstehers hat das Gleichgewicht der Macht im Tal deutlich verändert und die Scharfmacher führen das Wort. Asleif muss also zugleich Verbündete suchen, einen Mord aufklären und dafür sorgen, dass Siedler und Ottajasko lebend aus diesem Tal herauskommen.

Gerade der letzte Aspekt sorgt zunehmend für Spannung. Bereits auf dem Weg ins Tal wurden mehrere Bettler durch die Echsen brutal geopfert und beinahe hätte es auch Mitglieder der Ottajasko erwischt. Seinen Höhepunkt findet dieser Strang jedoch gar nicht in der Auflösung des Kriminalfalls, sondern während einer großen Zeremonie zu Ehren des Kriegsgottes. Shaya muss sich hier mit der Frage nach ihrer eigenen Opferbereitschaft auseinandersetzen und so handeln die Autoren wieder einmal eine der großen Fragen aus. Wie weit würdest du gehen, um das Leben anderer zu retten?

Figuren von Echs bis Elf

Die Riege der Figuren im Tal der Tempel bereichert das Ensemble für diesen Roman ungemein. Besonders die geheimnisvolle Vorsteherin Zsintiss präsentiert sich als eigenständige und vielschichtige Persönlichkeit. Auch wenn der Raum nicht ausreicht alle Kulte intensiv zu charakterisieren werden die Konflikte der Priester untereinander sehr deutlich. Das Einzige was ich mir vielleicht noch gewünscht hätte wäre eine größere Fremdartigkeit der nichtmenschlichen Achaz und Konsorten. Aber wie sagte schon James T. Kirk: „Wir sind alle Menschen“.

Auch auf den Inseln im Nebel betreten zahlreiche neue Figuren die Bühne. Die Elfen der verschiedenen Fraktionen werden zunächst mit groben Pinselstrichen entworfen. In Ihnen spiegeln sich auch die unterschiedlichen Interpretationen aventurischer Elfen wieder. Die gefallene Kultur der Hochelfen wird von den Vislani in ihren Städten fortgeführt. Die Kultur der Wilden hingegen distanziert sich von diesem Weg und und kann damit als Echo der aventurischen Waldelfen gesehen werden. Dennoch räumen die Autoren auch den Individuen genügend Raum für eigene Entwicklungen ein. Es gibt interne Konflikte bei den Vislani, wir erleben Befehlsverweigerung, Heldenmut, ehrenhafte Kämpfer und auch deren Gegenteil. Auch die Wilden werden nicht allein als Blümchen pflückende Friedenselfen dargestellt. In der Gestalt des Shadruel findet sich auch der innere Konflikt zwischen den Weltanschauungen wider. Obschon der Vislani sich zwar auf die Seite der der Wilden geschlagen hat, schreckte er doch zurück, als Beorn seine Heimatstadt zerstörte. Und unter den Wilden ist er eine durchaus umstrittene Gestalt.

Auf Seiten der Ottajaskos bleibt Beorns Truppe von Schlagetots wie gewohnt etwas flach. Dennoch werden auch hier die Schicksale einzelner Figuren herausgearbeitet. Der Tod und die fremde Welt macht auch den hartgesottenen Thorwalern manchmal zu schaffen. Besonders interessant wird jedoch die Dynamik innerhalb der Gruppe, als Eilif sich als neue Anführerin positionieren will, während Beorn sich in seiner Queste zum Kessel der Cammalan verliert. Dies sorgt zum einen für eine gewisse Spannung und verleiht zugleich auch dem harten Anführer Beorn mehr menschlichen Tiefgang. Auch Asleif hatte ja schon mit Insubordination in seiner Truppe zu kämpfen und die Dynamik in seiner Ottajasko ist vielschichtiger. Dem Foggwulf gelingt es auf ganz andere Weise seine bunte Truppe zu einer gemeinsamen Agenda zusammenzuführen und so eine ebenfalls sehr potente Gruppe für die Wettfahrt zu formen.

Fazit

»Von nun an wird kein Mond vergehen, in dem ich nicht eine weitere eurer Städte brennen lasse, Elfe. Das wird erst enden, wenn der letzte Sklave frei ist und ihr mir die Diebin bringt.«
»Du bist Beorn, den man den Blender nennt, nicht wahr?«
»Nein. Beorn der Blender war ich in meiner Welt. Hier werde ich fortan Beorn der Städtezerstörer sein.«

Mit dem neunten Band nehmen die Geschehnisse Fahrt auf, welche in Elfenkrieg ihren Anfang nahmen. Beorn lässt den Bürgerkrieg der Elfen hinter den Nebeln eskalieren und Phileasson muss sich den Nachfahren echsischer Hochkultur stellen. Auch wenn die beiden Seefahrer buchstäblich in verschiedenen Welten unterwegs sind, so verbindet beide Handlungsfäden doch ungemein viel. Ähnlichkeiten und Kontraste verbinden die Fäden so stark miteinander, dass hier ein gemeinsamer Roman als Gesamtkunstwerk entsteht. Sowohl Beorns Versprechen an die Elfen, als auch die bevorstehende Ankunft der Ottajasko des Foggwulfs auf den Inseln bereiten nun das Finale im dritten Band dieses Handlungsbogens vor. Der Städtezerstörer hat seinen Kurs gesetzt und Cammalans Kessel in die Handlung gebracht. Ob die Begegnungen im Tal der Echsengötter Asleif und seiner Mannschaft im Kampf gegen die Krallen des alten Feindes nützen wird ist noch offen.

Damit hat dieser Band seine Aufgabe zur Vorbereitung und Hinleitung auf den abschließenden Teil erfüllt. Auch wenn einzelne Passagen für manche heutigen Leser zu gemächlich erscheinen mögen, bilden sie dennoch einen integralen Bestandteil im Wellengang der Erzählung. Auch in den Grenzen der 30 Jahre alten Vorlage gelingt es den Autoren ein neues und eigenständiges Werk zu schaffen. Die metaplanare Vernetzung der verschiedenen Handlungsstränge um Beorn und Asleif macht diese Inszenierung dabei besonders reizvoll.

Referenzen

  • Krassling rezensiert Elfenkrieg auf Nandurion
  • Komplettrezensent Engor rezensiert Echsengötter
  • Neue Abenteuer zeigt Caninus Rezension mit Bezügen zum Einsatz am Rollenspieltisch
  • Der Roman auf der Seite der Autoren

 

Dieser Beitrag wurde unter 7 Einhörner, Aventurien, Das Schwarze Auge, Rezension, Roman abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Phileasson Saga – Echsengötter

  1. Pingback: Nandurion rezensiert Echsengötter – Nuntiovolo.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.